Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-03-27 · 13 (27.3.1908) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
13 (27.3.1908)
Date
1908-03-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021764-3021778--17200-3042062
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 230 Nr. »locb’s Msedenscbrttt. Rr. 13 Liebe im Endlichen zum Vergleiche nimmt, das ist die Liebe der Mutter zu chren Kindern. „Die Liebe der Eltern zu ihren Kindern bedurfte keiner gesetzlichen Vorschrift. Nur die geistige Fürsorge, die Pflanzung und Fortpflanzung der Kultur, Lehre und Zucht der Kinder bildet ein reiches Kapitel in der Ethik des Judentums". (Lazarus: „Die Ethik des Judentums." S. 335) Und als jüdisches Ideal verzeichnet derselbe Gewährsmann folgendes: „Die Erkenntnis der Idee des Guten ist von aller Erkenntnis der Ideen die höchste; von aller Naturbeherrschuug ist die Unterwerfung der sinnlichen und geistigen Natur des Menschen selbst unter das Gesetz der Sittlichkeit die wertvollste; von aller geistigen Kultur und Bildung ist die Bildung des sittlichen Charakters die edelste und von aller künstlerischen Gestaltung ist der Aufbau der sittlichen Gemeinschaft unter den Menschen und die Schöpfung sittlicher Institutionen die erhabenste." (S. 119.) Die Fürsorge für das Kind beim Juden muß also dahin gehen, diese Ideale bei seiner Erziehung zu verwirklichen, das Kind selbst zum sittlichen Charakter zu erheben und für dasselbe kulturelle und erziehende Anstalten mit diesem ethischen Ziele zu schaffen. Einrichtungen dieser Art hat aber unsere Jugend jetzt nicht. Es ist diesbezüglich für sie sehr schlecht gesorgt. Die jüdischen Kinder besuchen Schulen, in denen der ethische Erziehungszweck hinter dem sachlichen und formalen Bildungsideal ganz zurücksteht. Sie erhalten durch diese Schulen einen Wisseusinhalt und Interessen, die ferne dem Judentume liegen. Der eigentliche und daher oberste Zweck aller Schulen, die Bildung eines sittlich-religiösen Charakters, steht zwar in den Orgauisatiousentwürfen und Schulgesetzen auch verzeichnet. Aber durch den Einfluß der pädagogischen Eklektiker wird in den österreichischen Schulen vor allem die formale Bildung, d. i. eine Allgemeingeschicklichkeit des Geistes erzielt, die ohne ethische Hemmungen zur Verschlechterung führt. Die Fertigkeiten und Geschicklichkeiten können ebenso dem Guten wie dem Schlechten dienen. Daher sollte auch für die Sicherung des Guten in der Seele des Kindes gesorgt werden. Das geschieht schon darum nicht, weil man die Weckung eines sittlich-religiösen Charatters nicht ohne konfessionelle Mittel zu erreichen vermeint. Und in der Tat muß zu diesem Zwecke der Gesiunuugs- und der Religionsunterricht in der Mitte des ersten Unterrichtes stehen und die anderen Fächer beeinflussen. Diese Forderung erhebt vor allem Ziller; siehe deffeu: „Grundlegung zur Lehre vom erziehenden Unterrichte". Leipzig, 1884. Freilich die neuere Pädagogik (Barth: „Die Elemente der Erziehuugs- und Uuterrichtslehre". Leipzig, 1906) will eine objettive Religiousgeschichte für alle Konfessionen, die bloß die seelischen und sittlichen Werte bevorzugt, und weist das ganze dogmatische System und die rituelle Ausbildung dem Konfirmandeuuuterrichte zu. Und wenn wir Juden für diesen Unterricht einen eigenen Religions- oder konfessionellen, beziehungsweise jüdischen Unterricht setzen, so ist damit für die Ausbildung der Jugend nach der religiösen Seite viel getan, vorausgesetzt, daß nicht nur dem Geiste der Lehrstoff übermittelt wird, sondern auch die Seele des Schülers in mitschwingendem Gefühle den Unterricht stetig begleitet. Im Religionsunterrichte muß der Schüler die Geschehnisse miterleben, mitfühlen. Daher ist die Ausbildung der Religionslehrer zu ethisch beseelten Mitteilern des erhabenen jüdischen Religionsgebäudes und der jüdischen Geschichte das Haupterforderuis für die Entstehung sittlicher Charaktere nach den Forderungen der jüdischen Ethik. Es wäre auch eine Jubiläumsgabe für das Kind, wenn dafür von der jüdischen Gemeinschaft gesorgt würde, wenn nicht, wie dies bei uns leider so viel der Fall ist, bloß eine Anstalt für einen Zweck geschaffen würde, ohne darauf zu achten, daß sie die beste sei bleiben uud werde. Mer unsere Schulen haben noch einen dritten Zweck, die Vermittlung sachlicher Bildung. Dadurch soll der Schüler auf die Kulturstufe der Jetztzeit gehoben werden. Sachliche Bildung ist nämlich Kultur-Vermittlung. Und daher erhält er heute durch die Schule heidnisch-romanische, christlich-romanische und christlich-germanische Kulturstoffe und Kulturwerte zugeführt. Er lebt die Christianisierung und Romanisierung der Germanen und Slaven mit, er nimmt in sich die Wandlungen der christlichen Weltanschauungen auf, er muß die Kämpfe um Dogmen und die weltliche und geistliche Macht mit dem Gefühle mitmachen, hat also Gesinnungen und Gedanken einer ihm fremden Kulturwelt ausgenommen. Sie werden ihm eigen und beeinflussen sein Handeln. Man gibt ihm nicht auch die Kulturstoffe uud Kulturwerte seines eigenen Volkes, sondern vielmehr nur die Kulturstoffe der fremdvölkischen Vorzeit und deren Ideale. Man erzählt ihm von den Kreuzzügen und den Anschauungen des Arius, des Wiclef und Luther. Der Schüler wird ein moderner Mensch, aber mit Interessen für das Christen-, Germanen-, Romanen- oder Slaventum. Die heutigen Schulen nehmen, was nach der Majorität wohl zu begreifen ist, in ihre die Gesinnung fördernden Bücher Gedanken, Stimmungen und Ideen auf, die die jüdische Jugend mit unjüdischem Sinne erfüllen. Nicht die Höhepunkte der Dichtung und Kunst, die überall eine männliche und nicht konfessionelle war, werden gelehrt, sondern auch die Uebergänge. Und trotz der Voluntaristen besteht die Erkenntnis, daß aus Gefühlen und Vorstellungen die treibenden Gedanken und Handlungen entstehen. Dieheutigen Schulen sind die besten Missionsstätten für die Bekehrung der jüdischen Jugend. Daher müßte zur Erhaltung des jüdischen Stammes, der jüdischen Wesenheit und jüdischen Eigenart, die auch für die Kultureutwicklung der Menschheit nötig ist, weil in ihr die Keime der religiösen und sozialen Fortentwicklung ruhen, entweder der gesamte gemeinsame Unterricht nur die höchsten Kulturwerte der Menschheit, also auch die jüdischen übermitteln, oder es müßten der jüdischen Jugend diese für sich als Gegengewicht'gegen die fremden geboten werden. Und dafür^ wirkt am besten die theoretische Fortbildung unserer Jugend im jüdischen Geiste, wofür die jüdischen Verbindungen ein geeigneter Ort wären, und vor allem die Familie. Wie nötig die Reformation der jüdischen Familie und die Pflege jüdischer Bildung sei, ersieht man aus der fortschreitenden Verwilderung unserer Jugend. Die mittelbaren Tugenden der Arbeitsamkeit, der Sparsamkeit, Mäßigkeit, Bescheidenheit, Gewissenhaftigkeit und Pietät sind bei jüdischen Jünglingen fast nicht mehr zu finden. Es läßt sich statistisch eine moralische Degenerierung unserer Jugend Nachweisen. Mau findet jüdische Knaben in Rettungs- und Besserungshäusern. Die Zahl der jüdischen Findlinge nimmt zu. Vergehen gegen das Eigentum und das Leben sind auch schon bei jüdischen Jünglingen zu konstatieren. Die Jugend wurde eben vom historischen Boden ihrer Entwicklung losgelöst, sie hat nicht mehr die Tradition ihrer Ahnen in sich ausgenommen, sie entbehrt des festen Ankers. Sie unterwirft sich nicht mehr sittlichen Geboten, höherer Einsicht, sie hat keine sittlichen Ideale. Sie hat sich moralisch sehr assimiliert. Es fehlt nämlich auch in den meisten jüdischen Familien jetzt jedes Ideal. Sie haben weder ein religiöses noch ein nationales, noch ein ethisches Streben. Genuß, äußere Ehre, äußerer Glanz sind jetzt die Götzen unserer Familien. Das tötet die Gemeinschaft der Seelen, das erhöht den Egoismus und das gemeine Strebertum, das nimmt den Sinn für den Altruismus und ist das Grab unseres mit dem Bekenntnis eng verbundenen Volkstums. Physische Pflege und Obsorge, Spiel und Sport' sind zur Kräftigung des Körpers zu empfehlen, aber auch geistige und moralische Pflege und Uebung des Guten und Schönen, die wertvollere. Erfolge als jene bringen. Wecket also, ihr Lehrer und Rabbiner und ihr Volksführer, wieder den heiligen, jüdischen Familiensinn, damit Teilnahme für Volk und Religion entstehe. Wie früher soll auch jetzt der Religionsweiser der Weiser der Familie zum sittlichen Ideal sein. Massenbelehrung durch Vorträge

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.