Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 12 (20.3.1908)
- Date
- 1908-03-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Rr. 12 Dr. Llocb's Mocvenscvrtn. Sette 215 folgende: Im Vorspiele hält Lueger eine Brandrede gegen die freie Forschung auf den Universitäten unter dem brausenden Beifalle der Klerikalen; einige Tage später wird unter dem kolossalen Beifalle der Freisinnigen der Brand dieser Rede durch einen Dringlichkeitsantrag im Parlamente gelöscht. Der begossene Schwarze verschwindet scheinbar in der Versenkung. Kaum wird das Parlament geschloffen, beginnt die Handlung. Der Schwarze kehrt mit kolossalem Lärm wieder, von einer ganzen Höllenlegion begleitet. Er ist in Graz gewesen und hat dort einem freisinnigen Rektor den Kragen umgedreht, dann war er in seinem Vaterland Tirol und schleppt von dort ein Opfer herbei, das er auf einem riesigen Scheiterhaufen aus Nummern klerikaler Organe zum abschreckenden Beispiel für alle unfolgsamen Professoren verbrennen will. Dieses Opfer ist ein Innsbrucker Hochschullehrer für Kirchenrecht namens Wahrmund, der seinem Namen Ehre zu machen gedachte, indem er einige Ergebnisse seiner Forschung in einer Versammlung und in einer Broschüre öffentlich verkündete. Ob es etwas Fürchterliches war oder nicht, erfährt der Zuhörer nicht, nur kann er aus der Tatsache einen Schluß ziehen, daß der Staatsanwalt im frommen Innsbruck nichts zum Anklagen darin gefunden hat. Der Schwarze ist sehr böse darüber und zerrt den Wahrmund unter Kettengerassel vor Gericht, indem er zugleich dem Ministerpräsidenten und dem Unterrichtsminister heftige Vorwürfe darüber macht, daß ein solcher Mann auf einer österreichischen Lehrkanzel lesen dürfe. Die Minister geraten sehr in Angst darüber, daß sie der Schwarze selber holen könnte, da sie seine große Macht bereits erprobt haben, und sie beeilen sich mit ihren devotesten Entschuldigungen und mit der Versicherung ihrer Bereitwilligkeit, zur Bestrafung des Verbrechers alles beizutragen. Einige Freunde Wahrmunds versuchen letzteren zu retten. Da sind zum Beispiel einige deutschnationale Abgeordnete, welche immer versichert haben, daß sie den Schwarzen bekämpfen. Sie wissen jetzt nicht, was sie tun sollen, weil sie eigentlich dem Schwarzen um den Preis von Ministerposten und Unterstützung bei der Wahl ihre Seelen im Parlamente verschrieben haben. Dann gibt es noch einen. Ausschuß von Hochschulprofessoren, der die Freiheit der Wissenschaft schützen soll, der sich aber nicht rühren kann, weil der Schwarze zwanzigtausend Tiroler Bauern mit Heugabeln und Dreschflegeln aufgeboten hat, damit sie mit diesen Waffen des klerikalen Geistes der Forschung auf der Universität die gewünschte Richtung geben. Und dann ist endlich der freisinnige Hanswurst da, der sich mit rauschenden Flügeln erhebt, indem er Wahrmuud ein Zustimmungstelegramm schickt. Der Schwarze aber gibt ihm einen ganz leichten Tritt, der Hanswurst fliegt um und streckt alle Viere von sich. Das Stück schließt mit den Worten: „Er wird gerichtet." Ob Wahrmund gehängt wird oder bloß eingekerkert, läßt sich nicht mit Sicherheit voraus sagen, dagegen aber ganz zuverlässig, daß kein Professor mehr den Mut haben wird, gegen die Gebote der Schwarzen aufzumucksen. — Die Darstellung war ganz ausgezeichnet. Das „Vaterland" schmetterte die Anklagen gegen den Verbrecher leidenschaftlich in die Luft und die Redner der Tiroler Klerikalen ließen es an Schwung nicht fehlen. Rührend war der unschuldig angegriffene Ministerpräsident und man fühlte förmlich mit, wie der von allen Seiten bedrängte Unterrichtsminister auf seinem Sessel wackelte. Die undankbare Rolle eines Verteidigers der Unschuld und des Freisinns wurde von den Deutschnationalen vorsichtig gegeben, mit schlauer Berechnung der Doppelzüngigkeit. Eine überaus komische Charge schuf das „Deutsche Volksblatt". Man merkte ihm deutlich an, daß es vor einer Rückwirkung auf die deutsche Gemeinbürgschaft zitterte. Deswegen kam es erst spät in Feuer und ging auch dann noch vorsichtig um den Kern der Sache herum. Die allerletzte Nebenrolle hatten die freisinnigen Abgeordneten übernommen. Die deutschen Demokraten telegraphierten sehr würdig. Wirkungsvoll waren auch die Massenszenen der Innsbrucker Bauern, gestellt nach Defreggers berühmtem Bild „Das letzte Aufgebot". Wo aber bleibt die Begründung des Titels „Lustspiel"? Ein Lustspiel wurde uns versprochen. Nur gemach, liebe Leute. Ihr müßt nur mit uns zurückgehen bis in die Achtziger-Jahre, um das Ganze so recht zu verstehen. Damals' hat nämlich noch ein Professor Wahrmund gelebt, der Vater des jetzigen Wahrmund in Innsbruck. Und so wie das „Vaterland" und Konsorten jetzt über den jungen Wahrmund schimpfen, ihn Haffen, ihn verachten, so haben sie den alten geliebt, verehrt und vergöttert. Denn Vater Wahrmund war der kulturhistorische Begründer des Antisemitismus, er hat eine ganze Reihe von Werken gegen das Judentum geschrieben, die sämtlich vom derzeit über den Sohn entrüsteten „Vaterland", ja vom Geheimrat Helfert als empfehlenswerteste Lektüre für jeden Christen allerdringendst empfohlen wurden. Das ist aber noch lange nicht der ganze Spaß. Der liegt nämlich erst in der alten Wahrmund-Methode. Er hat nämlich das Alte Testament besudelt wie er nur konnte — und hat damit die Affaire des jungen Wahrmund vorbereitet. In der „O e st e r r e i ch i s ch e n W o chens chrift" sind in den betreffenden Jahren lange Artikelserien gegen den Vater Wahrmund erschienen, die jedes seiner Argumente und seine Begründungen zerpflücken. In diesen Artikeln, in denen das „Vaterland" wiederholt gefragt wird, wie es die Beleidigung einer anderen Religion gutheißen und mit solchem Jubel aufnehmen könne? Es wird mit weiser Voraussicht gesagt, daß es bei der Beleidigung der einen Religion nicht bleiben werde. Man lese darüber folgenden Teil des Artikels „Wahrmund und das Vaterland" auf Seite 36 der Nummer 3 der „O e st e r r e i ch i s ch e n Wochenschrift". Liest es sich nicht wie eine politische Prophezeiung, wenn es dort heißt: ilp^Mehr noch als durch diese Geschichtsfälschung, fordert Wahrmund die sittliche Entrüstung aller redlich denkenden Menschen, ob Juden oder Christen, durch sein frivoles Spiel mit dem Heiligsten heraus, indem er den einzigen allgerechten, allliebenden und allbarmherzigen Schöpfer, Erhalter und Lenker der Welt, der sich im Alten Testamente ofienbart, zu einem Götzen und Moses und die Propheten zu Götzendienern macht. Das „Vaterland“ vom 11. Jänner leitartikelt über das Buch Wahrmunds in begeisterten Weisen und empfiehlt es als eine „hochinteressante und belehrende“ Lektüre. Hochinteressant soll ein Buch für gläubige Christen sein, das den Nerv des Christentums durchschn^idet, durch welchen dieses in der Entwicklung seiner Religion mit der Schöpfung verbunden ist? Hochinteressant und belehrend soll ein Buch für. gläubige Christen sein, welches dem Christentum die Unterlage raubt, auf der es aufgebaut ist? Hochinteressant uud belehrend soll ein Buch für gläubige Christen sein, welches das Alte Testament, diesen integrierenden Teil der christlichen Heiligtümer, zur Geschichte eines Götzenkultus macht? Wir fordern das „Vaterland“ hiemit öffentlich auf, zu erklären, ob Wahrmund mit seinen Blasphemien auf den Glauben des israelitischen Volkes, mit seinen Angriffen auf den Gottesgedanken im Alten Testamente, mit seinem Spott auf Moses und die Propheten, die Bundeslade mit den zehn Geboten und David und das Heiligtum im Rechte ist? Ist er es nicht, dann fällt sein Bauwerk von selbst ein. Aber der Judenhass macht die Patrone des „Vaterland“ blind gegen die Gefahren, die solche Bücher wie das Wahrmund’sche dem Christentume bringen. Stellt alle Bücher von Freimaurern und Freidenkern auf den Index und empfehlet dem Volke nur Wahrmund’sche Bücher und um das Christentum ist’s geschehen. Lasset nur das, was der Jude der Menschheit gebracht, in den Kot ziehen, lasset nur die Göttlichkeit der heiligen Urkunden, welche die Juden