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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-03-20 · 12 (20.3.1908) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
12 (20.3.1908)
Date
1908-03-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Dr. Lloeb's Wocdenscvrm. Seite 811 Ar- 13 gezerxt yrurden, wie ihre erfolgreiche Durchführung geradezu zu einer nationalen Ehrensache in Böhmen proklamiert wurde, wie myn .es zustande brachte, das gesummte öffentliche Leben in den Bann .her fixen Idee' zu bringen, die beiden ermordeten Mädchen seien,einem Ritualmorde zum Opfer gefallen, Hilsner sei der Ritnalmörder' und' seine Verurteilung sei die Sühne, die gefordert werden müsse. •'! Es, ist festgestellt worden, daß der Redakteur eines kleinen tschechischen Pryvinzblättchens den Ruhm für sich in Anspruch nehmen darf, als erster diese Parole ausgegeben zu haben. Das Wort wirkte wie ein Funke auf Zunder. Jetzt hatten ja endlich die Antisesniten den sehnsüchtig erwarteten Ritualmord. Und nun begann die Hetze. Schon wenige Tage nach der Auffindung der Leiche der Agnes Hruza wurde von dem wütendsten Kampfhahn der Partei im n.-ö. Landtage eine Interpellation eingebracht, in der es wörtlich hieß: „In Oesterreich werden Justizminister von Juden bestochen, um überwiesene jüdische Ritualmörder freizulaffen." Und so ging es nun fort. Es regnete Interpellationen, Parla- Mntsreden,. Zeitungsartikel, Broschüren, Vorträge und Flugmatter, hie wie eine wilde Jagd schnaubender Dämonen in alle Welt hinausstieben, das Gift wildesten Haffes, rasender Rachelust verbreitend. Und nun. denken Sie sich, verehrte Versammlung, b.i^fe kleinen böhmischen Städtchen Polna und Kuttenberg, dann auch noch Pisek, denken Sie sich diese Orte aus der Ruhe ihrer patriarchalischen Weltabgeschiedenheit plötzlich in den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses gerückt, zur Pulsader der nationalen Ehxe .des böhmischen Volkes avanziert, zum Zielpunkt unausgesetzter^ Werbungen, unausgesetzter Appelle gemacht, denken Sie sich hie. schlichten Menschen dort Tag für Tag zu Rächern einer grauenhaften Bluttat aufgerufen, Tag für Tag in ihren gefährlichsten Instinkten aufgepeitscht, aufgepeitscht zum Vernichtungskampfe gegen..eine Religionsgenoffenschaft von Menschenmördern u.nh Kannibalen — wen will es da noch Wunder nehmen, wenn das erste,gewissenlose Schlagwort zum Argwohn, der Argwohn zpm Verdacht, der Verdacht zu immer glaubwürdigerer Wahrscheinlichkeit, die-Wahrscheinlichkeit zur tiefsten Ueberzeugung und die Ueberzeugung schließlich zum angebeteten Dogma wurde? Wen will es noch Wunder nehmen, wenn die Bevölkerung jener Ortsbezirke den Ritualmord als eine unzweifelbare Tatsache und Hilsner als den „überwiesenen jüdischen Ritualmörder" ansah, dieselbe Bevölkerung, aus der die Geschwornen hervorgingen, wenn ihr diese Wahrheiten tagtäglich mit den Glutspitzen höchster agitatorischer Leidenschaft in Fleisch und Blut eingeimpft wurden. Und damit bin ich auch schon bei dem Brennpunkte meiner Betrachtung angelangt: Ich wollte von einem Punkteaus, nach dem die Augen der ganzen gesitteten Welt gerichtet find, die Frage aufwerfen: Ist es wahr oder ist es nicht- .wahr, daß der Hilsnerprozeß und die Verurteilung Hilsners das Resultat einer ungeheuren Volkstäuschung, zügellosester Volksverführung, planmäßiger Massensuggestion war? Ist es wahr oder ist es unwahr, daß unter Mißbrauch der Abgeordnetenimmunität zahllose Interpellationen eingebracht wurden, in denen alle Justizorgane bis zum Minister hinauf beschimpft wurden, wenn sie zögerten, dem antisemitischen Kommando zu gehorchen? Ist es wahr oder nicht wahr, daß in diesen Interpellationen, in. unzähligen Zeitungsartikeln und Parlamentsreden, in Broschüren und Pamphleten der Mord als verbürgte Einrichtung des jüdischen Ritus und Hilsner als Ritualmörder bezeichnet wurde? . Ist es wahr oder nicht wahr, daß Gassenlieder der aufreizendsten Art, sogenannte Hilsnerlieder, Ansichtskarten mit Abbildungen des Ritualmordaktes und Hilsnerbüsten die größte Verbreitung fanden? Ist es wahr oder ist es nicht wahr, daß insbesondere eines dieser Flugblätter eine genaue Darstellung gab, wie Agnes Hruza ermordet wurde? Darin hieß es, daß den Kopf des ermordeten Mädchens „ein Kultusbeamter der Hebräer, Oberer des Kahol, der Polizei- und Henkertruppe der Hebräer" gehalten hat, während der Schnitt geführt worden ist von „Zadik, dem heiligen Mann der Hebräer, dem Wunderrabbi und Schächter der alljährlichen Sühnopfer" . und Hilsner nur der „Beschaffer des Opfers" gewesen. ist. Wir fragen: Ist es wahr oder ist es nicht wahr, daß gerade zur Zeit der stärksten Volksgärung drei Geistliche Broschüren über den Ritualmord veröffentlichten, ist es wahr, daß der Bischof von Königgrätz zur gleichen Zeit in seinem bischöflichen Organe „Obnova" eine Brandrede gegen die Juden abdruckte, die er selbst kurz zuvor gehalten hatte? Es war dies ein von dem trefflichen Seelenhirten gehaltener Vortrag und dessen vielversprechender Titel lautete: „Das Blut". In diesem Vortrage sagt der edle Bischof von den Juden: „Jerusalem wurde zerstört. .. Und seit dieser Zeit ruht der Fluch auf diesem Volke, welches jetzt schon mehr als 1800 Jahre ohne Vaterland und König, ohne Altar und Priester, gehaßt und verabscheut, auf den ganzen Erdball zerstreut ist." Natürlich bleibt der Bischof die Geschichte des Simon von Trient nicht schuldig und behandelt diese den finstersten Zeiten angehörende Legende so wie irgend ein historisch beglaubigtes Ereignis. Er erzählt in seinem Vortrage, daß das Knäblein „aus das Kreuz gespannt und sein Blut aus Haß gegen Christus vergossen, aufgefangen und für die alttestamentarischen Osterbrote weggetragen wurde." Wir werden fragen, bis man uns Antwort gibt, und werden nicht müde werden, zu fragen, ob es wahr ist, daß alle diese skandalösen Dinge sich unter den Augen der Behörden zutrugen. Wir werden fragen, ob es wahr ist, daß unter dem Titel eines „Rechtskomitees" eine wahre Verschwörung judenfeindlicher Demagogen ihr Unwesen trieb, daß dieses famose Rechtskomitee sich als Untersuchungsgericht aufspielte, Zeugen ausforschte, verhörte, Protokolle verfaßte, die dann in der Hauptverhandlung wie amtliche Schriftstücke behandelt wurden, wir wollen fragen, ob es wahr oder unwahr ist, daß diesem Komplott für Rechts- und Zeugenbeeinflussung der Pvlizeikommiffär von Polna, vor allem der Bürgermeister von Polna beigetreten find. Wir fragen, ob es wahr ist, daß die Verhandlung in Kuttenberg und nicht viel weniger die in Pisek das Zerrbild einer Verhandlung war, wie sie das Gesetz fordert. Wenn der Vorsitzende der Verhandlung, also der höchste Richter im Saale, derjenige, den der ganze Kreisgerichtssprengel von Kuttenberg als Symbol und Träger der Rechtsidee anzusehen gewöhnt war, wenn dieser richterliche Funktionär, der berufen und verpflichtet war, die Wage der Gerechtigkeit jedem Luftzug von Parteilichkeit zu entrücken, das Verhör Hilsners mit der Bemerkung eröffnet: „Ob Sie ihr die Wunde versetzten, wissen wir nicht, aber, daß Sie mitgewirkt haben, ist eine sichere Sache", wenn dieser Präsident also seine Befangenheit und Voreingenommenheit in dieser beispiellosen Art kundgibt, so darf es uns freilich nicht Wunder nehmen, daß auch die ganze Verhandlung auf diesen Ton gestimmt war. Die leidenschaftliche Agitation, die die Verhandlung erzwungen und vorbereitet hatte, hielt auch vor den Türen des Gerichtssaales nicht still. Da saßen die antisemitischen Kampfhähne der Lokalorganisation mitten im Publikum, griffen unzähligemale dreist in die Verhandlung ein, haranguierten die Zeugen, terrorisierten die Verteidiger, da kamen Zeugen, die den Angeklagten mit Flüchen und Verwünschungen regulierten und der Präsident hatte natürlich für derlei Ungeheuerlichkeiten, die die Verhandlung zu einer erbärmlichen Komödie entwürdigten, kaum ein Wort sanfter Abwehr. Und inmitten einer solchen Szenerie saßen nun die Geschwornen, um ihren Wahrspruch abzugeben. Das heißt, inmitten der allgemeinen Tollheit sollten sie allein nüchtern, inmitten der allgemeinen Verlogenheit sollten sie allein wahrhaftig sein, inmitten der allgemeinen Fieberhitze kühl und besonnen, inmitten allgemeiner, von Verbrecherhänden erzeugter Verblendung erleuchtet und klarsichtig. Sie allein sollten unparteiisch sein, während der Vorsitzende, wie wir wissen, Partei nahm, sie allein sollten erst prüfen, ob die Ritualmvrdbeschuldigung nicht etwa eine Ausgeburt des Wahnwitzes ist, nachdem sie monatelang weltlicher und geistlicher Brunnenvergiftung preisgegeben waren, sie allein sollten dem Staatsanwalte, dem Vertreter der staatlichen Rechtsordnung Widerstand leisten, der sich erkühnte, „von dem bekannten Motiv der Tat" zu sprechen und der in dem Anwälte des Privatbeteiligten einen Rivalen fand, dem gestattet wurde, eine Brandrede über den Ritualmord zum Schluffe der Verhandlung zu halten, die einem das Blut

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