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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-03-20 · 12 (20.3.1908) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
12 (20.3.1908)
Date
1908-03-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 210 Dr. Llocv's MocbenscbrlN. Nr. 12 leben wird nach allen^ Regeln des antisemitischen Ritualmordes abgeschlachtet — und man predigt Geduld; neun Jahre sind es gerade her, daß ein armer Teufel in seiner dumpfen Kerkerzelle nach Erlösung und Befreiung schmachtet — und man predigt noch immer Geduld. Wie lange denn noch? Bis sie den Stein der Weisen finden? Bis die Kraft der Argumente die Interessenten des Geschäftsantisemitismus erweicht haben wird? Wie können wir so etwas auch von den Antisemiten verlangen? Geschäft ist doch Geschäft. Nein, der arme Hilsner kann nicht länger warten, soll nicht länger warten und wer kein lederner Pedant ist, wird chn nicht länger warten lassen wollen. Sind denn neun Jahre Zuchthaus nicht genug für den Frevel, den andere an ihm begangen haben? Wenn der arme Hilsner Verstand genug hätte, so könnte er darüber Nachdenken, ob nicht eine gerade Linie von seinem Prozesse zu manchem antisemitischen Ministerportefeuille führt. Ich habe darüber nachgedacht und gefunden, daß sogar die antisemttische Partei eine Art Katzenjammer gegenüber der Hilsnerorgie uicht verhehlen kann. Am liebsten möchte auch sie sagen: Hilsner hat seine Schuldigkeit getan, Hilsner kann gehen. Ich aber habe die Geduld verloren und Gott sei Dank, es gibt noch Menschen, die auch ihre Geduld verloren haben. Genug der Worte, sagte ich mir, genug der akademischen Erörterungen, genug der hilflosen Lamentationen, genug der erfolglosen Versuche, die maßgebenden Faktoren für einen unschuldig Verurteilten in Bewegung zu setzen. Eine herzhafte Tat muß geschehen, die Geister müssen lebendig werden, die ganze gesittete Welt muß sich in dem einen einzigen elementaren Aufschrei vereinigen: Rettung für Hilsner, Rettung für das Opfer pöbelhaften Wahnsinns, Rettung von ferneren qualvollen Leiden! Soll der Aermste seine Tage im Zuchthaus beschließen, weil wir bisher unvermögend waren, die kompetenten Justizorgane zur offiziellen Anerkennung eines furchtbaren Justizfehlers zu bewegen? Weil politischer Terrorismus die bessere Einsicht niederhäll, weil Minister sich vor Parteigötzen fürchten? Ich bin kein Minister und brauche mich daher nicht zu fürchten, ich bin kein doktrinärer Prinzipienreiter, kein diplomatischer Leisetreter, kein übergescheiter Besserwisser, kein indischer Fakir, der demütig die Hände kreitzt und fatalistisch das Wunder erwartet, daß Augen, die uicht sehen wollen, sehen, und Ohren, die nicht hören wollen, hören werden. Darum habe ich im Namen einer zehnfach unglücklichen Mutter meine Mitbürger aufgefordert, gemeinsam mit mir einen ehrfurchtsvollen Appell an unseren Kaiser zu richten. Denn hoch über dem stauberfüllten Dunstkreis des Alltages, in jener reinen Sphäre, die die Nebel des Tieflandes nicht erreichen, thront, ein unverrückbarer Leuchtturm inmitten schäumender Flut, die erhabene Lichtgestalt unseres Kaisers. Wenn im Kampfe der Jntereffen die Gegensätze aufeinanderstießen, tausend Fäden zu dichtem Knäuel sich verwirtten, finstere Wolken selbst die Beherztesten verzweifeln ließen, einen Ausweg in eine hellere Zukunft zu gewinnen, wie oft war es da nicht in der letzten entscheidenden Stunde ein kaiserliches Machtwort, erfüllt von Weisheit, Güte und Seelengröße, das wie eine höhere Erleuchtung die Schatten verscheuchte. Der Weg zu den Stufen des Thrones steht jedem offen, der von der Verwaltung des öffentlichen Rechtes Kränkung erfuhr. Darum wollen auch wir die Zuflucht gebeugten Rechtes bei unserem Kaiser suchen. Nur wer das Mißverständnis sucht, kann diesen Schritt mißdeuten. An jener allerhöchsten Stelle, wohin kein Mißton der Parteienfehde dringen darf, an jenem geheiligten Orte, wohin sich derjenige flüchtet, der den obersten Hort des Rechtes anrufen will, dort wollen auch wir erscheinen, als Kläger, jawohl als Ankläger jener, die die ungeheuerliche Rechtsschändung gewollt, herbeigeführt, geduldet, gefördert, verschuldet haben. Freilich werden wir, was wir Seiner Majestät vortragen wollen, in die Form eines Gnadengesuches kleiden müssen. Denn das ist die einzige gesetzlich zulässige Form, in der eine Angelegenheit dem Monarchen unterbreitet werden darf. Allein wer, der das von mir verfaßte Gesuch gelesen hat, darf den Vorwurf erheben, daß dieses Gesuch der Sache Abbruch tut? Winseln wir etwa, betteln wir um Gnade? Nein, in Ehrfurcht aufrecht treten wir vor . den Kaiser, in Ehrfurcht nachdrücklich erbitten wir Recht, in Ehrfurcht laut und schonungslos führen wir Klage. Ich hatte mir für dieses Gesuch die Aufgabe gestellt, die Technik des Hilsner-Prozesses darzulegen, mit strengster Wahrheitstreue zu zeigen, was alles in diesem Prozesse gemacht, gefälscht, verbrochen wurde, und mit unwiderlegbarer Schlüssigkeit zu beweisen, daß Hilsner nicht deshalb verurteilt wurde, weil auch nur der Schatten einer Schuld nachgewiesen ward, sondern weil die entfesselte antisemitische Bestie zur rechtsgiltigen Beglaubigung ihres schamlosesten Agitationsmittels die Verurteilung des Juden Hilsner wegen Ritualmordes forderte. Eben darum habe ich mich mit der Schuldfrage nur nebenher beschäftigt. Hilsner ist wegen Teilnahme an zwei Ritualmorden verurteilt worden. Hätte ich erst beweisen sollen, daß die Ritualmordbeschuldigung eine wahnsinnige Fabel ist, die bezeichnender Weise der fanatische Judenhaß immer nur dann hervorholt, wenn er sie für seine Propaganda braucht? Es ist übrigens ein merkwürdiges kulturhistorisches Naturspiel, daß die Juden, wie es scheint, grundsätzlich Christenmädchen nur in solchen Zeiten abschlachten, in denen die antisemitische Agitation kräftig einsetzt. Außerhalb solcher Zeiten ist es noch nie einem Juden eingefallen, einen Ritualmord zu begehen, und man verfällt daher unwillkürlich auf den Gedanken, daß zwischen den Antisemiten und den Ritualmördern geheime Abmachungen bestehen. Mit dem Blutaberglauben hatte ich mich demnach nicht zu befassen. Eine Reihe von Päpsten, hohe Kirchenfürsten, die hervorragendsten Gelehrten der katholischen Kirche haben im Laufe der Jahrhunderte gegen den Unsinn Stellung genommen. Eine neuerliche Beweisführung wäre ebenso überflüssig, wie wirkungslos gewesen. Gegen die Dummheit kämpfen Päpste selbst vergebens. Und wer heute noch an den Ritualmord glaubt, dem ist eben nicht zu helfen. Mit dem Aberglauben kann die Vernunft eben keine Kompromisse schließen und gegen die Tobsucht hilft nichts als die Zwangsjacke. Wer daher an den Ritualmord glaubt, ob er dies nun aus fanatischer Beschränktheit tut oder weil er den Ritualmord für seine politischen Geschäfte benötigt, der mag es auch weiterhin billigen, daß im Namen des Ritualmordes gegen Hilsner eine amtliche Beschuldigung erhoben ward, die den Menschenmord als eine feste Einrichtung jüdischer Religionsübung zur Voraussetzung hat. Was aber nun folgt, der Prozeß selbst, der Prozeß mit allen seinen Scheußlichkeiten, das ist ein Kapitel für sich. Das hat mit Vernunft und Aberglauben nichts mehr zu tun. Ueber dieses entscheidende Kapitel kann das Urteil der Menschen nur dann auseinandergehen, wenn tiefste sittliche Verderbnis in einem Bruchteile der bürgerlichen Gesellschaft alle Vorstellungen von Recht und Gesetz unheilbar vergiftet hat. Denn Recht und Gesetz wurden in diesem Prozesse mit Füßen getreten, bewußt, absichtlich zu Fälschungszwecken, Recht und Gesetz wurden in diesem Prozesse mißbraucht, gewalttätig verdreht und geschändet, Recht und Gesetz wurden in diesem Prozesse einer organisierten Bande gewissenloser Demagogen schutzlos ausgeliefert und so schließlich eine Verurteilung zustande gebracht, eine Verurteilung durch Lüge und Fälschung erschlichen, eine Verurteilung mit den verwerflichsten Mitteln der Volksaufwiegelung und Volksvergiftung erjagt, vom niedrigsten Terrorismus erpreßt, eine Verurteilung, die nicht einen Justizirrtum darstellt, nein, einen kalten, grausamen, erbarmungslosen Justizmord. Mir kam es in dem Majestätsgesuche darauf an, zu zeigen, wie dieser Prozeß vom Anfang bis zu Ende das Produkt äußerer Einflüsse war, wie eine förmliche Verschwörung am Werke war, die Verurteilung Hilsners wegen Ritualmords um jeden Preis durchzusetzen, wie das alte Märchen durch die ausgegebene Parole eines Tages lebendig gemacht, der entsetzliche Aberglaube systematisch genährt, beglaubigt, Tag für Tag, Monate hindurch mit stets erneutem Ungestüm in alle Venen des öffentlichen Geistes gejagt wurde, wie die Einbildungskraft die Massen entzündet, ihr Haß entflammt, genährt und bis zu Judenexzessen gesteigert wurde. Mir kam es darauf an, zu zeigen, wie alle Einrichtungen des öffentlichen Geistes in den Schmutz dieser infamen Propaganda

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