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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-03-13 · 11 (13.3.1908) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
11 (13.3.1908)
Date
1908-03-13
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 200 Nr. 11 wt» Lwcv's Mocvensebrl«. Die Zahl der Vorstandsmitglieder wurde von 8 auf 10 erhöht. Wiedergewählt wurden die Herren Hermann Beck und Doktor Gustav Leipen, neugewählt die Herren kais. Rat Doktor Liechtenstadt, Heinrich Weiner und Moriz Wagner. Nun ergriff der Vizepräsident Herr Brod das Wort und führte in einer längeren Ansprache aus, daß mit der Schöpfung dieses Kredit-Institutes einer feiner langjährigen Herzenswünsche erfüllt ist.' Er ist gleichzeitig der Ueberzeugung, daß auch die Wiener Kultüsgemeinde die Entstehung solcher zur wirtschaftlichen Kräftigung der jüdischen Bevölkerung beitragender Institutionen mit Freuden begrüße. Wir verfügen wohl in unserer Gemeinde über eine große Zahl von Wohltätigkeitsanstalten, die musterhaft geleitet und uns mit Stolz erfüllen. Allein Institutionen, wie unser Kreditverein, die berufen find, den nährenden Teil der jüdischen Bevölkerung davor zu schützen, daß er nicht zum zehrenden degradiert werde, um dann den Wohltätigkeitsanstalten zur Last zu fallen, solche zeitgemäße, praktische Institutionen gibt es in der Judenschaft bis heute - außer einer bereits bestehenden nur die uusrige. Was soll der kleine Handwerker oder Kaufmann, der für Arbeiten Aufträge hat, dem aber die notwendigsten Barmittel fehlen, ohne Kredit anfangen? Unser Kreditverein hat, wie Sie dem Berichte entnommen, im verflossenen Jahre vielen solchen Leuten geholfen und damit seine hohe Bedeutung, zugleich aber auch seine Lebensfähigkeit erbracht. Nur bedarf er einer ernstenUnterstützung seitens der jüdischen Finanznnd Kaufmannswell. Dieselben Männer, die zur Beschaffung des Fonds zu diesem Vereine beigetragcn, die auch die Pathenstelle bei der Geburt dieses Vereines vertraten, sollten sich auch für das weitere Gedeihen desselben interessieren und Männer ans ihren wichtigen Kreisen in den Vorstand dieses Vereines entsenden. Die Aerzte behaupten nämlich, daß die Muttermilch der Entwicklung des Kindes zuträglicher sei als jede künstliche Nahrung. — Im verflossenen Jahre war der bestehende Vereiusvorständ, in allererster Reihe Herr Gottlieb Bettelheim, der sich hohe Verdienste durch seine aufopfernde Tätigkeit erworben, sehr fleißig. Doch wäre zu wünschen, daß noch andere einflußreiche Persönlichkeiten Mitarbeiten mögen, um mit ihrem Einfluffe nach außen dem Vereine zu nützen. (Langandauernder Beifall.) Nachdem noch Herr kais. Rat Doktor Lieben dem Vorstande für seine ersprießliche Tätigkeit dankte, schloß der Vorsitzende die Versammlung. Der Vortragszyklus der Wiener Kultusgemeinde. Donnerstag dieses Monats wurde der diesjährige Vortragszyklus aus jüdischer Geschichte, welche der Wiener Kultusvorstand vor einigen Jahren ins Leben gerufen hat, durch einen Vortrag des Rabbiners Dr. Max Grunwald über die „Anfänge des Chassidismus" abgeschlossen. Am Schluffe seiner mit großem Beifalle aufgenommenen Ausführungen nahm Herr Dr. Grunw a ld Anlaß, dem Vorstand der Gemeinde sowohl in seinem, wie im Namen des: Publikums den Dank für die Einführung dieser Institution, zu zollen, die sich als eine populäre, wissensfördernde Einrichtung erwiesen habe. Der anwesende Präsident der Wiener Kultusgemeinde, Herr Dr. Alfted Stern, lebhaft akklamiert, erinnerte in seiner Antwort an ein Bild des jüdischen Malers Hyrszenbergs, auf welchem besonders packend der Jude sei, der mit der Sefer-Thora am Arme der Menge voraneilt. Das sei das treffendste Symbol des Judentums, das auf allen Leidens- Wanderungen stets die Sefer-Thora, das Buch der Lehre und des Wissens, vorangetragen hat. Für die Popularität, deren sich die vom Kultusvorstande veranstalteten Vorträge erfreuen, gebühren zunächst den Vortragenden, die durch ihre geistvollen Ausführungen die Zuhörer zu fesseln verstanden, vor allem Herrn Dr. Grunwald, der den Zyklus begonnen hat und ihn auch heute schliHt und ein großes Verdienst daran habe, daß in dem jüdischenPublikum Wiens das Jntereffe für jüdische Geschichte wachgernfeu wurde, der Dank. Aber auch dem Publikum gebühre der Dank, daß es den Intentionen des Kultusvorstandes entgegen- $etommen und den ausgezeichneten Vorträgen Aufmerksamkeit entgegengebracht habe. Wie bei dem Abschlüsse der Thora rufe er dem Vortragenden und den Zuhörern den alten jüdischen Wunsch zu: „Chasak, Chasak wenischasak! Mögen sie alle durch das Gebotene und Empfangene in ihrem Glauben und Selbstbewußtsein gestärkt werden und mögen wir uns im kommenden Jahre ebenso gestärkt Wiedersehen!" Die Ausführungen des Präsidenten entfesselten minutenlange Beifallskundgebungen. Chewra Kadischa für die Wiener Bezirke VI, VN, XII bis XV. Montag den 9. d. M. veranstaltete dieser Verein im Gemeindetempel, Turnergasse, zum Andenken an seine verstorbenen Mitglieder ein Requiem, das in allen seinen Teilen erhebend und würdevoll verlaufen ist. Nach dem Mincha-Gebete hielt Herr Rabbiner Dr. Max Grunwald eine Predigt, in welcher er an. der Hand interessanter historischer Daten nachwies, daß die- Juden mit ihrer Ehrung der Toten keinen leeren be« deutungslosen Totenkultus treiben, das in ihrer Pietät nicht der Tod, sondern der Tote und dessen unvergeßliche Taten das Richtunggebende seien. Zum Schluffe würdigte Dr. Grunwald die Tätigkeit der Chewra und forderte deren Leiter auf, auch in Zukunft' diesem Geiste wahrer jüdischer Wohltätigkeit treu zu bleiben. Die Rede hat auf die zahlreich versammelten Zuhörer einen tiefen Eindruck gemacht. Den gesanglichen Teil des Trauergottesdienstes besorgte in meisterhafter Form Erster Kantor Schleifer. Am Abend desselben Tages veranstaltete der Verein in Straßer's „Mariensälen" das Brudermahl, welches die Vertreter der Kultusgemeinde, der „Chewra-Kadischa Wien", vieler Vereine und Korporationen bei frohem Mahle vereinte. Es waren u. A. erschienen: Präsident der Kultusgemcinde Dr.. Alfred Stern, I. Vizepräsident Landesschulrat Dr. Gustav K o h n, Sekretär kaiserlicher Rat Dr. Lieben, Präsident der Chewra- Kadischa Wien Salo Cohn, Vizepräsident, Bezirksschulrat Dr. Markus Spitzer, Kultusvorsteher Em- Grünwald und Sigm. Steiner, die Herren Rabbiner Dr. Grunwald, Dr. Bauer und Dr. Taglicht, ferner die Herren kais. Rat Wilh. Pollak, Börsenrat Beer, Redakteur Dr. Bloch, Eduard Pollitzer, Obmann des Bethauses Ottakring, Sigmund Weiler, Präses der Chewra-Kadischa Ottakring, Amtsleiter Fr ei st ad t, Sekretär der Chewra-Kadischa Emil Engel, Vertreter der Bezirkskommisfion und unserer Vereine aus anderen Bezirken. Nachdem Obmann Herr Heinrich Neufeld die Erschienenen begrüßte und einen kurzen Ueberblick über die vielseitige, segensreiche Tätigkeit der Chewra entwarf, gedachte er auch des freudigen Anlasses, den das 60jährige Regierungsjubiläum unseres Kaisers den humanitären Vereinen zur Betätigung ihres Wohltätigkeitssinnes, den Intentionen des Monarchen entsprechend, biete. Auch die Fünfhauser Chewra habe zur Erinnerung an das Jubiläum die Beiträge an die Witwen erhöht. Hierauf hielt Herr Präsident Dr. Alfred Stern den Kaisertoast. In schwungvollen Worten gedachte Redner der väterlichen Fürsorge unseres erhabenen Monarchen allen Völkern Oesterreichs gegenüber. Es ist für uns erfreulich und beruhigend zugleich, daß der Kaiser gerade in diesem Jubiläumsjahr Anlaß genommen habe, wieder zu erklären, daß seinem Herzen alle Bürger des Staates gleich wert seien. Redner zählt dann einige jener Wohlfahrtsanstalten auf, welche die Wiener Kultusgemeinde im Jubiläumsjahr ins Leben zu rufen beschlossen habe. Zu diesen gehört zunächst das jüdische Pflegerinnenheim, ein neuer großer Trakt im Altersversorgungs- und Siechenhaus, durch welchen 40—50 neue Plätze geschaffen werden, ferner ein neues K n a b e n w a i s e nh a u s, dessen Errichtung durch bedeutende Spenden und Stiftungen möglich geworden und zu der auch die Kultusgemeinde den namhaften Beitrag von 100.000 Kronen leistet. Mit einem Hoch auf den Kaiser schließt der Präsident seine bedeutsame Rede, die von den Versammelten stehend angehört wurde. Die Musik intonierte die Volkshymne, die auch von den . Gästen stehend gesungen wurde. Es sprachen dann die Herren Salo Cohn, Neufeld, Rabbiner Dr. Grunwald, der am Schluffe seiner Rede das an den Kaiser zu entsendende

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