Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 11 (13.3.1908)
- Date
- 1908-03-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr- 1-1 Dr. Blocb’s TRUocbenscbctn, Seite 197 der Gemalin Theodeberts Liliehilde und hetzte seinen Bruder gegen ihn zum Krieg. Nach mehreren blutigen Treffen wurde Theodebert gefangen und ermordet, seinem Sohne Merwig aber auf Theodorichs Befehl die Hirnschale an einem Felsen zerschlagen. Nach dem Tode Theoderichs aber riefen die Großen König C l o t a r herbei, welcher die achtzigjährige Brunehilde drei Tage martern ließ, dann auf einem Kameel durchs Lager führen, endlich mit den Haaren, mit einem Arm und Fuß an den Schweif eines wilden Pferdes binden und die zerrissenen Glieder endlich verbrennen ließ. Wer in den Annalen der Könige und Helden der Germanen blättert, der gewinnt ein eigenartiges Bild von der sogenannten „deutschen Treue". Nicht die Tatsache allein, daß jeder Germanen-Fürst unter seinen nächsten Angehörigen aufräumt. sondern daß die Ermordung meistens meuchlings unter Eid- und Treubruch geschieht, macht dieses Bild so abschreckend. Und nirgends begegnet uns ein Mann, der das Mordgebahren geißelt, mit der sittlichen Kraft eines hebräischen Propheten auf das Haupt der Schuldigen das göttliche Strafgericht ruft. Das Gewissen ist stumm, es hat kein Organ, durch welches es spricht. Das Volk spielt und trinkt. In dieser Leidenschaft des Spielens, bei welchem oft Weib und Kind den Einsatz bilden, und des Trinkens, welches eine Nationaltugend geworden, erträgt es nicht bloß die Sklaverei, sondern auch die Verworfenheit seiner Fürsten, welche nichts anderes als die Mörder auf dem Throne find. Das Biertrinken ward allmählich das vornehmste Charaktermerkmal der Deutschen. Als Konrad, Sohn des Herzogs Konrad III. von Glogau und Sagan, 1303 zum Erzbischof von Salzburg erwählt wurde, leistete er freiwillig auf das Bistum Verzicht und kehrte nach Schlesien zurück, weil er in seiner Residenz Salzburg kein Steinauer Bier gefunden. (Die Deutschen in den ältesten Zeiten, im Mittelalter und in der neuesten Epoche, von L. F. Schulz. Seite 204.)- Diesem Sittenzustand entsprach die weibliche Tugend. Man denke nur an die Verhältnisse am Hofe des deutschesten aller Fürsten, Karl des Großen, der vier Frauen und außerdem noch acht Konkubinen hatte und dessen Töchter sich einer sehr zahlreichen außerehelichen Nachkommenschaft erfreuten. Es gibt ein Sprichwort, welches sagt, ein Grieche sei schlauer als zehn Juden und ein Armenier schlauer als zehn Griechen. Man kann das Wort dahin ergänzen, daß ein Antisemit schlauer ist als Jude, Grieche und Armenier zusammengenommen. Ernst Bergani ist bekanntlich kein Cato und hat noch nie Anspruch darauf erhoben, für einen solchen zu gelten. Im Punkte der Texteinschaltungen und Pauschalien, das muß man der Wahrheit gemäß konstatieren, hat Ernst Bergan: immer den Mut seiner Ueberzeugung gehabt, und das kleinste Banken- Jnserat war ihm immer lieber als der Ruhm des größten Kyrruptionstöters. Wenn er plötzlich als öffentlicher Ankläger gegen die Gestalten des Alten Testamentes auftritt, so entspringt diese Büberei nicht seinem Rassenhaß, der doch nur geheuchelt ist, sondern der politischen Rancune gegen die neuen Bundesbrüder in der christlich-sozialen Partei, die Leute vom ftommen Piusverein, die kaum wagen werden, die verdiente Maulschelle ihm zu verabreichen. Vom Aabrmarkt des Lebens. Ein protestantisches Blatt über die H ilsner-Affaire. Das Organ der ungarländischen Protestanten „Magyar Szö" spricht sich im Anschlüsse an die Mitteilung über die Aktion des Wiener Advokaten Dr. Elb o ge n über die Affaire selbst folgendermaßen aus: In der H i l s n e r - A f f ä r e ist nichts Monumentales, sondern nur Herzlosigkeit und Ungerechtigkeit. In der - Dreyfus-Affaire der Franzosen gesellte sich zu den Niedrigkeiten und Schurkereien auch noch der imponierende große Stil,der ^Wagemut des französischen Geistes, ein frivoles Spiel, bei dem es . um- Leben oder - Tod der Mitwirkenden ging. Die österreichische Ungerechtigkeit hingegen vermag sich bloß bis zum Niveau des Käsewurmes zu erheben. Daß Hilsner unschuld i g ist, ist Jedermann, der den Fall kennt, klar. In Hilsner erscheint nicht allein seine Person, sondern das gesamte Judentum mit einer alten, blöden Verleumdung angeschwärzt. Hilsner wurde von den Polnaer und Kuttenberger Gerichten verurteilt. Wofür? Für einen Ritualmord oder für eine Teilnahme an demselben. Er wurde zum Tode durch den Strang verurteilt, aber die kaiserliche Gnade hat das Urteil in lebenslänglichen Kerker umgewandelt. Es ist ein Glück, daß Hilsner noch lebt; man kann ihn noch verhören, und zwar vor der großen, uneingeschränkten Oeffentlichkeit, so wie auch Dreysus nur durch die Revision von dem bei geschloffenen Türen erfolgten Urteile des Kciegsministers reingewaschen wurde. Wäre Hilsner gehenkt worden, so hätte dies für die beschränkten Bierbank- und Gaffenhauerspießer als unumstößlicher Beweis für den Ritualmord gegolten. Denn den blinden Anbetern der Macht und denjenigen, die vor bem Erfolge auf dem Bauche liegen, gilt nicht das als Beweis, was gesunder Menschenverstand, die unsichtbare Logik diktieren, sondern der sichtbare Gehenkte oder der lebenslänglich Eingekerkerte. In Oesterreich gibt es keine Männer wie Zola, Picquart, Scheurer - Kestner. Preffense, hier leben nur ehrsame Beamte, augenverdrehende, frömmelnde Maschinen. In Wien hat man für alles und jedes eine bestimmte Zeit. Man hat Zeit für die Kirche, fürs Bummeln, für Musik, Kunst und Literatur. Im Grunde genommen ist jedoch all dies bloß die verschiedenartige Aeußerung des Egoismus, des mit Augenverdrehen gemischten individuellen Wohlbehagens. In der Kunst haben die Wiener stets die Musik, diese sinnlichste der Künste, am meisten geliebt. Im Wege der Musik und leichtfertigen Lieder werden hier die heterogensten Elemente miteinander befreundet. Ich wiederhole, für alles hat man in Wien Zeit, aber für die Befreiung eines ungerecht Verurteilten finden sich bloß Einzelne, die Maffe, die große bürgerliche Masse bleibt indifferent. In Paris — da ist es anders. Da sah ich, wie die Maffe in Bewegung kam, Wellen schlug, wie sie haßte und verteidigte. Der Kellner und der Hausmeister, der Maler und der Student, der Bankier und der Advokat. Alles setzt sich in Bewegung, haßt und kämpft für seine Wahrheit. Aber Wien? Ein schablonenhaftes Lied oder eine neue Operette find ihm wichtiger. Hierin ist der Grund dafür zu suchen, daß ein ungerecht oder vermeintlich ungerecht Leidender in Wien nicht imstande ist, eine Volksbewegung zu seinen Gunsten anzufachen. Und die ungerechte Verhandlung der Affäre Hilsner ist geradezu himmelschreiend. Alte Großmütter, abergläubische Weiber waren die Kronzeugen der Anklage. Das kleine, böhmische Städtchen, in welchem die österreichische Justitia ihres Amtes waltete, war mit antisemitischen Privat-Untersuchungs-Agitatoren überschwemmt, die die Liebenswürdigkeit hatten, auf eigene Faust Daten für die Anklage zu sammeln. In Oesterreich gibt es also nicht nur fteiwillige Feuerwehr-, Veteranen- und freiwillige Musikkapellen, sondern auch freiwillige Staatsanwälte und Ankläger, wenn „die heilige Sache der Wahrheit auf dem Spiele steht". Das ist sicherlich tröstlich. Die österreichischen Juden haben jedenfalls allen Grund, dankbar zu sein, daß die kaiserliche Gnade den Hilsner wenigstens am Leben ließ — für die Möglichkeit einer neuen Revision. Antisemitische Konsequenz. Selbst die größten Gegner der Wiener Antisemiten werden ihnen nicht das Zeugnis versagen können, daß sie im Judcnpunkt konsequent find — Gerechtigkeit, Logik und Staatsgrundgesetze find ihnen Hekuba, wenn es gilt, Antisemit zu sein. Das haben sie erst vorige Woche wieder in eklatanter Weise bewiesen. Seinerzeit erregte es großes Aufsehen, als dem damals neu eröffneten „CafS Lurion (Stubenring Nr. 24) — Lurion ist Jude — die Aufstellung von Tischen und Seffeln während der Sommermonate auf dem Trottoir wie dies den in der Nähe befindlichen Ringcafes gestattet war, verboten wurde. Dieses