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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-03-06 · 10 (6.3.1908) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
10 (6.3.1908)
Date
1908-03-06
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 190 Dr. JöiocD’s MscvenscbrM. Sir. 10 „Freilich ein Dieb," hinkte eine verspätete Stimme nach, „ein Klausner in so einem Bärenpelz ist mir noch nie vorgekommen!" „Vorige Woche stahl man mir meinen neuen Talis," wußte bald einer zu erzählen. „Mir meinen alten Betsack." „Das Gebetbuch, mir." „Mir fehlt seit einigen Wochen mein Chimesch. ') „Meinem Weibe die silbernen Ohrgehänge." „Fetzt haben wir ihn den Dieb, er entkommt uns nicht mehr." „Wohl auch der Pelz, den er trägt, ist gestohlen." „Ganz so einen Pelz habe ich beim verstorbenen Geizhccks gesehen!" „Leicht möglich, daß er ihn bei ihm gestohlen hat." In diesem Augenblicke erschien Rib Schaje Jakew, der Gabi, auf der Schwelle der Synagoge. Den Tschibuk mit dem weitgeschweiften Hornmundstück im Munde und den Daumenstnger seiner Linken in dem breiten Lendengürtel gewurzelt, während aus der Hiulertasche seines Kaftans ein großgeblümtes Taschentuch herunterhing; so trat er mit stolzen, gemessenen Schritten auf die Versammlung zu. „Habt's Ihr das Neueste gehört?" begann er mit wichtiger Miene und blies, nachdem er zweimal ausgespuckt, einige dicke Rauchwolken vor sich hin. „Das Neueste!" drängte sich Alles dicht an ihn heran. „Wollen Sie uns erzählen das Neueste — Still soll sein, Rib Schaje Jakew will uns das Neueste erzählen!" „Der tote Benzion —" begann er mit feierlichem Tone. „Der tote Benzion!" unterbrach ihn ein vielstimmiger Ruf. „Was der tote Benzion?!..." „Der tote Benzion," begann auf's Neue der Gabi mit noch wichtigerer Miene. „Der tote Benzion war diese Nacht bei unserem Rabbi." „Benzion!!" fuhr alles in die Höhe. „Wie Jhr's hört, Benzion. Und meint Ihr, er sei einfach gekommen. In einem Wagen mit Pferden und auch ein Fuhrmann fehlte nicht. So ist er Mitternacht beim Hause des Rabbi vorgefahren. Ich brauch Euch nicht erst zu sagen, daß die Pferde waren die bekannten schwarzen Hunde und der Fuhrmann war kein Anderer als der Gehenimschamis." 2) „Der Gehenimschamis!!" stießen alle vor Schrecken aus. „Der Gehenimschamis in einem Wagen mit Pferden und darauf der tote Benzion — schrecklich anzuhören!" „Und hat er Gabi ihn gesehen, den toten Benzion?" fragte einer aus der Gruppe. „Dumme Frage!" erwiderte der Gabi mit stolzer Verachtung. „Und ich habe ihn dann nicht gesehen? Ganz wie ich Euch da sehe!" „Was gesehen! Sie selber ihn gesehen?'" „Sehen soll ich so mit meinen Augen den Messias!" „Schrecklich anzuhören, mir stehen die Haare zu Berge!" „Gott über der Welt!" „Sie ihn gesehen!" segelte Einer mit zwei langen Händen heran. „Wie hat er ausgesehen? „Wie ein Mes, 3) ganz kreideweis." „Angetan in dem Totenhemd?" „Ja, in den Totenkleidern." „Was verlangte er vom Rabbi?" „Daß er ihm die Seligkeit verschaffe. — Und wie hat er denselben darum gebeten, es hätte einen Stein rühren können!„ „Einen Stein — Gott der Gerechte!" „Er hat sich gar nicht abweisen lassen," fuhr Rib Schaje Jakew fort, um den der Kreis sich immer enger schloß, „nicht durch Drohungen, nicht durch Bitten. Noch nie sei ihm so ein Toter vorgekommen, beteuert der Rabbi. Nicht einmal die heiligen Bücher, mit welchen wir versehen waren, haben ihn verscheuchen können!" „Nicht einmal die heiligen Bücher — Wunder über Wunder!" „Haben Sie ihn auch gehört?" erneuerte der Frühere seine Frage. „Wie ich Dich da höre!" ^,Hört! Hört!" belferten Alle im Chore. „He Vetter!" ließ sich mitten drin die Stimme des Synagogendieners vernehmen, der soeben in die Synagoge trat, und ohne zu wissen, wovon hier die Rede ist, sich der Bank näherte, auf welcher der Mann mit dem Bärenpelz lag und mit beiden Händen ihn zu rütteln anfing — „He, aufstehen, es geht zum Beten!" Benzion fuhr aus dem Schlafe, reckte sich der Länge und Breite nach und schaute mit verschlafenen Augen ihn verwundert an. „Gott!!!" prallte der Synagogendiener zurück. „Der tote Geizhals!!!" Beim Vernehmen dieses Schreckensrufes drängten sich alle an den bestürzt dreinschauenden Benzion, und als sie den leibhaftigen Toten vor sich sahen, entrang sich ein Schreckensruf allen Lippen und zu einem dichten Knäuel verwickelt, stürzten sie aus der Synagoge auf die Gasse hinaus mit dem heillosen Rufe: „Gewalt! Gewalt!" (Fortsetzung folgt.) gitarafeu;. Gruntvald M. Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde. X. Jahrgang, 1. Heft, Leipzig 1908, M. W. Kaufmann. In würdiger Ausstattung eröffnen mit den vorliegenden Heft die bekannten Mitteilungen den 10. Jahrgang ihres Erscheinens. „Das Kind bei den Juden" ist der Gegenstand eines gediegenen, besonders durch die fortlaufende Vergleichung mit verwandten Erscheinungen außerhalb des jüdischen Kreises wertvollen Aufsatzes von Dr. A. Landau, der seiner Arbeit ein panisches Original von Frau R. Lilienthal zu Grunde gelegt hat. Dr. A. Löwinger in Szegedin behandelt mit erschöpfender Gründlichkeit das in letzter Zeit wiederholt bearbeitete Thema „Der Traum in der jüdischen Literatur". Bücherbesprechungen, unter denen eine aus Dr. A. Landaus Feder über Prof. Günthers Buch „Das Rotwelsch des deutschen Gauners" besondere Beachtung verdient, beschließen das inhaltsreiche Heft. F. 8. Rabbiner Dr. U. Brettholz, Triest, „visoorso kunebrs" — Trauerrede, gehalten nach Ablauf der dreißigtägigen Trauer um den verstorbenen Kultusvorsteher Daniel Morpurgo, Konsul der Republik Costarica. Wir sind dem ehrw. Herausgeber der „viseorsi Sacri“, der schon früher in der Triester jüdischen Gemeinde in italienischer Sprache Predigten gehalten, sehr dankbar, daß er uns ein so herrliches Familien- und Lebensbild eines angesehenen Glaubensgenossen entworfen, der im Hause und im Geschäfte Sabbate und Festtage strenge beobachtete, dabei fich durch sein Wirken bei allen seinen Mitbürgern einer besonderen Wertschätzung erfreute. Die Reden unseres Autors, in elegantem Italienisch gehalten, aber auch echt jüdisch, sollen in unseren gebildeten Kreisen nicht fehlen und werden insbesondere von unserer intelligenten, sprachkundigen Jugend gerne gelesen werden. Moritz A. *) Die Bibel. *) Der Höllenbote. *) Wie ein Toter.

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