Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 10 (6.3.1908)
- Date
- 1908-03-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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«eite 186 Rr. 10 Dr. Moeb s Moevenscvrltt. Fünfte Tagung der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft der „Alliance Jsraelite Universelle". Am Dienstag, 25. Februar, hat die aus den deutschen Mitgliedern des Zentral-Komitees der „Alliance Jsraälite Universelle^ bestehende Deutsche Konfereuz-Gemeinschast der „Alliance Jsraolite Universelle" ihre fünfte Jahrestagung in Berlin im Saale des Brüdervereines gehalten. Die zur Teilnahme Berechtigten aus allen Teilen Deutschlands und die Mitglieder des Berliner Lokalkomitees waren fast vollzählig erschienen oder hatten legttimierte Vertreter entsandt. Vom Zentral-Komitee in Paris war dessen Geschäftsführer delegiert. Den Vorsitz führten die Präsidenten der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft, Geheimrat Goldberger-Berlin und Charles L. Hallgarten-Frankfurt a. M., die den ausführlichen und mit allseitiger Zustimmung aufgenommenen Rechenschasts- und Arbeitsbericht für das Jahr 1907 erstatteten und den Arbeitsplan für 1908 entwickelten. Mit Befriedigung wurde festgestellt, daß die Zahl der Mitglieder im vergangenen Jahre wieder um Tausende gewachsen ist, dank der von der vorigen Tagung beschlossenen und inzwischen fast vollständig durchgeführten strafferen Zentralisierung, einer eifrigen Propagandatättgkeit durch Vorträge und der Verbreitung des Organs der Konferenz-Gemeinschaft, der illustrierten Monatsschrift „Ost und West". Im Laufe des Jahres 1907 sind 48 neue Lokalkomitees der Alliance geschaffen, 21 bestehende erweitert worden. Die helfende, aufrichtende und unterrichtliche Tätigkett der „Alliance Jsraälite Universelle" blieb auch im vergangenen Jahre weltumfaffend: in 142 Elementar- und Vorbereitungsschulen für Knaben und Mädchen, in Handwerker- und Ackerbauschulen, die über 3 Erdteile verbreitet find, werden 45.000 Zöglinge unterrichtet, vielfach auch gekleidet und gespeist. Für dieses Hilfswerk hat die Alliance im ordentlichen Etat ll(2 Million Francs aufgewendet. Mit besonderer Genugtuung wurde die Mitteilung entgegengenommen, daß in den jüngsten Tagen wieder in Konstantinopel-Galata eine Allianceschule mit deutscher Unterrichtssprache eröffnet worden ist. — Durch den Geschäftsführer des Pariser Zentralkomitees Herrn Bigart wurde davon Kenntnis gegeben, daß die Falascha-Expedition der Alliance bereits bei dem Negus von Abessynien eingetroffen ist und daß die Alliance, sobald die Ratsamkeit sich ergeben hat, alle erforderlichen Maßnahmen zur erziehlichen, wtttschaftlichen und kulturellen Hebung der Falaschas treffen wird. Die Tätigkeit der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft war vornehmlich auch den räumlich näherliegenden Arbeitsfeldern zugewendet: den durchwandernden russischen Glaubensgenossen, und namentlich den Ausgewiesenen widmete sie ihre unterstützende und fördernde Fürsorge. — Die Deutsche Konferenz- Gemeinschaft erörterte eingehend und in bejahendem Sinne die Frage der Ausdehnung beziehentlich Einführung des deutschen Sprachunterrichtes in einzelnen Allianceschulen, u. a. in Marokko, und der durch besondere Umstände um ein Jahr verzögerten Entsendung von Zöglingen des Pariser Lehrerseminars der Alliance nach Deutschland zum Zweck der Erlernung der deutschen Sprache. Dem allgemeinen Bericht schlossen sich die Sonderbecichte der einzelnen Bezirks-, Provinzial- und Landes-Komitees au. Ueberall konnte große Regsamkeit und erneuter Aufschwung konstatiert werden. Die Deutsche Konferenz-Gemeinschaft beschloß ferner, überall da, wo die Verhältniffe es.gestatten, ihren Komitees die Heranziehung von Ehrendamen als Komitee-Mitglieder zu empfchlen. — An Stelle des durch Tod ausgeschiedeuen Herrn Oschinsky-Breslau wurde Herr Rabbiner Doktor Werner-München in den Vorstand gewählt. — Ueber die von Herrn Professor Philippson gegen die Alliance gerichteten Angriffe ging die Deutsche Konferenz-Gemeinschaft unter Billigung der von den Präsidenten des Zentralkomitees und der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft seinerzeit veröffentlichten Erklärung zur Tagesordnung über. Hamburg. Die Vorsitzende des jüdischen Frauenbundes Fräulein Bertha Pappenheim, Frankfurt a. M., empfing von Frl. Sadie American, der Vorsitzenden des New-Iorker „Council of Jewish Women“, einen Brief, welcher in Uebersetzung wie folgt lautet: „The International Council of Wonnen“ wird im Juni 1909 in Torento einen Kongreß abhalten. „The Council of Jewish Women“ beschloß nun, zu veranlassen, daß ein internationaler Kongreß jüdischer Frauenvereine vor diesem in New-Aork stattfindet. Ich bin nun beauftragt worden, mich mit hervorragenden Frauen und Männern in Verbindung zu setzen, um mit ihnen zu beraten, ob es möglich sein wird, solch einen Kongreß zustande zu bringen. „The Council of Jewish Women“ fühlt, daß die Frauen in den verschiedenen Ländern auf den verschiedensten Gebieten Hervorragendes geleistet haben und dadurch in den Stand gesetzt sind, auf einem solchen Kongreß praktische Vorschläge zu machen, besonders inbezug auf Zusammenarbeit der Frauen verschiedener Länder bei der Unterstützung und Beratung der Auswanderer. Es ist wahrscheinlich, daß eine große Anzahl jüdischer Frauen den Kongreß in Torento besuchen werden. Wir dachten, daß die Frauen sich in New-Iork auf ihrem Wege nach Torento aufhallen werden und daß wir außerdem andere bedeutende Frauen überreden könnten, zu unserem Kongreß zu kommen. Ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie mir Ihre aufrichtige Ansicht über die Angelegenheit mitteilen würden. 1. Würden Sie selbst zum Kongreß kommen? 2. Würden Sie mir die Namen von Gesellschaften aufgeben und deren Vorsitzende, an welche Einladungen zu richten? 3. Wollen Sie mir die Namen solcher jüdischen Frauen in anderen Ländern aufgeben, welche Hervorragendes leisten und in jedem Falle den Grund für Ihre Empfehlung und das Arbeitsfeld der betreffenden beifügen? 4. Wollen Sie mir ferner die Namen von Männern aufgeben, welche sich für die Sache interessieren, welche kommen würden und welche auf dem Kongreß von Nutzen sein würden? Natürlich besteht die Absicht, daß es ein Kongreß von Juden sein soll, .welcher für Juden — direkt oder indirekt — arbeitet und daß er in seiner Folge eine internationale Vereinigung der jüdischen Frauen einleiten möge. England hat „The Jewish Study Society“ und „The Union of Jewish Women Workers“. Deutschland hat den Jüdischen Fraüenbund. Andere jüdische Frauenvereinigungen kennen wir nicht. Sollten Sie außer diesen noch sonstige Frauenbünde kennen, so wollen Sie mir dieselben äufgeben. Ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie mir in offenster Weise Ihre Ansicht über die Sache und Ihre Ratschläge mitteilen würden." Die Lage in Marokko. Das Deutsche Bureau der Alliance Israölite Universelle stellt uns nachfolgenden Bericht des Alliance- Schulleiters Pisa zur Verfügung: Casablanca, 13. Februar 1908. In Ergänzung meines Schreibens vom 9. Februar teile ich Ihnen mit, daß dreißig neue Flüchtlingsfamilien aus Settat gestern hier eingetroffen sind. Ihr Zustand war ebenso kläglich wie der des Zuges vom 9. Februar. Die Zahl der Flüchtlinge ist nun auf 255 gestiegen, Männer, Frauen, Kinder. Die neu angekommenen dreißig Familien hatten während des Bombardements der Kasbah Settat nicht verlassen wollen. Aber aus Furcht vor einem erneuten Angriff der Araber entschlossen sie sich, den französischen Truppen in Casablanca zu folgen. Alle sind einstimmig in dankbarer Anerkennung für die hochherzige Gastfreundschaft der Offiziere und Soldaten. Der Artilleriekommandant Massenet ließ Frauen und Kinder auf die Munitions¬ und Proviantwagen setzen, obwohl die Tiere recht ermüdet waren. Kapitän Vernier überließ sein Pferd einer armen blinden Frau und marschierte fünf Stunden lang neben ihr zu Fuß. Noch andere ähnliche Handlungen der Nächstenliebe werden berichtet. Heute besuchte mich Scheck Ben-Omar, der auf Meine Empfehlung die Israeliten so wirksam geschützt hat. Mit ihm kam Herr Karl Ficke, der Doyen der Deutschen Kolonie. Sie bestätigten mir Punkt für Punkt den Bericht, den ich Ihnen ehegestern geschickt habe, und fügten einige Einzelheiten hinzu, die absolut zutreffend befunden worden sind. Bei dem Abmarsch der Franzosen nach der ersten Besetzung von Settat warfen sich die Araber auf den Mellah mit der Absicht, die Juden zu vernichten, weil sie die französischen