Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 10 (6.3.1908)
- Date
- 1908-03-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr 10 Vr. Vloch's Wochrnfttzrift. Gelte 183 die Vorgänge zum Zwecke der Remedur seitens des hohen Reichspostamtes in Berlin zur weiteren öffentlichen Kenntnis gebracht zu werden verdienen. Schon vor geraumer Zeit erlaubte sich der jugendliche, offenbar seinen Namen nicht umsonst tragende Postbedienstete Bäuerle, Sohn eines deutschen Kolonisten, die deutschnationale Liebenswürdigkeit am Postschalter in der Gegenwart des Herrn Predigers und Privatlehrers Phil. Kieferndorf einen jüdischen Geldwechsler ..dreckiger, stinkiger Jud" zu schimpfen. Weil der Mann materielle Schädigung fürchtete, wagte er sich wegen der erlittenen Beleidigung nicht zu beschweren, sondern zuckte auf die Bemerkung des Herrn Kieferndoif: „Und Sie lassen sich so etwas ruhig sagen und gefallen?" fast verlegen die Achsel mit den Worten: „Nun, was soll man machen?" Herr Kieferndorf erzählte dann den Vorgang gelegentlich eines Besuches einem Glaubens- und Volksgenossen des Beleidigten, Herrn Sal. Ascher aus Berlin, worauf der genannte Herr sich sofort auf die deutsche Post begab, mit der Drohung, die Sache bei dem Reichspostamte in Berlin zur Anzeige zu bringen. Daraufhin mußte Bäuerle auf Befehl seines Vorgesetzten, des Postinspektors Völker, vor Herrn Ascher nachsprechen, was ihm vorgesagt wurde und die ausgestoßene Beleidigung mit Bedauern zurücknehmen. Diese durch einen Juden erlittene Demütigung ließ aber den heißblütigen, germanischen Jüngling nicht schlafen und er suchte nach neuen antisemitischen Lorbeerendie er sich seither in womöglich noch schwerer belastender Weise auch tatsächlich verdient hat, ohne daß sie ihm bis jetzt noch streitig gemacht worden wären. Als vor einigen Monaten der hochbetagte und allverehrte Gelehrte Chakam Baschi und Oberrabbiner Eliaschar starb, dessen Tod die gesamte Judenschaft von Jerusalem und Palästina in die mächtigste Bewegung versetzt hat, beeilte sich nämlich auch Bäuerle, den Juden sein Beileid auszudrücken, mit den unqualifisierbar rohen und zynischen Worten: „I e tz t i st w i e d e r ein Hund weniger auf der Welt". (!) Herr Phil. Kieferndorf, welcher wegen anderer dienstlicher Vergehen, Versehen, Unordnungen und Nachlässigkeiten schon seit längerer Zeit gegen das Dienstpersonal der deutschen Post in Jerusalem bei dem Kaiser!. Reichspostamt in Berlin Klage erhoben hat, brachte schon bei dem in den ersten Tagen des Februar im Auftrag des Reichspostamtes zur Untersuchung hier eingetroffenen Herrn Postdirektor R o t t n e r in Konstantinopel auch diese erneute noch größere Beleidigung des gesamten jüdischen Publikums zur Anzeige und wurden auf Befragen des Untersuchungsbeamten von dem.Postinspektor Völker auch diese weiteren antisemitischen Roheiten des Bäuerle als den Tatsachen entsprechend z u g e st a n d e n. Daß die Juden unter den geschilderten, in einem antisemitisch noch io sehr verseuchten Lande kaum glaublichen Vorgängen aufs äußerste aufgebracht sind und die deutsche Post immer mehr boykottieren. zUmal"fi'S-bei'ben 'ist' der Türkei herrschenden Postverhältniffen nicht auf dieselbe angewiesen sind, läßt sich leicht begreifen. Das Reichspostamt würde daher nicht nur vom Standpunkt der Moral und allgemeinen Humanität, sondern auch im wohlverstandenen eiaenen Interesse weislich handeln, wenn es sofort die von Juden und Nichtjuden gleich dringend gewünschte und ersehnte „Reformation an Haupt und Gliedern" auf der Jerusalemer deutschen Postanstalt vornehmen wollte. Jerusalemer Beobachter. Vom Jahrmarkt des Lebens. Juden als Schachspieler. Das Schachspiel hatte von jeher für die Juden einen besonderen Reiz. Jüdische Gelehrte des Mittelalters haben das Schachspiel wiederholt als die schönste, erlaubte Zerstreuung und Stählung des Geistes empfohlen. Steinschneiders „Schach bei den Juden" liefert hierüber reiches Material. Moses Jsserles gab dieses Spiel sogar für den Sabbath frei und es ist bekannt, daß reiche Juden früherer Zeiten ein eigenes Schachspiel aus Silber für den Sabbath befassen. Nimmt man die Geschichte der Schachturniere der letzten fünfzig Jahre, so wird man unter den Siegern zumeist jüdische Namen finden. Zwei Juden — Steinitz und Rice — gaben Gambitspielen ihren Namen. Auch die Schachliteratur weist seit dem ersten Schachschriftsteller der Neuzeit, Moses Hirsche! aus Breslau, unzählige jüdische Publizisten auf diesem Gebiete auf. Der gegenwärtige Welt-Schachmeister Dr. Emanuel Lasker hält sich gegenwärtig in London auf. Der Vertreter des „Jewish Chronicle" hatte mit dem hervorragenden Meister eine interessante Unterredung, auS deren Inhalt wir die folgenden Stellen wiedergeben. Dr. Emanuel Lasker, ein Verwandter des berühmten, deutschen Politikers Eduard Lasker, wurde in Berlin im Brandenburgischen am 24. Dezember 1868 geboren. Im Jahre 1900 wurde er auf Grund einer mathematischen Dissertation in Erlangen zum Doktor der Philosophie promoviert Dr. Lasker hat seitdem eine große Anzahl mathematischer Arbeiten geliefert, die in Fachkreisen große Beachtung fanden. Mit dem Schachspiel hat Lasker in seinem zwölften Jahre begonnen. Regelmäßig und systematisch übt Lasker das Schachspiel seit seinem fünfzehnten Jahre, zu welcher Zeit er bereits bei einem Berliner Turnier einige Siege über bekannte Schachspieler davon getragen hatte. Dann gewann er den ersten Preis.in Breslau im Iah« 1889. Erfolge kamen auf Erfolge, bis er im Jahre 1894 in einem Kampfe mit Weltmeister Steinitz die Weltmeisterschaft errang. Seitdem wollte ihm Steinitz wiederholt die Weltmeisterschaft streitig machen, unterlag jedoch jedesmal. Auf die Frage, wie sich Lasker die hervorragende Rolle der Juden im Schachspiel erklärte, antwortete der Meister: „Das ist leicht erklärlich. In ihrem Kampfe ums Dasein haben die Juden sich eine große Gewandtheit der Verteidigung angeeignet und das Schachspiel ist nichts als die Kunst, sich gut zu verteidigen. Ich habe dies in einem jüngst herausgegebenen Werke „Der Kampf" ausführlich nachgewiesen. Schachspiel ist nichts anderes als ein Kampf, und zwar nicht ein Kampf roher Naturen, in dem das Blutfließen das entscheidende ist, sondern ein Kampf, in welchem wissenschaftliche, künstlerische, kurz, durchaus intelligente Partner mit vollkommen gleichen Waffen kämpfen. Daher liefert auch das Schachspiel das beste Muster für die anderen Kämpfe jeder Art." Waren Ihnen Ihre mathematischen Kenntnisse im Schachspiele förderlich? „Ich bin mir nicht bewußt, daß ich von der Mathematik irgendwelchen Nutzen für das Schachspiel gezogen hä(te. Zweifellos ist es jedoch, daß wir uns durch das Schachspiel gewisse Eigenschaften aneignen, die auch die Folge mathematischer Studien find. Klarheit des Denkens und Imagination. Als Volk haben die Juden verhältnismäßig wenig hervorragende Mathematiker geliefert. Jacobi, Eisenstein, Hurwitz, Sylvester usw. find für ein Volk, wie die Juden es find, sicherlich zu wenig. Hingegen haben die Juden als Schachspieler wirklich Hervorragendes geleistet. Zu den berühmten Schachspielern der Neuzeit zählen die Juden: Alapin, O. Blumenthal, W. Cohn, E. Delmar, L. R. Eisenberg, B. Englisch, E. Epstein, I. Günsberg, D. Harovitz, Leopold Hoffir. B. Horowitz, Herbert Jacobs. D. Janowski, Baron Ignaz von Kolisch, I. L. Löwenthal, S. Lipschütz, S. Rosenthal, E. Schiffers, Karl Schlechter, William Steinitz, S. Tarrasch, Max Weiß, S. Winau'er und I. Zuckertort.*) Hat das ernste Spiel irgend einen Einfluß auf Ihren Schlaf? Zuckertort mußte bekanntlich nach einem Wettspiele immer ein Schlafmittel nehmen. „Das gerade Gegenteil ist bei mir der Fall. Je schwerer das Spiel ist, desto leichter und besser schlafe ich hernach. Die Erschöpfung wirkt so auf mich. Vergessen Sie nicht, daß ich ein sehr einfaches Leben führe. Ich glaube überhaupt nicht an eine üppige Lebensweise. Gegenwärtig befasse ich mich mehr mit Vorlesungen über das Schachspiel als mit Vorführung von Spielen. Zumindest verbinde ich das Spiel mit erklärenden Vorträgen und ich mache die Beobachtung, daß das Publikum an diesen Vorträgen großes Interesse nimmt. In England bleibe ich zwei bis drei Monate, hierauf begebe ich mich auf eine Vorlesungstour, rund um die Welt. Mein Wohnfitz jedoch ist New-Iork, wo ich auch alle meine Schriften herausgebe." Agadifches in den Evangelien. Wir erhalten folgende Zuschriften: Zu dem von Rabbiner S t a r k in Prag gebrachten Artikel: Agadifches in den Evangelien, ist zu bemerken, daß auf die von ihm zu Matth. 16, 18 angeführte Parallele aus Midr. Schemoth r. Cap. 15 bereits Prof. Dr. A. Wünsche in seinem Werke: ..Neue Beiträge zur Erläuterung der Evangelien aus Talmud *) Auch der ungarische Schachmeister Professor Maroczy ist Jude. Anmerk, der Redaktion.