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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-03-06 · 10 (6.3.1908) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
10 (6.3.1908)
Date
1908-03-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
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111. IW WWW .i VW Sette 182 Dr. 3BI0CÖ 6 Mocbens^vrtN. Nr.1v Wir trauten unseren Augen kaum und hielten den Artikel für einen journalistischen Firlefanz. Wir beschafften uns aber beü Tarif, sahen uns die betreffende Stelle der Güterklassifikation etwas näher an, und da fanden wir, daß es dort wörtlich heißt: „Mahlprodukte aus Getreide und Hülsenfrüchten, wie: Graupen, Gries, Grütze, Mehl. Rollgerste, selbst Zea, u. dgl. tarifieren A, A, Spezialtarif I", d. h. sowohl als Stückgut, wie in Halbwagenladungen (5000 kg) nach Klasse A und in Ganzwagenladungen nach dem noch billigeren Spezialtarife I. Dagegen heißt es in einer beigedruckten Anmerkung: „Ostergries, Mazzesgries, Mazzesmehl, d. i. zerkleinertes, geriebenes oder gemahlenes Osterbrot (Mazzes) tarifieren nach Klaffe I. Dieser Wortlaut findet sich nicht nur im Tarife der österr. Bahnen, sondern auch im Tarife, Teil I für Ungarn, sowohl bei den k. k. Staatsbahnen, wie bei den Privatbahnen. Also Mazzes und Mazzesmehl zahlt um zirka 100% mehr Fracht als gewöhnliches Mehl. Beträgt z. B. die Fracht für den Meterzentner Mehl von Temesvar nach Wien 302 Heller, so kostet die Fracht für Mazzesmehl 697 Heller, also mehr als das Doppelte. Nun muß es geradezu jeden Unbefangenen befremden, daß die Bahnen eine solche Bestimmung, der leicht ein antisemitischer Charakter angedeutet werden kann, in ihren Tarif überhaupt ausgenommen haben. Allerdings kommt in dem offiziellen Texte der Güterklaffifikation nur der Ausdruck „Osterbrot" vor, aber wegen des Beisatzes „Mazzes" kann gar nicht daran gezweifelt werden, daß es sich nur um jüdisches Osterbrot handelt. Da nun, wie bereits erwähnt, nach dem allgemeinen Grundsätze, daß Lebensmittel billiger tarifieren, daher M a b lprodükte und Brot im Allgemeinen selbst, wenn sie bloß als Stückgut verladen werden, die Fracht nur nach der billigeren Wagenladungsklaffe A zu bezahlen haben, so muß es gewiß überraschen,' daß Mazzes eine Ausnahme von dieser Regel bilden und selbst in ganzen Wagenladungen, d. i. zu 10.000 kg die höchste Klasse, d. i. Klasse I bezahlen müssen und das ist dann nicht 100 Perzent sondern ungefähr 200 Perzent; denn in obgenannter Relation z. B. bezahlt 1 Meterzentner gewöhnliches Mehl 238 d, 1 Meterzentner Mazzesmehl aber 697 h Fracht. Das ist offenbar ein grelles Unrecht, das nach Abhilfe ruft. Diese Tarifbestimmung ist nicht etwa das Werk der letzten Jahre, sondern findet sich bereits in der ersten Ausgabe der k. k. Staatsbahnen; besteht also in Oesterreich, sowohl bei den t 1 Staatsbahnen, wie bei den Privatbahnen schon seit 20 Jahren. Man war vielleicht damals der Ansicht, daß dieses Mehl eine höhere Fracht vertrage als das gewöhnliche Mehl, weil es eben kein Massenartikel ist. Einer Widerlegung dieser Auffassung bedarf es wohl nicht. Für die Bahnen ist es vollständig alleseins, ob aus dem Mehl gesäuertes oder ungesäuertes Brot hergestellt wird. Wozu also diese Differenz? Im deutschen Bahntarife, dessen Güterklassifikation so ziemlich mit der österreichischen übereinstimmt, kommt ein solcher Unterschied nicht vor, aber auffallenderweise im österreichisch-deutsch-belgischen Berbandverkehre, wo sogar die betreffende Stelle aus dem österreichischen Texte wörtlich wiedergegeben und ins Französische übersetzt nachstehend lautet: „Paine mazime, broye on moulu“ lautet, was weniger überraschend ist, da die Güterklaffifikation dieses Berbandtarifes auf der österreichischen Güterklassifikation beruht. Auffallend bleibt diese tarifarische Ausnahmsstellung des Mazzesmehlcs umso mehr als das finanzielle Erträgnis kaum der Rede wert sein kann; denn der ganze Artikel gelangt im Laufe des Jahres nur einmal, u. z. vor dem jüdischen Osterfeste zum Versand und dann nur in kleinen Quantitäten, da die einzelnen Gemeinden auf dem Lande sich in der Regel mit dem Artikel selbst versorgen, also ein Bahntransport nur selten stattfindet. Ja, wir haben wohl volle Ursache, zu bezweifeln, daß der Artikel „Mazzes" überhaupt von Oesterreich nach Deutschland oder in umgekehrter Richtung verladen wird, daher im österreichisch-deutschen Verbandverkehre einen Gegenstand des Bahntransportes kaum bildet. Es scheint, daß hier bloß ein gedankenloser Abklatsch der österreichisch-ungarischen Güterklaffifikation vorliege, die sogar durch Uebersetzung ins Französische eine höhere Weihe erhalten hat. Ob sich aber dieser Abklatsch lohnt, möchten wir sehr bezweifeln; denn das finanzielle Erträgnis der einzelnen Bahnen an der Ausstellung einer solchen Ausnahmsbestimmung, die mit Recht als Ausnahmetarif nicht nach unten, sondern nach oben bezeichnet werden kann, erscheint für den Kenner der Verhältnisse nicht nur kleinlich, sondern geradezu lächerlich; denn er dürste bei den einzelnen Bahnen kaum einige hundert Kronen im Jahresbudget ausmachen und doch haftet dieser Bestimmung der Schein des Antisemitismus oder doch einer tarifarischen Ungerechtigkeit an. Es ist unseres Erachtens gar nicht zweifelhaft, daß, wenn von Seite der betreffenden Interessenten, namentlich der Wiener oder Budapester Kultusgemeinde, ein Schritt in dieser Richtung eingeleitet würde, die Eisenbahnverwaltung gewiß keinen Anstand nehmen würde, diese Anomalie des österreichisch-ungarischen Bahntarifes fallen zu lassen; denn nicht der materielle Nachteil der Interessenten, sondern der moralische Nachteil, das tarifarische Unrecht, das in dieser Bestimmung liegt, erheischt dringend Abhilfe. Dr. P—e. Der A«1isemiti»m«s auf der de«tsche« Post itt Jerusalem. In den Ländern der „Kultur" von einem gehässigen, brutalen Antisemitismus auf Schritt und Tritt beleidigt und verfolgt, hofft der arme, bedauernswerte Jude als letzten Zufluchtsort in seinem alten Vaterlande in Jerusalem und Palästina endlich einen sicheren Zufluchtsort zu finden, wo er, von Hassern und Verfolgern unbelästigt, nach seiner Weise leben könne. Leider erscheint auch diese Hoffnung, an welche sich Tausende und Abertausende als einzigen Rettungsanker klammern und welche ihnen als der einzige Lichtstern in der sie umgebenden Nacht und Finsternis winkt, schon als eine trügerische. Auch Jerusalem und Palästina sind schon so sehr von der »modernen Kultur" und dem »guten Ton in der Gesellschaft" beleckt, daß sowohl der gaffenals der salonmäßige Antisemitismus hier bereits kräftigere Blüten treibt und giftigere Früchte zeitigt, als in irgendwelchem anderen Eldorado der Judenfresser der ganzen Welt. Daß die in Palästina ansässigen Deutschen, welche Jahrzehnte lang fast 'ausschließlich die wirtschaftliche und' geschäftliche Ausnützung und Ausbeutung des Landes in Händen hatten und den Erzeugnissen des Ackerbaues, des Handels und Gewerbes ihren Stempel und ihre Preise aufdrückten, den stetig steigenden Zuzug von Juden aller Länder und die ihnen dadurch erwachsene scharfe Konkurrenz mit scheelen Augen und mit Verbitterung sehen und daher durch die Bank den Juden aufsässig sind, ist eii e längst bekannte Tatsache. Bei den deutschen Regierungsorganen in Palästina läßt sich in ihrem Verhalten den Juden gegenüber eine gewisse Kategoristerung und Nuancierung beobachten. Während zum Beispiel die Allianz-Juden und namentlich die Zionisten mit ihrer Tätigkeit mehr als suspekt und mißliebig erscheinen, erfreuen sich aus leicht begreiflichen Gründen „die deutschen Staatsbürger mosaischer Konfession" und die „Institutionen des Hilfs Vereines der deutschen Juden" seitens der deutschen Verwaltungsorgane weitgehenden Wohlwollens und aufmerksamer Protektion. Der Deutsche von gewöhnlichem Schlage macht aber keine feine diplomatisch-politische Unterschiede; im täglichen Leben, im allgemeinen Wettbewerb, sieht er in jedem Juden einen verhaßten Nebenbuhler, Konkurrenten und bösen Spielverderber, ob der Sohn Abrahams nun zu der Fahne der Allianz, dcs Zionismus oder des Deutschen HilfsvereineS hält, ob er lange Pajes, Zizits und einen polnischen Kaftan trägt oder wie ein Pariser, Wiener und Berliner Stutzer mit den feinfrisierten, gescheitelten, gelockten, geölten und gepuderten Haaren, mit hochgedrehtem, gewichstem und geschniegeltem Schnurrbart und mit elegantem Gehrock, Zylinder, Glacehandschuhen und Spitzschuhen auf dem. Jerusalemer löcherigen Pflaster umherstolziert. Nun heißt es ja bekanntlich im Sprichwort: „De gustibus non est disputandum" und „die Gedanken sind zollfrei" und wird man es, wie oben schon angedeutet, einem antisemitisch gesinnten, aus Geschäfts- und Brotneid dem Juden aufsässigen biederen Schwaben nicht einmal allzusehr verargen, wenn er seinem gevreßten und übervollen Herzen auch einmal in, ein paar harmlosen Stoßseufzern Luft machen wollte; aber von einem antisemitisch angehauchten Beamten, der keinen konfessionellen oder nationalen, sondern einen für die Allgemeinheit und das Gesamtvublikum bestimmten Dienst zu versehen hat, darf man doch anstandshalber und seiner Dienstvorschrift gemäß erwarten, daß er seinen überwallenden Gefühlen einigen Zwang auferlegt und nicht gerade bei der Ausübung feiner Amts- und Dienstpflicht ostentativ beleidigend wird. Das ist nun aber seitens von Beamten und Angestellten der hiesigen deutschen Post dem jüdischen Publikum gegenüber schon zu wiederholten Malen in der empörendsten Weise geschehen, so daß die gesamte Jerusalemer Judenschaft im höchsten Grade gegen die deutsche Post am Platze in Erregung und Harnisch gebracht ist und

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