Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 10 (6.3.1908)
- Date
- 1908-03-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 180 r werden, das hat ein dieser Tage in einem hiesigen Blatte erschienener Aufsatz des Irländers Bernhard Shaw nachgewiesen. Das ergiebigste Feld für solche Einmischungen bietet die Türkei, der man immerfort mit Drohnoten und Reformvorfchlägen zusetzt, europäische Gendarmen und Kommissäre aufdrängt. In Wahrheit ist aber die türkische Regierung an den Unruhen in Macedonien ganz unschuldig, denn es sind ja nur die christlichen Macedonier, Griechen, Serben und Bulgaren, die sich gegenseitig abschlachten und verstümmeln. Die türkische Regierung wäre mit ihnen schon längst fertig geworden, wenn die europäischen Mächte sie nicht „aus Menschlichkeit" gehindert hätten, geht doch die ganze Agitation von den christlichen Agitatoren aus, welche alle Verbesserungen und Reformen vereiteln möchten, um ungestörter die Bandenzüge fortschen zu können. Unser Minister des Aeußern erklärte vor kurzem in der ungarischen Delegation, es wäre Oesterreich und Rußland sehr unangenehm gewesen, sich in die türkisch-macedonischen Angelegenheiten einzumischen, aber sie hätten es tun müssen, da sonst Komplikationen entstanden wären. Was für Komplikationen gemeint sind, hat er nicht gesagt, aber im Verlauf seiner Rede erklärte er, „die ganze Aktion beruhe auf dem Prinzip, daß die Christen geschützt werden sollen". In ähnlicher Weise hat Oesterreich vor vielen Jahren sich des von Omer Pascha fast ganz niedergeworfenen Montenegro angenommen und hat dann die Dankbarkeit dieser Christen schmerzlich erfahren. Schutz der Unterdrückten, Verhinderung von Grausamkeiten ist gewiß menschlich, lobenswert und christlich, aber das Tragikomische dabei ist, daß Rußland, das Land der Pogrome, der kriegsgerichtlichen Willkür, der Massenhinrichtungen, der Verfolgung der Juden und nicht „rechtgläubigen" Christen, der Türkei gegenüber sich als Beschützer der Unterdrückten, als Patron der Menschlichkeit und Gleichberechtigung der Konfessionen und Nationalitäten aufspielt. Die der Türkei aufgedrungenen Zivilagenten und Kommissäre Oesterreichs und Rußlands sind, heißt es, die Instanz, bei der die christlichen Einwohner, die Grund zu haben glauben, daß ihnen Unrecht zugefügt wurde, sich beschweren können. Warum schickt man nicht lieber solche Kommissäre nach Rußland, wo doch die Bewohner von Kischenew, Odessa, Lodz, Homel usw. auch „Grund zu haben glauben", daß ihnen Unrecht zugefügt wurde? Aber vor Rußland liegt jetzt alles im Staube. Die französische Republik dient schon lange dem russischen Despotismus und wartet noch immer auf ihren Sündenlohn, England und Deutschland wetteifern um die Gunst des von Japan besiegten Rußland, russische Großfürsten, Diplomaten und andere Würdenträger werden überall mit tiefster Devotion, mit den größten Ehrenbezeugungen empfangen, obwohl mehr als einer von ihnen an den schrecklichen Zuständen in ihrer Heimat mitschuldig sein mag. Unser Minister des Aeußern hat es gewagt, eine Bahn in der Türkei zu projektieren, die den russischen Regierern und panslavistischen Zeitungen nicht genehm ist und da ist gleich die französische und englische Presse über ihn hergefallen, als ob er ganz Europa in Aufruhr bringen wollte. Das heilige Rußland darf nicht gekränkt werden und die „österreichische" Bahn wird wahrscheinlich — nicht gebaut werden. Erfreulich ist es, daß vor einiger Zeit König Karl von Rumänien bei seiner Anwesenheit in Wien zu den Beratungen der austro-rusfischen Diplomaten über die türkischen Angelegenheiten beigezogen wurde. Ich war bei der Beratung nicht zugegen, aber ich kann mir denken, daß er wohl der Türkei geraten hat, das Beispiel der rumänischen Regierung zu befolgen: Sie möge einfach die Bulgaren, Serben, Macedonier und Kuzowallachen für Fremde erklären, die keinen Anspruch auf irgendwelche Rechte haben, die aus den Dörfern vertrieben, von Aemtern, Schulen, öffentlichen Arbeiten und vielen Erwerbszweigen ausgeschlossen sind, gelegentlich ausgeraubt, verstümmelt, gemordet und in die Donau geworfen werden können. Dann wird Ruhe in der Türkei herrschen, keine europäische Macht wird es wagen, sich ihr gegenüber auf den Berliner Vertrag Nr, 10 zu berufen und die Gattinnen des Sultans werden mit rührenden Gedichten bei Christen für ihre Taubstummen- und Blindenasyle betteln können, wofür Marcus Tullius Horatius Pinelius sie wieder besingen wird. Am Kongo gibt es keine Juden mit lateinifierten Namen und so wird König Leopold von Belgien noch lange auf seinen Sänger zu warten haben. Reiche, große Unternehmungen ins Werk setzende Geschäftsmänner hat man zuweilen königliche Kaufleute genannt, der belgische Koburger verdient dagegen den Namen eines kaufmännischen Königs. Wie der belgische Kammerdeputierte Lorand vor einigen Monaten in der „Neuen Freien Presse" berichtete, hat der König, um sich Geld zu verschaffen und die Bevölkerung besser ausbeuten zu können, alle von den Eingeborenen nicht bewirtschafteten Gebiete für herrenloses Gut, mit anderen Worten für Eigentum des Staates Kongo, das heißt des Königs, er-" klärt, der auch das Monopol auf alle Bodenerzeugnisse für sich in Anspruch nahm. Die ganze eingeborene Bevölkerung wird gezwungen, durch Frohndienste, Beschaffung von Lebensmitteln und Einsammeln von Kautschuk ihre Steuern zu entrichten. Die auf diese Weise ausgepreßten Millionen wurden zu Luxusbauten in Belgien verwendet. Eine auf Drängen englischer Missionäre nach dem Kongostaat gesendete Kommission berichtete von diesem Ausbeutungssystem und den Grausamkeiten der königlichen Agenten, von militärischen Exekutionen, Plünderungen und Verbrennung von Dörfern der Eingeborenen, welche sich nicht genug arbeitswillig zeigten. Dagegen behaupteten wieder belgische, für die Regierung des Kongostaates eintretende Zeitungen, all dies sei von den Engländern aus Geschäftsneid und weil sie selbst sich die ertragreiche Kolonie aneignen wollen, übertrieben oder gar erfunden worden. Aber wie sagt doch Königin Blanko: Welcher recht hat, weiß ich nicht — Doch es will mich schier bedünken . . . Wie die Engländer, die Belgier, die Franzosen, so treiben es auch die Deutschen in ihren afrikanischen Kolonien. Was wir hiervon wissen, beruht zum Teil auf eidlich vor deutschen Gerichten gemachten Aussagen. Das erste, womit die Engländer ihre afrikanischen Untertanen beglückten, war die Einführung von Steuern. Das reiche England könnte ja ohne die paar Pfunde aus Afrika nicht bestehen. Aber man wollte dadurch, sagte man, „erzieherisch wirken", das heißt, die armen Schwarzen, die die Steuer nicht zahlen konnten, zur Arbeit zwingen. Daß diese dadurch zum Vorteile der englischen Kolonisten um geringen Lohn arbeiten mußten, das war wohl der Hauptzweck. Konnte der Eingeborene die Steuer für ein Jahr in barem Gelde nicht entrichten, so mußte er dafür einen vollen Monat arbeiten, sie betrug also ein Zwölftel seines Bruttojahreseinkommens! Als Grundsatz galt: „Die Steuersumme muß aufgebracht werden, sei es durch Geld, sei es durch Arbeitsleistung, und die einzige gerechte und billige Art der Eintreibung ist eine gleichmäßige, bedachte Rücksichtslosigkeit." Eingeborenen, welche die Steuer nicht zahlen und auch dafür nicht arbeiten wollten, wurden die Hütten niedergebrannt. „Nicht zum wenigsten diese plausible Erklärung für die Notwendigkeit der Steuer hat unsere Schwarzen zu willigen Arbeitern und Steuerzahlern gemacht," erklärte selbstzufrieden ein Engländer. Das schöne Beispiel wurde von den Deutschen in ihren afrikanischen Besitzungen nachgeahmt. Aber das ist noch das Geringste. Infolge der Bedrückungen und Mißbräuche der deutschen Beamten, wovon noch die Rede sein wird, ist es zu Aufftänden gekommen — die dummen Schwarzen konnten eben nicht begreifen, daß sie auf einmal Bürger eines deutschen Reiches geworden sind, von dem ihre Väter und Großväter nichts gewußt haben. Die Ausstände wurden natürlich, Dank den besseren Waffen und der geschickten Kriegführung der deutschen Truppen, niedergeschlagen. Freilich nicht ohne empfindliche Verluste für diese. Aber man gewann Kriegsgefangene Wr. Bioco s MocvenscvnrL.