Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-03-06 · 10 (6.3.1908) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
10 (6.3.1908)
Date
1908-03-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021764-3021775--17146-3042005
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Rr. 10 Dr. Blocb’s Mocdenscvrin. Seite 179 meinte und in manchen Fällen auch eine nützliche und wohltätige Anmaßung. Bei der praktischen Betätigung verwandelt sich aber die Erziehung und Erhebung der Völker, die nicht christlich und nicht „arisch" find, in Ausbeutung, Unterdrückung und in manchmal bis zur Ausrottung der Schwachen gehende Grausamkeit. Den Starken gegenüber begnügt man sich mit Verachtung und Beleidigung, wie fie fich zum Beispiel in der sogar gegen die Verträge verstoßenden Behandlung der Japaner in Nordamerika äußern. Vor einem halben Jahrhundert find sie durch eine amerikanische Flotte gezwungen worden, den Ariern ihre Häfen zu öffnen, mit ihnen Verträge zu schließen, und wenn sie jetzt die gleichen Rechte in Amerika beanspruchen, antwortet man ihnen höhnisch: Ihr seid ja gelb! Als die amerikanischen Kolonien fich im Jahre 1776 von England losrissen, erklärten sie feierlich, Leben, Freiheit und Eigentum als unveräußerliche Rechte aller Menschen, gleichzeitig aber klagten sie die englische Regierung an, daß fie die Negersklaven zur Flucht und zum Ausstand verleite. Als ob die Sklaven keine Menschen wären. So hatte auch schon der römische Historiker Florus gesagt: fie find zwar zur Sklaverei bestimmt, aber gewissermaßen auch Menschen (per fortunam in omnia obnoxii, tarnen quasi secundum hominum genus sunt). Gewiß, es hat unter Amerikanern und Engländern edeldenkende und fromme Christen gegeben, die fich der Sklaven annahmen, aber fie wurden lange bekämpft und verspottet. Erst ein halbes Jahrhundert nach der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung ist der Sklavenhandel und die Einfuhr von Sklaven abgeschafft worden, und es hat beinahe ein weiteres halbes Jahrhundert gedauert, bis die Sklaverei in Amerika ganz aufgehoben wurde. Mehr aus politischen und nationalökonomischen als aus menschenfreundlichen .Motiven. So hat auch Fürst Bismarck das allgemeine Wahlrecht nicht aus demokratischer Gesinnung eingeführt, sondern als Kampfmittel gegen Oesterreich. Und find denn die Schwarzen in Amerika jetzt wirklich gleichgestellt? Gerade wie bei uns die Juden, die auf dem Papier der Gesetzbücher so schön „gleichgestellt" find. Sie werdm in jeder Weise zurückgesetzt, gesellschaftlich boykottiert und die Lynchjustiz wird mit Vorliebe gegen fie angewendet. Es muß dabei wohl auch mancher schwarze Hilsner das Leben laffen. Den Juden wirft man vor, daß fie ungebeten und unerwünscht überall hingekommen sind; „Gastvölker", denen aber keine Gastfreundschaft gewährt werden soll, werden fie von den Antisemiten genannt; die Neger find aber gar nicht freiwillig gekommen, fie wurden aus ihrem Heimatlande geraubt, gestohlen und verschachert. Le roi est mort, vive le roi pflegte man in Frankreich beim Tode des Königs zu sagen, ebenso ist nach dem Tode des alten Sklavengeschäftes ein neues ins Leben getreten. Man exportiert die Neger nicht mehr, aber man geht in ihr Land und zwingt sie dort, für die Europäer zu arbeiten. Da erspart man die Transportkosten und die Verluste, die man durch die vielen beider Ueberfahrt in vollgepfropften Schiffen vorgekommenen Todesfälle zu erleiden hatte. Aber die Europäer find ja inzwischen stark fortgeschritten, find sehr human und christlich geworden, und wenn die Gelben, Braunen und Schwarzen unterjocht und ausgebeutet werden sollen, so finden fie stets einen guten Grund dazu. Es ist das System des „Zupp mech" in der Politik. Da ist einmal ein polnischer oder russischer armer Jude, lange bevor die große Judenauswanderung aus Rußland begonnen hatte, nach London verschlagen worden. Er stand an der Waterloobrücke und wartete, ob nicht ein Vorübergehender ihn etwas verdienen lassen werde. Nach einiger Zeit kam ein reicher Engländer vorbei, dem der lange Bart und die sonderbare Tracht des Juden auffielen. Er machte fich den Spaß, ihn am Barte zu zupfen, wobei er ihm einige Haare ausriß. Auf das Geschrei des Gezupften eilte ein Konstabler herbei und führte die Beiden zur Polizei oder zum Friedensrichter, wo der Engländer verurteilt wurde, dem Juden zwanzig Pfund als Schmerzensgeld zu zahlen. Damit fuhr dieser sogleich nach Hause, wo er in dem kleinen, armen Städtchen mit den 120 Rubeln ein Krösus war. Als man dort die Art erfuhr, wie er dieses Vermögen erworben hatte, begab fich einer seiner Nachbarn sofort nach London, stellte fich an der Brücke auf und rief, da man ihn in Ruhe ließ, jedem Vorübergehenden „Zupp mech, zupp mech!" zu. Aber die Engländer haben fich inzwischen schon an die ausländischen Juden gewöhnt. Freilich haben diese nicht die Absicht, den Einheimischen ihr Land zu nehmen oder fie zur Arbeit für die Arier zu zwingen. Die Neger, Araber, Chinesen usw. laffen fich aber, durch die Provokationen der Europäer gereizt, manchmal zu einem „Zupfer" fortreißen und dann haben diese den gewünschten Vorwand, um fich „Satisfaktion" zu verschaffen. Warum habe ich mich aber wieder an die Anekdote, die ich einmal in einem jüdischen Kalender gelesen habe, erinnert? Weil ich in einem Werke des geistvollen englischen Gelehrten Herbert Spencer eine treffende Schilderung des „Zuppmech-Systems" der Europäer in anderen Weltteilen gelesen habe. „Widerstand gegen einen zudringlichen Sportsman oder herausfordernden Forschungsreisenden", sagt er,') „Ungehorsam gegen einen Konsul, ja selbst die Weigerung. Lastträger zu liefern, dienen als genügender Vorwand für Angriff, Eroberung und Annexion. Die Sache geht überall gewöhnlich in dieser Reihenfolge vor fich: Zuerst kommen Miffionäre, darauf läßt man fich von einem Häuptling eine Landkonzesfion erteilen, die bald Gelegenheit zu Streitigkeiten gibt, denen Angriff der Europäer und Besitznahme des Landes folgen. Zuerst schickt man Miffionäre, um die Heiden zum Christentum zu bekehren, und dann Soldaten, um ihnen mit Maschingewehren den Garaus zu machen?) Diese sogenannten Wilden, die fich so friedlich verhalten, so lange man sie in Ruhe läßt, werden von den sogenannten Zivilisierten in der Moral unterwiesen und dann, des guten Beispiels wegen, unterjocht und ihres Grundbesitzes beraubt. Die Sache ist sehr einfach: Zuerst Bibeln und dann Bomben und Kartätschen. Das geschieht draußen. Und zu Hause? Da werden die Eroberer mit Ehren, Orden und Gehalten überhäuft. Ein Reisender, der fich kein Gewissen macht, Menschen niederzuknallen, wird als Held betrachtet, von den Vornehmen gefeiert, der Führer einer Flibustier- Expedition wird von den niederen Klaffen verehrt. Da hört man nur von britischer Macht, britischer Schneid, britischen Jntereffen, aber von Gerechtigkeit kein Wort, kein Gedanke." Bei zivilisierten außereuropäischen Staaten beginnt man mit Verlangen einer „offenen Türe", „Platz an der Sonne", Eisenbahnkozeffionen u. dgl. Nach dem „Zuppmach-System" hat Frankreich die Beleidigung seines Konsuls benutzt, um einen Vorwand zur Eroberung von Algier zu haben, hat das Herumstreifen einiger Krumir- Horden an der Grenze von Algier benutzt, um fich Tunis zu bemächtigen, worauf die aus dem Dunkel Plötzlich aufgetauchten Krumirs wieder in die Unsichtbarkeit verschwanden. Jetzt bot ihm wieder die Ermordung eines Franzosen Gelegenheit, seine Truppen nach Marokko zu schicken, wo fie aber vorläufig wohl von den Eingeboren „gezuppt" werden, aber auf die Entschädigung noch warten müssen. Die französische Regierung behauptet, zwar keine Eroberung machen und fich strikte an das Uebereinkommen von Algeciras halten zu wollen, aber wenn es nur gelingt, im Lande festen Fuß zu fassen, wird man schon einen Vorwand finden, da zu bleiben und die Algecirasakte wird soviel Wert behalten, als Rumäniens Unterschrift auf dem Berliner Vertrag. Schlimmstenfalls wird man den anderen Mächten einen Anteil an der Beute geben. Manche glauben, daß das Auftreten eines zweiten Sultans und der drohende Bürgerkrieg in Marokko den französischen Politikern unangenehm sei. Das Gegenteil ist wohl der Fall. Solche innere Zwistigkeiten find Wasser auf die Mühle der Eroberungslüsternen. Schon die alten Römer haben die Thronstreitigkeiten in Judäa und anderen asiatischen Staate« zu ihren Zwecken auszubeuten gewußt. So haben die Engländer den Aufstand Arabi Paschas benutzt, um fich in Egypten festzusetzen, und wie dort die Eingeborenen von ihnen behandelt ') The principles of Sociology, Part 8 cb. 91 § 844. -) Da kommen fie aber direkt in den Himmel!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.