Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-03-06 · 10 (6.3.1908) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
10 (6.3.1908)
Date
1908-03-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021764-3021775--17145-3042004
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 178 Dr. Llocds Mlocvenscvrln. Nr. 10 gesehen. Vorstandssitzung ist erst Ende der Woche, früher kann nichts bewilligt werden. Herr, Erbarmen! Acht Leute und kein Bissen Brot, der Säugling da liegt seit vorgestern au einer Brust, die der Hunger ausgedörrt, ausgetrocknet hat. Es tut dem Sekretär sehr leid, aber von seinem geringen Gehalt kann er wohl selbst nichts hergeben. Achselzuckend dreht er sich zu seinem Schreibtisch herum und schreibt weiter im Jahresbericht: Aus der segensreichen Tätigkeit unseres Vereines heben wir noch besonders hervor . . . Im nackten Vorraum vor den Schaltern bleibt Jetty Reumann stehen, das Herz gelähmt. Aber die Kinder begreifen nichts, ziehen sie an den Kleiderfetzen. Gibt's jetzt Brot? Ihretwegen wird das schwache Weib zur Riesin. Auf und weltergehen, jetzt muß sie stärker sein als ihre Erschöpfung durch Hunger und Angst. Noch einmal durch lange steinerne Straßen, durch Wind und Kälte und Kot, noch einmal hohe Stiegen hinauf zu einem Armenhort. Bedauere, es ist nichts da, nächste Woche vielleicht! Herr, sechs Kinder! Die arme Frau zwängt schon die Worte durch die lechzende zugeschnürte Kehle. Barmherzigkeit! Nächste Woche, sie hat doch schon gehört — und eine Türe fällt in ein unwillig knackendes Schloß. Nächste Woche — wie lange braucht ein Mensch zum Verhungern? Jetty Neumaun wankt wieder nachhause. Fühlen und Denken ist in ihr gestorben. Das war zu viel. Im Traume hört sie, daß sie jemand aus der Mitte der Straße reißt, daß hinter ihr ein Tramwaywagen steht, daß die Leute zusammenlaufen und schreien. Was wollen sie von ihr? Jetzt kommt sie an den Fluß. Siehst du da unten die riesige grüne Schlange, die sich ringelnd heranwälzt und mit starrem Höhnen im gierigen Gesicht die junge Mutter angrinst? Siehst du, wie das schwache Geschöpf da oben auf der Brücke mit weitgcösfueten Augen in den Tod hineiustarrt, zu dem sie das Schicksal verurteilt hat? Willenlos, in Ruhe fast, schwenkt das Weib vom Wege ab, wo rasselnd der Verkehr vorbeisaust, dem stillen Ufer zu, dem starren Blick der grünen Schlange entgegen ... Wartet Kinder bald ist die Not zu Ende. In seiner Novellensammlung „Caritas" beschreibt Karl Schöuherr in grimmiger Satyre die Lebensrettung einer Selbstmörderin aus dem Wasser. Die Erlösung nimmt man ihr weg, gibt ste der Verzweiflung zurück. Jetty Neumanu wurde gerettet, bevor noch die Tat vollbracht war. Uud dann wurde sie dem Landesgerichte eingeliefert. Wegen Mordversuch. Der Staat erlaubt ihr nur den natürlichen Tod für ihre Kinder durch Hunger und Entkräftung. Trauriger Fall, aber die Paragraphe sind die Quintessenz des Lebens. Sie braucht sich wohl nicht zu fürchten. Kein Geschworner wird die Tragödie einer Mutter noch erschweren. Sie wird sich sattessen und die drei Kinder auch, mit denen sie sich vor den Menschen ins Jenseits flüchten wollte. Mehr als das. Jetty Neumann ist glücklich. Ein Märchen ist wahr geworden an ihr. Sie hat Geld, mehr Geld, als sie in ihrem Leben beisammen hatte, Tausende von Kronen. Sie wird den Gatten Pflegen, die Kindernähren und erziehen, sie wird sich eine Beschäftiguug finden können. Denn als sie ins Gefängnis kam, da führte ihr das Glück einen Richter in den Weg, der nicht da ist, um Strafen zu verhängen, sondern um milde und menschlich alles Unrecht gut zu machen. Oberlandesgerichtsrat Dr. Wach ist ein praktischer Tolstoianer, er ist bekannt als der don juge, als der Mann mit dem großen Herzen. Kein Mißtrauen und keine Gehässigkeit hielt ihn zurück, als er die zerfetzte polnische Jüdin sah, von der ein Vergani sicherlich gesagt uud fast alle ihm nachgeschwätzt hätten, daß sie ein wirksames Schnorrmauöver am Donaukanal aufgeführt habe. Er ging auch nicht an ihr mit jener Gleichgiltigkeit vorüber, die sich mit einem kurzen, leeren und gedankenlosen Trostworte begnügt und aus der Sache höchstens einen interessanten Gesprächsstoff für den Kaffeehauslisch macht, sondern der mit Berufsarbeiten überlastete Oberlandes gerichtsrat Dr. Wach ließ es sich nicht verdrießen, füreine arme, verachtete, polnische Jüdin die ganze Oeffentlichkeit mit ergreifendem Mahnruf aufzurütteln. An vielen, vielen Menschen ist Jetty Neumann auf ihrem Leidensweg vorbeigegangen, keiner hatte Herz genug, sie vor dem Aeußersten zu retten. Erst als sie an den hohen Beamten kam, den Arbeitsmenschen, den Christen, ließ er alles stehen uud liegen, um ein Werk der Barmherzigkeit zu üben. Mehr noch als das hat er getan. Er gab der Welt, die für die Armut schwindelnd tanzt und spielt und sprichteine Lektion in der Menschlichkeit und er zeigte der ganzen Oeffentlichkeit, was für ein armes, elendes, schwaches Wild der polnische, kleine Jude ist, den man von rechts nach links verfolgt und hetzt und beschimpft, bis er niederbricht. Weit über das Niveau der Kultur von heute hat sich Oberlandesgerichtsrat Dr. Wach emporgehoben, als er ohne jede Furcht und Rücksicht der Rechtsanwalt der armen, polnischen Jüdin wurde. Dafür sind wir ihm Dank schuldig geworden, desto größeren Dank, je brüsker, rücksichtsloser sonst die Gemeinheit der Antisemiten ist, und wir erstatten ihn auch aus ganzem Herzen als Menschen und Juden. Arisch-christlicher Zivilisalionserport. Die Rassentheorie wie sie von Gobineau und Houston Chamberlain aufgestellt, von den noch kleineren Geistern unter ihren Nachbetern und Nachtretern bis zur Lächerlichkeit übertrieben und angepriesen wurde, ist von echter Wissenschaft so weit entfernt, wie das, was sich jetzt mit keckem Eigenlob christlich nennt, von den Lehren des Stifters der christlichen Religion. Wenn ich trotzdem in Folgendem die bei den Christlich- Sozialen und Rassenfanatikern beliebten Ausdrücke in ihrem Sinne gebrauche, so geschieht es einesteils, weil ich mich nach dem Rat in den Sprüchen Salomons XXVI 5 richte, andernteils weil auf diese Weise der Kontrast zwischen den Deklamationen und Ruhmreden von arischer Kultur und christlicher Liebe und den Taten und Zielen der christlich-arischen Kulturverbreiter in ihrem Verkehr mit Völkern anderer Rasse und Religion umso greller und schärfer sichtbar wird. Eigentlich besteht aber der Gegensatz nicht zwischen den gar nicht wissenschaftlich zu bestimmenden Ariern und andern Völkern, sondern, besonders in intellektueller Beziehung, zwischen Europäern und den Eingebornen anderer Weltteile. Ja man wird vielleicht in nicht ferner Zukunft sagen können, Asiaten und Aftikanern, denn die Eingeborenen Australiens hat man schon fast ganz ausgerottet und bei der Ausrottung der Indianer sind die freien Bürger Nordamerikas eifrig am Werk. Schon Herodot, der älteste Historiker der Griechen, hat den Gegensatz oder die Feindschaft zwischen den Griechen und Asiaten, den „Barbaren", hervorgehoben, und den Judenhaß haben durch Vermittlung der Römer die Europäer von den Griechen übernommen, deren geistige Erben und beste Schüler zu sein sie sich rühmen. Und ich brauche gar nicht in so weit entlegene Zeiten, zu den Kämpfen um Troja und den Perserkriegen, zurückzugehen. Sagt doch Otto Gruppe*) ebenso richtig als witzig: „Noch heutzutage spukt der liebliche Geist des unendlich schönen, unendlich tugendhaften, unendlich begabten und deshalb zur Freiheit erkorenen Griechenvolks neben dem gräßlichen Gespenst des namenlos wollüstigen, unsäglich verruchten und deshalb zur Sklaverei verdammten Orientalen umher." Auf diese Minderwertigkeit gestützt, glauben nun die überaus moralischen, christlichen und allweisen „Arier" sich berechtigt und verpflichtet, die Völker anderer Rassen zu belehren, zu erziehen und zu christianifieren. Dieser Anspruch wäre an und für sich schon eine Anmaßung, wenn auch eine gutge- ') Die griechischen Kulte und Mythen in >hr u Beziehungen den orientalischen Religionen. Bd. I, 168.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.