Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 10 (6.3.1908)
- Date
- 1908-03-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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nsssaffw Er. 10 Dl*a BlOCH’S Jahrgang XIV Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Judentums. Wien, 6. März 1968. - Lrscbelnt jeden Freitag. Brief-Adresse: Mien» IX/i, Dabngasse 15. Telegramm-Adresse: Mlocb's Mocbenscbrltt. Mien. Rr. 810.976. Redaktion und Administration: Wien IX/i, Dabngasse IRt. 15. Telefon Nr. 14.847. L K. Postsparkassen««» OG O ■ —-O o Vexugsprris für Vestrrrrirh: Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplare 50 Heller. Für's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Anzeigen: Die 4mal aefpallene Petitzeile 24 Heller. £ oP --Oo Inhalt r Leitartikel: Das Glück der polnischen Jüdin. — Arisch-christlicher Zivilisationsexport. — Die Judenberrschaft in der Bahnverwaltung Oesterreichs und Ungarns. — Der Antisemitismus auf der deutschen Post in Jerusalem. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Juden als Schachspieler. Agadisches in den Evangelien. Gutachten über das Schächten. Ein Ehrenzeugnis für das Schächten. Ein Bibelfund. Ein Augenzeuge von Rachels Leichenbegängnis. Bubokratisches. — Korrespondenzen: Israelitische Allianz zu Wien. Verein für Krankenpflege und Unterstützung handlungsangehöriger Israeliten. Fünfte Tagung der deutschen Konferenz-Gemeinschaft der „Alliance Jsraälite Universelle". Hamburg. Die Lage in Marokko. Russische Juden als amerikanische Soldaten. Handelsminister Oskar Straus und das Emigrantenkind. — Vermischtes: Wien. Humanität und Kunst. Jüdische Toynbee-Halle. Kaiser Jubiläums-Wohltätigkeitsvorstellung im Deutschen Volkstheater. Humanitäts-Verein „Gomle-Chesed". Jüdischer Turnverein in Füufhaus. Bet-Hamidrasch „Talmud-Thora". Zur Befreiung Hilsners. Wien-Hirschstetten. Nikolsburg. Klattau. Straßnitz. Wahlen in der Budapester orthodoxen Gemeinde. — Feuilleton: Zwischen Hammer und AmboS. — Literatur. — Briefkasten. — Notizen. — Inserate. Das Glück der polnischen Jüdin. Niemand begegnet der Bestie im Menschen so oft wie der Polnische Hausierer. Mit Gehässigkeit wird er empfangen und weggeschickt und die Roheit wählt sich ihn oft genug als Objekt für ihre feigen Kraftproben. Auch die der Gesetzgeber. Sie tun sich etwas zugute darauf, wenn sie so einen armen Teufel in Verzweiflung stürzen, indem sie ihm das Brot wegnehmen. Der Gewerbestand will leben. Sehr schön. Aber auch der Gewerbestaud, der auf die Austräger seiner Erzeugnisse angewiesen ist. Und außerdem wird es immer Existenzen geben, deren Fähigkeiten und Kräfte so schwache sind, daß sie gerade noch den kleinsten Kleinbetrieb des Handels versehen können. Wohin mit ihnen? Will man sie zum Bettel oder zum Verbrechen zwingen, sie lästig und gefährlich machen? Will man sie in die Versorgung schicken in ihre armen und kleinen Gemeinden, wo sie zwei Kronen und vom Bürgermeister den Befehl erhalten, sich ehebaldigst fortzuscheren? Ganz gewiß soll man junge und gesunde Burschen von diesem Geschäfte fortjagen, soll achtgeben bei der Erteilung der Erlaubnis. Aber diejenigen, welche nicht anders arbeiten können, muß jeder einzelne, müssen die parlamentarischen Körperschaften unter dem Gesichtswinkel betrachten, daß diese Hausierer eigentlich Fanatiker der Ehrlichkeit sind, daß sie nicht zum Schnorrer heruntersinken wollen, sondern mit bewundernswerter Ausdauer tausendemal im Tag ihr höfliches Angebot machen und Hundertemal Grobheiten zur Antwort bekommen, daß sie sich müde rackern, um aus ihrem armseligen Warenlager den armseligen Lebensunterhalt für sich und ihre Familie herauszuschinden. Wer immer unter den Eiferern war, wer so einen unglücklichen Nomaden des Kleinhandels mit Aerger und Ungeduld behandelte, wer sich gesetzlicher Maßnahmen gegen ihn schuldig machte, wurde in den letzten Tagen sicherlich zu Reue und Beschämung gebracht, als sich durch die geplante Verzweiflungstat einer Mutter das tiefe Elend offenbarte, das bei einem polnischen Hausierer entstand, als ihn eine Krankheit den Bissen Brot nicht verdienen ließ, von dem er und seine große Familie an der Grenze zwischen Sein und Nichtsein vegetierten. Der Hausierer Neumann fiel niemandem zur Last. Unverdrossen schleppte er sich und seine Waren den halben Tag und die halbe Nacht von Lokal zu Lokal, um die Kinder zu ernähren, die er nach dem heiligen Gebote in die Welt gesetzt hatte: „Seid fruchtbar und mehret euch!" Ein anderes Bibelwort ging an dem armen Frommen in grausame Erfüllung: „Wen Gott liebt, den sucht er heim."' Neumann wurde beinahe blind. Er konnte nicht mehr fleißig sein. So schwand ihm die Ware aus den Händen. Aber er ergab sich nicht. Für seine junge Frau, für seine sechs unmündigen Kinder trotzte er verzweifelt dem Schicksal. Kaufte sich für die letzten paar Kreuzer Nüsse und suchte sie teuerer zu verkaufen. Die Menschen haben nur Augen für sich selbst. „Soll er arbeiten!" knurrten sie, wenn sie ihn abgefertigt hatten. Seine Quartiersleute waren so arm wie er, hatten selbst nichts zu leben im harten Daseinskämpfe. Du oder ich. Sie setzten ihn im strengsten Winter gewaltsam auf die Straße. Das Asyl für Obdachlose, viel zu wenig von der öffentlichen Mildtätigkeit bedacht, gab den acht Leuten barmherzig Wohnung. Neumann tappte sich mit seinen Nüssen weiter durch die Straßen. Niemand brauchte Nüsse, wollte Nüsse. Sechs kleine Kinder schrie» vergebens jeden Abend um Brot. Mit den drei kleinsten von ihren Kleinen, die sie nicht ohne Aufsicht lassen konnte und durfte, die ihr an den entkräfteten Händen hingen wie eine schwere Last, schleppte sich inzwischen die junge Mutter mit bleiernen Füßen in die Bureaus der Wohltätigkeits- Vereine, deren Adresse ihr irgend eine Bettnachharin im Asyl auf einen schmutzigen Zettel aufgeschrieben hatte. Weite, weite Straßen lang, auf hartem Pflaster und in elendem Schuhwerk. Geputzte Menschen schritten an ihr vorbei, die gestern Abends für eine Laune, für ein Weiberlächeln Banknoten geopfert hatten. Oh, gebt diesem armen Weibe mit dem schreienden Säugling in den Armen auch bunte Kleider, hängt ihr Geschmeide um den Nacken, richtet sie her und auch sie wird Männer begeistern. Denn sie ist jung, blutjung, 21 Jahre und sie hat ein Recht auf das Leben. Ader von solchen Gedanken lebt keine Spur in ihr, sie sieht nichts und niemanden auf dem bitteren Bittgang für den blinden Gatten und die hungernden Kinder. Dumpfer Schweiß dringt ihr aus den Poren, wie sie im Wohltätigkeitsbureau oben steht, ihr ist beklemmend heiß vor Müdigkeit und Furcht. Der Sekretär ist schon abgestumpft, hat schon viel Armut