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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-02-28 · 9 (28.2.1908) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
9 (28.2.1908)
Date
1908-02-28
Page
– (sequence 14)
Language
German
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•eile 174 Dr. Moeb's MscbenscbrLkt. Nr. 9 Betmantel, in dem er sich ebenfalls gehüllt, tief über die Augen fallen und versah sich iu gleicher Weise mit einem Kabbalebuch. Da standen alle drei gerüstet und bereit, den Kampf mit dem toten Benzion aufzunehmen. Nun, Mb Feiwel, öffnen Sie die Türe," befahl der Rabbi einem seiner Gehilfen. Mb Feiwel jedoch blieb wie angewurzelt stehen und vermochte weder Hand noch Fuß zu rühren. „Oeffneu also Sie, Rib Schaje Jakow!" Mb Schaje Jakow aber war noch viel weniger mutig uud vermochte vor Augst kein Glied zu rühren. „Rabbi," fing Rib Feiwel an, „eigentlich ist es recht uud billig, daß Sie die Türe öffnen. Sie sind bei sich zuhause, daun wird er auch viel weniger Gewalt über Sie haben?" „Um Gotteswillen, heiliger Rabbi," ließ sich inzwischen die Stimme Beuzions draußen vernehmen. „Haben Sie Mitleid, ich erstarre ja vor Kälte!" Voll Schauer und Angst standen der Rabbiner und seine beiden Gehilfen tief in ihre Bettalare vermummt, ohne nur einen Schritt zu machen. Ihre Beine wankten und ihre Zähne klapperten. Rib Feiwel, der Mutigste unter chneu, faßte sich ein Herz uud rief: „Oeffnen wir alle zusammen!" Und alle drei, fast zu einem Klumpen verwachsen, schoben sich mit schlotternden Knien und flatterndem Herzen Schritt um Schritt der Türe zu und alle sechs Hände legten sich ans Schloß und öffneten. Kaum jedoch, baß sie Benziou gewahrten, vom Kopfe bis zu den Füßen mit weißem, blankem Schnee bedeckt und der Bart eisstarr, wie mit Glas überzogen, sank ihnen das Herz und alle drei flohen entsetzt davon, so daß in der wilden Flucht den zitternden Händen Rib Leibisch' das Licht entfiel und erlosch. In der Finsternis, in welcher sie mit dem Toten allein zurückgeblieben sind, wuchs der Schrecken zu einer Grabesschäuer. Der Rabbi drückte angstvoll das heilige Buch gegen das fast stillstehende Herz und rief mit heiserer Stimme: „Ich beschwöre Dich, Benzion, Sohn Naftalis, beim heiügen Sefer, das ich in meiner Hand habe. Ich beschwöre Dich, mein Haus sofort zu verlassen!" „Beim heiligen Engel Gabriel," zähneklapperte Rib Leibisch, „beschwöre ich Dich, Sohn Naftalis, in Deine Grabesstätte zurückzukehreu!" Rib Schaje Jakew wieder vermochte vor lauter Entsetzen kein Wort hervorzubringen. „Sind die Leute alle verrückt? Ist Ihnen die Hölle in die Glieder gefahren?" brummte Benzion vor sich, indem er laut fortfuhr: „Was bebt, was zittert Ihr? Wer hat's Euch vorgeschwätzt, daß ich gestorben bin? Lebe ich ja wie einer von Euch. Wo ist nur Licht? Wart's ich werde Licht machen. Da habe ich zum Glücke ein Zündhölzchen bei mir in der Tasche." Dies sagend rieb er dasselbe an der Wand. In dem ausflackernden Lichte erblickte er die beiden Rabbiuatsgehilfen unter dem Tische liegen uud der Rabbiner, tief in seinen Bettalar vermummt, mit dem Folianten in den zitternden Händen, bleich und starr bei der Türe. Im Augenblicke, als das Zündhölzchen anfflammte, flohen beide Helden wie zwei Fledermäuse von unter dem Tische sich iu das zweite Zimmer flüchten. Und in dies«» Augenblicke erhob sich ein wüster Lärm, ein jämmerliches Durcheinänderschreien. Rib Feiwel nämlich stolperte iu der Finsternis über das Bett, auf welchem die Rabbinerin lag, und Rib Schaje Jakow wieder, der sich hinter den Ofen zu verstecken suchte, plumpste über die Magd, die dort schlief, und als die Beiden erwachten und von ihnen die Kunde vernahmen, welch einen lieben Gast sie jetzt bei sich zuhause haben, erhoben sie ihre Stimmen und schrien: „Gewalt' Gewalt!" und mit ihnen schrien beide Gehilfen, was den Rabbiner aus seinem Starrkrampfe wachrief, so daß auch er seinen Mund weit aufriß und mit in den Chor einstimmte: „Gewalt! Gewalt! . . ." „Daß Ihr Alle taub und stumm werdet!" wettertE Benzion mitten hinein, daß Euch die Hölle verschlinge, Jhr- Halunken! Ihr Höllengezücht! Bleibeich noch fünf Minuten unter diesem heulenden Gesindel, dann verliere ich den Rest von Verstand, wenn das schon bis jetzt nicht geschehen ist — oder ist das alles nur ein Traum? . . ," Wie um Gewißheit zu haben, riß er weit die Augen auf. Er sah den Rabbiner wie einen zappelnden Klumpen bei der Türe liegen, während das Geheul im Nebengemache immer wüster wurde. „Fort muß ich," ries er sich selber zu. Das Einzige, was mir noch das beste dünkt, ist, in die Synagoge zu gehen, wo die Klausner schlafen. Dort lege ich mich auf eine Bank und morgen werde ich hoffentlich über dieses Treiben Näheres erfahren. Dies sagend, verließ er mit Flüchen und Verwünschungen die Wohnung des Wunderrabbi, von wo aus er sich direkt in die Synagoge hinbegab. Dort fand er die Klausner auf verschiedenen Bänken hingestreckt. In allen Winkeln herrscht feierliche Stille, die nur hie und da von einigen, kräftigen Schnarchlauten unterbrochen wird. Sachte streckte auch er sich auf eine der Bänke vor den warmen Eisenofen hin, wickelte sich fest in seinen Bärenpelz ein und betäubt, wie er von all den schrecklichen Erlebnissen dieser Nacht war, versank er kaum nach einigen Minuten in tiefen traumlosen Schlaf. Der Wunderrabbi wieder, der unterdessen gewahrte, daß der Tote sein Haus bereits verlassen hatte, beeilte sich, rasch die Tür hinter ihm abzusperren und machte wieder Licht. Alle Hausleute, die durch den in ihrer Nachbarschaft entstandenen Lärm aus dem Schlafe fuhren, umstanden jetzt in den tiefsten Nachtkostümen den Rabbi mit weit aufgerissenen Mäulern und geisterhaft glotzenden Augen. „Narren, die Ihr seid!" rief ihnen der mutige Rabbi zu, „habe ich ja den Toten schon aus dem Hause verbannt. Das. kostete freilich einen schweren Kampf, aber am Ende habe ich doch gesiegt!!" (Fortsetzung folgt.) Literatur. S. Jampel: Das Esther-Buch, Kaufmann, Frankfurt a. M. 1907. Unser Autor macht den sehr verdienstlichen Versuch, die Authentizität und Historizität des Esther-Buches gegenüber den so zahlreichen Anfechtungen aufrechtzuerhalten. Man mag solchen Rettungsversuchen gegenüber welche Stellung immer einnehmen, so wird man dem Verfasser doch die Gerechtigkeit angedeihen lassen müssen, daß er sich die Sache wahrlich nicht leicht gemacht hat, sondern mit großer Sachkenntnis und rastlosem Fleiße seine Gegner aus ihren anscheinend unüberwindlichen Positionen und Verschanzungen zum großen Teile hinausgedrängt hat. Wenn man auch nicht immer in seine Triumphrufe sollte einstimmen können und wenn vielleicht in manchem Leser ein skeptischer, unaufgehbarer Rest Lbriggeblieben sein sollte, so bedenke man, daß besonders in geschichtlichen Dingen die Negation ein unvergleichlich leichteres Spiel hat als die positive Beweisführung, daß Jampel eine vermeintlicheres vieta zu einer res vietrix zu machen bestrebt ist. Und es ist gewiß, daß er eine scheinbar verlorene Sache durch seine redlichen Bemühungen wenn auch nicht zum endgültigen Siege geführt, so doch wieder zur nochmaligen Aufnahme des Prozesses lebenskräftig gemacht hat. Jedenfalls verdient sein ebenso interessantes als lehrreiches Buch die eingehendste Beachtung. Es wird gewiß nicht übel angebracht sein, die wichtigsten Forschungsergebnisse dieser wissenschaftlichen Untersuchung in gedrängter Kürze hier wiederzugeben: Jampel bezeichnet es als irrtümliche Auffassung, wenn man glauben machen will, die alten jüdischen Gesetzeslehrer hätten die Echtheit und historische Verläßlichkeit des Inhaltes des Esther-Buches angezweifelt oder gar in Abrede gestellt, und weist vielmehr nach, daß selbst diejenigen, die dessen kanonische Würdigkeit bestritten, an der geschichtlichen Wahrheit seines Inhaltes, immer festhielten. Die Zurückhaltung, ja Abneigung, die einige führende Männer demselben gegenüber sich auferlegten, erklärt sich aus dessen profanem, der Heiligkeit und religiösen Weihe barem Inhalte, die jedes Eingreifen der Vorsehung vermissen läßt und sich in einer rein pragmatischen, den sonst so beliebten „Finger Gottes" fernhaltenden Art der Darstellung gefällt. Ganz besonders war der Umstand, daß Mordechai dem Haman die vom König gebotene Reverenz versagte (wie auch der streng orthodoxe Malbim gesteht) vom religiösen Standpunkte nicht zu rechtfertigen.' Und so ist auch dem Buche Esther von dem jüdischen Gelehrtenkreise,

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