Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 9 (28.2.1908)
- Date
- 1908-02-28
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 172 L>r. Llocv's MlOcvenscvttN. Kr. 9 Konversation gestört hat, kann sie ihm nicht verzeihen. „Was schreist Du so? Hast Du einen Beutel mit Geld gefunden?" „Nein, aber etwas Befferes erwidert ihr der Gatte mit Würde. Du aber brauchst noch nichts zu wissen, denn einen Narren darf man kein ungebautes Haus zeigen." „Was" schreit sie, „da soll einer zuhor-n. Warum hast Du mir das nicht vor 30 Jahr' gesagt?" „Hast Du mich denn zu Wort kommen lasien?" repliziert er schlagfertig. Beleidigt zieht sich Nettl zurück. Aber sie hebt sich die „Patsch" (Ohrfeige), wie sie sich auszudrücken pflegt, im Sack auf, bis zu einer besseren Gelegenheit, die leider nur zu bald kam. Nächsten Tag erhielt Herr Blumenthal Mv. auf seine im Tagesblatt eingerückte Heiratsannonce eine Zuschrift, die Vater und Sohn sehr unterhielt. Schimpfer bot sich zur Vermittlung mit „einer guten Partie", seiner Schwester Adele an. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht davon im Städtchen und die „gute Idee" Gasche Schimpfers wurde viel belacht und bildete den Gesprächsstoff für volle zwei Jahre. * * * Das hat mir Schimpfer selbst erzählt. Und wehmütig gemeint: „Jetzt hah' ich genug von der Aufklärung." Was aber die indiskrete Frau Fama flüstert ist, daß Nettl erbittert über seinen Mißerfolg, ihm die „aufgehol ene Patsch" nicht geschenkt hat. „Das war also das ungebaute Haus, das Dir lieber war, als ein Beutel Geld. Wer ist jetzt der Narr? Ich oder Du?" So wurde unser Gasche von dem Piedestale eines von der göttlichen Vorsehung eingesetzten Verwalters in Ehesachen berabgestürzt und der Undank der Menschen machte ihn zu einem „Wochentagsschammes". (Tempeldiencr für Wochentage.) Und wenn auch die olles heilende Zeit ihn nach und nach über sein Mißgeschick getröstet hat, rühren darf man an die wunde Stelle nicht und ihm von keinen „Schiduchim" erzählen. Zwischen Hammer and Amvas. Eine lustige Geschichte aus Galizien. Von Nathan Samuely. (Fortsetzung.) Siebentes Kapitel. Es wird vielleicht den Leser nicht wenig überraschen, zu erfahren, daß, während Benzion in seinem.^ Heimatsstädtchen als Gespenst in den Gassen umherspukte, er in Berlin mit gesunden, leibhaftigen Gliedern seinem Geschäfte nachgiug, bei den verschiedensten Mahlzeiten einen gesegneten Appetit entwickelte, wie man ihn bei Gespenstern gar nicht gewöhnt ist, und des Nachts sich eines gesunden Schlafes erfreute, ohne es sich einmal träumen zu lassen, daß er gestorben wäre. Aber woher kommt das Testament — wird der Leser fragen — die verschiedenen Unterschriften der Zeugen, der Brief des Berliner Rabbiners, die notariellen Aktenstücke, die verschiedenen Stampiglien und Amtssiegel? Auf alle diese Fragen genüge die kurze Antwort, daß der rote Jtzik Her,ch sich die Mühe nicht verdrießen ließ, für Benziou das Testament abzufasseu, und daß sein würdiger Geschäftsfreund in Berlin, dem er dasselbe eingeschickt hatte, genug erfahren war, um zu wissen, daß man in Berlin um Geld bei dem ersten besten Siegelstecher sich alle nur beliebigen Stampiglien und Amtssiegel verschaffen könne. Derselbe Freund war es auch, der Benzion die glänzendsten und verlockendsten Geschäfte vorzuspiegeln wußte und dadurch es bewirkte, daß er ihn zwei ganze Monate: länger als gewöhnlich in Berlin zurückgehalten hat, just so lange, als der rote Jtzik Hersch für die Ausführung seines Planes nötig hatte. Erst spät erkannte es Benzion, daß er umsonst zwei Monate in Berlin vergeudet hatte, tvas nicht geringe Spesen verursachte und er reiste — diesmal in später Wint^szeit — wieder zurück nach Hause. In einem der letzten Dezembertage langte er in später Nachtstunde in seinem Heimatsstädtchen an.^Es war eine pechschwarze Finsternis, nur die weißen, glitzernden Schneeflocken sah man wie Silberflitter in der Luft umherflattern. Ringsum lag das ganze Städtchen mit allen^ seinen Gassen und Häusern in einer Schueelawine vergraben. Grimmige Kälte, die Einem den Hauch vor dem Munde erstarren ließ, herrschte weit umher. Nirgends ließ sich ein lebendiges Wesen blicken. Ueberall sind Tür und Fensterläden fest verrammelt. Mühsam nur windet sich das Gefährte, in welchem Benzion sich befand, mitten durch die angehäuften Schneemassen. Die gelockerten Räder des Wagens ächzen und knarren und die armen Tiere, die bis an die Brust in einem Schneemeere wateten und au deren Schweif und Mähne blinkende Eiszapfen herunterhängen, schnaufen und schütteln sich vor starrer eisiger Kälte. Nur von Zeit zu Zeit wird die düstere Nachtstille von dem Pfeifen und Heulen des Windes unterbrochen, bisweilen auch von der heiseren Stimme des Fuhrmannes, der mit dem lauten Mahnrufe: „Wio! Wischta!" seine Pferde zum Gehen aufmunterte. Trotz des großen und schweren Bärenpelzes, in welchen Bezion gehüllt war, fühlte er sich wie gelähmt vor Kälte. Wie ein vielzackiger Eisklumpen hing ihm der mit Reif bedeckte Bart herunter und die Pees starrten ihm wie zwei lange Eiszapfen zu beiden Seiten. Wie war er nur froh, als endlich Wagen und Pferd vor seinem Hause anhielten. Er suchte schnell so weit seine gefrorenen Beine es ihm nur gestatteten, aus dem Wagen zu steigen. Jetzt fing er an, heftig und stürmisch, unter vielfachen Verwünschungen auf das Haustor loszuklopfen. Nicht weniger als eine Viertelstunde hämmerte er fort und fort mit beiden Fäusten, bis endlich von innen ein fremdes, verschlafenes Stimmchen sich vernehmen ließ: „Wer dort?" „Eine fremde Stimme," brummte in sich Benzion. „Teufel, schon wieder den Dienstboten gewechselt." „He!" schrie er drauf los, „Faulpelz einer, rühre Dich, öffne!" Faulpelz aber hatte nicht Eile, zu öffnen, sondern fragte mit einem Anflug von Zittern in der Stimme nochmals dasselbe: „Wer dort?" „Wer dort und wer dort . . .," äffte ihm Benzion mit knirschender Wut nach, „Benzion dort . . . Hundskerl, wirst Du endlich öffnen? . . , „Jo, Jo, Jo! . . ." zähneklapperte er von innen. „Rib Benzion, bleiben Sie abgeschieden von uns. Kehren Sie in Ihre Ruhe zurück! . . ." Was mault der dort?" fragte Benzion zum Fuhrmann gewendet. „Verstehe es selber nicht," erwiderte dieser, „aber so viel ich verstanden, redet er zu Ihnen geradeso wie zu einem Gestorbenen. — Das ist aber kein schlechter Spaßvogel, Ihr Dienstbote! . . „Was?!" schnaubte jetzt Benzion zum Fenster hinein. „Mit wem wagst Du es so zu sprechen, Du Schurke einer!? Ich will Dich Mores lehren! Auf der Stelle öffnen, Hundeseele, Du!" Hundeseele verspürte wenig Lust in sich, sich mit ihm in längere Diskurse einzulaffen, sondern ließ ihn hämmern, poltern und schimpfen, so viel ihm lieb war, ohne auch nur einen Laut von sich zu geben. Der Fuhrmann schlug währenddessen beide Arme mehreremale ineinander, um sich den lähmenden Frost aus aus den Gliedern zu bringen. „Wie es scheint," sagte er, „beharrt Ihr treuer Diener darauf, daß Sie von ihm abgeschieden bleiben, und wenn wir noch eine halbe Stunde hier in diesem Froste bleiben, kann es ihm auch wirklich gelingen, daß sein frommer Wunsch in Erfüllung gehe!" Benzion wetterte und hämmerte mit beiden Fäusten auf das Tor, so daß trotz der eisigen Kälte ihm große Schweißtropfen vor die Stirne traten. ... „Wie Sie sehen," meinte der Fuhrmann, „ist Ihr Diener darauf versessen, daß Sie von ihm abgeschieden bleiben. Mit dem läßt es sich nicht weiter sprechen. Vielleicht versuchen Sie es mit einem Ihrer Nachbarn . . ." Benzion sah es ein, daß ihm kein anderer Ausweg übrig bleibt, und so hörte er auf den Rat des Fuhrmannes