Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 9 (28.2.1908)
- Date
- 1908-02-28
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 9 Dr. Blocb’s Mocbenscbcift, Sette 171 . Unter ungewöhnlich zahlreicher Beteiligung fand das Leichenbegängnis statt und gestaltete sich zu einer imposanten Trauerfeier, die beredt für die Sympathien sprach, deren sich der Verblichene infolge seiner hervorragenden Charaktereigenschaften erfreut hatte. Dem mit zahlreichen Kränzen geschmückten vierspännigen Galaleichenwagen folgten zunächst die Hinterbliebenen, denen sich die endlose Schar der Trauergäste anschloß. In dieser sah man: Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld, Rabbiner Dr. Schwarz der Tempelgemernde, die kaiserlichen Räte Arndt, Falkowiez. Kalberg, I. Lederer, Rebenfeld, Soyka, Straß und Werfel, die Kommerzialräte Böhm, Schalek und Sonnenschein, die Kammerräte Dr. Hugo Grab, Kray und Pollak, den Präsidenten der Produktenbörse Kalberg, Direktoren und Oberbeamte der Prager Banken, Dr. Friedrich Adler» den Großindustriellen Denhof, den Präsidenten der isr. Knltusgemeinde- Repräsentanz Advokat Dr. Rosenbacher, Schulrat Deimel, Großkaufmann Ed. Goetz in Vertretung des Kreditvereines, den Gesimtvorstand sowie sämtliche Prager und viele auswärtige Mitglieder des Vereines der Prager Geschäftsreisenden, Abordnungen der Ortsgruppe Prag des Vereines reisender Kaufleute Oesterreich-Ungarns und des Vereines der tschechischen Geschäftsreisenden, den Vorstand des Gläubigerschutz-Vereines bei Insolvenzen in Prag, Vorstandsmitglieder des Deutschen kaufmännischen Vereines, des Vereines absolvierter Handelsakademiker, Abordnung der Turnerverbindnng „Jahn", Mitglieder der isr. Kultusgemeinde-Repräsentanz, Vorstandsmitglieder des Vereines für geregelten Gottesdienst, des isr. Kreuzervereines, des isr. Nächstenliebevereines, ferner das gesamte Personal der Firma Maier & Hahn, Fabrikanten, Großkaufleute und andere Trauergäste. Der schier endlose Kondukt bewegte sich durch die Goldschmiedgasse, über den Voritsch, Josefs- und Wenzelsplatz zum Straschnitzer Friedhof, wo die Beisetzung erfolgte. Am Grabe widmeten Rabbiner Dr. Schwarz, Dr. Bandler namens des Wohliätigkeitsvereines „Benai Brith" und namens des Vereines der Prager Geschäftsreisenden das Vorstandsmitglied Kauders dem Verblichenen innige Worte des Gedenkens. Auszeichnungen in Ungarn. Budapest, den 21. Februar. Se. Majestät hat dem Direktor der von der Nagykanizsaer israelitischen Religionsgemeiude erhaltenen höheren Handelsschule, Samuel Bun, in Anerkennung seiner durch langes und eifriges Wirken auf dem Gebiete des Unterrichtswesens erworbenen Verdienste das Ritterkreuz des Franz Joseph- Ordens verliehen. Der Budapester Advokat, Reichsratsabgeordneter Doktor Soma Bisontai wurde vom König zum Hofrat ernannt. Doktor Visontai, der früher Weiß hieß und aus der frommen jüdischen Gemeinde Gyöngyes stammt, genießt nicht nur als Rechtsanwalt einen großen Ruf, sondern hat sich auch im politischen Leben Ungarns einen bedeutenden Namen gemacht. Dr. Visontai gehört seit seinem Eintritte in die Politik der Koffuth-Partei an und hat sich dadurch auffällig gemacht, daß er stets zum klerikalen Flügel der Ugronisten gehörte. So verblüffte er seinerzeit anläßlich der Debatten über die kirchenpolitischen Gesetze durch seine Stellungnahme gegen die Zivilehe, indem er sich der Auffassung Apponyis und Ugrons anschloß, die gegen die obligatorische Zivilehe agitierten. Interessant ist auch die weniger bekannte Tatsache, daß Dr. Visontai nach längeren persönlichen und brieflichen Unterhandlungen mit Dr. Herzl die erste Aktion behufs Begründung des Zionismus in Ungarn leitete und eine Zeit lang als Führer der ungarischen Zionisten galt. Bald kehrte jedoch Dr. Visontai dem Zionismus den Rücken, weil er mit dessen jüdisch-nationaler Tendenz als überzeugter Kossuthianer nicht einverstanden sein konnte. Heute gehört Visontai zu den einflußreichsten Mitgliedern der Achtundvierziger-Partei und ist ein intimer Freund des Ministers Franz Kossuth. Eine jüdische Aerztin in einem ungarischen Komitatsspital. Wie aus Budapest berichtet wird, wurde Fräulein Doktor Regine Fischer, Tochter des Lehrers in Nagybecskerek, Moritz Fischer, zur Aerztin des Nagybecskereker Komitatsspitals ernannt. Fräulein Fischer ist die erste Aerztin in diesem Krankenhause; früher war sie an der internen Klinik der Budapester Universität tätig. Jassy. Nach dem Ableben des Rabbiners Taubes haben die Repräsentanten der Judenschaft in Jassy Herrn Dr. Niemirower, der dort seit elf Jahren wirkt, zum alleinigen offiziellen Rabbiner ernannt. Dr. Niemirower hat zum ersten Mal bei der Ableistung des Fahneneides der jüdischen Soldaten assistiert. Er bekämpft den Liämors judaico, indem er grundsätzlich jede Funktion bei solchen entschieden abgelehnt. Feuilleton. Up to dato. Von Lea Steif. Gleich Herkulanum und Pompeji, den vom Erdbeben heimgesuchten Städten, die bei den Ausgrabungen ihr unverändertes Aussehen unter den Schutt bewahrt hatten, sind die kleinen Landgemeinden. Unberührt vom hastenden und frisch pulsierenden Weltenleben schläft so ein Erdenfleckchen den Dornröschenschlaf, noch von der Zeit ber, als der Großvater die Großmutter nahm. Und ist auch die Einwohnerzahl um die meist wohlhabenden, zur Stadt Gezogenen geringer geworden, die äußere Physiognomie, die äußeren Umrisse, die Lebensgewohnheiten der Menschen, ihr Hassen und Lieben, blieb unverändert. Das Leben gehört ihnen und die Jagd und Hast nach Vermögen und Ansehen da draußen bleibt ihnen fern. Ein Ueberbleibsel der guten alten Zeit ist mein Freund Gasche Schimpfer, der Schadchen, der über die „aufgeklärten" Zeiten, so oft man es hören will, sein Leid klagt. Seit 30 Jahren hat er die schönsten und feinsten Partien zusammengebracht. So behauptet er. Dabei spricht er „feinst" mit Umlaut aus, weil ihm das vornehmer vorkommt. Mit Gottes Hilfe ist zwar das Heiraten noch immer modern, aber, die jetzigen jungen Leute! Die wollen doch von einem ehrlichen Schadchen nichts wissen. Nur aus Liebe wollen fie heiraten, oder lieber gar nicht. So eine dumme Red'! Wenn danötige Geld da ist, ist auch die Liebe da. „Uebrigens — was heißt Liebe?" äußerte sich Freund Schimpfer einmal bei Gelegenheit voller Grimm. Im Himmel oben werden die Partien gemacht. Fertig. Da wird keiner gefragt, ob er will oder nicht. Freilich braucht Gott auch einen Scheliach (ausführendes Organ) und der bin ich. Aber daß ich ein Narr wär', wenn ich es weiter bleiben möchte, sobald ich einen Treffer mach'. Dazu bringt mich keiner. Nein! Nicht einmal Nettl. Die letzten Worte sagt er leise und blickt sich vorsichtig um. Armer Gasche! Seit seinem letzten Fiasko, bei welchem er sich auch die „aufgeklärten Zeiten" zunutze machen wollte, ist seine, ohnedies klein gewesene eheliche Autorität in nichts zerronnen. Er spricht nicht gerne von dieser Affäre, zu mir aber bat er unbegrenzte- Vertrauen. Und so erzählte er mir sein Unglück, um sich die Last von der Seele zu reden. An allem ist eigentlich seine Frau Nettl schuld, denn um die kritische Zeit hat sie immerfort in ihm hineingeredet. (Auch hier wie gewöhnlich, cherchez la femme.) Ihre Ansicht war die: „Wozu Hab' ich einen Mann, wenn er nichts verdient? Essen kann ich allein auch." Dagegen konnte er nichts Stichhältige- Vordringen und so ist das geschehen, was nie hätte geschehen sollen. Eines Tages geht er zum Vorsteher Dieser, eine Hauptkunde Schimpfers, denn er besitzt drei Söhne und drei Töchter, begrüßt ihn auf das Liebenswürdigste. Denn schließlich ist doch der Schadchen in einem töchterreichen Hause ein stets gern gesehener Gast. „Herr Vorsteher, heut Hab' ich etwas, das ganz ungewöhnlich fein ist. Ganz ungewöhnlich." So leitete er.das Gespräch ein. Und er weiß, was er sagt. „Eine ganz ausgezeichnete Partie für Ihre Tochter. Denn der junge Mann hat alle guten Eigenschaften und es wäre das ein großes Glück für uns beide, wenn die Partie zustande kommt. Ein feiner Mensch, ein schöner Mensch, sogar ein bildschöner Mensch, eine gute Familie und ein glänzendes Geschäft. Und wenn ich selbst nur ein gutes Geschäft annehme, so wird eS Ihnen doch auch recht sein. Kurz, Gott soll geben, daß die Beschau gut ausfällt." „Schön, alles recht. Wie heißt Ihr Gewährsmann?" „Das, Herr Blumenfeld, kann ich Ihnen heul' noch nicht sagen. Weil, Sie wissen doch, mein Sprichwort ist: Diskretion Ehrensache. Aber Sie können „Ja" sagen. Hab' ich sie schon einmal betrogen?" „Gut, gut. lieber Freund", antwortet ihm kopffchüttelnd der Vorsteher. Aber ohne Namen ist das eine schwere Sache. Gehen Sie nach Hause, überlegen Sie sich die Angelegenheit und bringen Sie mir den Namen, denn sonst, Ihre Diskretion in Ehren, ist Ihr Vorschlag für mich wertlos." „Also werd' ich Ihnen morgen den Namen aufgeschriebei» bringen. Auswendig weiß ich ihn nicht." Und so macht sich unser Gasche im Vorgefühle gewonnenen Spieles auf den Heimweg. In seiner Stube sitzt Schimpfer, die Hornbrille' auf der Rase. Neben ihm ein Stoß Zeitungen, alle mit dem Annonzenteil oben. Jetzt hat er gefunden, was er sucht und äußert seine Freude darüber so laut, daß seine Nettl ganz erschrocken herbeieilt. Eben hat fie mit der Nachbarin sich über die erstaunliche Fettaufnahme einer Gans unterhalten. Daß er sie in dieser ebenso interessanten wie belehrenden