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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-02-28 · 9 (28.2.1908) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
9 (28.2.1908)
Date
1908-02-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 164 L)r. Llocv s Mocvens^vrLN< Nr. 9 Mit Offenbach, mit Heinrich Heine ist die Potenz der europäischen Kultur wirklich überboten; in dieser Weise steht es den anderen Rassen noch nickt frei, Geist zu haben. Das grenzt an Aristophanes, an Petronius, an Hafis. — Die älteste und späteste Kultur Europas stellt jetzt ohne Zweifel Paris dar; l’esprit de Paris ist deren Quintessenz. Aber die verwöhntesten Pariser, solche wie die Goncourts, haben keinen Anstand genommen, in Heine eine der drei Spitzen des esprit Parisien selbst zu erkennen; er teilt die Ehre mit dem Prince de Ligne und dem Neapolitaner Galiani. — Heine hat Geschmack genug, um die Deutschen nicht ernst nehmen zu können; dafür haben ihn die Deutschen ernst genommen und Schumann hat ihn in Musik gesetzt — in Schumannsche Musik! „Du bist wie eine Blume" singen alle höheren Jungfrauen. — Heute macht man Heine in Deutschland ein Verbrechen daraus, Geschmack gehabt zu haben — gelacht zu haben; die Deutschen ft löst nämlich nehmen sich verzweifelt ernst. — " Die Kriminalität der Juden in Oesterreich. In einem neuen Werk des Privatdozenten Dr. Hugo Herz in Brünn „Verbrechen und Verbrechertum in Oesterreich" gibt der Verfasser, übrigens ein Antisemit, interessante Aufschlüsse über die Kriminalität der Juden in Oesterreich. Er setzt auseinander, daß für die Beurteilung der Straffälligkeit der Juden weniger das Steigen oder Sinken der Verurteilungsziffern als vielmehr das Verhältnis derselben zur gesamten jüdischen Bevölkerung in Frage komme. Und da zeigt alsbald eine Tabelle, wie vorschnell und unbedacht seine Verurteilung der Juden ist. Es sind auf 10.000 Bewohner vom Jahre 1871 bis zum Jahre 1900 11-5 bis 14-5 wegen eines Verbrechens Verurteilte zu zahlen. Die Zahl der Verurteilten erreicht im Verhältniffe zur Gesamtbevölkerung sowohl im Allgemeinen als auch bei den Juden während des Lustrums von 1876 bis 1880 den höchsten Stand. In Oesterreich fällt die Kriminalität seit dem Jahre 1880 von 11-5 auf 10.000 Bewohner auf 12-4, sohin um 2-1 auf 10.000 Bewohner; bei den Juden aber von 12-7 auf 9 9, somit um 2-8 auf 10.000 Bewohner der jüdischen Bevölkerung. Perzentuell hat sich die Kriminalität bei der gesamten Bevölkerung in Oesterreich in den letzten zwei Dezennien um 16-9 Prozent, bei den Juden aber um 22 Prozent vermindert. Hiebei ist noch ein wichtiges Korollar in Betracht zu ziehen. Von 100 einheimischen Verbrechern waren 57-6 Eigentumsverbrecher, 26-7 Roheitsverbrecher — von 100 Juden dagegen 76-3 Vermögensverbrecher und 11-2 Roheitsverbrecher. Und Herz fügt hinzu, aus dieser Zusammenstellung erhelle, daß die von den wirtschaftlichen Organisationen Jahrhunderte lang hinausgedrängten Volksstämme, deren Entfaltung in wirtschaftlicher, rechtlicher und sozialer Beziehung durch die Härte und den Aberglauben der Zeiten unterbunden wurde, eine stärkere Kriminalität auf dem Gebiete der Vermögcnsdelikte entwickelten als die Einheimischen. Seinen Tabellen sei zu entnehmen, daß, vom Küstenlande abgesehen, die Verbrechensfreguenz unter den Juden jener der Gesamtbevölkerung folge, daß sie überall die gleiche Bewegungsrichtung zeige. In allen Kronländern bleibt die jüdische Bevölkerungskriminalität hinter jener der einheimischen zurück — abgesehen von Niederösterreich — wo die jüdische Kriminalität dieser Eingeborenen um zirka 10 Prozent übertrifft. Am günstigsten gestalten sich die Verhältnisse in Triest und Böhmen, wo die jüdische Kriminalität um 75 Prozent und 50 Prozent, in Mähren und Schlesien, wo sie zirka um 40 Prozent gegenüber der sonstigen Bevölkerung zurückbleibt. Weit geringer sind die Differenzen in den Karpathenländern; doch stehen auch hier die Juden um 12 bis 20 Prozent bester als die christlichen Bewohner. Agadisches in de» Evangelien. Von Rabb. Stark, Prag, Weinberge. Von geringen Divergenzen abgesehen, fußen alle Humanitäts- und Morallehren der Evangelien, wie von diesen selbst unzähligemal bezeugt wird, auf den Humanitäts- und Moralvorschriften des Judentums. Der Zusammenhang und die Verwandtschaft zwischen Evangelien und Thora, zwischen Christentum und Judentum beschränkt sich indes nicht auf das Sittengesetz allein. Auch mancherlei schönen Parabeln, Gleichnisse, Redensarten und Redewendungen haben ihre Seitenstücke in der Bibel und besonders in der Agada des Talmud und der Midraschim. Diese Parabeln, Gleichniffe, Sentenzen und Metaphern sind eben uralte Erzeugnisse des jüdischen Volksgeistes und der jüdischen Volksseele und finden sich daher auch in den christlichen Schriften aus jener Zeit, in der das Christentum mit dem Judentume noch enge zusammenhing und in fester Verbindung war. Selbst solche Gleichniffe und Bilder in den Evangelien, von welchen man glauben möchte, daß sie ein rein christliches Gepräge haben, sind davon, wie Nachstehendes zeigen wird, nicht ausgenommen. Eine der bekanntesten und am christlichsten gefärbte Stelle in den Evangelien ist wohl diejenige, wo der Stifter der Kirche zu Simon, Sohn des Jonas (Petrus), der ihn unter allen Aposteln zuerst als Messias bezeichnet hatte, sagt: „Du bist Petrus und auf diesem Felsen will ich bauen meine Kirche" (Matth. 18, 1v). Nebenbei sei bemerkt, daß dieser Ausspruch in Mark. 8. 27—33 und Luk. 9, 16—22, wo die denselben veranlassende Begebenheit ebenfalls erzählt wird, sich nicht findet. Nur im Ev. Johannes 1, 42 wird berichtet, daß gleich nach dem erstmaligen Erscheinen Petrus vor Jesu, dieser ihn scharf anblickte und zu ihm sprach: „Du bist Simon, Jonas Sohn, du sollst Kephas heißen. Keph bedeutet nämlich Fels, der Plural davon findet sich in Jer. 4, 29 und Jiob 30, 6; aramäisch lautet das Wort Kepha, daher KephaS mit griechischer Endung, ganz ins Griechische übersetzt — Petros, lateinisch Petrus. Und nun die agadische Analogie dazu. Im Midrasch Schemat-Rab. Kap. 15 ist zu lesen: Gott wollte sein Reich, nämlich das Reich der Religion, das Judentum schon früher begründen, die Thora schon früher offenbaren, aber er fand in den früheren Zeiten keinen geeigneten Platz und Baugrund für den Aufbau dieses Reiches, ein solcher fand sich erst, als die Stammväter kamen, denn diese glichen den Felsen und waren darum dazu geeignet. Dieser Vorgang ist mit dem eines Königs zu vergleichen, der eine neue Stadt gründen und erbauen wollte. Er ließ an mehreren Orten den Boden aufgraben, um einen zur Anlage einer Stadt geeigneten Baugrund ausfindig zu machen, aber, wo immer man grub, zeigte sich der Boden sumpfig und es brachen Wasserfluten hervor, welche die Arbeiten zunichte machten. Erst nach vielen vergeblichen Versuchen fand man einen festen Boden, stieß man auf einen großen Felsen und der König sprach: Hier auf diesemFelsen soll die Stadt gebaut werden. Auch Gott — fährt der Midrasch fort — wollte sein Reich schon auf dem Geschlechte des Enosch begründen, d. h. schon diesem Geschlechte die Thora offenbaren, aber es erwies sich als ungeeignete Grundlage zu einem solchen Bauwerke; es brachen Fluten hervor, welche dieses Geschlecht wegschwemmte; ebenso war es mit dem Geschlechte der Sintflut. Erst als die Stammväter kamen, waren die Felsen da, auf welchen Gott seinen Bau aufführen konnte, und er sprach: „Auf diesem baue ich dieWelt auf", darum sagte auch Bileam beim Anblicke Israels: Ich sehe es von seinem Anbegmn an auf Felsen (Stammväter) gegründet (Numeri 23, 9 vide Raschi das.); und heißt es auch im Gebete der frommen Hanna: des Ewigen sind die Grundfesten der Erde, auf sie hat er die Welt gegründet (I. Sam. 2, 8). Es fiel mir auf, daß der Midrasch nicht auch auf Jes. 51, 1—2 hinweist, wo Abraham ausdrücklich als Zur-Fels bezeichnet wird. Später fand ich - diesen Hinweis im Midr.-R. zu Esther, Schlagw. wajiwes beönow, wo ebenfalls Israel mit einem Felsen verglichen wird. Meine Vermutung, daß der Piut- Ewen chug mezuk neschijah im Morgengebete am ersten Neujahrstage den oben angeführten Midrasch zur Grundlage hat, fand ich nach näherer Untersuchung in Landaus hebräischen Machsorkommentar bestätigt. _ Jüdisch-Persische Dichter. Einen guten Einblick in das geistige Leben der Juden in Persien gewähren die Arbeiten des Professors an der Landes- Rabbinerschule in Budapest, Wilhelm Bacher, der kürzlich ein Werk über „Zwei jüdisch-persische Dichter, Schahin und Jmrani" herausgab. Es fällt auf, daß die Juden in Persien schon so früh, im Anfang des 14. Jahrhunderts, sich literarisch bemerkbar, machten. Denn der Dichter Schalin, im letzten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts geboren, hat sein Hauptwerk 1332 geschrieben, während zum Beispiel die Juden in der Türkei, trotz eines schon vierhundertjährigen Aufenthaltes im Lande, auf türkisch-literarischem Gebiete gänzlich unbekannt geblieben find. Allerdings liegt die Ursache auf der Hand. Die Juden der Türkei bedienen sich noch heute des spaniolischen Dialekts, während ihre iranischen Stammesgenossen seit undenklichen Zeiten persisch reden und Persisch schreiben und den persischen Sitten sich dermaßen angepaßt haben, daß sie gleich den übrigen Gebildeten des Landes poetischen Versuchen sich Hingaben und mitunter ganz bemerkenswerte Leistungen hinterließen. Ja, noch mehr. Als im Mittelalter in Mittelasien Literatur und Wissenschaft in arabischer Sprache gepflegt wurden, fand sich ein Jude, Merwan bin Abu Hafza, der im Jahre 795 als Literat sich ausgezeichnet hatte. Es ist mit ziemlicher Sicherheit anzunehmen, daß der später aufleimende Judenhaß in Persien Anfang des 14. Jahrhunderts noch gar nicht existiert hatte, denn damals herrschten in Persien noch die Mongolen, die, frei von besonderem Religionsfanatismus, keine Muhammedaner, Christen und Juden, sondern nur gehorsame Untertanen kannten. Der jüdische Dichter Schahin befaßt sich selbstverständlich in erster Reihe mit biblischen Erzählungen und mit sonstigen auf das Judentum bezüglichen Reminiszenzen. Solche find: das Mosesbuch, das Arbeschirbuch, von besonderem Interesse wegen der Geschichte Esthers und Mordechais, und das Esrabuch. Der Stil und die bildliche Darstellung erinnern stark an den bekannten persischen Dichter Saidi, der ungefähr zur gleichen Zeit tätig gewesen ist. _

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