Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-02-28 · 9 (28.2.1908) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
9 (28.2.1908)
Date
1908-02-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3021764-3021774--17128-3041986
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Seite 162 Dr. Mocb's MocvensevrlN. Rr. 9 welch künstlicher Beeinflussung ganz Mittelböhmen zur Hilsnerzeit gestanden ist. Dr. Klein dürfte wohl auch darüber Informationen haben, wie stark sein damaliger Amtsvorgänger Ruber den Antisemiten zu Hilfe kam. Ist ihm auch wohl auf seinem Ministersessel im Bewußtsein, daß unter seiner Verwaltung Justiz nicht mit Gerechtigkeit übersetzt werden kann, daß ein Unschuldiger im Kerker zugrunde geht? Unter viel schwierigeren Verhältnissen hat es die französische Regierung gewagt, die Affaire Dreyfus nochmals aufzurollen gegen das Geheul fast des ganzen aufgehetzten Landes und unter der Gefahr, von einem parlamentarischen Sturm hinweggefegt zu werden. Oh, Herr Dr. Klein! Es ist nicht halb so rühmlich, österreichischer Justizminister gewesen zu sein, als sich um des absoluten Rech res willen an der Affaire Hilsner verblutet zu haben. Der arme Schustergeselle hat trotz der langjährigen Haft den Glauben an die Menschheit noch immer nicht verloren. Aus seinen ergreifenden Briefen an uns liest man noch immer die ungeschickt ausgedrückte Verwunderung darüber, daß er nicht heute, morgen unter vielen Entschuldigungen aus dem Kerker entlassen wird, da er doch unschuldig sei. Wie sollten wir es dem Ungebildeten begreiflich machen, daß die Kultur gerade in seiner Sache über das falsche Urteil hinaus geäfft und blutig verhöhnt werde? Daß die maßgebenden Faktoren so wenig an Gerechtigkeit denken, daß sie Ruber, den von Schneider der Bestechlichkeit geziehenen Ruber, zum Präsidenten des Obersten Gerichtshofes machten? In solchen Fällen muß man Vertrauen zur Justiz bekommen — weil die Soldaten Bajonette haben. Grollend fragen wir: Bleibt es dabei? Ist Vcrgani Chef der Justizbehörde, bevor Pattai Justizminister wird? Ist die Beleidigung, Erniedrigung, Verunglimpfung von Millionen gerade der loyalsten, nämlich der jüdischen Untertanen den Behörden gleichgültig? Ist das Recht und die Menschlichkeit weiter züm Leiden verurteilt, indem Hilsner verurteilt bleibt, der arme Teufel, in dessen kranker Brust die Hoffnung das Leben zurückhält? Ein Jude — pah, sind doch alle Juden rechtlos. Aber selbst das Unrecht an einem Juden läßt sich nicht zum Schweigen bringen. Wir haben keinen Zertrümmerer Zola, dessen Anklage stärker war als die Wut eines ganzen Volkes. Aber er ist am Wege, die Freunde der Wahrheit kommen hervor, wir Juden sind nicht mehr vereinsamt, mächtige Stimmen vereinen sich mit den unseren. Unten stehen die Namen Derer, deren Urteil und Meinung wohl auch in Oesterreich noch schwerer und wertvoller sind als von Vergaui und Genossen. Wir Juden werden das Unsere tun, um die Gemeinheit besiegen zu helfen. Bis jetzt taten wir es fast nur a fonds perdu um uns keinen Vorwurf vor dem Märtyrer Hilsner und vor unserer eigenen Ehre macheu zu müssen. Nun dürfen wir hoffen. Am 2. März a. c. findet im Festsaale des Jngenieur- und Architektenvereins, I. Eschenbachgaffe 9, abends halb 8 Uhr, eine große, von firlgenden Persönlichkeiten einberufene Versammlung statt und zwar: Univ.-Prof. u. k. k. Militär-Superintxndent i. R. Doktor I. Seberiuyi, Graf Arthur Desforrrs-Walderode, Fideikommißherr (Bodenstad i.M.), Baronin Bertha Suttner, geb. Gräfin KinSky, Gräfin Frauziska Sermage-Wurwbraud (Gonobitz), Gräfin Pöttiug (Prag), Frau Geh. Regierungsrat Lazarus, geb. Sturmhöfel, Emanuel Freiherr von Pußwald, Eugen von Miller zu Aichholz, Präsident der kaiserl. Akademie der Wissenschaften Univ.-Prof. Doktor Cd. Sueß, Univ.-Prof. Hoftat Dr. E. Mach, Univ.-Prof. Dr. Friedr. Jodl, Hoftat Frz. R. v. Gruber, k. k. Prof, i. R., Staatsanwalt-Substitut i. R. Dr. I. Regeusdorfer, Dr. E. Maddaleua, Advokat Dr. Felix v. Lackeubacher (Schärding), Advokat Dr. C. Richter (Mähr.- Ostrau), Advokat Dr. Leop Hofer (Gr.-Seelowitz), k. k. Notar Friedr. Schmeidel, k. k. Corvetten-Kapitän i. R. Jul. Schöpkes, Kaiserl. Rat Ludw. Gassebner, Generalkonsul Prumler, Kanzlei-Direktor Frz. Jos. Höhne (Karbitz). Hans Schliehmann, Joh. Zechner, Gem.-Rat u. Bezirksausschuß (Rann), Oberinspektor F. R. Engel. In dieser Versammlung wird Hof- und GerichtSadvokat Dr. Friedr. Elbogen über die eingeleitete Aktion zur Begnadigung' Hilsners sprechen. Eintrittskarten find gratis erhältlich in den Buchhandlungen, bezw. Liter aturanstalten von Lndw. und Albert Last, I. Kohlmarkt 7, I. Operngasse 14, I. Stubenring 20, I. Schottenring 6, I. Franz Josefskai 17, ferner bei Gerold u. Co., I. Stefansplatz 8, H. Heller, I. Bauernmarkt 3, R. Löwit, I. Rotenturmstraße 22. Vom Zabrmarkt des Lebens. Aufruf. (Eingesendet.) Mitbürger! Das 19. Jahrhundert hat uns bekanntlich bei seinem Scheiden einen Prozeß hinterlassen, der stark an jenen von Calas in Fankreich (1765) erinnert, welchen erst ein Voltaire in das richtige Licht rücken konnte. Mittelalterlich weht es uns an, wenn wir die Beweisführung betrachten, auf Grund deren Leopold Hilsner zweier Mordtaten „schuldig" erkannt werden konnte., Unter dem Zeichen des Ritualmordes einsetzend, bildete dieser Prozeß den Geschäftsantisemiten den hochwillkommenen Anlaß, ihr Mütchen an einem schutzlosen Menschen zu kühlen, dessen geistige und noch mehr körperliche Schwäche notorisch bekannt war, und es gelang ihnen, die zu ihren Zwecken erforderliche Stimmung bei den Volksgerichtshöfen von Polna und Kuttenberg umso leichter zu erzeugen, als der Boden durch journalistische und anderweitige Wühlarbeit genügend vorbereitet war. In jener Bevölkerung, die bereits früher einen Beweis ihrer Gemütstiefe dadurch erbracht hatte',, daß fie arglose deutsche Ausflügler von einer Glasfabrik aus mit glühenden Glasstangen überfiel, mußte das Auffinden der Leiche der Agnes Hruza am 1. April 1899 wie ein Funken auf eine Pulvermine wirken. — Nicht an die verschiedenen Einzelheiten der beiden Verhandlungen in Kuttenberg und Pisek sei erinnert — diese bilden geradezu eine Ironie des strafrechtlichen Verfahrens — es sei lediglich auf die vorauSgegangene Agitation hingewiesen, da diese ja die Haupttriebfeder für die späteren Prozeffe bildete, so daß letztere fast als notwendige Folge anzusehen find. Und speziell verdient die Wühlarbeit hervorgehoben zu werden, die von jener Seite ausging, zu deren heiligste Pflicht die Verbreitung der Lehre der Nächstenliebe gehört. Da gerade von dieser Stelle aus überdies durch Hineinschleudern einer offenkundigen Geschichtsluge das größte Unheil angerichtet worden war, so soll, um zu zeigen, mit welchen Waffen gekämpft wurde, in Kürze der Sachverhalt des anscheinend in harmloser Abficht hereingezerrten Falles Simon von Trient (1475) der Wahrheit gemäß dargestellt werden. Es bildet das unsterbliche Verdienst des Papstes Sixtus I V. (1471—1484), das Lügengewebe zerrissen und im dritten Prozeffe zu Rom 1478 endgültig erwiesen zu haben, daß nicht die Juden das Knäblein aus rituellen Zwecken umgebracht — um dessentwegen fie den furchtbarsten Martertod erlitten hatten und selbstverständlich ihres Besitzes beraubt wurden — sondern ein christlicher Bürger (Zanefius) es war, der aus Rache wegen eines verlorenen Prozesses die Juden ins Verderben brachte, indem er zu Ostern das arme Kind schlachtete und in ein Judenhaus hinterlegte, selbstverständlich nachdem die christlichen Ortsbewohner entsprechend vorher „belehrt" worden waren. Obgleich noch 16 andere Päpste in mehr oder minder entschiedener Weise gegen den unseligen Blutaberglauben Stellung genommen haben, obwohl von gelehrten Kirchenfürsten und Theologen sowie theologischen Fakultäten wiederholt der Ritualmord als unfinnige Behauptung verworfen wurde, so kehrt fie doch immer wieder, trotzdem schon im Jahre 1736 der „Zensor der Judenbücher" in Prag, Pater Haselbauer, amtlich erhärtete.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.