Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 9 (28.2.1908)
- Date
- 1908-02-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. A Jahrgang HI Dr. Bloch’s Zentralorgan für die gesamten Ilnteressen des Judentums. Wim, 28. Februar 1908. - LrseDeint jeden Freitag. : Brief-Adresse: Mlen» IX/i, Dabngasse 15. Telegramm-Adresse: Wlocb's Mlocbenscürttt» Mlien. Mr. 810.S76. Redaktion und Administration: » tsn IX/t, Dabngasse Vir. 15. Telefon Nr. 14.847. A. kr. Pofisprrrkr-risenanlt oG= =ÜO Drrugsxrrks für Vrstsrrrütz: Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplars 50 Heller. Für's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 . „ Anzeigen: Die 4mal aespal» lene Petttzeile 24 Heller. Inhalt: Seitajr11feI: Ein Halbvergessener. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Aufruf. Erzherzogin Maria Dorothea. Ein Nietzsche-Urteil. Die Kriminalität der Juden in Oesterreich. Agadisches in den Evangelien. Jüdisch-persische Dichter. Der Leidensweg eines Künstlers. Robert Koch und Ferdinand Cohn. Königin Elisabeth von Rumänien und das Kaufmannstöchterchen. — Korrespondenzen: Oeffentliche Sitzung des israelitischen Kultusvorstandes. Der Dank der Antisemiten an Rothschild. Eine aufsehenerregende Ablehnung im Budapester Nationalkasino. Denkmal für Moses Mendelssohn. Eine französische Doktordissertation über die Juden in Tunis. Direktor Davis Deinberg über die gegenwärtige Lage in Rußland. Ein Block der „Gläubigen". Hundert Jahre Judenmission. Eine aufsehenerregende Ehe in London. Konstantinopel. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zugunsten der Chewra-Kadischa in Wien. Wien. Vortragszyklus aus jüdischer Geschichte, Literatur und Kultur. Jüdische Toynbee-Halle XV., Herklotzgasse 21. Akademie und Kränzchen des „Hietzinger Frauen-Wohltätigkeitsvereines". Jüdisch-akademische Verbindung „Unitas". Akademische Verbindung „Libanonia". Hebräischer Konversationsklub. Ludwig Deutsch. RegierungSrat M. Stuckart. Auszeichnungen in Ungarn. Eine jüdische Aerztin in einem ungarischen Komitatsspitale. — Feuilleton: Up to date. Zwischen Hammer und Ambos. — Literatur. — Briefkasten — Inserate. Gin Halbvergelsener. Haben die Juden nicht jetzt gerade Veranlassung, irgend jemandem eine Adresse mit einem schönen allegorischen Gemälde zu überreichen? Wir hätten gerade eine gute Bildidee für einen naturalistischen Maler. Unser Entwurf würde heißen: „Die österreichischen Juden im Jahre 1908" und würde etwa folgendes Vorschlägen: Rechts und links reichen die Minister Geßmann und Ebenhoch die Friedenspalme der Jungfrau Rahel, welche soeben dem rassenreinen Professor Groß das deutschdemokratische Glaubensbekenntnis ablegt, während sie zugleich dem Zaren ein Bündel Banknoten übergibt. Der jüdische Wohlstand wird dargestellt durch ein Vollbeladenes Schiff mit jüdischen Auswanderern und durch leere Kassenladen aus Armenämtern. Als Sinnbild für die Blüte des Gewerbes dient eine Pergamentrolle mit den Vorschriften des Befähigungsnachweises, während Lueger mit den Handelsgesetztafeln vom Kahlenberg herunterschreitet. Die Freiheit der Wissenschaft wird symbolisiert durch einen wühlenden schwarzen Maulwurf, die Freiheit des Staatsbürgers durch einige Schüblinge aus Preußen und einen galizischen^ Bezirkshauptmann. Das Prachtstück des Ganzen aber ist die Darstellung der jüdischen Ehre, ganz im Vordergrund und mit besonders leuchtenden Farben. Es ist dies die Figur des Leopold Hilsner, wie er den Gedenktag des von ihm begangenen Ritualmordes mit Fasten, hartem Lager und in Ketten begeht. Das macht alles gar nichts. Streitet euch nur ruhig weiter, liebe Juden. Schenkt euer bischen politische Macht an Leute her, die schnorrende Schutzjuden sind statt kraftvolle Trutzjuden, an Parteien, von deren Unfähigkeit und Unwahrheit sich unsere antisemitischen Gegner so trefflich mästen. Rettet das Deutschtum und das Polentum mit unbeschränktem Bargeld und beschränkter geistiger Arbeit oder lebt auch nur egoistisch und teilnahmslos in die Tage des Faschings hinein. Dieser Vergani, dieser Hilsner, wie langweilig! Der Fall ist fatal, das ist wohl richtig. Aber dieser Hilsner, was hätte er wohl viel besseres in der Freiheit, wo er schnorren und hungern müßte, statt wie jetzt zu leiden und zu sterben. Und dann beginnt die Sache auch zu verjähren, weshalb den Sturm' nochmals erregen? Wenn allerdings Schwer und Vergani einem einzelnen von uns ein schweres Unrecht zugefügt, uns die Ehre genommen, die Existenz geschädigt hätten, würde der Betreffende nicht ruhen, bevor er von diesen nur durch ihre eiserne Stirne groß gewordenen Leuten nicht Genugtuung und.Entschädigung gefordert hätte. Wir sind träge an Gefühl und Arbeit, da es sich um unsere Gesamtheit handelt, finden unzählige Ausreden, wo wir doch wissen müssen, daß mit Hilsners Tode jede Hoffnung auf Gegenbeweise erlischt, der geiichtsordnungsmäßig erschwindelte Beweis des Ritualmordes auf unseren Nachkommen lastet, die Herrschaft des Antisemitismus über die Justiz befestigt ist. Wir begnügen uns bestenfalls mit kleiner Münze und leiser Beschwerde, wir machen es wie die Juden, die an der Klagemauer weinen, statt Geld zu nehmen, einen Bauplatz zu kaufen und einem Architekten den Auftrag zu geben, den Tempel Salamonis nach historischem Muster zu errichten. Wo bleiben denn eigentlich die Massenfonds, die es uns ermöglichen würden, eine Untersuchung auf eigene Faust zu veranstalten, eine Untersuchung gleich der, welche die edle Kompagnie um Schwer herum führte, nur mit dem Unterschiede, daß diesmal Gesetz und R»cht zum Ausdruck kommen sollen? Wann werden wir es uns erlauben können, genügend viele und genügend gute Detektives zu besolden, um den Mordkerl zustande zu bringen, der an der Leiche der Agnes Hruza so viele Beweisstücke für die Unschuld Hilsners zurückließ? Wir brauchen keinerlei Geheimnis über unsere Aktionen zu breiten. Das wäre nicht schlecht, daß man es in Oesterreich nicht mehr wagen dürfte, der Wahrheit nachzuforschen, weil zweimal zwölf verhetzte Geschworne den Henker über Hilsner schicken wollten. Wir brauchten eigentlich keine Aktionen. Die Juristerei ist zwar eine Wissenschaft, welche manches natürliche Recht in Formelkram erstickt, aber so viel lebendiges Gefühl muß sie denn doch noch gestatten, daß bei Entscheidungen über Leben und Tod der leiseüe Zweifel berücksichtigt werden muß. Ueber das Urtell aber über die Urteile von Kuttenberg und Pisek. herrscht gar kein Zweifel mehr, da hat jeder denkende Mensch die unbedingte Gewißheit von der Unschuld des Verurteilten. Namentlich unser Justizmiuister, dem nichts Jüdisches fremd ist und der sich wohl vorstellen kann, unter