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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-02-21 · 8 (21.2.1908) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
8 (21.2.1908)
Date
1908-02-21
Page
– (sequence 18)
Language
German
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fette 158 Dr. Dlocd s Mocbenscbrltt. 3tr. 8 DaS Einzige noch, was die Borsteher, die Armen und alle Anderen der Gemeinde mit mancherlei Besorgnis erfüllte, war die Furcht, daß diese Botschaft vielleicht doch nur eine Ente sei, aber da laugte schon zwei Tage später aus Berlin an den hiesigen Gemeindevorstand eine Sendung au, die jeden Zweifel mit einem Schlage zerstreute und das Gerücht zu einer unumstößlichen Wahrheit machte. Diese Sendung enthielt nichts Geringeres als das wirkliche und unverfälschte Testament des verstorbenen Benzion. Versehen mit dem Stempel des Odessaer Rabbiners und mit dem Amtssiegel des dortigen Kultus Vorstand es langte zu Händen des Vorstandes ein Schreiben an, in dem deutlich zu lesen war, daß Rib Benzion in Odessa plötzlich erckrankt ist und zwei Tage vor seinem Ableben den Rabbiner zu sich bitten ließ und im Beisein eines Notars und. zweier Zeugen, wie aus den legalisierten Unterschriften zu ersehen, ihm seinen letzten Willen in die Feder diktiert hat. Dieser Wille lautet wörtlich: „Nach Gottes unerforschlichem Ratschlüsse muß ich hier im fremden Lande, unter fremden Menschen meinen Lebenslauf beenden, fern von Weib und Kind, von Verwandten und Bekannten. Möge der Allbarmherzige Euch vor bösen Schickungen bewahren und behüten; möge er Euch ein langes, glückliches Leben schenken und wenn Ihr einst an seinem Ende angelangt sein werdet, dann wöget Ihr nur im Kreise Euerer Familie die Augen schließen, in der liebevollen Umgebung von Weib und Kind, deren Gegenwart die Bitternisse des Todes mildert. Gott, der das Menschenherz kennt und seine Gedanken prüft, weiß, wie bitter ich es beklage, hier im fremden Lande, fern von Euch, sterben zu müssen, wie meine scheidende Seele darnach lechzt, Euch meine Teueren noch einmal zu umarmen und aus Euerem Munde zu hören, daß Ihr Euerem Vater Alles vergebet, was er gegen Euch gesündigt. O, könntet Ihr jetzt in mein Herz schauen, Ihr würdet sehen, wie schwer dasselbe unter den Qualen der Reue leidet und Ihr würdet dann gewiß Euerem armen Vater Alles verzeihen und vergeben, was er Euch Böses zugefügt hat. So weit es mir möglich ist, will ich die begangenen Fehler, sowohl gegen Euch, als gegen die Gemeinde und die Armen der Stadt in meiner letzten Stunde gut machen. Ich hoffe, daß Ihr Punkt für Punkt Alles befolgen werdet, was ich nachstehend verfüge: 1. Mein ganzes Vermögen, an Gold, Silber, Pretiosen und Besitzungen soll zu gleichen Teilen unter alle meine Kinder verteilt werden. 2. Davon gehen jedoch folgende Legate ab: 20.000 Gulden zum Baue eines jüdischen Spitales, das meinen Namen führen soll; 10.000 Gulden zur Errichtung eines Asyls für arme, arbeitsunfähige Greise, welchem Zwecke ich außerdem auch das Haus vermache, in dem ich bis jetzt gewohnt habe. 3. Ist es mein letzter Wille, daß Siegmund Reifmann, Sohn der Witwe Sara Reifmann, meine Tochter Esterka heiratet. In meiner Hartherzigkeit wollte ich zwei Seelen, die Gott seit ihrer Kindheit für einander bestimmt hat, gewaltsam auseinanderreißen und habe mich zu diesem Zwecke giftiger Verleumdungen bedient. Ich war es, der das böse Gerücht über Siegmunds Taufe verbreitete, das einen Unschuldigen schier zur Verzweiflung gebracht und das Herz einer armen Mutter tief verwundete. Zu allen diesen Schritten verleitete mich ein teuflischer Berater: Benjamin Pußwein, dessen bösen Einflüsterungen ich gefolgt bin. Möge Jedermann vor dem Elenden auf der Hut sein, damit er nicht, wie ich in die Falle gehe. Nur dieser schweren Sünde wegen hat mich die Strafe hier ereilt. Um meine Seele von diesem Makel rein zu waschen, wünsche ich, daß gleich nach der siebentägigen Trauer, die um mich abgehalten werden wird, die Hochzeit meiner Tochter mit Sieqmund stattfiuden soll. 4. Bestimme ich meiner Frau die Summe von dreißigtausend Gulden, und ich nehme die Beruhigung mit mir ins Grab, daß meine Kinder sie in Ehren halten werden, wie es sich einer Mutter gegenüber geziemt. . . . Das ist mein letzter Wille, den ich mit klarem ungetrübten Verstände selber diktiert habe und der deßhalb von Niemandem angefochten werden darf. Benzion Goldhaber. Wie von einem Taumel war die ganze Stadt erfaßt. Für nichts hatte man mehr Interesse, als nur für dieses überraschende Ereignis. Siegmund, der jetzt sein Versteck wieder verlassen konnte, war auf einmal der Liebling der ganzen Gemeinde und jeder bemühte sich durch freundliches und liebevolles Entgegenkommen, ihn die Unbill vergessen zu machen, die man ihm zugefügt hatte. Seine Mutter war von Freundschaftsbesuchen geradezu bestürmt und alle Frauen, die sie früher ihres Sohnes wegen verwünschten, hatten jetzt nur den einzigen Wunsch, ihre Söhne mögen ihnen so geraten wie Siegmuno. Die Erben Benzions traten inzwischen die siebentägige Trauer an und die Kondolenzbesuche, mit welchen sie alle Gemeindemitglieder überhäuften, nahmen beinahe die Gestalt von Festzügeu an. Der rote Jtzlk Hersch trug vor lauter Triumph den Bart wie ein schimmerndes Pfauenrad um das Gesicht, und R:b Benjamin Höcker — noch nie war er eine so gesuchte Persönlichkeit wie heute. Es suchten ihn die Gemeindevorsteher, die ihn zur Rechenschaft ziehen wollten über alle Geloer, die er „zu Ehren Gottes und zum Wohle der Gemeinde" eingesammelt hat, ohne nur einen Kreuzer abzuführen. Es suchten ihn der Vorbeter, der Schächter und der Kantor, denen er von ihrem kärglichen Gehalt Abfinduugsgelder erpreßte, da er sie sonst mit seinem Argwohn und allerhand Verdächtigungen verfolgte und ihnen das Leben sauer machte — sie suchten ihn heute, um mit ihm für alle Zeiten abzurechnen und ihm ein bischen den frommen Höcker durchzuhecheln. Es suchten ihn ferner alle Synagogendleuer und Klausjungen, ebenfalls mit dem guten Vorsatze, ihm einfür allemal ihre Rache fühlen zu lassen. Und mehr als alle suchte ihn heute der Rote Jtzlk Hersch, der sich fest vorgenommen hatte, ihn heute wle eine grftige Ratte zu zertreten. Umsonst jedoch war alles Suchen, denn in Erwartung der Dinge, die über ihn kommen werden, versteckte er sich so, daß er nicht zu finden war. Natürlich beeilten sich die Erben aus Pietät für ihren seligen Vater, dessen letzten Willen so schnell als möglich zu befolgen. Vorerst feierte man die Hochzeit von Siegmund und Esterka, die in ihrem liebesseligen Entzücken in gar kurzer Zeit den schmerzlichen Verlust des Vaters verwinden konnten. Daun ging man an die Teilung des Vermögens, und es ist nicht genug nachzurühmen, daß der Akt der Teilung ohne jede bei solchen Anlässen fast unvermeidliche Zänkerei vor sich gegangen ist. Die Legate sind treu den im Testamente angeordneten Bestimmungen zugeführt worden. Das Haus, wo Benzion gewohnt hatte, verwandelte sich bald in ein Krankenasyl. Zum Ueberflusse ehrten die Hinterbliebenen das Andenken ihres seligen Vaters auch dadurch, daß sie die heilige Lade mit einem neuen, reichverzierten Samtvorhang schmücken ließen, auf welchem mit großen goldenen Lettern die hebräische Inschrift prangte: „Fürdas Seelenheil Ihres Vaters, Rib Benzion, er ruhe in Frieden!" Friedlich schien jedoch Benzions Grabruhe nicht zu sein, denn zum allgemeinen Entsetzen verbreitete sich auf einmal das Schauergerücht, daß er Nacht für Nacht in den Gassen umherspuke. Es fehlte auch nicht an solchen, welche die Spukgestalt mit eigenen Augen gesehen haben wollten. Einmal in der Synagoge, ein anderesmal auf der Schwelle seines Hauses und ein drittesmal wieder mit ausgebreiteten Händen und hohlblickenden Augen vor seinem ehemaligen Wohnhause. Der Wunderrabbi der Stadt, der als Spezialist

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