Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 8 (21.2.1908)
- Date
- 1908-02-21
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 8 m* JSlocb’s MocdenscvrM. sett« 157 Der Mond, an dem die leichten Wolken vorüberhuscheu, setzt, unbekümmert um Menschenleid und Menschenweh da unten, seine beachtliche Wanderung fort und die eilenden Wolkenfetzen bilden in ihrem Spiele mit der Mondesscheibe krause Schatten, die sich wie Schemen auf der Straße unhörbar fortbewegen. Unsichtbar schwebend, ohne ein Glied zu bewegen, folgte ich dem Manne, dessen vermeintlicher Gesang so rührend, dessen lautes, tiefes Seufzen sich mir in die Seele gegraben hat. Weit hinaus, wo zu beiden Seiten der Heerstraße die Stoppelfelder liegen, an deren einen Seite sich ein weites Leichenfeld breitet, führte ihn der Weg. Die Inschriften der Steine mit ihren krausen Lettern sind stumme und doch beredte Zeugen, daß unter den Hügeln, an deren Schmalseiten sie in Reih' und Glied ragen, Menschen ruhen, die einst wie wir gelebt, geliebt, gelitten und sich nur selten gefreut haben. Dorthin verloren sich die Schritte des Mannes, dem ich unfreiwillig folgte und dessen Bewegungen zu beobachten ich von einer unsichtbaren Gemalt gezwungen wurde. Haben sich nicht dort Schatten bewegt, die alle nach einer Richtung hin streben? Ist es nicht die Stunde, zu welcher die abgeschiedenen Geister zu dem am Rande des Friedhofes befindlichen Brunnen eilen? Alte Sagen tauchen wieder auf. Ich denke an jene Erzählungen, denen ich in den Kinderjahren in den Dämmerstunden mit frommen Schauern gierig zu lauschen pflegte, die als Erklärungen althergebrachter Einrichtungen, welche mit dem Glauben an ein Leben nach dem Tode eng Zusammenhängen, zu dienen sich eignen. Die Toten! Sie wissen mehr als wir. Sie schauen in die Vergangenheit; sehen mit ihren Geisteraugen in die Zukunft und weder Raum, noch Zeit begrenzt ihren Geisterblick. Und trotzdem nehmen sie an den kleinen Geschicken der Lebenden, die ihnen nahe gestanden, teil. Ja, die Toten! Wie haben diese in der kühlen Erde Ruhenden die Phantasie des Kindes erhitzt, seinen Geist erregt bei Tag und Nacht! Der die hebräischen Worte gesungen, ist ein Mann ihres Stammes; der Friedhof, auf dem wir uns befinden, birgt die irdischen Reste von Menschen, die im Leben wie wir gefühlt und gedacht haben, deren Geister jetzt zu dem eigens sür sie gegrabenen Brunnen schweben. Traumverloren, einem Nachtwandler gleich, schreitet der traurig Einsame zwischen LeichensUinen über Gräberhügel hinweg. Werden sie ihn warnen? Werden sie mit ihren Geisterhänden ihn vor dem Verderben schützen? Ich sehe ihn, beobachte sein fremdes Tun. Er winkt mit dem Finger, er streckt die Arme weit von sich, um sie wieder an seine Brust zu pressen, macht Bewegungen, als ob er etwas Liebes umarmen wollte, das ihm entgleitet. Im Weiterschreiten wiederholt er diese Bewegungen, bis er an den Rand des Brunnens gelangt, aus dessen Tiefe ich plötzlich einen Schall zu vernehmen glaubte, als ob dessen Wasser hoch aufspritzt, weil ein schwerer Körper in dasselbe gefallen. Diesem Schalle folgte ein Singen und Klingen von unzählig vielen Stimmen — leise, leise und doch vernehmbar, ohne daß ich unterscheiden konnte, ob diese aus den Höhen oder aus der Tiefe, aus weiter Ferne, oder aus nächster Nähe kommen. Die Verse: ,mbn nn«a “pry nanpan baiK aipö uin nrn ,Dibn innm n:n ir ntn irorc1? py ,nnö xszsb roarpn hörte ich deutlich. Nun wurde ich mir bewußt, daß jener nicht mehr unter den Lebenden weilt.--—- Was hat dieser Mensch getan, den die Sehnsucht mit unwiderstehlicher Gewalt dahingezogen, von wo es ein Wiederkehren nicht gibt? Er hat geliebt! Er hat Weib und Kind geliebt und mochte nicht dulden, daß sie in Mangel weiterleben. Deshalb verließ er heimlich das Haus, riß sich blutenden Herzens von den Seinen los, ohne ihnen nur mit einem Worte zu verraten, daß er beschlossen habe, in die Ferne zu ziehen. Weit weg von hier, über Berg und Tal, über Flüsse und Meere führte ihn sein Weg, bis er glaubte, den Ort gefunden zu haben, wo er das zu erreichen hoffte, was Menschen Glück nennen: Reichtum für sich und für die Seinen. Er hat es erjagt, das Glück, nach dem er sehnsüchtig verlangte. Nach Jahren heimgekehrt, um die Seinen zu holen, damit er mit ihnen den schwer errungenen Wohlstand teile, fand er sein Heim verödet, Weib und Kind nach jahrelangem Darben und Sehnen nicht mehr unter den Lebenden. Schonend gaben Nachbarn Nachricht von ihrem Leben und Leiden und bezeichneten den Ort, wo sie ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Es duldete ihn nicht mehr in den öden Räumen, wo er den ersehnten Schlaf nicht finden konnte. Im Mondenscheine ging er hin, die Gräber seiner Lieben zu suchen, und von den gespenstischen Schatten getäuscht, fand er in der kühlen Flut des Brunnens Ruhe und Vergessen. Der Brunnen war für Lebende nicht gegraben- Den Toten war er geweiht. Zwischen Hammer und Ambos. Eine lustige Geschichte aus Galizien. Von Nathan Samuely. (Fortsetzung.) Sechstes Kapitel. Eine Freudenbotschaft flog urplötzlich in die Stadt hinein, flatternd wie ein lustiger Schmetterling von Haus zu Haus, von den einstöckigen Häusern der Reichen in die Lehmhütten der Armen, von den Synagogen in die Klausen, von den Klausen in die Schankhäuser und von dort in alle Umgebungen hin — eine Freudenbotschaft, die mit lakonischer Kürze meldete: Der Geizhals Benzion ist in Rußland plötzlich gestorben. Alles, was die Gemüter bis jetzt bewegte, war mit einem Schlage fort. Der Geizhals ist gestorben! Das schlug wie ein Blitz ein und setzte alle Köpfe in Flammen. Alles hatte nur für diese Botschaft Augen und Ohren offen und war von Freude erfüllt. Die armen Erben des reichen Geizhalses vermochten nur mit schwerer Mühe unter einer aufgesteckten Trauermine die innere Freude zu verbergen. Die Armen der Stadt tranken sich beherzt ein Gläschen zu, denn aufgerissen hat der Tod die engverschlossene Hand, die nie einen Kreuzer für sie fallen ließ. Die Gemeindevorsteher trugen unverhohlene Freude zur Schau, binn in der letzten Stunde mußte ja doch der reiche Geizhals ihre Anstalten mit Legate bedacht haben. Rib Benjamin Höcker schärfte Auge und Ohr, um zu sehen und zu hören, was Rib Benzion vor seinem Tode „zu Ehren Gottes" und „zum Wohle der Gemeinde" getan hat, denn von diesen beiden fielen ihm immer die fettesten Bissen zu; und dem roten Jtzik Hersch gar flammte das Gesicht in so strahlendem Feuerglanze, daß der hochrote Bart daneben verblaßte.