Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 8 (21.2.1908)
- Date
- 1908-02-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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6tilc 146 Dr. Moeb s Mocvenscvrirr. Nr. 8 die nötigen Mittel zur Verfügung gestellt, um die Juden Palästinas und der benachbarten Länder anthropologisch zu untersuchen. Es ist zu hoffen, daß durch die Untersuchungen des auf dem Gebiete der Anthropologie der Juden seit langem bewährten Forschers das jüdische Raffenproblem seiner Lösung näher gebracht werden wird. Er will seine Synagoge zurück haben. In der jüdischen Gemeinde Paterson im Staate New- Aork bildet ein interessanter Streit das Tagesgespräch, der zwischen dem gewesenen Bürgermeister Nathan Barnett und der jüdischen Gemeinde ausgebrochen ist und wahrscheinlich zu einem Prozesse führen wird. Mr. Nathan Barnett, der im öffentlichen Leben der Stadt Paterson eine hervorragende Rollespielt, ließ vor einigen Jahren auf eigene Kosten eine herrliche Synagoge aufführen, die er dann seinen Glaubensbrüdern zum Geschenke machte. Nun ist Mr. Barnett, der ein streng konservativer Jude ist, mit den Reformbestrebungen, welche in „seine" Synagoge Eingang gefunden, durchaus unzufrieden und reklamiert nun die Synagoge. Da die Majorität der Gemeinde reformfreundlich geworden und die Wünsche des Spenders nicht respektieren will, andererseits aber Mr. Barnett es mit seinem Gewissen unvereinbar erklärt hat, die Synagoge in den Händen der Reformer zu belasten, dürfte es zu einem intereffanten Prozesse kommen. Wiedereinsetzung der Rabbiuerkommission durch die russische Regierung. Auf Grund eines seit lange bestehenden Gesetzes hat der russische Minister des Innern die Wiedereinsetzung der Rabbinerkommission für Rußland angeordnet. Diese Rabbinerkommission besteht aus einem Vorsitzenden und sechs Mitgliedern. In die Kompetenz der Rabbinerkommission fallen die Entscheidungen über innere geistige und religiöse Fragen der Juden, wie sie daS Leben Tag um Tag ergibt. Die Mitglieder der Kommission werden aus der Mitte einer größeren Anzahl von Kandidaten ernannt. Die Juden wählen nämlich aus jedem Gouvernement drei Kandidaten und aus jedem Kreise, der außerhalb der Kompetenz des Generalgouverneurs liegt, je zwei Kandidaten. Die Liste der Wahlberechtigten unterliegt der Genehmigung des Ministers des Innern. An der Wahl solcher Kandidaten können Kaufleute, Rabbiner und sonstige hervorragende Persönlichkeiten teiluehmen. Der Vorsitzende der Kommission wird alljährlich vom Minister deS Innern ernannt. Die Tagung der Kommission dauert jährlich ununterbrochen zwei Monate. Während dieser Session hat die Kommission in allen den jüdischen Fragen ihr Gutachten abzugeben, welche dem Ministerium des Innern im Verlaufe des Jahres zur Beurteilung vorgelegt wurden und ein Gutachten erheischen. Die Regierung hat die Absicht, diese Einrichtung zu stabilisieren. Die Institution dieser Art jüdischen Konsistoriums in Rußland datiert aus dem Jahre 1848. Ihre frühere Tätigkeit läßt sich heute schwer bestimmen, da vor mehreren Jahren eine Feuersbrunst das Archiv der Kommission eingeäschert hat. Einige Spuren von der Tätigkeit der Rabbinerkommisfion sind auS dem Jahre 1857 erhalten geblieben. Später wurde diese Kommission entgegen den Bestimmungen des Gesetzes viele Jahre hindurch überhaupt nicht einberufen. Die letzten zwei Tagungen der Rabbinerkommission haben in den Jahren 1879 und 1893, also in Zwischenräumen von 14 Jahren, stattgefunden. Der Vorsitzende der letzten Tagung war der gegenwärtige Kownoer Rabbiner Hirsch Rabinowitz und ihre Mitglieder waren der Advokat Raratz, der verstorbene Kischenewer Rabbiner Katlowker, der verstorbene Bialystoker Rabbiner Samuel Mohilewer, der verstorbene Mitislawler Rabbiner Rabbi Hillel, ein Herr Gottesmann aus Zitomir rc. Die Kommission tagte damals vom 11. November 1893 bis 20. Jänner 1894 und befaßte sich hauptsächlich mit Eherechtssragen. Scheidungsangelegenheiten, Chalizah rc. Ob das Ministerium des Innern seine Entscheidungen im Sinne der Urteile der Kommission getroffen hat, wie es daS Gesetz vorschreibt, läßt sich heute nicht mehr feststellen. Eine Tatsache jedoch steht fest, daß die Bestimmung des Gesetzes, wonach die Entscheidungen der Kommission ex offo an die Gouverneure zu senden sind, nicht erfüllt wurde. Hierdurch mußten die Urteile der Rabbinerkommission ohne jeden Einfluß auf das innere Leben der Juden bleiben. Jetzt, nach vierzehnjähriger Pause, soll die Rabbinerkommission wieder reaktiviert werden, und wie „H?d Hasman" aus sicherer Quelle erfahren haben will, sollen die Wahlen der Mitgliedskandidaten in kürzester Zeit vorgenommen werden. Turnende Chassidim. ' Die Bedeutung des Turnens für die körperliche und auch kulturelle Entwicklung der östlichen Juden wird selbst von denen anerkannt, die im Uebrigen mit gewissen Sonderbestrebungen der „Jungjuden" vielleicht nicht ganz übereinstimmen. Hieran wird man gemahnt, wenn man den ersten Tätigkeitsbericht des Lemberger „Jüdischen Turnvereines" liest. Der Verein, welcher anfangs gegen eine große Indolenz seitens des jüdischen Publikums zu kämpfen hatte, besitzt jetzt einen gut ausgerüsteten eigenen Turnsaal und zählt gegenwärtig 123 aktive turnende Mitglieder. Der Verein hat schon ein kleines Schauturnen arrangiert und der „Fußballklub" des Vereines hat sich so tüchtig entwickelt, daß er in diesem Jahre bei einem interessanten Wettspiel eine Belobung des polnischen Sportklubs heimgetragen hat. Vielleicht das interessanteste Moment im Berichte ist der Passus, daß es gelungen sei, die chassidische Jugend für das Turnen zu gewinnen und daß sich heute unter den Turnern bereits 30 chassidische Mitglieder befinden. Der Bericht hebt besonders hervor, daß diese jungen Chassidim, die ihre ganze Zeit im Beth-Hamidrasch zubringen, einen bewunderungswürdigen Mut und eine vielversprechende Begeisterung für das Turnen an den Tag legen. Auch eine Mädchenriege hat der Verein, bereits zu verzeichnen. Demnächst soll in Lemberg ein großes Schauturnen veranstaltet werden, an welchem sämtliche jüdischen Turnvereine teilnehmen werden. Aus der Territorialiftischen Bewegung, Die beeilte Mitteilung. Die Meldung einiger jüdischen Zeitungen, daß die territorialiftischen Komitees in Kiew, Warschau und Odessa von der Regierung aus geschlossen seien, ist unrichtig. Die Schließung der genannten Komitees ist bloß ein Vorschlag des Kiewer Gouverneurs, welcher behauptet, daß manche Mitglieder der „Territorialiftischen Organisation" auch anderen, regierungsfeindlichen Organisationen angehören, und sich darauf stützend, glaubt er, seine antisemitische Absicht durchzusetzen. Das wird ihm aber kaum gelingen, denn die „Jto" als solche betreibt überhaupt keine innere Politik und desto weniger noch revolutionäre Politik. Große territorialiftische Versammlungen in Rußland. Im Laufe der letzten Zeit wurden in mehreren großen Städten Rußlands territorialiftische Versammlungen abgehalten, so z. B. in Kiew, Odessa, Warschau, Ekaterinoslaw, Kischenew, Tiflis und Kowno. Außerdem wurden in vielen kleineren Städten neue Organisationen geschaffen. Es wird hauptsächlich über die letzte Rede Zangwills und die territorialiftischen Projekte gesprochen. Die Rede fand bei allen Territorialisten lebhafte Zustimmung und Vertrauen zu ihrem Führer. Das Emigrations-Departement. Das Emigrations-Departement der „Jto" hat seine Arbeit wieder ausgenommen, die infolge der amerikanischen Krisis eingestellt wurde. Die XI. Emigrantenpartie ist am 15. d. M. von Bremen nach Galveston bereits abgedampft. Mit der Abnahme der Krisis in Amerika wird das Emigrations- Departement seine Tätigkeit noch mehr ausbreiten und die Emigrantenpartien allmählich vergrößern.