Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 8 (21.2.1908)
- Date
- 1908-02-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 146 Dr. Llocb s MocvenscbrlN. Nr. S Anführungszeichen — das heißt: von Ausflüchten sprechen. Zur Bekräftigung dieser Meinung möchte ich mit Erlaubnis der verehrten Redaktion eine kleine Episode erzählen. Cs war in der letzten Regierungszeit des alten Kaisers Wilhelm, als mich der Zufall in die Nähe des Generalobersten, damaligen Artillerie-Generalinspektors der deutschen Armee, Freiherrn v. Rauch, dessen Schwester in morganatischer Ehe Gemahlin des Prinzen Albrecht von Preußen war, brachte. Ein vorliegendes Exemplar des Berliner „Börsen-Courier", welches Blatt zu jener Zeit das rote Tuch für die feudale Junkergilde war, erregte durch einen heftigen Angriffsartikel gegen Stöcker den Zorn des übrigens sonst liebenswürdigen alten Herrn. Wie aus einem Krater stürmten Feuer und Hagel ans das arme Israel hervor und, mich apostrophierend, ob ich nicht der gleichen Meinung sei, begann er mit der Aufzählung der allbekannten sinnlosen Gravamina, die dem General sehr geläufig zu sein schienen. Ich unterbrach ihn: „Ich glaube, Exzellenz, die Pflicht zu haben, Ihnen zu sagen, daß ich Jude bin . . . nun bitte ich aber, ungeniert fortzufahren." Der General entschuldigte sich mit der Versicherung, er habe mich für einen Arier gehalten; er sei jedoch höchst erstaunt darüber, daß ich, da ich das Glück habe, nicht als Jude erkannt zu werden, so ohneweiters ein Geständnis mache, welches doch geeignet sei, die Meinung über meine Persönlichkeit ungünstig zu beeinflussen! Da gab es also keine Vorwände: man hörte, ich sei Jude, das genügte. Wie groß aber war das Erstaunen des Generals, als ich ihm sagte: „Exzellenz, ich bin stolz darauf, mich Jude nennen zu dürfen!" Das erweckte seine Neugierde, er bat um Aufklärung, er wünschte, das Thema eingehender zu besprechen und es entwickelte sich eine Disputation, an welcher der hochgebildete Mann aufmerksam und leidenschaftslos teilnahm, es wurde das xra und contra. der Materie erörtert und ich hörte damals vieles von dem, was jüngst — Kamilla Theimer geschrieben hat. Ich berief mich auf die Geschichte der vier Jahrtausende des jüdischen Volkes, die wohl der Marksteine genug verzeichnet, geeignet, in dem Juden, der die Geschichte des Judentums kennt, Bewunderung und Stolz hervorzurufen. „Das Judentum," bemerkte ich, „ist den arischen Völkern auch jetzt noch um viele Jahrhunderte voraus." „Wie meinen Sie das?" „Wenn es sich," war meine Antwort, „etwa nach Jahrhunderten, wieder ereignen sollte, daß ein Jude die Ehre haben wird, mit einem hohen General der deutschen Armee eine mehrstündige Konversation zu führen, dann wird es diesem wohl kaum mehr in den Sinn kommen, der Religion des andern besondere Aufmerksamkeit zu widmen — mir ist es gleichgültig, zu welcher Religion Sie sich bekennen; Exzellenz tragen des Kaisers Rock, sind ein hoher Funktionär der deutschen Armee, das genügt mir. um vorauszusetzen, daß Sie ein ehrenhafter Mann find. Ihnen wird dies erst nach vielen Jahrhunderten genügen — und um diese Zeit find wir Ihnen voraus!" Der General fluchte nicht mehr, er nahm keinen Anstand, zu bekennen, daß die landläufigen „Vorwände" tatsächlich nicht eiuwandftei seien. Nach einigem Nachdenken machte er mich aus einen inneren Widerspruch aufmerksam, dessen er sich nunmehr bewußt geworden sei: er fühle einen Haß gegen Juden, er könne nicht sagen, daß eigene Wahrnehmung die Quelle dieser Empfindung sei, er habe das Glück, in den höchsten Sphären des staatlichen Lebens verkehren zu dürfen, dort aber habe nur ein einziger Jude (der Deffauer Cohn, den bekanntlich der alte Kaiser mit seiner Freundschaft beehrte) Zutritt. Dieser Jude sei Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle, „sonst käme er in diese Gesellschaft nicht", andere Juden kenne er persönlich nicht, zumal in der deutschen Armee keine jüdischen Offiziere dienen, während der Mann in Reih und Glied ihm nach der Konfession unbekannt sei — und doch könne er den Haß nicht unterdrücken, der ihm nach meinen Aufklärungen nunmehr ein Rätsel darstelle. „Sagen Sie mir doch, weshalb ich die Juden Haffe!" „Exzellenz, wenn i ch Menschen Haffen würde, da brauchte ich wahrlich Sie nicht erst nach dem Grunde meines Haffes zu fragen. Sie hassen, ohne zu wissen warum? Sie Haffen also ohne Grund! Diese Verfehlung dürfte wohl Ihre Erziehung verschuldet haben." „Ach, mein Herr, ich habe wohl eine gute Erziehung genossen!" „Und doch liegt eS in der Erziehung: da gewöhnte sich schon das Kind an die Schimpfworte gegen Juden, der Knabe an die antisemitischen Ausfälle der Lehrer und Schüler, der Jüngling schimpfte, weil die anderen schimpften, und nun — Exzellenz kennen aus eigener Anschauung nur einen Juden, aber dieser eine ist ein ehrenhafter Jude und doch hassen Sie alle Juden, Sie hassen, ohne zu wissen warum, Sie hassen ohne Grund! Der General verabschiedete sich mit den Worten: „Der Gegenstand der Unterhaltung war mir höchst interessant, ich habe von Ihnen viel Wahres gehört, sind Sie dessen sicher: Ich behalte es im Kopfe, werde es weitererzählen und auch zur Anwendung bringen." Die „Vorwände" der Kamilla Theimer bilden nicht die U r s a ch e des Antisemitismus — sie sind bestenfalls die Folgen dieser Strömung! Ed. Singer. Kamilla Theimer und die jüdischen Universitätsftudenten. Die Verfasserin der Schrift „Antisemitismus und Nationaljudentum" hat über einen Teil der studierenden jüdischen Jugend ein hartes Urteil gesprochen. Zu der Judenfrage an den Universitäten hat aber u. a. auch der berühmte Chemiker Prof. I. H. van 't Hoff. Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften, Stellung genommen. Er erklärt folgendes: „Als Fernstehender muß ich mich also auf Allgemeines und persönliche Erfahrungen beschränken. Vom allgemeinen Standpunkt ist es für die Frage der freien Forschung überaus wichtig, daß der Jude nickt dahin strebt, der Wissenschaft irgend ein Dogma aufzuzwingen. Im Gegenteil, die Geschichte zeigt, daß von der jüdischen Seite für die freie Forschung miunter das Beste geleistet wurde, sowohl durch persönliche Leistung als durch materielle Unterstützuug. Meine eigenen Erfahrungen waren dementsprechend. In Amsterdam, wo die Bevölkerungsverhältnisse, was Juden betrifft, denjenigen in Wien ziemlich entsprechen dürften, habe ich nahezu zwanzig Jahre mit rund zehn Perzent jüdischer Kollegen ganz gut leben können. Unter meinen besten Schülern waren gerade auch Nichtarier, und zu wiederholtenmalen wurde gerade von dieser Seite die Universität reichlich beschenkt. Handelte es sich, wie einmal, um einen teuren Laboratoriumsgegenstand, den schweren Platinapparat zur Darstellung des Fluors nach der letzten Entdeckung von Moisseau, so stellte alsbald Herr Rosenthal den fehlenden Scheck zur Verfügung; wollte die Universität eine ihrer hervorragenden Stellung entsprechende Aula, so trat alsbald dafür Herr Lehmann ein; und als ich nach Berlin übersiedeln sollte, wurden von derselben Seite Mittel flott gemacht, um durch Gründung einer neuen Professur mich zu entlasten. Während der zehn Jahre in Berlin habe ich dann einen unersetzlichen treuen Mitarbeiter gefunden in dem leider zu früh gestorbenen Meherhoffer, der ebenfalls Nichtarier war. Was mich aber besonders stutzig gemacht hat auf dem Gebiete der Rassenbeurteilung und Raffenverurteilung ist, daß ich dreimal hier in Berlin erst bei der Beerdigung — und es handelt sich um berühmte Namen — entdeckte, daß es richtige Arier waren, die ich und viele mit mir im Leben nicht dafür gehalten hatten. Warum! Ja, das waren verschiedenartige Kleinigkeiten, die wir als Merkmale betrachtet hatten, und also auch bei den anderen Vorkommen können. Und so kommt man auf den allgemeinen menschlichen Grundsatz immer wieder zurück, daß man sich von sogenannten Nassen- oder Kastennationalen oder sonstigen Gruppeneigentümlichkeiten nicht unnötig beeinflussen lassen muß und jeden Menschen für sich nehme, so wie er sich allmählich zeigt. Die vielseitigen Beziehungen, welchen die immer mehr erleichterten Verkehrsmöglichkeiten den Weg bahnen, gleichen natürlicherweise diese Gruppenmerkmale mehr und mehr aus und entwickeln schließlich den Menschen als davon ziemlich unabhängige Persönlichkeit." Europäische Leser dürfte auch eine Rede in hohem Grade interessieren, die der Präsident der berühmten Havard- Unioersität Prof. Eliot in einem jüdischen Studentenverein