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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-02-21 · 8 (21.2.1908) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
8 (21.2.1908)
Date
1908-02-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 8 Br. Bloches Wochrnfchrist» Seite 145 den des Ingenieur Kohn, und hat die Besorgnis geäußert, daß die Besprechung^ dieses Falles in der österreichischen Delegation vielleicht in Ungarn übel genommen werden könnte, weil er angenommen hat, daß Kohn ein ungarischer Staatsbürger sei; nun, er ist bloß aus Ungarisch-Brod (Heiterkeit), also österreichischer Staatsangehöriger. Was die Frage der Behandlung österreichischer oder ungarischer Staatsangehöriger israelitischer Konfession in Preußen anbelangt, so hat die kaiserlich deutsche Regierung anläßlich einer speziellen Anfrage erklärt, es beruhe auf einer irrigen Voraussetzung, wenn angenommen werde, daß Ausländern mosaischen Glaubens der Aufenthalt in Preußen überhaupt nicht gestattet werde. Es bedürfe vielmehr für dieselben nur bestimmungsmäßig in der preußischen Monarchie im einzelnen Falle einer Genehmigung zum Aufenthalte. Aus dieser Erklärung der kaiserlich deutschen Regierung geht hervor, daß es sich hier nicht um eine speziell gegen unsere israelitischen Staatsangehörigen gerichtete Maßregel, sondern um eine generelle Verfügung handelt, die in gleicher Weise alle ausländischen Israeliten trifft. Gleichgiltig nun, welcher Konfession die von Ausweisverfügungen Betroffenen angehören, werde ich nach wie vor, sofern sonst die Voraussetzungen hierzu gegeben sind, meine Verwendung in jedem einzelnen Falle eintreten lassen. Wie die von mir schon im Ausschüsse mitgeteilten einschlägigen Daten beweisen, sind die Resultate meiner Intervention im Jntereffe unserer Landsleute keine ungünstigen gewesen." Ueber die Auffassung der preußischen Regierung in dieser Frage meldet ein Wiener Blatt aus Berlin vom 15. d. M. : „Ueber die vom österreichischen Minister des Aeußern, Freiherrn von Aehrenthal, erwähnte Haltung der preußischen Behörden gegen die ausländischen Israeliten wurde das hiesige Ministerium des Innern befragt, das folgendes erkärte: Es besteht tatsächlich keine Bestimmung, die im allgemeinen österreichischen oder ungarischen Staatsangehörigen israelitischer Konfession den Aufenthalt in Preußen verbietet. Allerdings gibt das sogenannte Judengesetz vom Jahre 1847 den preußischen Ministern des Innern das Recht, zu verlangen, daß überhaupt jeder Ausländer mosaischer Konfession, der sich in Preußen niederlaffen will, um die Ansiedlungserlaubnis einkommt. Von diesem Recht wird aber heute kein Gebrauch mehr gemacht, nur unter Umständen, welche eine Ausweisung etwa opportun erscheinen lassen, tritt das Gesetz wieder in Kraft." Salomo« Komin. 1835—1907. Der Name Salomon Löwin war mit diesen geschätzten Blättern seit ihrem nunmehr einviertelhundertjährigem Bestände verknüpft. Wie oft erschienen in den Spalten dieses, der Sache des Judentums gewidmeten Organes seine das jüdische Jntereffe berührenden Arbeiten. So möge denn dieses pietätvolle Gedenkblatt für den edlen Entschlafenen in demselben Raum finden, und zwar von einer Seite, der es seit langem vergönnt war, in näherem Verkehr mit dem Verklärten zu stehen. Nicht seiner Person, die von berufenerer Seite aewürdigt werden mag und die jedes Hervortreten in die breite Oeffentlichkeit bescheiden vermied, dienen diese Zeilen, sondern, den Verlust zu kennzeichnen, den das von ihm so geliebte Judentum durch seinen Hintritt erlitten. Wie viele mögen achtlos an der Notiz vorübergegangen sein, mit welcher die „Neue Freie Presse" vom 18. Dezember v. I. seinen Heimgang begleitete, daß am genannten Tage „der emeritierte Handelskammer- und Kommerzialrat Salomon Löwin im 72. Jahre gestorben sei, daß der Verstorbene vom Jahre 1874 bis 1889 Mitglied der Handelskammer und durch zwei Perioden Mitglied der Permanenzkommission gewesen sei" . . . In der so ansehnlichen Körperschaft der Wiener Handelskammer, in welcher er seine Kenntnisse auf allen kommerziellen Gebieten entfaltete, da brachte er auch zum ersten Male seine hervorstechenden Charaktereigenschaften zur Geltung: Unbeugsames Rechtsempfinden und leidenschaftliche Liebe für sein Judentum. Es war gegen Anfang der Achtziger-Jahre, zugleich der Anfang des rumänischen Judenelends und der Vernichtung tausender jüdischer Existenzen. Da war es der Entschlafene, der in einer Vollversammlung der Wiener Handelskammer in einem flammenden Proteste das unmenschliche, aber auch kaufmännisch unkluge Vorgehen Rumäniens vom wirtschaftlichen und politischen Standpunkte geißelte. Er gehörte zu den Charakteren, die ibr Mandat zunächst für ihre entrechteten Glaubensbrüder in die Wagschale legen, deren Initiative so manches gute Reckt der Juden zu danken ist, die ihnen nicht durch leisetreterisches Schweigen zu Unrechter Zeit, sondern durch lautes Reden im rechten Augenblick dienen, nicht durch Ablenkung der öffentlichen Aufmerksamkeit, sondern durch Hinlenkung auf sie ihnen zu nützen trachten. Salomon Löwin war einer dieser Charaktere und dankbar bewahren seine Freunde die Erinnerung an sein mannhaftes Auftreten in der Wiener Handelskammer zugunst n der rumänischen Juden. (Die betreffende Rede erschien zur Zeit auch im Separatabdruck.) Und wie manche Vorteile mögen durch dasselbe den rumänischen Gewerbetreibenden erwachsen sein, die zu dem Wiener Markte lebhafte Beziehungen unterhaltcu. Wie damals sein Wort, so stellte er späterhin seine glänzende Fcder in den Dienst des Judentums. Seine allezeit aktuellen Darlegungen in den verschiedenen Journalen, die zumeist das humanitäre, ethische oder wirtschaftliche Moment des Judentums behandelten, sind zahlreich. Tie meisten der in diesen Blättern veröffentlichten besitzen einen über das literarische Tagesinteresse hinausgehenden Wert. In Nr. 40 der „Oesterreichischen Wochenschrift" vom Jahre 1897 kennzeichnet er in einem Artikel: Indische Wissenschaft und Antisemitismus" sozusagen die geistigen Anlehen, welche die mächtige Tochteereligion bei ihrer uralten Mutter, bei der jüdischen Literatur, macht. Mit der Entrechtung der Wiener jüdischen Lehrer beschäftigt sich eine Abhandlung vom I. Jänner 1904 vom pädagogischen Gesichtspunkte ans. Um diese Zeit war es auch, wo er dem vielnmstrittenen Vers Gen. 49, I: „Nicht wird weichen das Szepter von Juda . . ." eine Betrachtung widmete, die damals in diesen Blättern eine interessante Diskuffion eröffnete. Die erstgenannte Abhandlung, die dem Schreiber dieser Zeil n Gelegenheit zu einer Würdigung derselben („Oesterr. Wochenschrift" Nr. 41. 1897) bot, sie war es, die eine bis zu Löwins Tode dauernde Korrespondenz einleitete. Folgende die Pietät des Trefflichen kennzeichnende Worte sendet er beim Beginn derselben „pectus est, quod faeit disertum“ „ich meine es ehrlich mit meinem Glauben . . ich bin ein Mährer, stamme aus Kremsier und mein Vater war der berühmte Talmudist und langjährige Vorsteher der dortigen Kultusgemeinde *) b"T ‘rtMK n '"nie. So viel ich beurteile, ist der Antisemitismus auch den Wienern schon zu blöde, es kommt eine bessere Zeit, das Aergste ist überstanden, bei den letzten Ernennungen sind viele Juden „Landesgerichtsräte" geworden, das war selbst unter Herbst und Giskra nicht der Fall". . ..Bessere Zeiten". Sie trafen nicht ein. Wie mag dies an dem für Wahrheit und Recht erglühten Herzen gezehrt haben! Hatte sich doch dieses noch an dem unverfälschten Liberalismus Oesterreichs gesättigt gehabt; nannte er sich voll Stolz e,n Mitglied der akademischen Legion, auf die noch ein Schirumer der großen Märztage fiel. Unvergessen bleibt mir eine Szene gelegentlich meines Besuches bei ihm. Ich traf ihn. der sonst den stoischen Gleichmut verkörperte, in heller Auflegung. Die Vergewaltigung der Oberlehrerstelle in der Werdertorgasse in Wien, die bis heule noch nngesühnt kst, entpreßte ihm bittere Worte und raubte ihm die Ruhe des Gemütes. Dieses peinliche Rechtsgefühl verband sich mit unstillbarem Wissensdurst. Und wie oft konnte man den Greis in den herrlichen Bibliothekssaal der Wiener Universität Sitz an Sitz neben jugendlichen Studierenden, vertieft in ernster Lektüre, sehen. Zumeist waren es die klassischen „Griechischen Denker" von Hofrat G o m p e r z, die sein Interesse fesselten und die er wie eine Bibel andächtig studierte. Diese Wissensliebe war es, die den Bejahrten zu den Idealen der Jugend hinzog, welchem Umstande der Unterzeichnete dessen anregenden Verkehr dankte und um dessen Verlust er trauert. Wehmutsvoll ruht mein Blick auf dem lite:arischen Zeichen unablässiger Freundschaft, die er mir hin und wieder zukommen ließ. Eines derselben, es sollte das letzte sein, setzt sich mit dem Anwurf des Prinzen Liechtenstein gegen die angebliche konfessionelle Gehässigkeit des Judentums auseinander (Wiener ..Allgemeine Zeitung" vom 22. November 1907) und schließt mit den Worten:.Es ist sehr tranria, wenn ein Kavalier das „noblem oblige" beiseite läßt und ohne jede Berechtigung derlei Sentenzen verkündet . . . Als freier Staatsbürger mosaischer Konfession lege ich Verwahrung ein gegen die durch und durch unrichtige Behauptung, daß das Judentum den katholischen Glauben mit Haß verfolgt. Ich habe vor 55 Jahren von Piaristen am Gymnasium meine Ausbildung erhalten, bin diesen katholischen Priestern über das Grab hinaus dankbar und ich weise derlei Vorwürfe wie die eingangs erwähnten mit Entrüstung zurück". Aus jeder Zeile spricht die schmerzliche Erbitterung ei-es Charakters, der mit seinem jüdischen Bekenntniffe sein Teuerstes, sein Menschentum getroffen fühlt. Wie man von Cicero, dem Wortführer deS Rechtes und der Wahrheit, sagt, er sei schreibend gestorben, so ereilte der Tod unseren Entschlafenen gleichsam mit der Feder in der Hand, die er für die Ehre seines verlästerten Judentums führte. Salomon Löwin war ein Mensch, das heißt ein Kämpfer. Mit ihm ist einer der rechtschaffensten Charaktere, einer der edelsten Inden von dieser Erde gegangen. Sein Andenken sei gesegnet! Neu titsch ein. im Februar 1908. Tr. Simon Mandl. Vom Jabrrnarkt des Lebens. „Antisemitismus und Nationaljudentum.^ Kamilla Theimer schreibt: „Um ihn (den Antisemitismus) erfolgreich zu bekämpfen, muß man ihm aber vorerst die Vorwände entziehen." Es gibt aber in Wahrheit keine Borwände! Man darf nur von „Vorwänden" — zwischen *) Es ist derselbe, dessen segensreiches Wirken in die Zeit des Kremsierer Reichstages fällt und den Frankl-Grün in seiner „Geschichte der Juden in Kremsier", III Teil, Frankfurt a. M. 1901 eingehend würdigt.

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