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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-02-21 · 8 (21.2.1908) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
8 (21.2.1908)
Date
1908-02-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 144 Nr» Mocv's Mscdenscvrrrr. Nr. 8 derselben. Der Talmud enthält daher die Aeußerungen von zirka 2000 Gelehrten aus verschiedenen Ländern aus einem Zeitraum von 800 Jahren. Dort sind die verschiedensten Anschauungen angeführt. Auf einem und demselben Bibelverse werden widersprechende Meinungen gestützt, und ein und dieselbe Behauptung wird auf verschiedene Bibelverse bezogen. Der Bibelvers durfte nicht geändert, aber in verschiedener Art gedeutet werden und die freieste Auslegung und Erklärung des biblischen Wortes ist gestattet. Und das nennt ein Professor der christlichen Theologie Petrefakt. Wir wollen diese Streitfragen mittels einiger Beispiele beleuchten. Wie viel kostbares Gelehrtenblut hat der Klerus vergossen über die Anschauung Copernicus von der Bewegung der Erde um die Sonne! Im Talmud (Tractat Psachim 96, b) wird erzählt, daß schon im 2. Jahrhundert n. Ehr. die Rabbiner (jüdischen Gelehrten) gegenüber den Gelehrten der Nationen, der Anschauung Copernicus huldigten, während dem Präsidenten der Akademie Rabbi Jehuda die Meinung der Gelehrten der anderen Nationen einleuchtender schien. Die Messiasidee bildet die Hoffnung für die Zukunft des Judentums; für die Kirche bildet sie der Glaube an den Messias der Vergangenheit als Grundlage der christlichen Doktrin. Als ein gewisser Hillel (nicht der große Hillel) sich äußerte: „Es gibt keinen Messias mehr für Israel, da es solchen bereits in Zeit Chiskias erlebt hatte", kam er mit dem bloßen Verweis von seinem Kollegen Raw Josef davon. Möge es der Himmel dem R. Hillel verzeihen! Chiskia lebte während des ersten Tempels, Secharja hingegen (der den Messias geweissagt) lebte zur Zeit des zweiten Tempels. Man denke sich einen christlichen Gelehrten, der es wagen würde, den Messias in Abrede zu stellen; Exkommunikation und Scheiterhaufen wäre die Antwort. (Synhedrin 91 a.) Mit welchem Aufwand feiert die Kirche die Feste der Himmelfahrten (Christi, Mariä)! Es wage jemand, an diese Wunder zu zweifeln! Auch das Alte Testament weiß von Himmelfahrten und von einer Offenbarung Gottes auf dem Berge Sinai zu erzählen, und siehe, der Rabbi Jossi durfte ungestraft sagen: Nie ist die Gottheit (Schechina) herabgestiegen, noch sind Mosche und Eliahu aufgestiegen, denn es heißt (Psalm): Die Himmel sind für Gott und die Erde gab er den Söhnen Adams (Sacca 3). Synagoge und Kirche wissen von Hölle und Paradies in einer anderen als dieser Welt. Ein Christ, der das Dasein der Hölle (und des Teufels) leugnet, der wird als gottlos verschrieen, dessen Seele dem Fegefeuer verfallen ist. Doch durfte Resch Lakisch, ohne seiner Stellung unter den Gläubigen Eintrag zu tun, sagen, es gibt keine Hölle im Jenseits (Nedarin 8). Hingegen wurde Schell, der im XX. Jahrhundert der europäischen Zivilisation eine ähnliche Meinung aussprach, buchstäblich zu Tode geärgert (Dr. Bieling). Rabbi Mosche Jsserlein (Remah), Rabbiner in Krakau, vor etwa 300 Jahren (einer meiner berühmten Großonkel), sagte in einem seiner Werke: das Paradies ist in dieser Welt. Und er gilt bis auf den heutigen Tag als Autorität in rabbinischen Entscheidungen. Der Sohar, das bekannte kabbalistische Werk, lehrt, daß die Erde jetzt zum vierten Male erschaffen wurde und daß das Menschengeschlecht jetzt zum zweiten Male auf Erden bestehe, daß also vor Adam Menschen gelebt haben. Ein gewisser Pereine schmachtete jahrelang im Kerker für eine ähnliche Meinung (Präadamiten), bis er sie widerrufen mußte (laäablliter 8e subjecit). Wer einige Zeit dem Talmudstudium obgelegen, wird bemerkt haben, daß die Gelehrten in gesetzlichen Fragen die Diskussion bis zur Haarspalterei fortgesetzt und die Frage definitiv gelöst haben; in religiösen, metaphysischen, historischen, wissenschaftlichen Fragen hingegen hat der Talmud die einzelnen Anschauungen der Gelehrten bloß nebeneinander aufgestellt, ohne jede definitive Entscheidung für dieselben. Dadurch wurde der dogmatischen Verknöcherung vorgebeugt. Was bedeutet unser gesamtes Zeremonialgesctz gegenüber dem Denkzwang des ungeheuerlichen Systems der kirchlichen Dogmatik! Dr. Lippe. Die Ansiveilungrn von Inden an» Preuße«. Wien, den 16. Februar 1998. Anläßlich der Debatte über den Voranschlag des Ministeriums des Aeußern in der österreichischen Delegation brachte der polnische Delegierte Graf Dzieduszycki auch die Ausweisung von Juden aus Preußen zur Sprache. Dieses Auftreten des gewesenen polnischen Landsmannministers zugunsten der Juden ist äußerst symptomatisch. Es hat nicht nur die Bedeutung einer Anerkennung an die Juden, welche in jüngster Zeit ihre Stimme zugunsten der Polen in PreUßen erhoben, dies allein hätte den alten Schlachzizen sicherlich nicht veranlaßt, sich für die Juden einzusetzen; auch der parteimäßige Preußenhaß hätte nicht hingereicht, dem Grafen Dzieduszycki zum Fürsprecher der Juden zu machen. Was anderes ist's, was den edlen Polen plötzlich sein Herz für die verfolgten Juden — im AuSlande entdecken ließ. Die galizischen Landtagswahlen stehen vor der Tür und der Weizen der Allpolen steht sehr schlecht. Die Juden haben sich bei den letzten Reichsratswahlen recht widerspenstig gezeigt, außerdem gibt es jetzt viele polnische und ruthenische Fraktionen. die um die Stimmen der Juden werben, indem sie die schönsten Versprechungen machen; da war es wohl zeitgemäß, irgend ein Zeichen der Judenfreundlichkeit zu geben. Welche Motive immer jedoch den Grafen Dzieduszycki bei der Aufrollung dieser Frage geleitet haben mochten, wir wissen ihm Dank dafür, denn sie hat den Minister des Aeußern gezwungen, zu ihr Stellung zu nehmen und auch, wie weiter unten zu ersehen, den preußischen Minister des Innern veranlaßt, in dieser Angelegenheit eine Erklärung abzugeben, aus welcher hervorgeht, daß eine Aenderung in der bisherigen Anwendung eines rückständigen Gesetzes zu erwarten sei. Wir geben hier die betreffenden Stellen aus. den einzelnen in Betracht kommenden Reden wieder. Graf Dzieduszycki sagte u. a. : „Ungeachtet des intimen Verhältnisses zwischen Oesterreich und Deutschland werden sehr häufig österreichische Staatsbürger aus dem preußischen Gebiet ausgewiesen, und zwar in einer Weise, die sie mit schmerzlichen Vermögensverlusten bedrohe. Er habe sich in dieser Hinsicht öfters an das Ministerium des Aeußern gewendet, um eine Jnterzession. Er zweifle auch nicht, daß diese mit voller Wärme stattgefunden habe. Der Erfolg sei aber in vielen Fällen ausgeblieben, und die Motivierung der Aufrechterhaltung eines Ausweisungsdckretes durch die bloße Staatsraison sei im höchsten Grade charakteristisch für das Verhältnis zweier befreundeter, ja verbündeter Staaten. Von Ausweisungen preußischer Staatsbürger aus Oesterreich, die keinen anderweitigen Grund gehabt hätten, habe er nichts gehört. Das Maß sei also kein gleiches. Er wende sich deshalb neuerlich mit der Bitte und mit der Forderung an den Minister des Aeußern, mit aller Energie sich dieser österreichischen und ungarischen Staatsbürger an zunehmen. Redner bringt folgenden Fall vor: Ein Herr Kohn, Ingenieur aus Ungarisch-Brod, meldete im Dezember 1906 dem Ministerium des Aeußern, es sei ihm seitens der Polizei in Königshütte bedeutet worden, daß er mit Rücksicht auf seine mosaische Religion seine Ausweisung aus Preußen zu gewärtigen habe. Nach den bestehenden Vorschriften haben Ausländer jüdischer Konfession ui jedem einzelnen Falle in ganz Preußen um eine Genehmigung zum dauernden Aufenthalte anzusuchen. Im Hinblick auf die eingetretene Verwendung wurde dem Kohn der weitere Aufenthalt in Preußen zunächst für ein und dann für zwei Jahre bewilligt. Die Gründe der Ausweisung seien doch charakteristisch und nun höre man von einem Erlasse der preußischen Regierung, welcher die Arbeiter, die über die Ostgrenze nach Preußen kommen, also größtenteils österreichisch-ungarische Untertanen sind, in einer Weise maßregeln wird, wie sie sonst in Australien gegenüber unerwünschter Kulis gehandhabt wird, mit dem Unterschiede, daß Australien keine Arbeiter haben will, während diese Arbeiter, wenn sie auch slavischen Stammes sind, in Preußen denn doch als notwendige Hilfskräfte betrachtet werden. Diese Arbeiter sollen, sobald sie den Dienst, für den sie ursprünglich geworben wurden, verlassen, auch aus dem Staate ausgewiesen werden dürfen. Er müsse sich mit aller Entschiedenheit an das Ministerium des Aeußern wenden, damit durch eine Jnterzession die große Härte dieser Maßregel von unseren Arbeitern abgewendet werde." Hierauf erwiderte der Minister des Aeußern, Baron Aehrenthal: „Es ist im Verlaufe der Debatte viel von der Lage unserer Arbeiter, von den Ausweisungen gesprochen worden. Seine Exzellenz der Graf Dzieduszycki hat einen Fall als besonders wichtig bezeichnet

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