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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-02-21 · 8 (21.2.1908) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
8 (21.2.1908)
Date
1908-02-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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9tc. 8 Dr. Llocb's MocbenscbriN. Seite 148 die glänzendste Satisfaktion seiner mannhaften Ueberzeugungstreue. Jur.-Dr. Franz Vesely kennt die Judenfrage in Böhmen und namentlich auch in Mähren aus vieljähriger, eigener Erfahrung auf Grund reichlicher, persönlicher Wahrnehmungen. Das beweisen seine ruhigen, rein sachlichen Ausführungen über dieses heikle Thema, welchem Dr. Vesely in seiner Kandidatenrede folgenden belehrenden und interessanten Abschnitt widmete: „Man sagt uns Realisten nach, wir seien eine „jüdische", oder „verjudete" Partei und daß wir „den Juden dienen". Das ist eine Unwahrheit. Wahr ist nur, daß der Jude in unseren Augen weder mehr noch weniger Wert besitzt, als jeder andere Mensch. Er gilt bei uns als Mensch, deshalb wollen wir ihm aufrichtig e n t g e g e n k o m m e n und ihn gerecht behandeln. Wenn der Jude dann noch unseren nationalen Bestrebungen anhänglich ergeben ist, wenn er sich als Mitglied unseres Volkes fühlt und mit uns gemeinsam fürs Gedeihen unserer nationalen Unternehmungen arbeitet, dann haben wir keinerlei Grund, ihm die Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit in der Gemeinde, in der Nation und im Staate abzusprechen. Wir dürfen nicht vergessen, daß wir eine neue jüdische Generation vor uns haben, welche bereits in tschechischen Schulen auswuchs und erzogen wurde, eine Generation, welche ganz genau so wie wir alle selbst tschechisch fühlt und welche — heute bereits keine seltene Erscheinung — deutsch nicht mehr genug fließend, weder gut, noch gerne spricht. Diejenigen Juden, welche in freiheitlichen Verhältnissen und ohne Unterdrückung ausgewachsen waren, sind sowohl sittlich, wie gesellschaftlich ganz andere Menschen, als die armen Unglücklichen von einst, welche aus der übrigen menschlichen Gesellschaft als Geächtete ausgestoßen waren. Weder die mittelalterlichen Massenmorde, noch die unmenschlichen Verfolgungen haben die Juden ausgerottet. Deshalb muß sich der vernünftige Politiker dafür einsetzen, daß die den Juden eigentümlichen materiellen und geistigen Kräfte zum Nutzen und Frommen des Volkes und seiner Bedürfnisse benützt werden; er darf fleißige Menschen, die sich zu uns zählen, nicht abweisen und aus der Nation aus stoßen, vielmehr wird er sich dafür einsetzen, daß sie sich mit der Nation verschmelzen." Unsere jüdischen Glaubensgenossen im ehemaligen Wahlbezirke des liberalen Dr. Engel befinden sich diesmal in einer beneidenswerten Ausnahmsstellung, welche kaum ihresgleichen in Böhmen, vielleicht kaum in ganz Oesterreich findet; sie sollen sich für einen von zwei Landtagsmandats-Bewerbern entscheiden, von denen tatsächlich einer besser ist, als der andere. Der persönlich äußerst liebenswürdige Dr. Schuster kandidiert als Jungtscheche und diese, wenn auch nur bedingte Parteizugehörigkeit erschwert es nach den Badeni-Tagen 1897 und nach allen späteren, traurigen Erfahrungen mit den Jungtschechen vielen Juden, selbst der glänzendsten Ausnahmserscheinung eines Dr. Schuster soviel Festigkeit zuzutrauen, daß selbst ein Dr. Schuster seiner Partei später weniger konzedieren müßte, als sie es an dem auf seine absolute Unabhängigkeit pochenden, ehemaligen Realisten Dr. K r a m ä r erleben, der zum Schlüsse die russischen Pogrome den „jüdischen Revolutionären" zur Last legte. In Dr. Vesely sehen wir gegenseitig den mutigen Vertreter einer neuen tschechischen Generation, deren geistige Schulung und ethisches Gepräge den großen Charakter und das umfassende, europäische Wissen ihres Meisters zeigt: die Schule M a s a r y k s. „Talmudistisches Petrefakt." Professor Schnitzer (München) sagt in seiner Abschiedsrede beim Schluffe seiner Vorlesungen über Dogmenschichte: „Wir leben in einer ernsten Zeit, ein ungeheuerer religiöser Umschwung bereitet sich vor. Ein religiöser Frühling braust durch die Lande 2c." Fürwahr wir leben in einem religiösen Zeitalter, nicht etwa im Sinne des strengen Dogmenglaubens, sondern des religiösen Kritizismus. Der Autoritätenglaube ist geschwunden, der Mensch fängt an, unabhängig zu denken, und verwirft auch in der Religion jede Bevormundung und such die Wahrheit mit der Fackel der Kritik, ohne selber bei der Gottheit halt zu machen. Wir wollen hier auf die eigentlichen Ursachen dieser antireligiösen, eigentlich antidogmatischenBewegungnicht näher eingehen, aber bloß erwähnen, daß das Judentum passiv teilweise dazu beigetragen. W Neben den Resultaten der naturwissenschaftlichen Entdeckungen und den zutage geförderten alten Denkmälern und Urkunden, welche geeignet waren, alle überlieferten Grundlagen zu erschüttern und in Frage zu stellen, haben auch soziale Vergewaltigungen viel dazu beigetragen, die antireligiösen Bewegungen zu stärken und die konservativen Ideen zu diskreditieren. Anderseits haben die häufigen Taufen der Juden nicht bllß den Unglauben in die christliche Gesellschaft verpflanzt, sondern durch ihre öffentliche Unwahrheit daS LuerooLuetum der Kirche kompromittiert. Der Klerus lieferte durch die Prozedur den Beweis, daß es ihm nicht um wahren Glauben des Adepten zu tun ist. Ter Taufpriester weiß nur zu gut, daß der Apostat unaufrichtig vorgeht, wenn er die kirchlichen Dogmen anzuerkennen vorgibt, während ihm sein gesunder Menschenverstand das Gegenteil lehrt. Der Apostel lügt, aber er belügt niemand. Er denkt an das unreine Motiv seines Schrittes, etwa an seine Staatsanstellung oder seine Geliebte; der Priester an seinen neuen Klienten, an den Sieg der Kirche. Aber wir würden über diese Vorgänge im Schoße der Kirche stillschweigend hinweggehen, wenn nicht Herr Prof. Ehrhard infolge der Androhung der Kurie in seiner reumütigen Erklärung und Rechtfertigung dem Judentume einen Stoß mit den Hinterbeinen zu versetzen versucht hätte, mit dem er sich wohl die Gewogenheit des heiligen Vaters zu erobern glaubte. Cr sagte nämlich, sein Auftreten gegen die kirchliche Dogmatik hatte bloß den Zweck, das Christentum vor einem t a l m udistischen Petrefakt zu bewahren. Dieser Ausdruck erregte wohl nicht mein Staunen trotz seiner Neuheit, denn wir find von der krassen Unwissenheit arischer Gelehrter in snäaiois längst überzeugt; aber mich beschlich das Gefühl der Indignation. Ein katholischer Theologe erklärt den Talmud, das Werk der freien Forschung auf dem Gebiete der Wissenschaft und der Religion, als „Petrefakt" und will die verknöcherte kirchliche Dogmatik davor bewahren? Was war denn das Vergehen Prof. Ehrhards gegen die Kirche anders, als ein Versuch, die Petrefakten der Kirche zu erweichen? Was ist denn in der Kirche noch nicht Petrefakt? Hingegen ist der TalmudiSmus die freieste Meinungsäußerung in Religion und Wissenschaft, er verketzert und bestraft selbst nicht eine Anschauung, die mit dem Bibelworte im Widerspruch steht. Die talmudischen Lehrsätze, die sogenannte mündliche Lehre, dursten ursprünglich gar nicht als Sammelwerk ausgeschrieben, sondern bloß auswendig gelehrt werden, damit sie eben nicht zu feststehenden, unabänderlichen Dogmen werden und Hindernis zur weiteren Entwicklung der Lehre nach Zeit und Ort werden. Bloß das Bibelwort galt als fixiert, an dem nicht ein Punkt geändert werden, daher nicht auswendig gelehrt werden durfte, damit nicht im Gedächtnisse des Lehrers sich Jrrtümer einschleichen. Die Vorschrift galt: „Die geschriebene Lehre (Thora) darfst du nicht mündlich, die mündliche nicht schriftlich lehren." Erst als im Verlaufe der Jahrhunderte (V. Jahrhundert) das Lehrmaterial eine Ausdehnung nahm, die das Gedächtnis nicht bewältigen konnte, und anderseits das nationale Elend, der Untergang der Mischen Nation samt seiner Literatur drohte, entschloß man sich zur Niederschrift *

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