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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-02-14 · 7 (14.2.1908) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
7 (14.2.1908)
Date
1908-02-14
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Rr. 7 Dr JBlocD ö Mocvenscorln. Seite 137 für die gründliche Bearbeitung der Familien- und Gelehrtengeschichte des Judentums. Aber dieses Studium ist nicht leicht, ja sogar schwieriger und körperlich und geistig anstrengender als die Vertiefung in archivalische oder literarische Schätze, die in den behaglichen Sälen der Archive und Bibliotheken für den Forscher bereit liegen. Schon die traditionelle Beschaffenheit der alten jüdischen Friedhöfe, die absichtlich jede ordnende und sichtende Hand von dem Wildwuchs der Natur fernhielten, erschwert das Aufsuchen der Gräber und Grabsteine außerordentlich. Wind und Wetter, Sturm und Schnee lassen auf dem verwilderten Boden die Arbeit nur langsam und mühsam fortschreiten. Wie oft spottet ein verwitterter Stein Wochen- und monatelang der Entzifferung, bis endlich ein glücklicher Zufall diesen oder jenen Buchstaben, damit ein ganzes Wort, eine ganze Zeile lesbar macht; wie oft gilt es, scharfsinnig zu kombinieren und zu konjizieren, wie oft verlohnt die endlich geglückte Entdeckung nicht im Geringsten alle angewandte Mühe und Arbeit. Dennoch oder vielmehr gerade darum sollte es heute im Interesse der jüdischen Wissenschaft eine Ehrenpflicht jeder Gemeinde sein, für die Entzifferung ihrer alten Grabstellen durch einen Sachverständigen Sorge zu tragen, ehe die Denkmäler mit ihren Inschriften völlig dem zerstörenden Einfluß der Witterung und der Zeit zum Opfer fallen. Für die Geschichte der Juden und ihrer Gelehrten in Wien, die in einer den heutigen wissenschaftlichen Anforderungen entsprechenden Gestalt erst noch zu schreiben sein wird, ist die Entzifferung der Inschriften des alten Rossauer Friedhofes, die von 1540 bis 1748 reichen, eine unerläßliche und unentbehrliche Vorarbeit. Ohne sie kann auch jene nicht geleistet werden, und sie kann nur von einem Manne geleistet werden, der mit umfassenden historischen, sprachlichen und literarischen Kenntnissen und mit dem gesamten Rüstzeug moderner, wissenschaftlicher Forschung ausgestattet an sie herangeht und der in vieljähriger, keine Mühe scheuender Arbeit eine solche Beherrschung dieses Spezialstudiums gewinnt, daß seine Ergebnisse und Funde sich als absolut zuverlässig und jeder lokalen Nachprüfung entbehrlich erweisen. L. A. Frankls erste, 1855 erschienene Bearbeitung einer Anzahl Inschriften des Rossauer Friedhofes ist mangels jener Vorbedingungen heute wissenschaftlich unbrauchbar. Dagegen ist Bernh ard Wachstein, der im Aufträge der hi st arischen Kommission der israelitischen Kultusgemeinde in Wien diese Aufgabe auf's Neue oder vielmehr zum ersten Male systematisch übernommen hat, nach der vorliegenden Probe zu urteilen, offenbar der Mann, aus dessen Händen eine Publikation zu erwarten steht, die für die Wissenschaft von dauerndem und wirklichem Werte sein wird. Die 13 Epitaphien, deren Bearbeitung er im Vorjahre der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien vorgelegt und nunmehr veröffentlicht hat, find eine Auswahl aus dem geplanten Gesamtwerke, durch die er einerseits mit Recht die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf dieses Material lenken, andererseits eine Probe für die Art der Behandlung geben wollte. Es find teils noch gänzlich unbekannte, teils in der Fränkischen Ausgabe unbrauchbare Inschriften, die Wachstein vorlegt, und er hat mit der Art ihrer Darbietung auch den bisherigen, neueren Epitaphien-Veröffentlichungen gegenüber einen besonderen wissenschaftlichen Typ geschaffen. Während diese sonst nur Listen oder Kopien der Inschriften geben und die wissenschaftliche Verarbeitung den Einzelforschern überlassen, behandelt Wachstein selbst sofort jede einzelne Inschrift auf's gründlichste nach ihrer sprachlichen, kulturellen und historischen Seite, eine Untersuchung, die so eingehend ist, daß sie sogar den Aeußerlichkeiten des Fundortes und des Denkmals selber gerecht wird. In sprachlicher Hinsicht wird der Text, soweit er sich lesen oder rekonstruieren läßt, nach seinem Sinn und seiner — meist poetischen — Form genau untersucht und mit ausgezeichneter Stellenkenntnis die biblische und talmudische Quelle der benützten Phrasen nachgewiesen. Der kulturelle Wert wird außer aus dem Tatsächlichen, das der Inhalt der Inschriften bietet, mit vielem Feingefühl auch aus den in der Form der Epitaphien sich ausprägenden Vorstellungen aufgezeigt, und die historische Untersuchung wächst zumeist zu einer außerordentlich schursfinnigen Gruppierung biographischer Daten aus, die zur Feststellung der Persönlichkeit führt, dem das Denkmal gilt, die aber auch keine der verschiedensten Berührungsflächen streift, ohne selbst da im Vorübergehen auf Dunkelheiten Licht fallen zu lassen und bisherige Jrrtümer und Fehler aufzudecken und mit einem Schlage in die rechte Beleuchtung zu setzen. Es steckt in den wenigen Seiten dieser Probeveröffentlichung eine solche Fülle gelehrter und kritischer Arbeit, daß ich nicht anstehe, sie als eine mustergültige Leistung auf dem Gebiete historischer Spezialforschung zu bezeichnen. Das erste Epitaph, das eines 1666 verstorbenen Jakob b. Elieser kann, wie Wachstein zeigt, kein anderes sein als dasjenige des Aschkenafi Temerls, eines angesehenen Gelehrten und Kabbalisten, dessen Biographie erst durch diese bisher unbekannte Inschrift festgestellt wird. (In Zeile 10 kann nur der Plural stehen; der Abkürzungsstrich muß abgesplittert oder vergessen worden sein; waren die Steinkünstler übrigens Juden oder Christen?) Von einem anderen „großen und gewaltigen" Kabbalisten, aus dessen Grabstein die Legende Feuerflammen sprühen läßt, berichtet das zweite Epitaph, das des Elchanan b. Zewi, gest. 1651, dessen Persönlichkeit zum erstenmal genauer geschildert wird. Inschrift Nr. 3 bietet einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der bekannten Familie Rapaport. Die Inschriften 4—6 gelten der Familie Maorkaton, 7—8 der Familie Auerbach, beides führende und bedeutende Geschlechter, das erstere durch den dreifachen Doktor Leo Lucerna (Nr. 4) besonders berühmt. (S. 17 Anm. 3. ist „Oppler" zu lesen. Die Jahreszahl in Nr. 7 kann nur Schal o m sein, wenn auch der 23. Sivan 1616 auf einen Mittwoch fiel; kleine Jrrtümer in der Datierung find auf dm Grabsteinen häufig; besonders wenn der Tod abends erfolgte, steht, wie ich oft gefunden habe, noch die Ziffer dieses Wochentages neben dem hebräischen Monatsdatum, das bereits den folgenden Tag bezeichnet.) Nr. 9 und 10 gelten zwei angesehenen Frauen; bei dem letzteren Epitaph hat Wachstein mit glücklichem Griff kombiniert, daß er die Grabstätte der „fürnehmen und jedermann wohlbekannten Jüdin Leonora" schmückt, deren meuchlerische Ermordung durch die Schüsse eines unbekannten Reiters im Jahre 1651 christliche Quellen überliefert haben. Nr. 11 ist wohl der letzte Grabstein, der vor der Vertreibung der Juden aus Wien 1670 auf dem Rossauer Friedhof errichtet wurde, der eines angesehenen Mitgliedes der gelehrten Familie Chalfan und seiner Frau. Die beiden letzten Inschriften stammen aus der Zeit der Wiederanfiedlung der Juden in Wien: Nr. 12 die des Wanderpredigers Josef Kobler, der am Kol Nidre-Abend beim Vorbeten plötzlich starb, und Nr. 13 ein vornehmes Mitglied der Familie Gomperz mit Tochter, über die ich in der „Geschichte der Familie Gomperz" jetzt Näheres mitgeteilt habe. Beigegeben find sechs Phototypien, die ein scharfes Bild der Grabsteine gewähren. Durch die Opferwilligkeit einer vornehmen jüdischen Familie war 1670, als die Juden Wien verlassen mußten, der Roßauer Friedhof vor der Vernichtung gerettet worden; die Söhne Koppel Fraenkels hinterlegten die Summe von 4000 Gulden, für welche die Stadtväter den jüdischen Gottesacker unter ihre Obhut nehmen wollten. Heute gilt es, durch die Sammlung und Herausgabe seiner Inschriften ihn nicht bloß vor einer zweiten Vernichtung zu retten, sondern noch mehr seine Schätze für die ganze Welt zugänglich zu machen. Ohne die gleiche Opferwilligkeit wie damals wird auch dieses bedeutsame Werk nicht möglich sein. Aber es lohnt des Schweißes und der Opfer! Möge es Bernhard Wachstein, dem dazu Berufenen, vergönnt sein, seine langjährige und mühselige Arbeit in der trefflichen Form, deren Probe er vorgelegt hat, in gesamtem Umfang recht bald veröffentlichen zu können! Sie wird sicherlich dann in der Geschichte der Juden und insbesondere derer zu Wien einen Ehrenplatz einnehmen dürfen. Max Freudenthal—Nürnberg.

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