Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 7 (14.2.1908)
- Date
- 1908-02-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 7 DL. Moch.'s WochrnichrM. Seit« 187 ein Herzl entzündete, ist auch trotz aller Enttäuschungen heute noch dasselbe geblieben. Das Volk verzeiht alle Enttäuschungen und deshalb ist noch nichts verloren. Aber wenn plumpe Hände eine so empfindliche Masse, wie das Volk es ist, ungeschickt und erbarmungslos kneten, dann verliert sie jede Form, wenn ungelenke Finger an den zarten Saiten der Volksseele zerren, dann entstehen die schrillsten Dissonanzen. Nicht nur im Kampfe liegt der Mut, er liegt noch mehr in der rücksichtslosen Selbsterkenntnis. Ehe wir zur Wiedergeburt unseres Volkes schreiten, sehen wir dazu, daß sich vorerst eine Wiedergebuxt in unserer eigenen Partei vollziehe. Denn um ein großes Glück zu empfangen, muß man dessen würdig sein. Wir aber schaukeln vergnügt auf einem lecken Boot. Bis uns nicht das Wasser an die Kehle reicht, werden wir nicht schwimmen. Hinter dem hohlen Schlagwort der Parteidisziplin verkriecht sich der feigste Jndifferentismus und wirft Steine auf die Wahrheit, weil fie wehtut und weil man dann ernstlich Pflichten zu erfüllen hätte. Es ist kein Vergnügen, zu kritisieren. Gerade in diesem Falle nicht. Es ist so, wie wenn eine Mutter ein mißratenes Kind züchtigen muß und jeder Schlag trifft sie ins eigene Herz. Aber sie tut es, weil sie es für das Richtigste hält. Und wohl dem, der rechtzeitig sein „z'aecuss" zu rufen wagte. _ Thekla Blech. Die Kage der Rabbiner dem Kande. Nietzsche sagt einmal: Der große Mann ist nicht das Kind, sondern das Stiefkind seiner Zeit. Nun, wäre nicht die Bescheidenheit eine Tugend, deren Mangel bei allen, nur gerade nicht bei den Rabbinern entschuldigt zu werden pflegt, so könnte dieses Wort auch auf die Rabbiner einer bestimmten Kategorie seine vollste Anwendung finden. Da hat vor Kurzem eine Tagung des „Allgemeinen österreichischen Gemeinde-Bundes" stattgefunden, aber über alles wurde hier beraten, über die Regelung des fast schon zu Tode geregelten Religionsunterrichtes, über Schaffung eines allgemeinen Archivs, über Herausgabe eines Werkes: Juden in der österreichischen Armee, — gewiß lauter ganz hübsche und erwägenswerte Dinge, nur nicht über einen Punkt, der doch gewiß nicht in letzter Reihe zur Hebung des Judentums beitragen muß, (und das soll ja der Hauptzweck des Gemeinde-Bundes sein), nämlich über die Lage der Rabbiner auf dem Lande. Gehört heute schon ein nicht genug gewürdigter Idealismus dazu, sich überhaupt diesem Stande zu widmen, so darf die Stellung des Rabbiners auf dem Lande direkte Bewunderung beanspruchen über das stille Heldentum, das ein solcher an den Tag legt, sich in Verhältnisse zu fügen, die der Mühe seiner aufgewendeten Studien durchaus nicht adäquat find. Mag es auch seine Richtigkeit haben, daß ein fertiger Mediziner oder Jurist im Anfang auch nicht immer seine Erwartungen erfüllt sieht, — aber er hat immerhin eine Zukunft vor sich, und bei einiger Tüchtigkeit wird und kann es ihm gelingen, sich jene gesellschaftliche Position zu schaffen, die seinem Stande entspricht. Der fertige Rabbiner aber findet — wenigstens in Oesterreich, nach Deutschland ist ihm der Weg verschlossen — bis auf 5—6 größere Gemeinden, die in auskömmlicherer Weise ihre Seelsorger honorieren, lauter Stellen vor, deren Gehalt sich zwischen 800—1200 fl. bewegt, wobei die gestellten Anforderungen zumeist viel größere sind, als bei den ersteren, und mit einem solch minimalen Gehalte soll ein Rabbiner bei den gegenwärtigen Teuerungsverhältnissen, die am Lande gerade so fühlbar wie in der Stadt find, sein volles Auslangen finden, soll repräsentieren, seine Kinder standesgemäß erziehen und ausbilden lassen! Ist also die materielle Lage der Rabbiner auf dem Lande ein wenig beneidenswerte, so ist fie es ebensowenig auch nach einer anderen Richtung hin. In den kleineren Städten und gar erst auf dem Lande fehlt es an Gelegenheit, seinen Geist irgendwie auszuspannen, jene passende Erholung und Zerstreuung zu finden, wie fie für geistig Arbeitende ein Ding unumgänglicher Notwendigkeit find; es fehlt namentlich dem Rabbiner die nötige Aussprache, der richtige, passende gesellschaftliche Anschluß, der geistig anregende Verkehr, — Dinge, für die allerdings seine „Bäle-Batim“ nicht verantwortlich zu machen find. Man kann diesen, die zumeist im Kleinhandel ihren einzigen Lebensberuf haben, es doch nicht zumuten, daß fie auch Verständnis für die höheren Lebensbedürfniffe, für die vornehmeren Werte des Lebens besitzen sollen! Und es wäre auch zu viel verlangt von jenen, die tagsüber mit Leinwand, Mehl oder Leder ihr ganzes Sinnen beschäftigen müssen, sich von der in ihnen festgewurzelten Anschauung zu emanzipieren, daß der Rabbiner bloß eine Art Kostgänger der Gemeinde sei, der zufrieden sein müsse mit dem, was man ihm gebe, zumal er doch ohne Sorgen, ohne sonderliche Anstrengung, wie fie selbst, dahinleben könne. Es ist also eine Art stilles Martyrium, das der Rabbiner auf dem Lande erträgt, das zu erleichtern und einigermaßen erträglicher zu gestalten Pflicht des Gemeinde-Bundes wäre. Und zwar müßte vor allem seine Stellung zu einer besser dotierten, den modernen Lebensmöglichkeiten mehr angepaßten gemacht werden, die ihn von den Vorstehern seiner Gemeinde mehr unabhängig werden ließe. Mit der materiellen Besserstellung und Unabhängigkeit von den jeweiligen Gemeindegewaltigen wäre der erste Schritt zur Erleichterung des Loses der Rabbiner auf dem Lande geschaffen. Zu diesem Behufe wäre von dem Gemeinde-Bunde die Errichtung einer Art Zentralstelle sZentralkasse) anzustreben, zu der die einzelnen Gemeinden nach Maßgabe ihrer Seelenzahl und Steuerkcaft beizutragen hätten und von der die Auszahlung der zuvor besser geregelten Gehälter (nach Art der Staatsbeamten) zu erfolgen hätte. Eine Gefährdung der Autonomie oder ein Eingriff in ihre sonstigen Prärogative brauchte deshalb von den kleineren Landgemeinden noch lange nicht befürchtet zu werden, da die Verwaltung ihrer sonstigen kultuellen Angelegenheiten damit unberührt bliebe. Um die Sache leichter und rascher zu realisieren, könnten ja bereits bestehende Einrichtungen, wie etwa der Mährisch-schlesische Landesmassafond, einen weiteren Ausbau nach dieser Richtung hin erfahren, und ohne damit direkt eine Art jüdischen Konsistoriums zu schaffen, wäre doch zugleich auch die Möglichkeit eines besseren Avancements und Vorrückens von Rabbinern möglich gemacht, die es zufolge ihrer Dienstjahre und ihre- Wissens verdienen würden, während gegenwärtig ein Versimpeln und Verkommen in abgelegenen Landgemeinden ihr einziges Los gewesen. Hier Besserung zu schaffen, ist der Anstrengung wert, denn die Zukunft des Rabbinerstandes ist auch di« Zukunft des Judentums. Ikor. Antisemitismus und Uatioualfudeutum. Sehr geehrter Herr! Sie bringen in der Nummer 6 Ihres geschätzten Blattes eine Besprechung meiner Schrift „Antisemitismus und Nationaljudentum" von Dr. H e r z b e r g - F r ä n k e l. Sie würden mich sehr verpflichten, wollten Sie nun auch mir Raum zu einer Erwiderung geben. Dr. Helberg hat ganz Recht: meine Schrift zerfällt in zwei Teile. In dem ersten versuche ich eine Schilderung der Verhältnisse, wie fie tatsächlich find, ohne Schönfärberei und die üblichen, lügenhaften Phrasen, auf welche die sogenannten Judenfreunde noch immer glauben nicht verzichten zu können. Der zweite ist der Ausdruck meiner persönlichen Meinung. Daß der erste Teil mithin kaum geeignet für wehleidige Leser ist, ist klar. Aber der Arzt, der heilen will, muß zuerst den Krankheitsbefund feststellen und die Sonde schmerzt im lebendigen Fleisch. Ich bin eine ehrliche Feindin des Antisemitismus. Um ihn erfolgreich zu bekämpfen, muß man ihm aber zuerst die Vorwände entziehen. Diese Vorwände mache ich im ersten Teil namhaft. Bei der Wiedergabe Dr. Herzbergs haben sich, gewiß unabsichtlich, einige sachliche Jrrtümer eingeschlichen, die ich richtigstellen möchte.