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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-02-14 · 7 (14.2.1908) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
7 (14.2.1908)
Date
1908-02-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 126 Nr. 7 Wr. Mocd s MocöensLdrM. angehörige waren, daß sie wenigstens ihren Posten behalten werden. Nach jahrelangem Hangen und Bangen erschien endlich der Gnadenukas des Stadtrates, aber kein einziger Name eines Juden stand darauf. Wien wird eine judenreine, also eine besonders ausgezeichnete Elektrizität erhalten, denn sämtliche Juden der ehemaligen Internationalen Elektrizitätsgesellschaft wurden von den Vertretern der christlichen Nächstenliebe ohneweiters entlassen! Rachsucht und Fanatismus sind bei den Antisemiten beliebte Schmähworte, die sie den Juden entgegenschleudern. Konnten sich diese Eigenschaften jemals schmutziger zeigen als bei dem geschilderten Vorgehen der Wiener Rathausgrößen? Mau braucht weder allzu sentimental zu sein, noch irgendwelche Parteileidenschaft zu haben, damit man von aufrichtigem Zorn über diese Herren geschüttelt wird, die Zeter und Mordio schreien würden, wollte ihnen jemand zu Unrecht einen Kreuzer wegnehmen, und die über das Wohl und Wehe von Familienvätern so unbarmherzig zur Tagesordnung übergehen, als überlegten sie, in welchem Wirtshaus sie heute ihre alltägliche Weinkostprobe vornehmen sollten. Man weiß ganz gut, mit welchen Schwierigkeiten die Leute in Jutelligeuzberusen zu kämpfen haben. Welches Aufwandes von Proleklivn und Mühe cs bedarf, bevor man eine Stellung findet und wie viel Arbeit und Schweiß es kostet, bis man es zu etwas bringt. Man weiß auch, wie Beamtenstellungen aussehen und in welches Elend ein Bureauarbeiier gerät" wenn er auch nur wenige Monate posteulos bleibt. Gewiß ist die Kündigung eines Angestellten kein Ereignis, wegen dessen die Sonne stlllsteht. Aber sie darf nur im alleräußersten Notfall und aus der gerechtesten Ursache erfolgen, sonst ist sie ein moralisches Verbrechen. Im vorliegenden Falle das allergemeinste Verbrechen. Mit welchem Rechte wagen es denn eigentlich diese Barriörestöcke von Gnaden früherer antisemitischer Regierungen, gegen die jüdischen Beamten schonungslos vorzugehen? Sind die Juden keine Staatsbürger und Steuerzahler? Sind die Elektrizitätswerke nicht teilweise von jüdischen Steuergeldern gekauft? Werden sie nicht teilweise auf Kosten der Juden verwaltet? Wird die Elektrizität nicht gegen Bezahlung an Juden abgegeben? Eine horrende, himmelschreiende antisemitische Frechheit liegt vor, gegen die Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen wären, gegen die mau die scharfsinnigsten Juristen mobilisieren sollte. Nicht der einen Tatsache wegen, sondern des Systems wegen. Präterierte jüdische Lehrer und Beamte, die zu Wiener Kommuualdiensteu verflucht waren, ließ sich unsere aufs Aeußerste angespannte Geduld noch gefallen. Aber was soll aus den jüdischen Existenzen in den vielen Großbetrieben werden, die mit der Zeit werden verstadtlicht werden? Den schläfrigen Juden ist es ein dringendes Mahnwort, den Kampf gegen die Antisemiten und ihre schäbige Gehässigkeit mit größter Schärfe zu führen. Den jüdischen Korporationen und Parteien eine antisemitische Aufforderung zur jüdischen Einigkeit. Sie sehen wohl, wie viel Gemeinheit sich gegen uns alle entleert und wie die gesammelte Kraft kaum zur Verteidigung hinrcicht. Mögen sie sich zusammeufiaden, um einen Ausweg zu suchen, bevor noch christtichsoziale Macht zur Allmacht führt und rumänische Zustände, das System der Aushungerung und Rechtlosigkeit, ius Oesterreichifche übersetzt werden. Der Voreilige Nekrolog. Der offiziöse Bericht des zionistischen Parteiorgans meldet im Rhythmus des Trauermarsches den politischen Tod des Herrn Dr. Isidor Schallt, Obmann des Landeskomitees, der zur großen Freude aller Leidtragenden politisch verschied, und der Nekrolog verhallt in das lauft auskltngende.Der Mohr hat seine Dienste getan. Nicht ein Fresko aber stürzte ihn, sondern ein Fiasko. Es mag sein, daß er über seine eigenen Beine gestolpert ist, aber keiner hatte soviel Anstand, ihn aufzufangen. Nun hat die Person des Herrn Dr. Schalit, der jahrelang eine erste Rolle bei den Wiener Zionisten . spielte — was übrigens nicht viel besagen will — nicht jene Bedeutung, die sein Sturz hatte, und nicht seine Person ist es, die uns hier beschäftigt, sondern sein Schicksal, denn eist das Schicksal all derer, die an der „kompakten Majorität"' verbluten. Und die kompakte Majorität selbst wird hier zur Farce, denn sie besteht aus einer Handvoll eigenwilliger, ehrgeiziger Lärm macher, die sich an den Erfolgen des Ostens mästen und nichts für ihn machen als Rummel. Eingeweihte wissen, daß Schalit, wie einst weiland Bismarck, mit stillschweigender oberhoheitlicher Genehmigung zu einem kühnen Feldzug auszog. Er ging nach Döbling, um das Land dem Brunner untertan zu machen. Das war eine politische Unklugheit, denn Döbling ist ein Bezirk, der der jüdisch-nationalen Sache ebenso fernsteht, wie das Landeskomitee in Wien. Ec holte sich dort eine Niederlage. Nun das kann dem tüchtigsten Feldherrn passieren. Aber die Wiener Parteileitung verlangt von Anderen immer Tüchtigkeit und Unfehlbarkeit. Die Wiener Parteileitung war sehr böse und suchte einen breiten Rücken. Und da die Herren oben alle sehr engbrüstig sind — nun, da mußte eben der eine heran, der noch so viel Brustweite hatte, die Sache auf sich zu nehmen. Und zur Ehre des Herrn Dr. Schalit sei es gesagt: Er war niemals sympathischer, als bei seinem Sturz. Und die zurückgeblieben find, können ihn um diesen ehrlichen, politischen Tod beneiden. Zwischen der Schlacht von Zögernitz und der Thronentsagung liegt aber etwas, was alle ehrlichen, jüdisch-nationalen Elemente mit tiefer Beschämung erfüllen muß. Von einer Vertrauensmännerversammlung war eine mehrwöchentliche Frist festgesetzt worden. Während dieser Frist sollte osiiziell von einem Rücktritte nichts verlautbart werden. Aber da fand sich ein besonders Eifriger — es gibt solche in Wien — ein niedriger, kleiner Casca, der schon lange „mit dem Dolch im Gewände" wartete und vor Begier zitterte, den ersten Stoß zu führen. Und 14 Tage vor Ablauf der Frist erschien ein.offizieller, Rücktrittsartikel, damit ja keine Aenderung in der Gesinnungslosigkeit eintrete. Das war natürlich kein Dolchstoß, sondern nur ein Nadelstich, Casca ist kein Brutus, sondern eine schlau berechnende Krämerseele und Dr. Schalit ist kein Cäsar. Die Affäre ist ja im Grunde nicht so gewaltig, sie ist nur ekelhaft. Sie hat mit einem grellen Schein alles beleuchtet, was defekt ist, und hier setzt die Entrüstung ein. Daß man es hier in der Partei verlernt hat, im eigenen Lager mit geraden, ehrlichen Mitteln zu arbeiten, daß man willkürlich stürzt, ohne Ersatz zu haben, nur damit die persönlichen Sehnsüchteleien Einzelner befriedigt werden, das deutet auf eine nahende Götzendämmerung. Es ist auch schon die höchste Zeit dazu. Wie sagt doch Dr. Stockmann: „Es ist nichts daran gelegen, wenn eine lügenhafte Gesellschaft zu Grunde geht. Vom Erdboden muß sie wegrasiert werden." Was an unserem Mark zehrt und an unserem Bau wühlt, das läßt sich mit leeren Phrasen und Wortgeklingel nicht abtun. Uns Nationalen fehlt in erster Linie der Grundkern — die Selbstkritik, die Selbstzucht. In unseren Reihen wütet noch immer ein erschreckender Größenwahn, der alles niederreißt. Statt des Ernstes des Ostens haben wir die große Geste und statt seiner Innerlichkeit eine Menge von hohlen Acußerlichkeiten. Wir haben Feste, aber keine Feierlichkeiten, wir haben Purim, aber keinen einzigen Jom-Kippur, an dem wir uns an die Brust schlagen könnten: wir haben gesündigt. An unserer Selbstberäucherung ersticken auch alle diejenigen, die gewohnt sind, reine Luft zu atmen. Ich gebe zu, daß es Fälle gibt, wo widerspruchslose Disziplin erforderlich ist, ich gebe zu, daß eine Partei keine Individualitäten pflegen kann. Aber daß man uns vor eine verdeckte Schüssel setzt, in der nichts ist und uns seit Jahren nichts als leere Versprechungen serviert, daß billige Sophistik aus jeder Niederlage einen Sieg macht, das geht weit über die Duldsamkeit einer Parteidisziplin hinaus. Natürlich geht das nicht die zionistische Masse, sondern die zionistische Führung an. Diesesehnsüchtige Volk, das einst

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