Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 6 (7.2.1908)
- Date
- 1908-02-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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ai i iim Grte 102 Dr. Llocv s Mocdenscbritt. Nr. 6 Schemdes Reichtums zu erwecken. In den schmutzigen Gassen derMellahs, dre nie ein Strahl Sonne beleuchtet, herrscht das bunte Treiben, wie es lautes Handeln und Feilschen erzeugt, und inmitten dieser verpesteten Luft fühlen sich die Juden wohl und vermehren sich wie Sand am Meere« Welche Menge von Kindern und welche Fülle von Schönheit inmitten starrenden Schmutzes und Vernachlässigung! Dre Gesichter der jungen Frauen sind nicht verschleiert, aber mit einem seidenen Tuch bedeckt. Es wird viel Wohltätigkeit geübt unter den Glaubensgenoffen, von denen nie einer zugrunde geht; auch brauchen sie so wenig zum Leben, daß jeder sein Auskommen findet. Die heutigen Juden vermitteln auch die großen Anleihegeschäfte, aber auch die Chefs staatlicher Einnahmezölle und des Postwesens bedienen sich ihrer. Es gibt ohne Zweifel, namentlich im Innern, zahlreiche Juden, die trotz aller Demütigung sich als treue Untertanen des Sultans fühlen. In den Küstenplätzen stellen sie sich häufig unter den Schutz irgend einer fremden Mrcht (Protektorate), in welcher Einrichtung man die Ursache vieler Verstimmungen und diplomatischer Reibereien zu erblicken hat. Man hat in Marokko das tatsächlich dem Sultan unterworfene Land (Beleb el Maghzen) von dem unabhängigen Lande (Beleb es Siba), wo steuer- und militärfreie Stämme Hausen, zu unterscheiden. Sind die Juden in ersterem in ihren Jntereffen geschützt, so sind sie im unabhängigen Lande von den Häuptlingen abhängig und fast rechtlos. Der Hauptmasse der armen Juden stehen einige loo reiche Familien gegenüber und eiulge ganz reiche, die mit der europäischen Judenschast oft verbündet und verwandt sind. Die fortwährenden Kämpfe und Verfolgungen haben ungünstig auf die Charaktereigenschaften eingewirkt, doch haben auch sie ihre Helden und Heldinnen hervorgebracht. So gedenkt man noch heute der sagenhaften Kahinar beim Kampfe der Juden gegen die Araber. Trotz ihrer elenden Lebensbedingungen find die marokkanischen Juden nicht zugrunde gegangen, ihre Zahl ist größer als jemals und nicht mit Unrecht sagt ein französischer Schriftsteller: „Sie besitzen eine mystische Kraft und Widerstand nnd eine mächtige Lebenskraft.Der Talmud lehrt sie, sich gegen die Menschen, der Mainides, sich gegen die schlechten Lebensbedingungen zu verteidigen." Man hat angeführt, daß die vielen frühzeitigen Ehen verderblich gewirkt hätten, aber die Kinderchen waren natürlich nur formelle Scheinehen. Eine Hochzeitsfeier nach altem Ritus wurde im Anschluß hieran geschildert und sodann, in Anlehnung an ein kürzlich erschleneneS Buch von Jean Heß, der die ganze Marokkopolitik weniger als eine politische denn als eine Judenfrage behandelt wissen will, ein Abstecher auf das Gebiet der hohen Politik gemacht. Die Ereignisse in Marokko, so folgerte Vortragender, werden ihren natürlichen Lauf nehmen, sei es, daß Marokko aufgeteilt wird, oder sei es, daß man es unter der Scheinherrschaft des Sultans unter europäische Kontrolle stellt. Jedenfalls wird die Eigenart der Juden verschwinden, sie werden die Lebensgewohnheiten der Europäer annehmen, wie es jetzt in den Küstenplätzen schon der Fall ist, jahrhundertelange Gewohnheiten werden abgelegt, und damit wird wieder ein langes, etnographisch interessantes Kapitel aus der Geschichte des jüdischen Volkes seinen Abschluß finden. Danzig. (Ein nicht gefeierter Gedenktag.) Dieser Tage sind es 100 Jahre gewesen, seit der erste Jude in Danzig seinen Eintritt in die Börse erzwang, also hundert Jahre, fett hier die Juden „börsenfähig" wurden. Die „Danzg. Ztg " erinnert an diesen Tag mtt folgenden intereffanten historischen Reminiszenzen von Walter Domansky: Daß in den früheren Jahrhunderten sich Juden in Danzig zwar aufgehalten haben, aber ohne gesetzliches Niederlassungsrecht, dürfte bekannt sein. Ebenso die Tatsache, daß sich in den um Danzig gelegenen Ortschaften unter dem Schutze verschiedener weltlicher und geistlicher Fürsten jüdische Gemeinden bildeten, die allmählich erstarkten. Seit der preußischen Zeit etwa bestanden dann schließlich fünf Gemeinden nebeneinander und diese waren: die Altschottländer, die Weinberger, die Langfuhrer, die Mattenbudener und die Breitgaffer Gemeinde. Doch ließ auch noch am Anfang des 19. Jahrhunderts zur Zeit der französischen Fremdherrschaft die rechtliche Stellung der Juden manches für sie zu wünschen übrig. Wie wohl die Generale Rapp und Maffias darauf drangen, Handelsfreiheit zu gestatten und diesen Grundsatz auch auf die Juden auszudehnen, protestierten die Danziger damals doch gegen die Zumutung, Juden an der Börse zuzulassen, indem sie sich darauf beriefen, „es solle, dem Willen des Kaisers Napoleon zufolge, Danzig nach seinen alten Gesetzen regiert werden". So wurde denn im April 1808 den Juden der Zutritt zur Börse untersagt. Ein Regierungskommiffar las das Dekret in der Altschottländer Synagoge vor. Aber es sollte ein unvorhergesehenes Ereignis eintreten. Im Verlaufe des Jahres 1808 befand sich nämlich ein Kaufmann Moses Kaffel ans Berlin auf einer Geschäftsreise in Danzig. Er wollte auch die Danziger Börse besuchen, da ihm von dem oben erwähnten Verbote nichts bekannt war. Aber sobald er sich dort sehen ließ, wurde er auch schon von einem Böriendiener ausgtwiesen. Moses Kaffel wandte sich nun mit einer Beschwerde persönlich an General Rapp, den Gouverneur von Danzig. Dieser ließ sogleich zwei Gendarmen rufen und schärfte ihnen ein, sie sollten sich den Kaufmann Moses Kaffel genau anseden, damit sie ihn wiederzuerkennen imstande wären. Alsdann sollten sie sich am folgenden Tage vor der Börse postieren und sofort zur Hand sein, um den genannten Kaufmann vor etwaiger Unbill zu schützen. Anderen Tages betrat Moses Kassel wiederum die Börse, aber erst, nachdem er sich überzeugt hatte, daß seine beiden Beschützer auf ihren Posten waren. Die Gendarmen hatten ihn ebenfalls bemerkt und gaben es ihm durch Zeichen zu verstehen. Bei seinem Eintritt erhob sich sogleich ein allgemeines Gemurmel. „Hinaus!" ertönte es im Chor. Aber Moses Kassel drehte nun den Spieß um un) rief, daß er im Gegenteil seine Angreifer würde hinausbringen lassen. Dabei winkte er die beiden Gendarmen heran und diese erklärten im Namen des Gouverneurs, daß jeder, der sich an dem jüdischen Kaufmann vergreifen sollte, ihr Gefangener sein würde. Noch an demselben Tage erschien ein Dekret, daß jedem ehrbaren Kaufmann der Zutritt zur Danziger Börse gestattet wäre, ohne Unterschied der Religion. Seitdem erst, also seit 1808, sind die Danziger Juden „börsenfähig" geworden. Die „Expropriation" beim Odessaer Rabbiner. Mit dem Worte „Expropriation" werden jetzt in Rußland die bewaffneten Ueberfälle jener revolutionären Freischärler bezeichnet, die reiche oder für reich gehaltene Juden unter Androhung des Todes brandschatzen und berauben. Vorige Woche sollte nun beim Odessaer Rabbiner eine solche Expropriation vorgenommen werden. Oer „Hed Hasman" schildert die Lebensgefahr, in welcher der allseits geachtete Rabbiner sich befand folgendermaßen: Vorigen Dienstag um die Mittagsstunde wurde ein bewaffneter Ueberfall auf die Wohnung des gewählten Rabbiners Josef Heilperin in Odessa verübt. Als es um diese Zeit klingelte, öffnete der in der Bibliothek des Rabbiners beschäftigte Diener die Vorzimmertüre. Fünf junge unbekannte Männer und ein junges Frauenzimmer hatten Einlaß begehrt und auf Befragen des Dieners nach ihren Wünschen erzählt, daß sie in einer Scheidungsangelegenheit mit dem Rabbiner selbst sprechen müßten. Der Diener ließ die Gäste ins Empfangszimmer treten und dort Platz nehmen. Kaum waren die Räuber im Empfangszimmer, zogen sie auch schon ihre Brownings aus der Tasche und riefen dem erschreckten Diener zu: „Schweige und rühre Dich nicht vom Platze, sonst schießen wir!" Nun eilte einer der Bande in die Küche und postierte sich mit gespanntem Revolver vor die Köchin, der ebenfalls mit Erschießen gedroht wurde, falls sie einen Laut hören ließe. Ein anderer besetzte den Eingang zur „guten Stube". Nun betraten drei Männer und das Frauenzimmer mit je zwei Revolvern in der Hand das Studierzimmer des Rabbi, der eben mit dem Studium einer vor ihn gebrachten Angelegenheit zwischen zwei Eheleuten beschäftigt war. „Gib Dein Geld und den Schlüssel zum Geldschrank her!" begann nun die junge Expropriateurin. „Ich habe kein Geld", antwortete Rabbi Heilperin gelaffen. v~ ) „Gibst Du uns das Geld nicht heraus, so bist Du ein Kind des Todes!" Und von allen Seiten richteten sich die Revolver gegen den Kopf des Rabbi. Inzwischen kamen mehrere Besuche zum Rabbiner. Alle wurden in ein Zimmer gebracht und dort unter „Aufsicht" gestellt. Auch die Frau des Rabbiners, die beim Anblicke der bewaffneten Bande zu schreien begann, wurde in das Zimmer geführt, in dem sich die übrigen „Gefangenen" befanden. Unterdessen unterhandelten die Räuber mit dem Rabbiner weiter. „Gib das Geld her, oder Du stirbst! Wähle rasch eines von beiden!" schrie das Frauenzimmer. Nun war es auch mit der Ruhe des Rabbi zu Ende. Erregt schlug er mit den Fäusten auf den Tisch und befahl den Räubern, sofort die Wohnung zu verlassen. „So stirb denn!" kreischte das junge Weib und gab einen Schuß gegen den Rabbiner. Zum Glücke verfehlte die Kugel ihr Ziel. Selbst erschrocken durch die Detonation des Schusses, ließen die Expropriateure von ihrem Vorhaben plötzlich ab und schlichen sich einzeln aus der Wohnung des Rabbi. Und dieser fast unglaublich klingende Vorfall ereignete sich, wie eingangs erwähnt, um 12 Uhr mittags in einem Hause, das auf einer belebten Straße' Odessas steht. Jüdische Soldaten im fernen Oste». Mehrere jüdische Blätter in Rußland veröffentlichen das nachfolgende interessante Schreiben eines im fernen Osten stationierten jüdischen Soldaten: „Im Namen von 200 jüdischen Soldaten, die im fernen Osten im Dienste stehen, wende ich