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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-02-07 · 6 (7.2.1908) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
6 (7.2.1908)
Date
1908-02-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 6 Dr. JBlocb’s Mlocbenscbrtn. Sette 101 Mitglieder nicht mehr die Gelegenheit, in wohldurchdachten Reden, in» welchen früher Derartiges vorgebracht wurde, kro und Contra zu erwägen.» Ich sagte, ich kenne die Gründe nicht, die ausschlaggebend waren für«! den Verkauf des Friedhofes, aber eines weiß ich, es hat sich Niemands! trt der Vertretung gefunden, der dem Antragsteller — ein Koliner schemt es nicht gewesen zu sein — zugerufen hätte: „Hände weg! 1 das ist unser alter Friedhof, den unsere Vorfahren errichtet, haben, auf den unsere Väter und Mütter bestattet sind, den wollen wir auch erhalten, oder wollet Ihr. während andere Gemeinden, Prag obenan, Alles aufbieten, um die Ruhestätten ihrer Altvordern zu erhalten und zu behüten, Euere Pietätlosigkeit, über die selbst unsere christlichen Mitbürger hier erstaunt sind, vor aller Welt zeigen?" Doch nein, es fand sich Niemand, und der Antrag wurde zum Beschlüsse erhoben; das ist bedauerlich, und darüber werden viele Ihrer Leser, insbesondere aber unsere ehemaligen Koliner Gemeindemitglieder den Kopf schütteln. Nebenbei bemerkt, glaube ich, diesen einen Dienst damit geleistet zu haben, daß ich Ihnen diesen Vorfall zur Kenntnis bringe, damit, wenn Sie auf nOK “Op kommen wollen, den Kustos früher bestellen können, dem gewiß die S ch a m e s röte ins Gesicht steigen müßte, wenn er auf das Täfelchen mit der Aufschrift „Schlüssel daneben im Wirtshaus", welches beim neuen Eingang in den Friedhof angebracht sein wird, hindeuten muß. .Die Sache ist geschehen, der Verkauf nicht mehr rückgängig -zu machen,' der neue Besitzer wird bis knapp an die Gräber heran seine Motocyclefabrik hinbauen, und wollen wir hoffen, daß er nach den Worten „Wir Wilden sind doch bessere Menschen" es nicht zulassen wird, daß die alten Grabstätten irgendwie entweiht werden; ich sage deshalb hoffen wir, weil ich kein allzugrobes Vertrauen dazu habe, denn kein anderer ist der neue Besitzer als derjenige, der seinerzeit beim Auftauchen des Ritualmärchens ein . Schächtmesser in seinen Auslagkasten legte, mit der Bezeichnung „Das ist das Meffer". Nicht Spott will ich auf unsere Vertretung häufen, nein, meine ehrliche Absicht ist es. durch das Aufdecken solcher Zustände eine Gesundung in unserer Gemeinde herbeizuführen, damit es ja nicht heißen soll, daß aus unserer Hunderte Jahre alten Gemeinde eine Religionsgenossenschaft mit beschränkter Haftung geworden ist. Ein jeder von uns gönnt ja recht gerne den Herren die Ehrenstellcn, es gibt ja manche unter ihnen, die ein solches Ehrenamt schon »to eover the former life« nötig haben, aber eines verlangen wir von ibnen, und das ist, Pietät gegen unsere Vorfahren, Schonung unserer Gefühle. Heinrich Pollatschek. Berlin. Dieser Tage beging Herr Professor Dr. James Israel, der dirigierende Arzt der chirurgischen Abteilung am hiesigen jüdischen Krankenhause, seinen 60. Geburtstag. In An- ' betracht der hervorragenden Persönlichkeit mag ausnahmsweise auf diesen Tag in seinem Leben hingewiesen sein. James Israel gehört zu den bei uns in Deutschland seltenen Medizinern, insbesondere Chirurgen, die, außerhalb der akademischen Bannkreise stehend, es zu einem großen Rufe in unserer Wissenschaft und in ihrer Kunst gebracht haben. Er hat niemals nach akademischen Würden gestrebt. Vielmehr war es von Anfang seiner Laufbahn sein ausgesprochenes Ziel und Streben, nichts anderes als ein möglichst ausgezeichneter Chirurg zu werden. Und dieses Ziel hat er durch eine überaus gewissenhafte, ausgezeichnete Studienzeit auf der Universität und später auf Reisen, namentlich zu den englischen Großmeistern des Faches, völlig erreicht. Nach vollendeten wissenschaftlichen Vorbereitungen trat Israel 1873 als Langenbecks Assistent in das jüdische Krankenhaus ein, um dann nach einigen Jahren der Nachfolger seines weltberühmten Meisters zu werden. Seit achtundzwanzig Jahren waltet nunmehr James Israel dieses Amtes. Die chirurgische Abteilung des genannten Krankenhauses ist unter seiner Leitung zu einer ungeahnten Blüte emporgediehen. Im Laufe der Zeit ist James Israel in die Reihe der führenden Chirurgen Deutschlands getreten. Sein Name erfreut sich höchster Achtung bei seinen Fachgenossen, und seine Ansicht gilt viel in dem Rate der Kollegen. Gewisse Zweige der chirurgischen Operationstechnik — namentlich die Nierenchirurgie — verdanken ihm besonders viel. Er hat gerade dieses Gebiet durch seine diagnostische wie durch seine chirurgische Kunst mächtig gefördert. Sein Buch „Chirurgische Klinik der Nierenkrankheiten" steht bei allen Medizinern in hoher Wertschätzung. Mit hoher Genugtuung darf James Israel auf sein erfolgreiches wissenschaftliches und praktisch-ärztliches Leben zurückblicken. Was er ist und bedeutet, das dankt er seiner Begabung und seiner unveränderten Ausdauer. Zur Feier des Tages haben seine ehemaligen und jetzigen Assistenten eine Festnummer in der soeben ausgegebenen Nummer 5 der „Berliner Klinischen Wochenschrift" mit schätzenswerten Beiträgen zusammengestellt. l Die Juden in Marokko. Berlin. Der Verein für jüdische Geschichte und [211eratur hatte Hofrat Prof.Dr. Oskar Lenz-Prag zu einem Mortrage über „Die Juden in Maro!ko" gewonnen. Seine Mitteilungen ^beruhen auf eigener Anschauung im Lande, die allerdings ein Menschen- ' alter zurückliegt. Nach der politischen Aufteilung des schwarzen Erdteils befinden sich immer noch zwei selbständige Staatswesen in Afrika, die sehr alt sind, viele Einrichtungen besitzen, die an das Feudalwesen im Mittelalter erinnern und sich endlich auch darin gleichen, daß sie ihre Selbständigkeit im Grunde der rivalisierenden Eifersucht der europäischen Seemächte zu verdanken haben — Abessinien, das durch feine hoch alpine Natur vor Eroberungen außerordentlich geschützt ist, und Marokko das gegenwärtig im Vordergrund des politischen Interesses steht. Beide Staaten haben endlich auch das Gemeinsame, daß sich in ihnen seit uralter Zeit Juden angesiedelt und bis in die neueste Zeit erhalten haben. Bei ollen orientalischen Völkern haben Lebensgewohnheiten, Sitten und soziale Zustände von Natur einen streng konservativen Charakter, aber der abendländische Einfluß hat sich in Asien und Afrika doch so stark bemerkbar gemacht, daß er besonders in den Küstenvlätzen einen nivellierenden Einfluß auf die alten Sitten ansgeübt hat. denen wir in ihrer Reinheit darum nur noch an den abgelegensten Orten begegnen. Daraus erklären sich auch die so divergierenden Urteile, denen wir über die marokkanischen Juden (Espaniolen) begegnen. Hierbei ist zu bemerken, daß die wenigsten Reisenden ins Innere des Landes kommen, sondern sich an der Küste aufhalten, wo tatsächlich eine Zersetzung d r alten Sitten und Gebräuche stattgefunden hat. In der Besiedlung Nordafrikas durch die Juden sind zeitlich drei Etappen zu unterscheiden: Schon vor der christlichen Zeitrechnung haben Juden in Nordafrika, besonders in der Cyrenaica gewohnt. Dort fand 115 n. Ehr. der Aufstand gegen die Römer statt. Später wurden zahlreiche Juden nach Afrika geführt, die dort blieben. Von jener Zeit sagt die Geschichte Marokkos sehr wenig. Das marokkanische Judentum tritt erst wieder mehr im 8. Jahrhundert hervor, als die Araber hier ihre Herrschaft begründeten und eine neue Kultur schufen. Die Juden haben den eingeborenen Berbern stets sehr feindschaftlich gegenübergestanden, obwohl sie wirtschaftlich aufeinander angewiesen waren. Die Kalifen wußten jedoch die strebsamen Elemente zu schützen. Große jüdische Gemeinden waren schon im 9. Jahrhundert in Nordafrika vorhanden, besonders in den großen Städten Marrakesch, Fez u. a. Vom 14. bis 16. Jahrhundert dauerte die Invasion spanischer und portugiesischer Juden, die einen neuen Einschlag in das nicht immer rein gebliebene freie Volk hineinbrachten. Die Leidensgeschichte der Juden in Portugal und Spanien ist bekannt. Die Inquisition hat dort fürchterlich gehaust, besonders grausam waren auch die Auswanderungsverbote. Allein 1806 wurden in Liffabon 2000 Juden ermordet. Die Einwanderung der Juden verteilte sich also auf lange Jahre hindurch und begann schon in vorchristlicher Zeit. Die Mehrzahl der jetzt dort lebenden Juden dürften wohl Nachkommen der spanischen und portugiesischen eingewanderten Juden sein. Die Juden haben sich in den drei Atlas ländern entsprechend deren politischer Geschichte nach Lebensweise, Sitten und Gebräuchen verschieden entwickelt. In Tunis werden allen Reisenden die grotesken Figuren der Jüdinnen gezeigt. In Algier, wo sich vor wenigen Jahren eine antisemitische Bewegung entwickelt hat. haben sich die uralten Einrichtungen und Gebräuche der Juden nicht mehr erhalten, haben sich vielmehr zu ihren Ungunsten verändert. Anders dagegen Marokko, das sich von europäischem Einfluß freigehalten hat. Nur hier haben sich der Islam und das jüdische Leben in streng reiner Form erhalten. Die Mohammedaner in Marokko haben niemals solche Grausamkeiten verübt, wie die christlichen Völker auf der iberischen Halbinsel, wie überhaupt der Islam im allgemeinen nicht so intolerant ist. wie man meint. Die Zahl der Juden in den islamitischm Ländern Nordafrikas ist gering, ihr Einfluß nicht unbedeutend. Die Zählungen schwanken zwischen 150 — 200.« 00 Seelen. Der größte Teil besteht aus armen Teufeln, die sich schlecht und recht durchs Leben schlagen, und ist weit verstreut durch das ganze Land hindurch. Die Judenfamilien in den kleinen Landstädten leben in viel günstigeren Bedingungen als ihre in den großen Städten zusammengepferchten Glaubensgenossen, find auch im allgemeinen mehr geachtet und erfreuen sich eines gewissen Wohlstandes. Diesen Niederlassungen fehlt der leicht aufzureizende Mob der Großstädte. Die Juden wohnen im Innern m abgeschloffenen Quartieren, Mellahs, den marokkanischen Ghettos, in den Hafenplätzen, wo die europäischen Mächte durch Konsulate vertreten find, ist dies aber nicht mehr der Fall. Jede marokkanische Stadt besteht aus drei Teilen; der Craspa (Sitz der Behörden und der Soldaten), der Medina (der eigentlichen Bürgerstadt) und der Mellah, dem Judenviertel, das durch eine Mauer abgetrennt ist und unter dem Schutz der Behörden steht. Diese Judenquartiere find räumlich beschränkt, schmutzig, aber trotz der sanitätswidrigen Gesund heitsverhälmiffe haben sich die Juden Jahrhunderte erhalten bei reichem Kindersegen und fühlen sich vielleicht wohler, als man anzunehmen pflegt, denn sie wiffen, daß sie unentbehrlich sind. Die ganze Art, wie sie Handels- und Wuchergeschäfte treiben, hat wohl zu dem Haß gegen siebeigetragen. Innerhalb der Mellah voll stolzen Selbstdewußtseins, wie es Geld und Gut mit sich bringt, in schöne Kleider gehMt, mit Wertstücken oft von hohem Alter geputzt, schleichen die Juden, sobald sie ihr Quartier verlassen, scheu, gebückt und mit nackten Füßen einher, ängstlich die Straßen ^eidend, wo Moscheen stehen, und vorsichtig alles meidend, um nicht den 11 .5!

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