Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 6 (7.2.1908)
- Date
- 1908-02-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 Dr. Llocb s MocdenscdrM. Seite 99 und Kroaten, in bestem Einvernehmen leben. Die serbischen Mitglieder der Kultusgemeinde, die ebenfalls Handelsleute find, können mit ihren israelitischen Konkurrenten keine reelle Konkurrenz aushalten und deshalb haben fie ihrem Pfarrer (der kaum des Lesens kundig ist) einfach befohlen, daß er zu ihrer Hilfe die Kanzel verwende. Da die Bauern die Hetzpredigt wohl angehört,, aber ihr keine Folge geleistet haben, wurde der Pfarrer wütend und sein Sohn Dusan wollte sogar den dortigen serbischen Lehrer insultieren. Als der Lehrer wenige Tage darauf eine Reise unternahm, wurde des Nachts seine Wohnung gewaltsam demoliert und alle Effekten hinausgeworfen. Gericht und Verwaltungsbehörden find weder gegen den Pfarrer, noch gegen seinen Mithelfer, den Gastwirt Tode Popovic, welcher öffentlich einen Pogrom gegen die bosnischen Juden andrvhte, bis heute eingeschritten. I. K. B. Israelitischer Bethaus-Berein „Volkert" II.. Fugbachgaffe 7. Am 26. Jänner l. I. fand im Tempelgebäude, II., Fugbachgaffe 7, die 31. Generalversammlung statt. Hiebei war als Vertreter der löblichen Kultusgemeinde Herr Dr. Hermann Löwi und als Vertreter des Tempelvereines im XX. Bezirke Herr Sekretär Josef Kohn erschienen. Nachdem der Obmann Herr Adolf Schrämet des im heurigen Jobre verstorbenen langjährigen und verdienstvollen Mitgliedes. Herrn Moritz Jellinek rühmend gedachte und einen Rückblick auf das abgelaufene Jahr in beredten und begeisternden Worten geworfen hatte, hielt Herr Dr. Löwi eine mit vielem Bestalle aufgenommene Ansprache an die Generalversammlung, worin er die vielen Vorzüge dieses Tempelvereines in religiöser Beziehung und Festhaltung der alten Satzungen hervorhob, darauf Gewicht legend, daß die verehrliche Kultus gemeinde eben aus diesem Grunde dem Bethausvereine eine größere Subvention angedeihen läßt. Nicht minder geistreich und fesselnd besprach Herr Sekretär Josef Kohn an der Hand des Rechenschaftsberichtes die fruchtbare Tätigkeit dieser Vereines und zollte dem regen Interesse aller Bethausmitglieder besondere Anerkennung. Bei der hierauf vorgenommenen Wahl wurden die ausgeschiedenen Mitglieder, die Herren Adolf Schramek, Elkan Bauer, Josef Fischer, Bernhard Fischer und Salomon Beck wieder-, sowie die Herren Dr. Moritz Kohn und Simon Bandler neugewählt, worauf sich sodann der Vorstand bei der am 29. Jänner 1908 stattgehabten Versammlung nachstehend konstituierte. Ad. Schramek» Obmann; Elkan Bauer, Obmann-Stellvertreter; Dr. Moritz Kohn, Schriftführer; Julius Beck. Schriftführer-Stellvertreter; Josef Fischer» Kassier; Sal. Hoffman, Heinrich Gaffner, Kontrollore; Wilh. Bandler, Josef Werner, David Kohn, Bethausvorsteher. Ausschüsse: Sal. Beck, Herm. Kaiser, Sim. Bandler, Bernh. Pick, Simon Wessely, Beruh. Fischer, Jg. Freundlich. Jacob Singer. Vertrauensmänner: Friedlich Maier, Samuel Adler, Heinr. Blöch, Siam. Rausnitz, Sim. Reisz, Sal. Ehrenreich, Moritz Altman, Jacob Kaiser. Der Pogromprozeß in Kiew. Kiew. Der am 17. Dezember v. I. in Kiew begonnene Pogromprozeß nahm am 25. Jänner für die Zivilkläger eine traurige Wendung. Das Gericht verweigerte letzteren den primitivsten Rechtsschutz, untersagte, über die Untätigkeit der Polizeibehörden und Militärs zu sprechen, verbot den Nachweis, daß der Pogrom von langer Hand vorbereitet und organisiert wurde, und verweigerte die Zulassung der allerwichtigsten russischen Augenzeugen, welcher die im offiziellen Anklageakt zum Faktum erhobene Legende zerstreuen konnte, wonach Juden das Kaiserporträt zerrissen hätten. Der Zeuge kennt den Stockruffen, der es getan hat. Das Gericht gestattete nur die Vorladung der die Juden belastenden Zeugen und wies die entlastenden zurück. Die Zivilkläger verließen daher in corpore den Gerichtssaal und der Prozeß wurde in ihrer Abwesenheit fortgesetzt. Im Oesterreichischen Kunftberein ist feit geraumer Zeit ein Gemälde ausgestellt, welches das Judenmaffukre von Kiew im November 1905 darstellt. Der Schöpfer des Gemäldes, der in Krakau domizilierende Maler Stanislaus v. Fabijanski, hat hier jene blutigen Ereignisse festgehalten, welche in einer Novembernacht des Jahres 1905' in Kiew sich abspielten. Das Verfassungsmanifest vom 30. Oktober 1905 war erschienen und verhieß auch den unterdrückten nichtrusfischen Nationalitäten neues Leben. Auch die Juden in Kiew veranstalteten kurz nach der Publikation des Verfassungsmanifestes ein Freudenfest, um den Anbruch der bürgerlichen Freiheit zu begrüßen. Dieser Glaube in das Zarenmanifest sollte jedoch rasch vernicklet werden. In emer dunklen Nacht umzingelten Banden lichtscheuer Gestalten unter Anführung uniformierter Personen das jüdische Ouartier und begannen ihr Zerstörungswerk. Sie drangen in die jüdischen Wohnungen, rissen schlafende Kinder, Mädchen, Frauen und Greise aus den Betten und überlieferten viele von ihnen dem Martertod. Senator Turan, der später die Untersuchung führte, hat das Martyrium und die Teilnahme der Polizei an diesen Mordtaten festgestellt. Stanislaus v. Fabijanski bat diese Greuelszenen mit Talent dargeftellt. Es ist wohl ein düsteres Gemälde, düster in seinen Farben, in seiner Ausführung und . deprimierend in seiner Gesamtheit, aber es stellt die Wirklichkeit dar, die aktenmäßig beglaubigt wurde. Da ist der erstarrte Körper eines Juden, den die Mörder durch ein aufgepflanztes Bajonett in aufrechte Haltung gebracht haben, seine verglasten Augen drücken so viel Kummer und Vorwurf aus, daß man die Tragödie begreift, welche sich dort abgespielt haben mag. Da liegt hingestreckt der leblose Körper eines jungen Mädchens, an welchem blutige Spuren des vorangegangenen Kampfes sichtbar sind. Fabijanski hat jene dunkle Nacht in bewegenden Farben wiedergegeben. Die Großmutter der österreichischen Minister- Präsidentin gestorben. Diese Woche starb hier Frau Witwe M i n a von Leon im Alter von 80 Jahren. Die Verstorbene war die Stammmutter eine rangesehenen jüdischen Familie, deren Nachkommen fast sämtlich allmälig zum Christentume übergetreten find. Es liegt eine tiefe Tragik in dem Umstande, daß die alte Frau alle ihre Kinder, mit Ausnahme eines getauften Sohnes, überleben mußte. Innerhalb eines Jahres geleitete fie zwei Söhne zu Grabe. Die Frau des österreichischen Minister-Präsidenten Baron Beck ist eine Enkelin der verstorbenen Frau von Leon. Ihre Exzellenz Freifrau von Beck wurde als Jüdin geboren und war in erster Ehe mit dem Sektionschef a. D. Baron Doczy (vormals Dux) verheiratet. Diese erste Ehe wurde noch nach jüdischem Ritus vollzogen, da sowohl Herr Doczy als auch Fräulein Mayer (dies der Mädchenname der Freifrau von Beck) damals noch dem Judentum angehörten. Inzwischen haben sich Beide taufen lassen An dem Leichenbegängniffe der Frau von Leon haben Se. Exzellenz der Herr Minister- Präsident samt Gemalin teilgenommen. Interessant ist es, daß das Leichenbegängnis nachmittags um 2l/2 Uhr stattfand, obgleich jüdische Leichenbegängnisse in Wien vorschriftsmäßig nur vormittags stattfinden dürfen. Diese Abweichung von der Regel wurde auf besonderen Wunsch des Herrn Minister-Präsidenten gestattet, der am Vormittage beruflich verhindert gewesen wäre, an dem Leichenbegängnisse teilzunehmen. Auch Nachmittags konnte er nur der Zeremonie im Trauerhause anwohnen, da er an diesem Tage um halb 4 Uhr zu jener denkwürdigen Beratung der Christlich-Sozialen ins Rathaus eilen mußte, in welcher — wie aus den Tagesblättern bekannt — zwischen dem Minister-Präsidenten und den Antsemiten „ein vollständiges Einverständnis" hergestellt wurde. Am Grabe der Frau von Leon verrichtete Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n ein kurzes Gebet. . . . II. ordentliche Generalversammlung des jüdischen Bürgervereines „Jto" in Wien, XV Sie fand am 29. Jänner d. I. im Saale der israelitischen Kultusgemeinde in Wien, XV., Turnergaffe 22 statt und war sehr gut besucht. Als Gäste waren erschienen die ehrwürdigen Herren Dr. M. H. Friedländer und Doktor G e l b h a u s, der Schriftsteller Dr. I. S. Bloch, der frühere Sekretär der Baronin Hirsch Dr. Friedländer, Doktor Arnold Ascher und Dr. I. Z i p s e r. Der Obmann des Vereines Dr. S. Krenberger erstattete den Rechenschaftsbericht, wonach der Verein 87 Mitglieder zählt, die den wohlhabendsten und intelligentesten Kreisen angehören. Der Verein veranstaltete eine große Versammlung in den Marien-Sälen und gab drei Flugschriften in hunderten von Exemplaren heraus. Die Tätigkeit Zangwills begleitete der Verein stets mit Teilnahme. Seine Regelung der Emigration und die Bemühung um ein Jtoland verdienen den Dank und die Anerkennung des ganzen Judentums. Der Vorsitzende verlas eine Dankadreffe an Zangwill, die unter Beifall genehmigt und von allen Anwesenden unterschrieben wurde. Der Kaffenbericht wurde vom Revisor Herrn Bernhard Freund erstattet und für günstig befunden. Dem Kassier Herrn S. M. Hönigsberg und dem