Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 6 (7.2.1908)
- Date
- 1908-02-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021764-3021771--17077-3041932- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 98 Br. Blecb s MocdenscdNN. Nr. 6 Korrespondenzen. Der zionistische Besuch bei Baron Hock. Wir erhallen aus unserem Leserkreise folgende Zuschrift: Sehr geehrter Herr Redalleur! Gestatten Sie, daß ich den Raum Ihres geschätzten Blattes in Anspruch nehme für einen lauten und entschiedenen Protest gegen einen Vorgang, der in Wiener jüdischen Kreisen allgemeine Entrüstung erweckt und mich umso schmerzlicher und peinlicher berührt, als ich persönlich die zionistische Bewegung mit großer Sympathie verfolgt habe. Solche Vorfälle können nicht scharf genug verurteill werden. Wie durch die Tagesblätter bekannt wurde, erfolgte ein veritabler Einbruch der Zionisten bei einer Versammlung der deutschen Demokraten in Döbling, bei welcher Baron Hock präsidierte. Unter Führung des Zahnarztes Dr. Schaltt rückten etwa hundert junge Leute an und terrorisierten die Anwesenden durch Lärmen und Singen. Auf seine Heeresmacht gestützt, schleuderte Herr Dr. Schallt, dessen eigentliche Absichten aus seinen sonstigen Ausführungen nicht zu entnehmen waren, den Versammelten schwere Beleidigungen ins Gesicht, stürmische Entrüstungskundgebungen waren die Folge und schließlich begann ein erfolgloser Sprengungsversuch durch die Zionisten, die nach Intervention der Polizei unter heftigem Lärm aus dem Saale zogen. Ich muß bemerken, daß mir die ganze Unternehmung der Zionisten so unglaublich erschien, daß ich Erkundigungen einzog. Wie jedermann weiß, ist Baron Hock ein Ehrenmann, der seiner Gesinnung seine Karriere und noch anderes zum Opfer gebracht hat und der es wegen seines sympathischen Charakters und seines opferbereiten Mannesmutes verdient hat, daß man ihm auch als Gegner in der allervornehmsten Art entgegentrete. Ich gebe ganz gerne zu, daß sein Auftreten in den Bezirken mit vorwiegend jüdischer Bevölkerung und Wählerschaft den Zionisten nicht angenehm sein mag, welche sich in diesen Gebieten um Anhänger bewerben. Aber auch dann ist es nicht gestattet, andere Argumente als die des Geistes in Anwendung zu bringen. Argumente des Kehlkopfes und der Fäuste find ein Armutszeugnis für diejenigen, welche sie anwenden, namentlich wenn sie Akademiker find. Außerdem fand die Versammlung in Döbling statt, einem Bezirke also mit Ueberzahl der Christen in der Bevölkerung, und von der Judenfrage stand kein Schatten am Tapet. Wozu also das zionistische Massenaufgebot? Es hätte doch genügt, für alle Fälle ein oder zwei Redner mobil zu machen, aber sonst im allgemeinen eine Versammlung ungestört zu lassen, in welcher die Christen Hock und Tayenthal eventuell zu Christen sprachen. Dafür habe ich nun eine Erklärung erhalten, welche mein Erstaunen und Bedauern auf den Gipfelpunkt trieb. Die zionistischen Akademiker rückten nämlich auf Befehl eines neuen Führers aus, den sie erhalten haben, und zwar des Herrn Lucian Brunner seligen politischen Andenkens. Dieser Herr ist sehr erstaunlich rasch in die Reihen der Zionisten gekommen, auf die er noch vor ganz kurzer Zeit in der Oeffentlichkeit weidlich schimpfte, bis er beschloß, sie zu seinen Anhängern zu machen. Dieses tat er durch Anwendung einer größeren Summe für Zwecke der zionistischen Partei und über seine Veranlassung gingen die Zionisten nach Döbling in den traurigen Kampf. Herr Brunner kann es nämlich seinem Gegenkandidaten, dem allerdings durch seine Versicherungen wahren Christentums nicht sehr sympathischen Herrn Kuffler, welcher bei der Versammlung war, nicht verzeihen, daß er (Brunner) mit zirka 200 und sagen wir noch 11 Stimmen bei der letzten Reichstagswahl durchfiel. Ich bin nun der sicheren Ueberzeugung, daß die zionistische Bewegung in Oesterreich weit ernstere und größere Ziele hat, als daß Herr Lucian Brunner sich sein Mütchen kühle und daß es ein entschiedener Mißbrauch der Studentenschaft durch kurzsichtige und unfähige Elemente ist, wenn sie in diesem und noch in vielen anderen Fällen zu einer Methode des Faustkampfes in der Politik geführt wird. Ich finde es durchaus für nötig, daß die zionistische Bewegung der Oeffentlichkeit entschuldigende Erklärungen gibt, denn zwei schwerwiegende Folgen der gewalttätigen Taktik find heute schon sicher. Derartige Argumente sind durchaus nur geeignet, Anhänger abzustoßen und dem terrorisierten Gegner Sympathien zu gewinnen, zweitens wird der jüdische Klub in seinem wohlbegründeten Ansehen durch derlei Torheiten und Unbesonnenheiten tief herabgesetzt. In seinem Interesse liegt es, daß die Verantwortlichen zur Verantwortung gezogen werden. Hochachtend Dr. F. J. Die Erbauung des Marienbader Tempels. Wien, 1. Februar 1908. Sehr geehrter Herr Redakteur! Sie haben in der letzten Nummer Ihres geschätzten Blattes in dem Nachrufe nach dem verblichenen Herrn Ignatz Fischl in Marienbad unter anderem auch die Tatsache angeführt, daß derselbe die Erbauung des Marienbader Tempels nicht nur tatkräftig gefördert, sondern auch unter seinem Kultuspräsidium zum Abschlüsse gebracht habe. Ich gestatte mir als langjähriger Leser Ihres Blattes diese Mitteilung richtig zu stellen: Der dortige Tempel wurde unter dem Kultuspräfidium des Herrn Salomon Simon in den Jahren 1878 — 1884 erbaut. Der Jnitiatton dieses Präsidenten und zum großen Teile seiner tatkräftigen Förderung hat Marienbad den Tempel zu verdanken und erscheint dies auch durch eine Votivtafel im Innern des Tempels bezeugt. Ich bitte Sie, die Freundlichkeit zu haben, diesen Zeilen in der nächsten Nummer Ihres geschätzten Blattes Raum geben zu wollen, danke hiefür im Vorhinein bestens und zeichne hochachtungsvoll als Ihr ergebener Dr. Schönbrunn. Zur Bekämpfung des Mädchenhandels. Chrast, 1. Februar 1908. Löbliche Redaktion! In Ihrem geschätzten Blatte vom 31. v. M. finde ich einen Artikel „Liga zur Bekämpfung des Mädchenhandels". Ich erlaube mir dazu die Bemerkung, daß wohl Hunderte armer Mädchen und Witwen ihr anständiges Fortkommen fänden, wenn selbe in israelitische Wirtschaftsschulen ausgebildet, mit der Hauswirtschaft und Kochkunst vertraut gemacht würden. Jüdische Familien suchen ständig und zumeist vergebens nach solchen Kräften und gäben jüdische Mädchen und Witwen ganz gewiß bei bester Behandlung und guter Entlohnung ständige Beschäftigung als Köchinnen, Stützen der Hausfrau und Wirtschafterinnen. Derlei Institute müßten allerdings in allen größeren Städten Oesterreichs gegründet werden und könnten durch Subskriptionen, später durch Einheben von Zuweisungstaxen, so auch durch jährliche Subventionen von Mitgliedern solcher Vereine, die derlei Institute gründen und verwalten, erhalten werden und würden nebenbei noch auch tüchtigen Frauen, die den Unterricht leiten wollten und könnten, eine anständige Versorgung bieten. Ich bitte, gelegentlich von diesen meinen Ausführungen Notiz zu nehmen, und zeichne in aller Hochachtung ergebenst Heinrich Heister. Die Lage der Juden in bosnischen Dörfern. Wien, 1. Februar 1908. Löbliche Redaktion! Obwohl ich ein Christ (griech.-oriental.) bin, nehme ich mir die Freiheit, Ihnen einen Fall, betreffend das Judentum zu melden: Anfangs November v. I. hat der serbische Pfarrer Mile Marjanovics in Sarski Most (Bosnien) von der Kanzel herab eine sehr scharfe Predigt gegen das Judentum gehalten und seine Gläubigen verdammt, wenn sie sich unterstünden, bei den dortigen Juden (Spaniolen) einzukaufen. Die armen Juden (es find nur fünf Händler) sind ruhige Bürger, die nur den Handel betreiben und mit allen, Serben, Türken