Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 6 (7.2.1908)
- Date
- 1908-02-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Rr. 6 Dr Llocv's Mocvenscvnn. Sette 97 Professor der Mathematik, Physik und Naturgeschichte an inem Staatsgymnasium. Das Mädchen nannte den Ramen nd die Adresse des Professors. Vor drei Wochen, so erzählte ie Marie Biela, sei ihr schon, während sie schlief, Blut bgezapft worden. Sie bemerkte am nächsten Morgen einen stich im linken Oberarm, fühlte sich müde und abgespannt nd konnte zwei Tage den Arm kaum bewegen. Am Montag — so gab sie weiter an — hörte sie, □ie sich der Schwiegervater ihres Dienstgebers äußerte, daß nan das Mädchen jetzt keinesfalls entlassen dürfe, da man u den bevorstehenden jüdischen Osterfeiertagen ihr Blut »rauche. Das Mädchen blieb fest dabei, diese Aeußerung »eutlich vernommen zu haben und gab ferner an, daß der Schwiegersohn auch noch der Aeußerung seines Schwiegerlaters beig'pflichtet hätte. Die Anzeige wurde in so bestimmter Form erstattet, laß sich das Polizeikommissariat Währing, trotz der offen- 'undigen Unwahrheit der Angaben des Dienstmädchens, zur Linleitung sofortiger Erhebungen veranlaßt sah. Diese Erhebungen ergaben ein Resultat, wie es die Anzeigerin wohl nicht erwartet hatte. So weit sich nämlich die Abstammung c»es Professors und seiner Hrau verfolgen läßt, wurde festgestellt, daß sie rein christlicher Abstammung sind. Selbst ivenn die Dienstgeber jüdischer Konfession gewesen wären, iväre die Anzeige eine unsinnige gewesen. Durch die Feststellung, daß der Professor und seine Frau Katholiken sind, wurde die von vocneherein unglaubwürdige, aber mit voller Bestimmtheit vorgebrachte Beschuldigung am besten widerlegt. Gegen Marie Biela wurde nunmehr die Untersuchung wegen Irreführung der Behörde eingeleitet. Ein jüdischer Volksdichter. Von Adolf Heinrich Landau, Wiener-Neustadt. Noch liegt der frische Grabhügel aufgeworfen, der das deckt, was sterblich war an — Abraham Goldfaden. Es wäre ein müssigeS Beginnen, wollte man die Bedeutung Abraham Goldfadens im engen Rahmen eines Zeitungsartikels nach Verdienst würdigen; aber eines soll nicht vergessen bleiben: Er war nicht allein Volksdichter, nicht allein Dramatiker, er war der Erwecker der jüdischen Volksseele, des jüdisch-nationalen Gefühls. Und in alle Welt soll es mit Macht hinausgerufen werden: er war unser! Sein Leben — jüdisch, sein Wirken — jüdisch, sein Ende — jüdisch. Abraham Goldfaden als Sobn eines armen Uhrmachers in Alt'Konstantin im Jahre 1840 geboren, hatte schon in seiner Jugend das harte Geschick der russischen Juden zu tragen, die es nicht wagen dürfen, laut zu sprechen, um nicht denunziert zu werden. Diese drückende Knechtschaft mag ihn zu seinen schönen Zionsliedern veranlaßt haben, die voll schwermütiger Weisen sind. Lange bevor noch im Westen an einen praktischen Zionismus gedacht wurde, schuf schon Goldfaden im Osten seine herrlichen Lieder, die zur Heimkehr nach Palästina, zum Erwachen des Volkes aufforderten und zu jüdischen Volksliedern wurden, überall, wo Goldfaden verstanden wurde. Und die einschmeichelnden Weisen, die er ersann, sie waren echte, jüdische Musik, anklingend an den alten, erhabenen Synagogengesang, der rein und unverfälscht nur noch in Rußland und Polen bewahrt wird. Man hat ihm aber vielfach sein Bänkelsängertum und seine Hanswurstiaden zum Vorwurf gemacht; es waren seine Erstlingswerke, die der Zufall am rumänischen Kriegsschauplatz geboren hatte. Sie sollen ihm nicht zum Nachteile gereichen, denn sie waren die Uranfänge eines jüdischen Dramas, ähnlich den Bacchanalien, die trotz ihrer derben, ausgelassenen Weinlaune daS große griechische Drama aufbauen halfen. Und die Antike war das Muster Shakespeares und der deutschen dramatischen Kunst. Aber was will man heute, im Zeitalter des verderbten Geschmackes und der Bühnenskandale, einem Goldfaden llebles nachsagen? Wenn der jüdische Krämer oder der jüdische Handwerker, der jüdische Kutscher, der jüdische Lastträger oder das jüdische Dienstmädchen im jüdischen Theater sitzen und ein Stück von Goldfaden »pielen hören, dann muß man die Gefühle dieser schwergeplagten Geschöpfe Mitempfinden können. In diesem Momente veraessen sie an alles Ungemach, an alle herben Sorgen und Plagen. Da sitzen sie voll Spannung und verfolgen die Vorgänge auf der Bühne mit Entzücken, mit Entsetzen, als ob es sie selbst anginge, da kommt die Forderung des Aristoteles von tXzdC, Ka! <?6ßos zu ihrem Rechte. Man lacht und weint mit den Helden des Stückes, und wer nur einen Funken jüdischen Gefühls im Herzen hat, der muß mitweinen, wenn Goldfaden den ganzen Jammer des jüdischen Volkes mit seiner einzigen, machtvollen Darstellungskunst schiloert. Wahrlich, hätte Goldfaden sonst nichts getan, als nur dem armen, gedrückten jüdischen Proletariat einige Stunden seines bitteren Daseins versüßt — es wäre daS allein schon sein größtes Verdienst gewesen. Er sprach zu seinem Volke in seiner Sprache; er schilderte Gestalten aus der jüdischen Geschichte, aus dem jüdischen Leben, wie sie sind, wie sie fühlen, wie sie denken. Die süßen Weisen, die Abraham Goldfaden komponierte, sie wurden von den dankbaren Zuhörern mit hinausgetragen unter das Volk und in der Werkstatt, auf dem Acker, in der Dienstbotenstube und am häuslichen Tische ertönten Goldfadens schöne Lieder. Sein paradiesisches Schlummerlied aus „Sulamith" wurde auch an meiner Wiege gesungen, und wer dieses reizende Liedchen einmal gehört, der vergißt es nicht sobald wieder. Aber nicht allein im Volke, in den besten Kreisen, bei den vornehmsten Konzertabenden wurden Goldfadens Licdrr zu Gehör gebracht. Seine Stücke wurden ins Englische und Französische, ins Russische und Polnische übertragen und er durste es noch erleben, daß seine prächtige „Sulamith" im königlichen Opernhause zu Budapest aufgeführt wurde. Und merkwürdig — Goldfaden hatte nie den Kontrapunkt studiert, niemals eine Note gekannt. Er sang seinen musikkundigen Freunden alles vor und diese schrieben es nieder; aber auch da übte der Meister seinen mächtigen Einfluß aus. Er füblte eS, wo die erhöhte Leidenschaft laute Fanfaren und dröhnende Paukenschläge forderte und wo die leise entzückende, berückend schöne Instrumentation am Platze war. In Amerika, wo so viele seiner verfolgten Landsleute eine zweite Heimat fanden, wurde er verehrt und gewürdigt. Dort, wo ein Morris Rosenfeld an der Nähmaschine seine lyrischen Ergüsse in unverfälschter jüdischer Sprache niederschreibt, dort wird Goldfaden von berühmten Künstlern wie von einem Adler, den Ritter v. Sonnenthal anhörte, interpretiert. Hunderttausende drängten sich in New-Aork an den Sarg Goldfadens, so daß die Polizei die Gassen absperren und Ordnung halten mußte, denn das Gedränge war lebensgefährlich. Von seinen Epigonen sind vielleicht nur noch Schalom Asch, dessen „Gott der Rache" in Berlin und Wien mit starkem Erfolg aufgeführt wurde, und Abrahamowicz so bekannt. Mögen immerhin diejenigen, die Goldfaden und seine Werke nicht kennen, von den polnischen und russischen Juden mit Spott reden und sie nur nach den Leuten beurteilen, denen sie einmal mit bitterem Hohne ein paar Heller schenken. Ich aber wage es zu behaupten, daß der geringste polnische oder russische Jude in seinem Herzen noch mehr Edelmut besitzt, als diejenigen, die seines Elends zu spotten wagen Aber Goldfaden bedarf nicht ihres Ruhmes, für die er gelebt, für die er gewirkt, die kennen ihn. die wisien ihn zu schätzen. * * Nimm, edler Meister, dieses bescheidene Blatt, das ich auf dein frühes Grab lege, als dankbares Zeichen hin für die vielen süßen Stunden, die du dem jüdischen Volke bereitet, laß meine Tränen auf deinem frischen Grabhügel niederfließen, damit sie sich mit denTränen all derer vereinen, die mit dir gefühlt, die dich verstanden, die dich geliebt haben! Der „Jude" Hedderich des Herrn Grafen D« Moulin Eckart (München). München. In einem Artikel „Lindenberg und Liebenberg" („Zukunft" vom 30. 11. 07) hat der genannte Herr einen Krämer Hedderich den „Juden Hedderich" genannt- Das war in der „Frankfurter Zeitung" gerügt worden. Dagegen schreibt er nun: In Nr. 8 (Abendblatt) Ihres geschätzten Blattes beschäftigt sich eine Feuilletonnotiz eingehend mit meiner bescheidenen Persönlichkeit und mit meinem Artikel „Lindenberg und Liebenberg" („Zukunft", 30. November 1907) und tadelt, daß ich den Krämer Hedderich einen Juden nenne. Ich gebe ohneweiters zu, diß Hedderich christlicher Konfession war. Aber ich darf mich für meine Auffasiung auf einen sehr gewichtigen Zeugen berufen, nämlich den Schloßhauptmann von Berlin — natürlich aus den Zeiten des Kurfürsten Joachim I —, der den Hedderich als Juden bezeichnet (Vergl. W. Alexis. „Die Hosen des Herrn von Bredow". Berlin, Otto J -nke, >3. Auflage, S. 146 f) Auch in Gänsefüßchen durfte ich den „Juden" Hedderich setzen, denn der Ritter Lindenberg spricht zweimal: „Der Krämer — ich meine den Juden." Wenn ich das Wörtlein „klein" gleichfalls mit Anführungszeichen versehen, so entspricht das der Gesamtanffassung, die Willibald Alexis von der Figur seines Hedderich hatte. Sie sehen also, ich bin hinreichend entschuldigt. Und wenn der Herr Verfasser sich etwas eingehender amt meinem Artikel beschäftigt hätte, so würde er gefunden haben, daß ich dem armen, geschundenen Krämer nicht wehe tun wollte, wenn ich ihn einen Juden nannte." — Prof. Dr. Richard Gras Du Moulin-Eckart (München).