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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-02-07 · 6 (7.2.1908) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
6 (7.2.1908)
Date
1908-02-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 96 Ar. Lwco v Mocoensevrttu Nr. 6 studien mit rastlosem Fleiß, da er, wie er behauptete, in kürzester Zeit als rumänischer Nationaldichter aufzutreten gedenke. Man hielt dies für eine Marotte. Da erschien im Jahre 1679 ein Epos „Radu" von Ronetti Roman, das der Autor auf eigene Kosten hatte drucken lassen. Die Dichtung erregte außerordentliches Aufsehen. Es war kein geringerer als Herr Peter Carp, der dem Werke in dem vornehmsten rumänischen Literaturorgan, in der „Convorbiri Literari", einen Essay widmete. Herr Carp erklärte, daß in Ronetti Roman ein rumänischer Nationaldichter von erstaunlicher Kraft und Tiefe erstanden, ein Meister der Sprache, ein Poet von tiefer Empfindung, der aber auch über Witz und Satire verfüge. Die gesamte rumänische Kritik stimmte diesem enthufiastischen Urteile des Herrn Peter Carp zu. Man kann fich daher die Verblüffung denken, die in den literarischen Kreisen Rumäniens herrschte, als man eines Tages erfuhr, daß der plötzlich entstandene rumänische Nationaldichter ein Jude sei, der vor zwei Jahren erst — man wußte nicht woher — nach Bukarest gekommen sei, der erst in diesen zwei Jahren die rumänische Sprache erlernt hatte, in der er sich jetzt noch, trotzdem er sie meisterhaft in der Schrift beherrschte, nur mühsam verständlich machen konnte! Der Eindruck, den die Dichtung geübt, war aber so gewaltig, daß die Regierung fich verpflichtet fühlte, dem Fremden, gegen den klaren Wortlaut der Verfassung, eine staatliche Sinekure zu verschaffen, damit er, frei von Nahrungssorgen, arbeiten könne. Die Regierung bot ihm einen Posten im Ministerium des Aeußern an. So wurde Ronetti Roman rumänischer Staatsbeamter. Der Dichter fühlte sich aber im Zwange des Dienstes nicht recht wohl. Er gab den Posten auf und wurde Landwirt in der Moldau. Man erwartete ein neues Werk. Roman arbeitete auch, erklärte jedoch, daß er erst dann wieder in der Oeffentlichkeit erscheinen werde, wenn er selbst die lleberzeugung gewonnen haben werde, daß er eine seinem ersten Werke gleichwertige Schöpfung vollendet habe. Und so kam es, daß er erst vor drei Jahren mit einer neuen Dichtung auftrat, diesmal mit einem vieraktigen Drama „Manasse", das zuerst auf dem Jassyer und dann auf dem Bukarester Nationaltheater einensensationellen Erfolg errang. In diesem Werke bewährte er nicht allein seine Sprachgewalt, sondern bewies auch, daß er Gestalten mit der erobernden Kraft der Wahrheit auf die Bühne zu stellen vermag. — Und nun kommt aus Jassy die Nachricht, daß der Dichter nach einer kurzen Krankheit im Alter von 55 Jahren die Augen für immer geschlossen. Die hervorragendsten Bukarester Blätter, darunter auch daS führende Organ der regierenden Partei, die „Jndspendance Roumaine", widmen dem Heimgegangenen Dichter ehrende Nachrufe. Was die rumänische Literatur an ihm verloren, wird aber erst an dem Tage klar werden, wenn sein Nachlaß zur Veröffentlichung gelangen wird. Ronetti Roman — das ist das Merkwürdigste an diesem Dichter — hat das Geheimnis seines Lebens mit sich ins Grab genommen. Wo seine Wiege gestanden, wer seine Familie gewesen, welche Schicksale er bis zu seinem 25. Lebensjahre erfahren und was ihn nach Rumänien getrieben — das ist heute noch ein ungelöstes Rätsel. So weit daS „Neue Wiener Tagblatt". Ronetti Roman ist in Galizien geboren und hat in seiner Jugend mit Bibel- und Talmudunterricht seinen Lebensunterhalt gefunden. Unter dem Namen „Moses Roman" schrieb er hebräisch. Der nächste Roosevelt-Professor in Berlin — ein Jude. Wie bekannt, findet seit einigen Tagen ein Professoren- Austausch zwischen Berlin und New-Mrk statt. Der „Jewiih- Anwal" brachte nun vor einigen Wochen die Mitteilung, daß der Präsident der Vereinigten Staaten, Theodor Roosevelt, als den nächsten Austausch-Professor in Berlin für das Schuljahr 1908/09 unseren Glaubensgenossen für soziale und politische Ethik an der Columbia-Universität, Dr. Felix Adler, designiert habe. Diese Nachricht wurde seinerzeit von dem Berliner Korrespondenten des „American Jsraelite" Herrn Dr. M. L. Margolis, dahin richtiggestellt, daß Roosevelt wohl Professor Doktor Adler in Berlin vorgeschlagen habe, diese jedoch von der preußischen Regierung abgelehnt worden wäre. Nun veröffentlicht das genannte Blatt ein Schreiben des bekannten Gelehrten Stephan S. Wise, in welchem unter anderem folgendes gesagt wird: In einem an Ihr Blatt gerichteten Schreiben des Herrn Dr. Max L. Margolis wird behauptet, daß die Nominierung Dr. Felix Adlers von der Columbia-Universität als Theodor Roosevelt-Professor in Berlin nicht zur Kenntnis genommen worden sei. „In Richtigstellung dieser durchaus irrigen Meldung bitte ich feststellen zu wollen, daß Professor Felix Adler tatsächlich von der Columbia-Universität als Theodor Roosevelt- Professor für das Jahr 1908/09 nach Berlin designiert und von der preußischen Regierung als solcher auch akzeptiert wurde. Auf der siebenten Tagung des Friedenskongresses in New-Iork am 16. April 1907 stellte der Präsident Nicholas Murray Butler von der Columbia-Universität Professor Adler dem Kongresse mit folgenden Worten vor: „Professor Adler ist nicht nur der Führer der New-Iorker Gesellschaft für ethische Kultur und nicht nur Professor für soziale und politische Ethik an der Columbia-Universität, sondern — wie ich hiermit zum ersten Male mitzuteilen die Ehre habe — auf Betreiben des preußischen Ministers für Unterricht der erwählte Theodor Roosevelt-Professor an der Berliner Universität für das Jahr 1908/09." Ich habe nach dem Erscheinen der Berliner Meldung des Herrn Dr. Max L. Margolis an kompetenter Stelle über die Angelegenheit Informationen eingeholt und ich bin in der Lage, zu konstatieren, daß Professor Dr. Adler in der Tat auf Betreiben des preußischen Unterrichtsministers und im Einverständnisse beider Teile als nächster Austausch-Professor nach Berlin gehen wird." Zu dieser Erklärung des Dr. Stephan A. Wise bemerkt die Redaktion des „American Jsraelite" : „Da Dr. Wise in der Lage ist, gut informiert zu sein, kann seine Behauptung als autoritativ und endgültig angesehen werden." Wie ein Ritualmordmärchen entsteht. Fast alljährlich werden vor den jüdischen Osterfeiertagen von Dienstmädchen Anzeigen bei der Polizei erstattet, daß ihre Dienstgeber den Versuch gemacht oder auch den Plan ausgeführt hätten, dem Mädchen Blut abzuzapsen. Diese Anzeigen, so unsinnig sie auch sind, werden von der Polizei mit peinlicher Genauigkeit geprüft, und da sich selbstverständlich die Unwahrheit der in der Anzeige aufgestellten Behauptungen herausstellt, werden in den meisten Fällen die Anzeigerinnen wegen Irreführung der Behörde zur Verantwortung gezogen. Ein derartiger Fall hat sich, wie wir erfahren, dieser Tage in Währing ereignet. Ein Mädchen beschuldigte seine Dienstgeber eines angeblich beabsichtigten Ritualmordes. Die Anzeigerin war der Meinung, daß ihre Dienstgeber jüdischer Konfession seien. Bei der polizeilichen Einvernahme der Beschuldigten stellte sich heraus, daß der Dienstgeber des Mädchens, sowie auch dessen Frau Christen sind und daß auch die Großeltern und Urgroßeltern des Ehepaares Christen waren. Wir erfahren über diese tragikomische Ritualmordaffaire die nachstehenden Einzelheiten: Montag erschien die 24jährige Dienstmagd Marie Biela im Redemptoristenkloster in der Witthauergasse in Währing und teilte dort mit, daß sie aus ihrem Dienstorte geflüchtet sei, weil die Dienstgeber an ihr einen Ritüalmord verüben wollten. In Begleitung der Schutzdame der Wiener Bahnhofmission Frau Josefine von Lachmann wurde nun das Dienstmädchen zum Polizeikommissariate Währing geschickt, wo die Anzeige erstattet wurde. Marie Biela erzählte dort, daß sie bei einer jüdischen Familie in Währing bedienstet gewesen sei. Der Mann sei Arzt, übe jedoch die Praxis nicht aus, sondern wirke als

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