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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-01-31 · 5 (31.1.1908) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
5 (31.1.1908)
Date
1908-01-31
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 5 De Liocv's MocbenscbrLN. Sette 89 emporzufahren, einen Augenblick später aber, vom Schlafe überwältigt, wieder einzunicken. Endlich rafft er gewaltsam sich empor und reibt den Schlaf aus den Augen. „Haben Sie noch weit in die Stadt?" fragte er mit noch halbverschlafener Stimme den Fuhrmann. „Noch eine kleine Stunde," erwiderte dieser, indem er gleichzeitig mit einem kräftigen Peitschenhiebe die Pferde antrieb. „Eine kleine Stunde!" wiederholte der junge Mann, auf einmal ganz munter werdend. „Gottlob, daß wir so weit halten!" Dabei streckte er den Kopf zum Verdeck hinaus, wie um sich selbst davon zu überzeugen, doch sah er nichts, denn die Gegend war noch in undurchdringlichem Nebel gehüllt. Von Minute zu Minute wuchs die Ungeduld des jungen Reisenden, der sich streckte, auf seinen Sitz hin- und herrückte, dann mit den Füßen gegen den Rand des Wagens stieß, als könnte er dadurch das Gefährte schnell vorwärtsschieben. Plötzlich sprang er, ohne anhalten zu lassen, aus dem Wagen und lief eine Weile neben demselben her, um dann wieder aufzuspringen und neben den Fuhrmann auf dem Kutschbock platzzunehmen. Noch immer ließ sich im weiten Umkreise gar nichts unterscheiden. Nach einigen Minuten stieß er einen Freudenschrei aus: „Der Kirchturm! Der Kirchturm!" Und wirklich hoben sich diesmal in der Ferne die im Sonnengold getauchten Umrisse des Kirchtumes ab. . . . Als ob die Pferde die Gefühle des jungen Mannes teilten, griffen sie diesmal lebhaft aus und im lustigen Trabe rasselte das Gefährte dahin. Jetzt hielt dasselbe vor dem kleinen Mauthäuschen, dessen Pfahl geschlossen war. Erst nachdem der Fuhrmann wiederholt an das Fenster geklopft, erschien ein kleines, verschlafenes Männchen vor der Türe, zog den Schlagbaum hoch und näherte sich dem Wagen, um das Mautgeld in Empfang zu nehmen. Kaum hatte es jedoch den jungen Reisenden bemerkt, als es sich mit einem Fluche abwandte und wiederholt die Worte vor sich hinmurmelte: „Das ist er ja' Das ist er ja!" „Komisch!" lachte der junge Reisende vor sich hin. Inzwischen befand sich der Wagen innerhalb der Mauern der Stadt. Bereits waren alle Läden der Fenster geöffnet und aus manchen derselben hing das Bettzeug zur Straße hinaus. Hie und da zeigte sich beim Fenster eine nickende Nachthaube. Aus den kleinen Häuschen traten die Bewohner mit den Talismänteln unter dem Arme, den Weg zur Synagoge einschlagend. Mitten durch das Kotmeer patschten einige Gassenjungen mit ihren nackten Füßen. Der Wagen arbeitete sich während dessen durch den feuchten und holprigen Boden. Einige, die hart an den Wagen vorbeigingen, hielten an, schärften den Blick, wie wenn sie diesem nicht ganz trauen wollten, sahen sich nochmals um und verfolgten minutenlang mit den Augen die Richtung, die der Wagen nahm. Da rief einer der Vorübergehenden dem anderen zu: „Dawette ich darauf, daß er es ist, er und kein Anderer." „Ja, zweifelsohne." stimmten die Anderen laut zu, „er ist es, er!" Und von allen Seiten strömten inzwischen die Vorübergehenden herbei und gafften dem Wagen nach. „Was ist es denn heute mit diesen Leuten?" fragte sich der junge Reisende, rechts und links seine Kleider musternd, ob nicht diese vielleicht Ursache dieses argen Aufsehens sind. Wie als Antwort auf diese Frage erscholl es mitten aus der Menge: „Der Meschumed,*) ja, der Meschumed ist cs!" „Der Meschumed, der Meschumed!" hallte es aus hundert Kehlen nach. Dieser Ruf mußte es gewesen sein, der es bewirkt»-, daß auf einmal aus den Häusern eine bunte Menge herbeiströmte und daß aus allen Fenstern der Straße zu. die sich auf einmal klirrend öffneten, viele neugierige Köpfe sich hervordrängten. Der junge Mann in dem Wagen starrte mit verblüfften Augen die Menge an, noch immer es bezweifelnd, ob er die Ursache dieses Aufsehens ist; aber dieser Zweifel dauerte nicht lange an, denn kaum einen Augenblick später sauste durch die Luft etwas Schweres und gleichzeitig platzte eine Kotbombe ihm zu Füßen. Diese blieb nicht vereinzelt, denn viele andere hagelten ihr nach, so daß der Arme nicht wußte, was mit seinen Händen anzufangen, ob sich mit diesen die Nase, die Augen oder den Kopf zu schützen. Dieses wüste Bombardement war von dem höllischen Kriegesgeschrei begleitet': „Meschumed! Meschumed! Meschumed!" Endlio fühlte sich der arme, seiner Sinne kaum mehr mächtige Reisende, in welchem der Leser wohl bald Siegmund Reifmann erkannt hatte, wie von einem Alpdruck befreit. Et befand sich nämlich vor dem Häuschen seiner Mutter. Wie durch ein Kreuzfeuer arbeitete er sich mit Händen und Füßen mitten durch die johlende Menge bis zur Türe und stürmte ins Haus. Leider erwartete ihn hier kein besserer Empfang. „Aus meinen Augen, Elender!" tönte es ihm von seiner Mutter entgegen, als er kaum die Schwelle übertrat. . . . „Mutter!" schrie der Aermste, mit irren Blicken sie anstarrend, „bist Du nicht meine Mutter, bin ich nicht Dein Sohn?" „Nein!" erwiderte sie schluchzend, indem sie beide Hände abwehrend vor sich hinstreckte. „Ich bin nicht die Mutter eines abtrünnigen Sohnes. O, wäre ich früher gestorben, bevor ich einem solchen Sohne das Leben gegeben!" „Meschumed! Meschumed! Meschumed!" tönte es, wie als Begleitung zu der Ansprache der Mutier, von draußen hinein. Der Aermste faßte sich mit beiden Händen beim Kopfe, wie um seine Besinnung, die ihm zu entfliehen drohte, festzuhalten. „Aber Mutter!" schrie er mit verzweifelter Stimme, „ich bin ja hergekommen, um" „Das Haus Deiner Eltern zu einer Kirche zu machen!" fiel sie ihm ins Wort. Der Unglückliche starrte die Mutter mit fast wahnsinnigen Augen an. Was? . . ." stammelte er mit gelähmter Zunge. „Was?! Du weißt . . ., daß ich das Haus der Kirchenverwaltung verkaufen will?" „Alles . . . Alles weiß ich!" „Meschumed! Meschumed!" tönte es von der Straße hinein. Der Aermste glaubte sich einem Wahnsinne nahe und schrie mit heiserer Stimme: „Aber um Gotteswillen! Geht die Welt heute aus den Fugen, oder ist es wirklich ein Verbrechen, daß ich ein Mädchen heiraten will, der mein Herz schon seit lauge gehört? . . . Darf . . " Er stockte, denn bei den letzten Worten stürzte die Mutter mit lautem Geheule aus dem Zimmer und ließ ihn allein zurück. Der Unglückliche geberdete sich wie toll, er weinte, er beteuerte, aber vor leeren Wänden. In seiner Verzweiflung taumelte er aus dem Hause, aber vor der Türe lagerte es sich schwarz, eine heulende, fluchende Menschenmenge. Er wäre von der fanatischen Masse arg hergerichtet worden, aber zum Glücke ging gerade in diesem Augenblick *) Der Getaufte.

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