Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 5 (31.1.1908)
- Date
- 1908-01-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 88 Dr. Mocd's Mocbenscdrlrr. Nr. 5 verschwinden wird im eigenen Interesse und zum Segen der europäischen Kultur! Eine andere Lösung der Judenfrage gibt cs nicht — will Israel nicht untertauchen, muß es die Folgen tragen!" — Wieder Einer nennt das Judentum sogar einen „Geheimbund, dessen Wesen man nicht kennt". — Alle Nichtjuden, die da ibr Gutachten über die Heilung der Judeufrage abgaben, sind merkwürgerweise eifrige Zionisten, obschon Einige zugeben, daß Palästina viel zu klein für große Niederlassungen und zu wenig fruchtbar für ein zahlreiches, ackerbautreibendes Volk sei, somit in nicht fernen Zeiten zu einer Rückwanderung zwingen würde. Auch verkennen sie nicht die Schwierigkeiten, die einer Besitzergreifung Palästinas seitens der Juden im Wege stünden, und bringen selbst den Aufruf Peters von Amiens in Erinnerung, der die gesamte christliche Welt weckte, um i h r heiliges Land den Moslims abzukriegen. Wer würde dann die Juden schützen? Und doch rät die Mehrzahl der Befragten, die Juden in jenes Land zurückzuführeu, das in der vorchristlichen Zeit ihr eigen war. Der Exodus soll in Europa die Luft verbessern. Nur in der Methode sind die Berater nicht einig. Die Einen sind der Ansicht, daß die akademisch Gebildeten, die Großindustriellen, die reichen Kaufleute den Zug eröffnen müssen, denen dann das Proletariat zu folgen hätte, während Andere der Anschauung Ausdruck geben, daß, da die Gutsituierten kaum ihre Positionen in Europa aufgeben, ihre Fabriken, Waren- und Bankhäuser kaum schließen werden, um auf der ehemals väterlichen Erde neue Gründungen zu kreieren, die Millionen Proletarier hinausqeschafft werden mögen! Das sind lauter Worte ohne Klang. Phrasen ohne Erwägung und Ueberlegung! Mit solchen Rezepten antisemitischer Weisheit kann das Judentum nicht geheilt und die Judenfrage nicht von der Tagesordnung abgesetzt werden. Dies sieht jeder Vernünftige ein und so müssen wir auf fremde Weisheit verzichten und uns mit unserer eigenen begnügen. Es gibt zur Abhilfe für die bedrängten Juden nur das eine bewährte Hausmittel: Die Kolonisation. Die Kolonisation partout; sei es in Englisch-Afrika oder in Mesopotamien oder auch teilweise, wenn es angeht, in Palästina — überall, wo das Land Raum bietet, der Boden die Arbeit lohnt und die Einwanderer Sicherheit finden gegen Verfolgung und Bedrückung. Aber man komme endlich aus dem ewigen Streit und der Unentschlossenheit heraus und gehe zur Tat über, die umso dringender ist, als die Greuel gegen die Juden in Rußland nicht aufhören und kaum ein Tag vergeht ohne Raub und Mord. Für die Tiere des Waldes gibt es eine gesetzliche Schonzeit — für die Juden keine! Meran. Leo Herzberg-Fränkel. Der Grand Rabbi» von Belgien über die Unterdrückung der Pole» in Preußen. Auf die Rundfrage, welche der polnische Dichter Sienkiewicz an verschiedene hervorragende Persönlichkeiten in Angelegenheit der Polenverfolgung in Preußen gerichtet hat, antwortete der Grand Rabbin von Belgien, Dr. Armand Bloch, mit folgendem Schreiben: ..Ich schließe mich dem allgemeinen Proteste, welchen der gegen die Polen in Preußen verübte Gewaltakt hervorgerufen hat, mit vollem Herzen an Ich schließe mich ihm an als Mensch und als Jud e. Als Mensch, weil jedes ehrliche Gewissen sich empören muß gegen den Mißbrauch der Macht, und als Jude, weil ich als Mitglied einer Minorität nur zu gut weiß und empfinde, wie diese Minorität unterdrückt und ihre Rechte mit Füßen getreten werden. Sie haben Recht, wenn sie an das allgemeine und öffentliche Gewissen appellieren. ES ist notwendig, daß alle freien Männer ihre Mißbilligung über diese Schmach ausdrücken; es ist notwendig, daß sie erklären, daß, nachdem wir bereits die Moral im Leben des Einzelnen haben, es höchste Zeit ist, daß die Moral auch in das Leben der Völker Eingang finde. Es existiert bereits eine Liga zum Schutze der Menschenrechte Es ist an der Zeit, daß auch eine Liga zum Schutze der Völkerrechte geschaffen werde." Bon den Täuflingen. Der „Türmer" schreibt in seiner Nr. 4 : „So um 1895 herum erwuchs Berlin W. eine neue, hoffnungsvolle Generation. Aber: „Ihr größter Fluch war: sie hatte nichts mehr zu tun. Geld war da, mehr als notwendig, und für die Erwerbung geistiger Güter waren die meisten noch nicht reif. Und damals kam noch die Aera Wilhelms II. so recht in Blüte: ein Prunk, ein Luxus kam auf, der bis dahin in Berlin unerhört war, und mit ihm eine fast wahnsinnige Ueberschätzung alles Aeußerlichen. Diese Elemente kamen zusammen und zeitigten eine ganz eigenartige Gärung, wie sie, in solcher Rapidität entstanden, vielleicht einzig ist. Damit fing's an, daß viele schlechte Juden noch viel schlechtere Christen wurden oder eben höchst indifferente Juden blieben. Dann ging's weiter. Natürlich war's, daß diese Herrschaften von Überzeugungen und Aehnlichem nicht gerne reden hörten. Etwas anderes kam hinzu. Die wenigsten derer, die heute zwischen Potsdamer Platz und Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche wohnen, sind echte Berliner. Gewöhnlich waren ihre Väter aus Posen oder Schlesien eingewandert. Man hatte daher die verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, sich dem Berliner Geiste so gut und schnell wie möglich zu assimilieren. Man akzeptierte also die Schnodderigkeit des Berliners, und da sich das Blut nicht gut verleugnen läßt, vermählte sich diese Schnodderigkeit mit dem laugenscharfen altjüdischen Skeptizismus, den zu bekämpfen und im Zaume zu halten nur den eisernen Glaubensvorschriften des Talmud durch Jahrhunderte hindurch gelungen war. Aus dieser Vermischung nun entstand jener Geist, den ich für einen Verderber aller derer halte, die er beherrscht: der Geist der Verachtung für jede Form von Idealität. Reich: das ist die Grundbedingung für die künftigen Eheleute. Doch auch die Nebenbedingungen sind nicht ganz einfach zu erfüllen" usw. Der Geist der Idealität, den der „Türmer" vermißt, müßte doch bei Leuten vorhanden sein, die wie Harden-Witkowski, Witting, Mann Heckscher, Mugdan re. rc. aus „Ueberzeugung" ihre Religion gewechselt haben. Das sind eben wirklich gläubige, religiöse Leute. Islamitischer Kongreß in Kairo. In Kairo, der alten Stätte des Islams mit der berühmtesten Universität der mohammedanischen Welt, wird in Kürze der erste allgemeine islamitische Kongreß stattfinden, dessen Arbeiten dazu bestimmt sind, daS mohammedanische Volk wieder zu beleben. Auf dem Kongreß sollen gemeinsam die Natur sowie die Bedingungen der Bewegung festgesetzt werden. Die Anregung geht von dem Russen Jsmael Bey Gasprinski aus, der als Redakteur des Blattes „Terdschuman" heute in der Krim und im Kaukasus einen großen Einfluß hat. Gasprinski ist kein fanatischer Panislamit, sondern will ein Verteidigungsbündnis der Muselmanen schaffen. Jetzt gärt es sehr unter der mohammedanischen Bevölkerung Egyptens, die sich zum größten Teil um Mustapha Pascha Kamel schart, der in großen Versammlungen den Nationalismus schürt und gegen die englische Herrschaft predigt. Die Muslimin Kairos sehen dem Kongreß mit viel Interesse entgegen. Israeliten polnischer Konfession. Aus Lemberg wird berichtet: In einem Aufruf der allpolnischen Partei, der in der nationalistisch-antisemitischen Zeitung „Slowo Polskie" veröffentlicht wird, findet sich folgender Satz: „Von der tiefen Ueberzeugung durchdrungen, daß der tatsächliche Fortschritt nur durch das friedliche Zusammenwirken aller Volksschichten des Landes, die sich in ihrer ungeheuren Mehrzahl zur katholischen Kirche bekennen, zu erreichen ist, muß die Bevölkerung im ganzen öffentlichen Leben im Geiste der christlichen