Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 5 (31.1.1908)
- Date
- 1908-01-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 5 Dr. BLoch's WochenfttzrM» Sette 81 richteten es sich durch Geld, die Intimen des Hofes irgend eines „Guten Juden" fanden Schutz beim „Rabbi" und so traf denn das Los ausschließlich das Kind des armen Handwerkers. Für ein solches Kind gab es nur zwei Wege, entweder zum Militär oder zur Schule. Mein Vater wählte mit Freuden den zweiten Weg, wodurch sein Sohn nicht nur vom Militär befreit, sondern noch überdies Gelegenheit findet, sich regelrechte Schulbildung anzueignen. So war ich einer der ersten unter den jüdischen Kindern, welche eine öffentliche Schule besuchten, nnd im Verlaufe von drei Jahren beendete ich die Normalschule mit Auszeichnung. Bald darauf (im Jahre 1857) schickte mich mein Vater in die Rabbinerschule nach Ziromir, um dort meine Studien fortzusehen. Fröhliche Zeiten verlebte ich damals mit meinen Schulkameraden. Die gewölbten Säle der Klaffen hallten täglich von den hellklingenden Tönen der jungen Menschen wieder, die meine jüdischen und hebräischen Lieder in die Welt hinaussangen. Im Jahre 1865 erschien von mir eine Sammlung hebräischer Gedichte „Zizim Up'rochim" und im Jahre 1866 erschien meine erste Sammlung jüdischer Lieder unter dem Titel „Das Jüdele". In demselben Jahre schloß ich auch meine Studien in Zitomir ab. Ich erhielt ein Zeugnis, auf Grund dessen mich die russische Regierung zum Kronlehrer in Simferopol und später in Odessa ernannte. ° Achtzehn Rubeln und einige Kopeken betrug damals der Monatsgehalt eines Lehrers. Ich legte auch bald den Lehrerberuf nieder, ging 1875 nach Lemberg, wo ich ein für Rußland bestimmtes jüdisches Witzblatt „Jisvoelik" herausgab. Das Blatt wurde wohl von den russischen Juden sehr freundlich ausgenommen, doch leider war es von nur kurzer Lebensdauer, denn nach einem halben Jahre schon wurde seine Verbreitung in Rußland verboten und „Jisvoelik" gab seinen Geist auf. Diese Maßregel hat mich nicht allzu sehr niedergedrückt. Ich fuhr bald darauf nach Czernowitz, wo ich im Jahre 1876 das „Bukowinaer Israelitische Volksblatt" gründete. Eines Tages erhielt ich von einem meiner Jassyer Abonnenten einen Brief, in welchem mir dieser den Vorschlag machte, die Redaktion des Blattes nach Jaffy zu verlegen, da diese Stadt die judenreichste in Rumänien sei. Dieser Brief veranlaßte mich, eine Reise nach Jassy zu machen und hier ereignete sich jener Vorfall, der für mein ganzes späteres Leben von so einschneidender Bedeutung geworden ist. Zu jener Zeit gehörten die Volkssänger zu den populärsten Figuren des Jassyer jüdischen Gesellschaftslebens. Und da diese Volkssänger auch viele meiner Lieder vorzutragen Pflegten, trieb mich die Neugierde, einmal selbst zu hören, wie sich meine Lieder aus dem Munde eines solchen Sängers ausnehmen. Hier in einer solchen jüdischen Singhalle kam mir zuerst der Gedanke, meine eigenen Lieder im Rahmen einer in Prosa vorgetragenen Handlung als Theaterstück zur Aufführung zu bringen. Dieser erste Gedanke reifte bald zu einem fertigen Plane heran und am Chol-Hamoed Sukkoth des Jahres 1876 legte ich den ersten Grundstein zum jüdischen Theater. Hier möchte ich die Bemerkung eiufügen, daß unter meinen verschiedenen literarischen Plänen auch eine „Geschichte des jüdischen Theaters" sich befindet. Da das Theater damals noch vollständig in den Kinderschuhen stak und auch die Talente der jüdischen „Schauspieler" noch gar nicht entwickelt waren, sah ich mich anfangs gezwungen, für die junge, jüdische Bühne leichte Vaudeville und dreiaktige Stücke zu schreiben. Von Jaffy ging ich dann nach Botuschan, Galatz und schließlich kam ich nach Budapest. In dieser Zeit habe ich folgende Stücke geschrieben: 1. „Die Rekruten". 2. „Die Bobe mit dem Einikel". 3. „Die Jntrigue oder Dwosje die Pljotke-Macherin". 4. „Standrik". 5. „Die kaprisne Tochter oder „Kabzinsohn und Hungermann". 6. „Die stumme Kalle". 7. Jks Miks Driks". 8. Die Schwebelach". 9. „Der Katarrh". 10. „Vier Paar Porzellanteller". 11. „Breindele Kosak". 12. „Die Kischufmacherin". 13. „Der Kampf zwischen Bildung und Fanatismus". 14. „Der russischtürkische Krieg". Nach Beendigung des russisch-türkischen Krieges ging ich mit dem Theater nach Odeffa, von wo aus ich mit meiner Truppe ganz Rußland bereiste. Hauptsächlich waren es die größeren Städte, die ich aufsuchte, wie Charkow, Moskau, Petersburg rc. Um diese Zeit schrieb ich die folgenden Stücke: 15. „Der Fanatiker". 16. „Dr. Almasado". 17. „Sulamith" und 18. „Bar Kochba". So spielte ich denn überall in Rußland und erntete überall großen Beifall, bis mir eines Tages ein Telegramm aus Petersburg die traurige Botschaft brachte, daß das „Jüdische Theater" in ganz Rußland verboten wurde. Das war am 14. September 1883. Wie ein verzweifelter Vater eilte ich nach Petersburg, um für das Leben meines Geisteskindes Gnade zu erflehen, jedoch — ohne Erfolg. Inzwischen fanden meine Akteure im Ausland einen Zufluchtsort. In Rumänien, Galizien, England und Amerika wurden meine Stücke gespielt. Mir gelang es noch im Jahre 1886 (aus besonderen Gründen) unter dem Namen „Deutsche Truppe" eine kurze Zeit in Warschau jüdisches Theater zu spielen. Und dann verglomm auch das letzte Fünkchen des verfolgten, jüdischen Theaters in Rußland. Kurze Zeit hierauf erhielt ich einen Auslandspaß und kam nach New-Iork. Und .... how do yoa do Sir.? Dom Jahrmarkt des Lebens. „Die Lösung der Judenfrage". Eine Rundfrage, veranstaltet von Dr. Julius Moses. Die Judenfrage! Seit Dezennien siecht die Patientin auf dem Schmerzenslager, bald bäumt sie sich in Fi-berhitze auf, bald versinkt sie in zeitweilige Apathie, bald dottert der Eine an ihr, bald der Andere. Die verschiedensten Mittel werden verordnet, zumeist eine hydropathische Kur mit geweihtem Wasser oder eine Luftveränderung in ferner Weltgegend. Viele Quacksalber drängen sich marttschreierisch an das Krankenbett und Preisen ihre Methoden als hilfreich an, während die arme, kranke Judenfrage sich im großen russischen Siechenhaus ächzend und stöhnend wälzt! Herr Dr. Julius Moses konnte diesem Elende nicht länger zusehen und veranstaltete ein Konsilium am Krankenbett. an das er sogar viele weibliche Aerzte berufen, denen der Fall so ferne liegt, wie die Nebel der Milchstraße. Viele haben dem Appell entsprochen; die meisten hielten Vorträge über das Wesen der Krankheit, ohne die Therapie zu berühren. Einige — natürlich nichtjüdische Experten — empfahlen in großherziger Weise, daß die Juden sich von den Völkern, unter denen sie als „Gäste" leben, auf sich selbst zurückziehen, auf jede Assimilation, auf die Taufe und auf die aus ihr erwachsenden Benefizien, auf den Staatsdienst, verzichten und in der Abgeschiedenheit selbsterrichteter Ghettos ein bescheidenes Leben freiwilliger Entsagung leben sollen, wodann sie von Neid und Bosheit verschont blieben. Dies glaub' ich wohl! Auch hätte dies für die edlen Arrangeure der Pogroms in Rußland den Vorteil, daß man bei den veranstalteten Raubzügen die Opfer bequem und widerstandslos beisammen hatte. Dieser Rückzug in das Dunkel vergangener Jahrhunderte, in die traurigen, vormärzlichen Verhältnisse wird in vielen nichtjüdischen Aeußerungeu, deren Abdruck der Herausgeber sich und uns hätte ersparen können, eindringlichst empfohlen. Einige der von Herrn Dr. Moses konsultierten Heilkünstler verordnen die altbekaunten Hausmittel: Abschaffung der Beschneidung, der Speisegesetze; Verlegung des Sabbaths und der Feiertage auf die christlichen Ruhe- und Festtage; Vermischung durch Ehen mit dem Gastvolke und Erziehung der Kinder in der herrschenden Staatsreligion; somit die vollständige Abdikation des Judentums! — Bei diesem Vorgehen, versichert Einer, dürste nach zwei Generationen der Antisemitismus ganz aufhören, da das Judentum, „von dessen Existenznotwendigkeit ich mich nie habe überzeugen können," im Laufe der Zeit von selbst