Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 5 (31.1.1908)
- Date
- 1908-01-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 80 Dr. JBlocb’s MocvenscvrrtL, Nr. 6 die Magistrate der verschiedenen Städte tragen auch nicht das Geringste zur Erhaltung der jüdischen Schulen, deren Gründung bekanntlich durch die Ausschließung der jüdischen Kinder aus den staatlichen Schulen notwendig geworden war, bei, und jetzt will die rumänische Regierung den jüdischen Gemeinden und Schulvereinen, welche die Schulen nur mit größter Mühe und unter den schwersten Opfern erhalten können und für dieselben oft im AuSlande Subventionen suchen müffen, obendrein zumuten, seit langen Jahren im Amte befindliche jüdische Lehrer abzusetzen und an deren Stelle überzählige Lehrer rumänischer Nationalität, die gewiß nicht zu den guten Kräften gehören, zu akzeptieren." Was die politische Lage der rumänischen Juden anbetrifft, so ist in derselben auch nicht die geringste Besserung eingetreten. Der Bericht weist auf die bekannten Schwierigkeiten der Naturalisation von Juden hin und teilt dabei mit, daß es gegenwärtig in Rumänien 25 Juden gebe, deren Naturalisierungsgesuche sowohl von der Kammer als vom Senat bereits votiert worden sind, allein dessenungeachtet läßt die Regierung die diesbezüglichen Dekrete nicht im Amtsblatte erscheinen. Während in der Kammer bei der Abstimmung über Naturalisierungsgesuche, die ihr mit einem günstigen Referat des Justizministers zugehen müffen, einfache Majorität genüge, sei im Senat Majorität erforderlich, und auf diese Weise geschehe eS, daß derartige Gesuche, die von der Deputiertenkammer angenommen wuU>en, vom Senat abgewiesen werden. In dem Memorandum, welches der damalige rumänische Minister des Aeußern B. BoereScu in der Zeit der Abänderung des § 7 der rumänischen Berfaffung den Signatarmächten des Berliner Vertrages sandte, hatte derselbe behauptet, daß sich die Lage der Juden in Rumänien bedeutend beffern werde. Von anderer S.ite wird uns geschrieben: Der Vize-Präsident der rumänischen Agrarpartei Sava Somanisky, einer der verbissensten Judenfeinde, hielt in einer der letzten Parlamentsfitzungen eine Rede, in welcher er die Ursachen der Bauernrevolte vom vorigen Jahre erörterte. Natürlich machte er hiefür die „Juden und ihre Geldgier" verantwortlich. Er begnügte sich jedoch nicht mit dieser „historischen Feststellung", sondern stellte auch den Antrag, daß die Juden zur Gutmachung des verursachten Schadens verurteilt werden mögen. In der nächsten Sitzung kam dann die Vergeltung. Bei der zweiten Lesung der Agrarvorlage erhob sich einer der Führer der Bauernpartei und griff den Deputierten SomanUky wegen der „Verdrehung der Tatsachen" heftig an. Er wies nach, daß die Bauern nirgends so viel zu leiden hätten, wie gerade auf den Besitzungen des Bauernfreundes Sava Somanisky. Der Bauerndeputierte erzählte haarsträubende Einzelheiten über die Mißhandlungen, welche die Bauern auf dem Gute des judenfresserischen Agrariers zu erleiden haben. So erzählte er, daß Somanisky ein eigenes Heer von türkischen Aufsehern angestellt habe, deren Hauptarbeit darin bestehe, mit den ihnen beigestellten Stöcken die Bauern so lange zu prügeln, bis ihr Körper mit Blut überströmt ist. Notzucht an Frauen und Mädchen seitens der Herren und Aufseher seien auf dem Gute Somauiskys auf der Tagesordnung. Geradezu niederschmetternd für den edlen Bojaren-Antisemiten war der Schluß der Rede dieses Bauernführers. Indem er eine Anzahl Photographien dieser türkischen Aufseher mit ihren Stöcken und Knuten zirkulieren ließ, rief er erbittert: „Das sind die wahren Ursachen des Bauernaufstandes und nicht die Juden!" Somanisky ist die Widerlegung dieser überwältigenden Beweisführung schuldig geblieben. Die rumänische Regierung braucht Geld und um die jüdischen Bankiers gefügiger zu stimmen, so lanciert sie jetzt einige „Erleichterungen" sür die Juden. Eine der schmählichsten Judensteuern in Rumänien ist die sogenannte „Bildungssteuer", die ausschließlich den Juden auferlegt wurde. Nach jedem jüdischen Kinde, das die Volksschule beendet hat, hat der jüdische Familienvater eine Steuer zu entrichten, die bis zu 30 Francpro Kind und Jahr steigen kann. Vor einigen Tagen nun hat die Regierung eine parlamentarische Kommission eingesetzt, die über die Aufhebung dieser jüdischen Bildungssteuer beraten soll. Bedenkt man, daß der rumänische Bildungsminister erst vor einigen Wochen im Parlamente eine Brandrede gegen die Juden hielt, so kann man sich leicht vorstellen, welchen Wert diese Kommission für die Juden haben kann. Selbst sür den Fall, daß diese Steuern jetzt aufgehoben werden sollten, ist es bei der politischen Moral, die in Rumänien den Juden gegenüber seit jeher üblich ist, nicht ausgeschlossen, daß nach Durchführung der geplanten Anleihe diese Steuer in verschärftem Maße wieder eingeführt wird. Die Durchführung der eben beschlossenen Agrargesetze erfordere riesige Summen. Außerdem hat die Regierung ungefähr 15 Millionen Francs an Entschädigungen aus der Zeit des Bauernaufstandes zu zahlen; da lohnt es sich wohl, zur Beruhigung der jüdischen Finanziers wenigstens eine Kommission zur Beratung über die Aufhebung einer im 20. Jahrhunderte unerhörten Bildungssteuer einzusetzen. Goldfadens Biographie.*) (Geschrieben von ihm selbst.) Rabbi Chajim Lippe Goldfaden! Ein respektabler Jude, Uhrmacher, Künstler in seinem Fache, wohnt in Alt-Konstantin (Wolhynier Gouvernement) ist mein Vater bis 120 Jahr. Jetzt -in Mann von einigen und siebzig Jahren, arbeitet er noch immer in seinem Gewerbe und verdient sich redlich sein Stückchen Brot. So weit ich mich erinnern kann, war er der einzige Gewerbetreibende im Städtchen, dem es eine Freude bereitete, hie und da einen Blick in ein jüdisches Buch zu tun, und dem ist es auch zuzuschreiben, daß er seinen letzten, im Schweiße seines Angesichtes erworbenen Groschen daran wendete, seinen älteren Sohn Abraham (darunter bin ich gemeint) hebräisch lernen zu lassen. Kam ich von der Talmudstunde heim, so wartete schon der Lehrer auf mich' der mich in deutscher und russischer Sprache, sowie^'in Bibelübersetzung (in deutscher Sprache) unterrichtete. Der Wunsch meines Vaters ist in Erfüllung gegangen: Der Samen, den er in das kindliche Herz gesäet hat, ist bald aufgegangen und hat Früchte getragen. Schon als zehnjähriger Kuabe habe ich ihn nicht nur viele Kapitel der ganzen Bibel auswendig in der Ursprache hersagen können, sondern habe mein erstes Gedicht in hebräischrr Sprache unter dem Titel „Pidjon Hab'chor" geschrieben. Ich erinnere mich noch, als ob es heute gewesen wäre, mit welcher Freude mein Vater jedem, der zu uns kam, ^nein Gedicht vorzulesen pflegte. Leider war seine Frage nicht von langer Dauer. Schwarze Wolken lagerten sich über die Häupter der Juden Rußlands. Es war gerade in den sogenannten „Nikolaiszeiten". Alle Juden waren in der Erwartung der „bitteren Gesirah", wonach alle Knaben von acht Jahren aufwärts zu Soldaten assentiert werden sollten. Die Verzweiflung der Eltern, die kleine Kinder zuhause hatten, war unbeschreiblich. Es gab nur einen rettenden Ausweg: Das Kind ein Gewerbe lernen zu lassen und es über die Grenze nach Rumänien zu bringen, damit es dort wenigstens nicht Hungers sterbe. Zu diesem Zwecke hat mich mein Vater mit seinem Gewerbe vertraut gemacht. In kurzer Zeit erlangte ich eine gewisse Fertigkeit und wir waren auch alle soweit zufrieden, bis auf eine, die ganz trostlos war: Tag und Nacht weinte meine Mutter, fast kein Auge von mir lastend und stets mit den Gedanken sich befassend, daß ihr geliebter, älterer Sohn bald fort müsse in die Fremde, vielleicht auf Nimmerwiedersehen. Doch der Himmel hatte sich rasch ausgeheitert, und wie die leuchtende Sonne nach niederdrückendem Unwetter erschien der Ukas, daß in jeder von Juden bevölkerten Stadt „jüdische Kronschulen" zu gründen seien und daß jedes Kind, welches eine solche Schule besuchen werde, von der Rekrutierung befreit sei. Nun waren die Fanatiker außer sich: „Man will unsere Kinder in den Schulen zur Taufe führen!" lautete ihre Wehklage. Jede Volkskasse war nun bestrebt, sich auf ihre Weise den Bestimmungen des Ukas zu entziehen. Die reichen Leute *) Diese biographische Skizze schrieb Goldfaden kurze Zeit nach seiner Ankunft in Newyork für ein dortiges jüdisches Blatt.