Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 5 (31.1.1908)
- Date
- 1908-01-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Sir. 5 Dr. JSlocb’s Mlocvenscvrttr. Seite 79 schikaniert man mit dem Befähigungsnachweis; gegen die Reisenden erließ man schon ganze lange Gesetze; die Hausierer, aber die so ganz ohnmächtig und hilflos sind, die opfert man mit Haut und Haar. Alle Regierungserklärungen triefen zwar vom Geiste der Humanität, strotzen von heiligen Versprechungen sozialpolitischer Fürsicht. Nun erfahren fünftausend Hausierer am ausgemergelten Leibe, wie weit es mit den Gefühlen und den Versprechungen hoher Herren her ist. Jüdische Hausierer natürlich. Es ist zwar von Konfession in der Ministertalverordnung keine Rede, und tatsächlich gibt es auch Slowaken und Banaler unter den ungarischen Hausierern genug, die mit Kochlöffeln, Drahtzeug und Getränken Geschäftchen machen. Aber ironisch, wie schon die Tatsachen sind, stellt sich heraus, daß diese christlichen Slowaken und Banaler unbehelligt bleiben. Für sie hat man im Ausgleichsvertrag die Bestimmung der „begünstigten Orte" getroffen, deren Bewohner weiter hausieren dürfen. Merkwürdig genug sind diese begünstigten Orte durchwegs judenrein und die Betroffenen gehören aus einem im Handelsministerium vielleicht bekannten Zufall durchwegs dem Stamme an, zu dessen Bekämpfung sich in Ungarn soeben eine christlichsoziale Partei gegründet hat. Darunter sind Familienväter, die seit Jahrzehnten in Oesterreich ansässig sind und deren einziges Vergehen es bis jetzt ist, daß sie bescheiden und ehrlich leben wollen. Es gehört eine Courage dazu, sie alle mit emem Federstrich in bittere Not und ins Elend zu stürzen. Würde man einen einzelnen Herrn von denen, die es verschuldet haben, zur Rede stellen, so würde er es sicherlich mit Entrüstung von sich weisen, daß er einer barbarischen Grausamkeit fähig wäre. Aber geschehen ist eine solche jetzt zur Schande eines angeblichen Kulturstaates, zur Schande des zwanzigsten Jahrhunderts. An Ausreden wird es wohl nicht fehlen. Man wird vorschützen, daß die ihrer Existenz Beraubten ja nach Ungarn zurückkehren, daß sie ehestens österreichische Staatsbürger werden können. Wenn einer zwanzig und mehr Jahre an einem Ort zugebracht hat, dann ist es bitter für ihn, in die Fremde zu ziehen, auch wenn es die entfremdete Heimat oder eine ihrer größeren Städte ist, in denen er niemals war, und sich in neuen Verhältnissen sein Recht aufs Leben zu erstreiten. Die Reise kostet Geld und die Staatsbürgerschaft, die ihm das Verbleiben gestattet, erst recht. Ein paar Zehner sind für so einen armen Hausierer ein Vermögen, ein paar Hunderter aber ein Traum, der niemals in Erfüllung geht. Die Möglichkeit aber einer Aenderung angenommen — warum läßt man denn den armen Teufeln nicht einmal die Zeit, sich vorzubereiten'? Und was soll aus denen werden, die an der Grenze in Ungarn wohnen und unter österreichischen Bauern ihren mühsam erworbenen Kundenkreis haben? Wenn man sich im Handelsministerium nur vorstellen wollte, gegen wen man eigentlich die Barbarei begangen hat! In Schnee und Regen, in Hitze und Kälte wandert so ein armer Hausierer auf totmüden Füßen mit dem armseligen Kasten oder dem schweren Pack durch die Straßen. Kein Unwohlsein darf ihn zurückhalten — der Begleiter seiner Krankheit wäre der Hunger. Jedes blöden Trunkenboldes Gemeinheit muß er sich ruhig gefallen lassen — das Brot seiner Kinder ist das Bror des niedrigsten moralischen und körperlichen Elends. Oft sind es alte schwache grauen, die nach dem frühzeitigen Tode des Ernährers sich mit einer handvoll billiger Waren auf die zitternden Füße machen, um nicht betteln gehen zu müssen. Wenn sie nicht ehrlich sind, verurteilt sie! Wenn sie betrügen, wir wollen sie nicht entschuldigen. Aber Feindseligkeit gegen diese Armen ist schmutzige Niedertracht. Hoffentlich keine Niedertracht, die bestehen bleiben wird. Die Zeiten sind vorüber, wo jüdische Gleichgültigkeit über antisemitische Roheiten schweigt. Die Hausierer wollen Schritte gegen ihre Vernichtung unternehmen und wir halten es für sicher, daß sie die tatkräftigste Unterstützung aller jüdischen Körperschaften und Parteien finden werden. Mit stiller Empörung wird man im jüdischen Lager dagegen ankämpfen, daß antisemitisches Heldentum an fünftausend Wehrlosen sich vergreift, daß an fünftausend Menschen der Antisemitismus als Gesinnung der schäbigsten Kanaille sich betätigt. Fortgesetzte Drangsalierung der Inden in Rumänien. Der Hilssverein der Deutschen Juden hat von absolut vertrauenswerter Seite einen Bericht aus Bukarest erhalten, dem wir zunächst entnehmen, daß die nach den Märzunruhen begonnene Ausweisung von Juden aus den Landgemeinden der Moldau in rücksichtslosester Weise fortgesetzt wird. Dann heißt es in dem Berichte weiter: „Die Behörden kümmern sich dabei nicht um den eingetretenen Winter, und so hat erst dieser Tage die Familie Favel Klein aus einem Dorfe bei Roman den Befehl erhalten, die Gemeinde innerhalb fünf Tagen zu verlassen. Selbst Witwen wurden von der Vertreibung aus den Dörfern nicht verschont, und so hat die Golda Eisenstein aus einer Gemeinde bei Paschkany (Distrikt Suczawa) einen Befehl erhalten, in dem es hieß, daß die „Jüdin" Golda Eisenstein mit ihren Kindern das Dorf zu verlassen habe. Die rumänischen Behörden scheuen sich also nicht, bereits in offiziellen Schriftstücken das Wort „Jude" oder „Jüdin" zu gebrauchen und liefern damit den eklatanten Beweis von der Nichteinhaltung des 8 44 des Berliner Vertrages, der irgendwelche Maßnahmen gegen Landesbewohner wegen ihrer Religion verbietet. Bon den unmittelbar nach den Märzunruhen aus den Dörfern vertriebenen Glaubensgenossen waren von dem Vertreter der „JCA“ zirka 320 Familien zur Beförderung nach Canada vorgemerkt worden. BiS jetzt sind zirka 200 Familien dorthin gesandt worden und die anderen befinden sich in der größten Notlage, da infolge der in Nordamerika herrschenden Krise ihre Expediecung bis auf weiteres nicht erfolgen kann. Eine sehr arge Verschlechterung der allgemeinen Lage der Juden in Rumänien ist durch eine Verfügung deS DomänenmimsterS erfolgt, wonach bei allen Industrie- und anderen Gesellschaften und Etablissements, die sich der Begünstigungen zur Förderung der Nationalindustrie erfteuen, — und das find fast alle — nicht nur % der Arbeiter, sondern auch des technischen und des Verwaltungspersonals Rumänen, die sich im Besitze der politischen Rechte befinden, sein müssen. Obgleich diese Verfügung ungesetzlich ist, da das Gesetz zur Förderung der Nationalindustrie nur verlangt, daß % der Arbeiter Rumänen sein müssen, und von dem übrigen Personale nicht spricht, werden sich die Gesellschaften und Etablissements zur Vermeidung von Chikanen seitens der Behörden gezwungen sehen, dieselbe einzuhalten, und dann werden taufende jüdischer Angestellter, Handlungsgehilfen und Fabriksarbeiter sowie auch Handwerker, die bei denselben Beschäftigung haben, brotlos werden. Die in Rede stehende Verfügung wird derart gehandhabt, daß man auch von den Pächtern von Staats- und von Gütern der Akademie, der Spitäler und anderer Stiftungen verlangt, daß '/z threS Personals Rumänen fein müssen. Die Bukarester Gasgeiellfchafl rst vom Bukarester Magistrat unter Androhung einer Geldstrafe von 999 Frs. per Tag der Verzögerung aufgefordert worden, sich der Verfügung zu unterwerfen; die Gesellschaft sah sich gezwungen, es zu tun, antwortete aber, daß sie die Gesetzlichkeit der Verfügung nicht anerkenne. Eine direkte Folge dieser Verfügung ist, daß bei den Gesellschaften und Etabliffements. die mir Behörden zu tun haben, Juden nur sehr schwer Stellung finden; einige sogar haben beschlossen, in Zukunft überhaupt keine Juden mehr anzustellen. Doch nicht nur auf dem industriellen Gebiete will die rumänische Regierung die jüdischen Angestellten verdrängen, sondern sie geht sogar soweit, von den jüdischen Gemeinden und Schulvereinen zu verlangen, für den Unterricht der rumänischen Sprache, Geschichte und Geographie Lehrer rumänischer Nationalität an zustellen, mit anderen Worten also die jüdischen Lehrer, die ja „Fremde" find, zu entlassen. Die jüdischen Schulen in Bacau, Tirgu-Oena und Moinestr sowie in Padul- Jloaei haben bereits von den betreffenden Schulrevisoren einen Befehl in diesem Sinne erhalten, und es bedurfte einer Intervention im Unterrichtsministerium, um eine etwaige Sperrung dieser Schulen zu verhindern. Die rumänische Regierung und