Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 5 (31.1.1908)
- Date
- 1908-01-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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6me 78 Nr. Llocb s MscvenscörM. yer. 5 dorf eine Kirchenbausubveution bewilligt und der Reichsratsabgeorduete Schuhmeier hat in seiner Eigenschaft als sozialdemokratischer Gemeiuderat beim Verwaltungsgerichtshof Beschwerde dagegen erhoben. Das ist sein gutes Recht und seine Tat geht uiemaudeu etwas an, als die sozialoemokratische Partei, welcher der Gemeinderat untersteht Nur ein Nebenumstand ist es, welcher uns zu einer Betrachtung und Verwahrung zwingt. Die Beschwerde wurde nämlich vor dem Verwaltungsgericktshof von dem Abgeordneten Dr. Ofner, einem Juden, vertreten. Ein Jude mußte cs sein, der in einem Prozeß, welcher iu der Majorität der Bevölkerung die größte Erbitterung erregt, eine erste Nolle spielte, obwohl die sozialdemokratische Partei unseres Wissens hervorragende christliche Rechtsanwälte genug hat, welche die Beschwerde hätten vertreten können! Sie scheuten sich aber offenbar, sich einer Sache anzunehmen, deren Zweck für jeden Fall der verkehrte ist Nicht die kirchenfreundliche Haltung des Gemeinderates wird von der Bevölkerung verurteilt, sondern die kirchenfeindliche seiner Gegner, mag nun der Demonstrationsbeschwerde ftattgegeben werden oder nicht. Man hat diese Erfahrung schon einmal gemacht, es hat es schon jemand für notwendig gefunden, gegen die Kirchenbausubventionen der Gemeinde Beschwerde euiznlegen. Selbst unter den Freisinnigsten waren damals die Meinungen von vornherein geteilt. So gut ein Verein eine Subvention verlangen darf, der für die physischen Bedürfnisse der Bewohner irgend eines Bezirkes sorgt, so gut darf sie auch eine Korporation beanspruchen, welche die ethischen Bedürfnisse, und das sind Religiosität und Gottesdienst, in würdiger Weise befriedigen will. Dann handelt es sich auch darum, daß bei einem Kircheubau künstlerische Interessen iu Frage kommen, welche die Gemeinde Wien zu fördern verpflichtet ist. Wir wissen ja alle, daß sie es übertreibt und daß sie der Geistlichkeit, ihren besten Agitatoren, so viel Liebesdienste als möglich erweist. Das geht aber schlimmstenfalls die Christen an, uns Juden auf keinen Fall. Wir dürfen unser ganzes Zeughaus plündern, wenn wir die klerikale Politik augreifen wollen, wo aber Religion und Religiosität in Frage kommen, dürfen wir nicht einmal einen Nadelstich versuchen. Das muß offen und tapfer gesagt werden, selbst auf die Gefahr hin, von Antisemiten dafür gelobt zu werden, aus dem einfachen Grunde, weil das Recht die Grundlage unseres Daseins ist und weil wir diese Grundlage in ihrer Gänze heftig erschüttern, wenn wir sie auch nur am Rande verletzen. Wir hätten als vernünftige Leute schließlich auch lernen können, wie wenig angebracht in ihren moral-politischen Erfolgen die Beschwerde gegen Kirchenbausubventionen ist. Als das große Heldenstück vor mehreren Jahren aufgeführt wurde, da war die notorische Folge davon ein starker Sprung des Antisemitismus nach vorne. Leicht begreiflich. Wenn es sich um einen umstrittenen Synagogenbau handeln möchte, würden auch die indifferentesten Juden lebendig. Bei Kirchenbauten wird dasselbe ins Christliche übersetzt. Um nur ein krasses Beispiel ähnlicher Art anzuführen: Was hat die christlichsoziale Feindschaft der Rettungsgesellschaft geschadet? In der Sache also erreicht man nichts, als daß man einen Schuß abfeuert, der den Schützen trifft. Leider nicht ihn allein, wenn er ein Jude ist. So oft ein solcher die Kirche und was mit ihr im entferntesten Zusammenhänge steht, aus krankhaftem und krampfhaftem Freisinn antastet, wird es leider uns allen zugerechnet, leiden wir alle unter dem aus sinnloser Ursache heraufbeschworenen Haß unserer Feinde. Und da wieder einmal ein Mann, der sich zu den Politikern rechnet, der Vertreter eines jüdischen Wahlbezirkes ist, justament und gegen das Interesse seiner Wählerschaft getan hat, was er weit besser unterlassen hätte, so soll es an unserem energischen Proteste gegen sein Vorgehen nicht fehlen. Mn trauriges Heldenstück. Die wirtschaftlichen Folgen des österreichischen Ausgleichs mit Ungarn sind noch nicht recht fühlbar geworden, die neuen Dinge haben noch keine Zeit gehabt zur Entwicklung. Wahrscheinlich ist Oesterreich gediegen übers Ohr gehaut worden. Denn die Koalitivnspolitiker sind gescheite und ohne die mindeste Rührseligkeit rücksichtslose Leute, und wenn sie es gewagt haben, den in Ungarn so verhaßten Ausgleich zu schließen, ohne die magyarische Regimentssprache zu bekommen, ja selbst mit dem Zugeständnis eines höheren Beitrages zur Quote, so haben sie nach jedermanns Ueberzeugung sich ihre Zuvorkommenheiten mit einem hübschen Stück Bargeld bezahlen lassen. Bezeichnend dafür ist es, daß Kossuth, der Handelsminister, der für die Volkswirtschaft im Lande Verantwortliche, den Ausgleich vor der ungarischen Oeffentlichkeit zu verteidigen hatte und mit Glück verteidigte. Drüben haben sich denn auch nur die nationalen Politiker, die platonischen Liebhaber über den Ausgleich aufgeregt, hüben die Wirtschaftsgruppen, die Industriellen und die Agrarier. Wie gesagt, es scheint etwas faul zu sein im Staate Dänemark diesseits der Leitha und der Handelsminister von Oesterreich, Jungtscheche Dr. Fiedler, der nicht nur an seinen Schultern sondern auch über seiner Ueberzeugung den sehr schwarzen Salvnrock trägt, hat sich rechtzeitig nach Tatsachen umgesehen, die er einer zukünftigen abfälligen Kritik und Agitation über den Ausgleich entgegenstellen kann. Ec wird die Agrarier nicht damit beruhigen können, daß man den Mahlverkehr mit Ungarn beeinträchtigt hat — im Gegenteil, er wird die Industriellen nicht darüber beruhigen können, das; man den Absatz ihrer Produkte nach Ungarn erleichtert hätte — im Gegenteil, aber ein paar christlichsozial geimpfte Krämer wird er kolossal beruhigen können. Es ist ihm nämlich mit dem Aufgebote seiner gesamten Weisheit und Energie gelungen, ihnen einen gefährlichen Konkurrenten vom Halse zu schaffen, den ungarischen Hausierer. Eine Ministerialverordnung hat gemäß den Ausführungen des Ausgleichsvertrages verfügt, daß sofort und allsogleich die ungarischen Hausierer vom Hausierhandel in Oesterreich ausgeschlossen seien. Auch die, welche den teueren Hausierpaß für das laufende Jahr schon gelöst haben. Auch jene, die samt ihrer Familie nicht wissen, wo sie morgen etwas zum Essen hernehmen sollen und denen man nicht einmal eine Gnadenfrist von ein paar Wochen eingeräumt hatte. Als die Verordnung erlassen war, ging man im Handelsministerium mit dem Hochgefühl erfüllter Pflicht zur Ruhe. Hatte man doch 5000 Menschen um ihre Existenz gebracht und in Verzweiflung gestürzt. Man zeige uns doch fünftausend Menschen, die einen Vorteil davon haben! An das Oesterreich der Kleiderordnungen und der polizeilichen Allmacht wird man durch den Kampf erinnert, den man in der neuesten Zeit bei uns gegen Reisende und Hausierer führt. Das moderne Geschäftsprinzip verlangt es, daß sich die Handelswelt durch Reklame und Vertreter fortwährend an das Publikum wende, um seine Kauflust anzuspornen. Der regsame Kaufmann befolgt auch dieses Prinzip. Die rückständigen Zünftler aber, die sich über den durch Faulheit verursachten schlechten Geschäftsgang mit Alkohol und Schimpfen trösten, haben dieselben Gedanken wie häßliche Mädchen, wenn ein schönes eine hübsche Toilette anhat. Die Mädchen können wohl das Kleid nicht herunterreißen, aber die Zünftler haben die Macht, weil sie gerade wegen ihrer geistigen Rückständigkeit der christlichsozialen Partei angehören, und sie führen gehässige, für jedermann nutzlose Schwabenstreiche gegen die durch ihren Fleiß verhaßte Konkurrenz. Dies umso lieber, als sie dabei noch ein heißes Nebengelüste befriedigen können, nämlich den Antisemitismus. Gerne werden sie dabei von den maßgebenden Kreisen unterstützt. So lange man von den Regierungen nicht mehr verlangt als die Juden, sind sie immer bereit, zu geben. Ganz oder nur teilweise, je nachdem, man sich auf mehr oder minderen Widerstand gefaßt machen muß und den entsprechenden Mut besitzt. Die Chefs