Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 5 (31.1.1908)
- Date
- 1908-01-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Dr. Bloch’s Jahrgang XXV Nr. 5 Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums. Wien, 31. Jiimer 1SV8. — LrscbeLnt jeden Frelrng. Brief--Adreffe: Mlen, H/i, Verggasse 39. Telegramm-Adreffe: Llocb's Mo(LenscdrM, Mien. « - -■ -ft K. ft. Poflrparftaflett-Btttt C l e a r l n g - ID e r ft e b r Mr. 810.976. Redaktion und Administration: Wien IX/1, Verggasse Mr. 39. Telefon Nr. 14.847 Ä-* D---- Be|U0»pr*ia für Oesterreich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen, wanzjährig 20 » Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzetle 24 Heller. *..- » Inhalt: Leitartikel: Jüdische Kirchenstürmer. Ein trauriges Heldenstück. Fortgesetzte Drangsalierung der Juden in Rumänien. Goldfadens Biographie. — Jahrmarkt des Lebens: „Die Lösung der Judenfrage." Der Grand Rabbin von Belgien über die Unterdrückung der Polen in Preußen. Bon den Täuflingen. Islamitischer Kongreß in Kairo. Israeliten polnischer Konfession. — Korrespondenzen: Der Dank der Antisemiten an Rothschild. Unterstützungsverein für jüdische Hochschüler aus Mähren und Schlesien in Wien. Orthodoxe Kaufleute beim Handelsminister. Zum Judentage in Ungarn. Die Klagen der Krakauer Judenschaft. Liga zur Bekämpfung des Mädchenhandels. Berlin. Jüdisches aus Bayern. Würzburg. Raub jüdischer Mädchen in Russisch-Polen. Odessa. Der Pariser Rothschild in Petersburg. Gnade den Judenmördern. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden rc. Vortragszyklus aus jüdischer Geschichte, Literatur und Kultur. Konzerte der Toynbee-Halle. Jüdische Toynbee-Halle XV., Herklotzgasse 31. Künstlerabend und Ball. Humanitärer Geselligkeits-Verein der Boskowitzer. Trauerfeier für Abraham Goldfaden. Wien. Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler in Wien. Rozsahegy. Ein Kaiser Jubiläums-Ferienhcim für Waisenknaben. Nimburg. Tod des Marienbader Kultuspräsidenten. Kostel. — Feuilleton: Zwischen Hammer und Ambos. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Jüdische Kirchenstürmer. Oft und oft haben wir lebhafte Einsprache dagegen erhoben, daß sich Inden an antiklerikalen Bewegungen beteiligen, soweit auch nur im Entferntesten die Religiosität in Betracht kommt. Aus Gründen der Vernunft, des guten Geschmackes und der Gerechtigkeit. Als einmal Baron Hock bei einer jüdischen Versammlung im „Hotel Post" als Präsident des Vereines „Freie Schule" die Arme öffnete und den Inden zurief: „Seid umschlungen, Millionen!" da antwortete ein gewiegter, jüdischer Politiker mit einer Warnung an die Anwesenden, daß sie der Werbung nicht Folge leisteten. Nichts schade einer freisinnigen, politischen Bewegung mehr, als wenn Juden überhaupt oder gar in auffallender Zahl sie unterstützten. Der Stempel „verjudet" sei ihr Todesurteil innerhalb der arischen Welt. Er hätte noch mehr hinzufügen, hätte sagen können, daß ein erster Programmpunkt der „Freien Schule" die Beschränkung der religiösen Uebungen und des Religionsunterrichtes in der Erziehung sei. Was in aller Welt soll das die Inden kümmern? Ihre Kinder sind nicht gehalten, an den vielen obligaten Kirchengängen, Exhorten und Religionsstuuden teilzunehmen, und wenn diese den Eltern christlicher Kinder zu viel sind, so würde der energische Einspruch einer größeren Gruppe von ihnen die Abhilfe wohl herbeiführen. Denken wir uns den parallelen Fall einmal auf jüdischem Gebiete, stellen wir uns vor, daß Christen eine Bewegung auch nur unterstützen würden, welche Einfluß auf den religiösen Unterricht und die entsprechenden Uebungen jüdischer Kinder gewinnen wollten. In dieser Beziehung sind wir Juden von mimosenhafter Empfindlichkeit, da lebt noch der ganze religiöse Trotz unserer mittelalterlichen Vorfahren und selbst der Freisinnigste unter uns würde sich mit Feuer an den Kundgebungen der Entrüstung beteiligen. Warum also die Entrüstung auf der anderen Seite mit dem gleichen Vorgehen rechtfertigen? Wir verzichten durchaus nicht auf das Recht des freien Staatsbürgers, wenn wir dieses Gebiet der Polemik verlassen. Soweit der Klerikalismus den Paragraphen umzustürzen sucht, „alle Bürger sind gleich vor dem Gesetze", soweit er eine Vorherrschaft der Ungerechtigkeit und der Judenfeindschaft einzurichten sucht, dürfen und müssen wir fanatisch antiklerikal sein. Wir alle sind wütende Feinde der Christlich-Sozialen. Aber wir verderben unsere gute Sache, wenn wir die Vorschristen der Kurie in Rom bekämpfen, statt ausschließlich die Politik Luegers. Der katholische Religionsunterricht, so wie er ist, und das katholische Eherecht, so wie es einmal besteht, mögen gut, schlecht, oder wie immer beschaffen sein. Sie entziehen sich von vornherein der Beurteilung durch einen Juden, der sich die Beurteilung seines Religionsunterrichtes, seines Eherechtes durch Christen verbietet. Nichtsdestoweniger grassiert geradezu die Geschmacklosigkeit und Dummheit, daß Juden aus diesem Gebiete in den Reihen der. Kämpfer, oft in der Reihe der Vorkämpfer stehen. Nun machen sie sich dadurch nicht nur eines Vergehens gegen den Takt und die Aufrichtigkeit schuldig, sie schädigen nicht nur die Sache, der sie nützen wollen, sondern auch alle ihre Stammesgenossen, gegen die sie die ganz? Wut der in diesem Falle ungerecht Angegriffenen entfesseln. Die Phrasen der antisemitischen Presse von einem Judentum, das angeblich das Christentum unterdrücken will und bekämpft, sind immer noch hohle Lügen. Aber sie gewinnen den dumpfen Sinnen der großen Menge gegenüber eine Berechtigung, wenn die Agitatoren auf bestimmte, jüdische Namen Hinweisen können, deren Träger sich im Kampfe gegen den katholischen Religionsunterricht und das Kirchenrecht im Eherecht besonders hervorgetan haben. Auf diese große Gefahr haben wir schon zur Zeit des letzten Wahlkampfes hingewiesen, als man die Freisinnigen unter den Schlagworten „Freie Schule" und „Ehereform" zu sammeln versuchte. Was wir im Anfang dieser Ausführungen gesagt haben, ist damals prompt eingetroffen Die Juden taten mit und damit war die Sache für die christlichen Bürger (man unterscheide die Sozialdemokraten!) abgetan. Noch heute bewegen die beiden Fragen nur das Gemütsleben der Einwohner links der Taborstraße und am Quai. Hingegen bemächtigte sich die antisemitische Agitation des für sie geradezu prachtvollen Falles und die freisinnigen Juden können sich rühmen, durch ihre Tätigkeit zu den christlichsozialen Erfolgen wesentlich beigetragen zu haben. In allerjüngster Zeit ist nun dasselbe geschehen. Bekanntlich hat die Gemeinde Wien der Gemeinde Perchtolds-