Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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i<ihi itii t nrriiiWimBMwr~" HIIMIB ■■iiiwm ■nrfi"n«blgK*BL^aj Sette 74 in das Kotmeer ein, während der Rote mit dem Papier in der Hand wie versteinert zurückblieb. Mehr als eine Woche hielt diese Begebenheit alle Bewohner in Atem, aber nach und nach stumpfte sich das Interesse ab. Die Teilnahme verblaßte immer mehr und bald brütete über dem Städtchen wieder das alte Einerlei. — Lauge sollte es aber nicht so bleiben. (Fortsetzung folgt.) Kiteraklr. Hebräische Melodien. Eme Anthologie. Herausgegeben von Dr. Julius Moses, Berlin, Leipzig. Modernes Verlagsbureau Kurt Wigand, 1907. Eine Anthologie ist immer ein Stück Geschichte. Was die Historie in ihrer großen Bewegung übersieht oder vergißt, die Stimmungen ohne sichtbare Ereignisse, die verschiedenen Empfindungen eines ganzen Zeitabschnittes, das findet sich eben in diesen Aeußerungen dichterischer Kleinkunst, die so leicht sich verlieren und untergehen, im großen Strome der Begebnisse verschwinden und die, gesammelt, selbst Historie sind — in den Gedichten. Und was könnte die tatenlose Stimmung einer empfindungsvollen Minute besser wiedergeben und erhalten, als ein Gedicht, dessen einzige Absicht es ist, sich dieses Empfindens zu bemächtigen und ganz in ihm aufzugehen. Seit jeher haben die Menschen Leid und Freude besungen, aber sie haben es stets anders empfunden, immer den jeweiligen Verhältnissen angepaßt. Und der einzelne dichterische Ausdruck wird hier immer zur Charakterist k einer ganzen Epoche. In diesem Sinne und wie jede Kulturäußerung ist eben die Dichtkunst Geschichte und schon gar bei uns Juden, wo sie sich fast ausschließlich synchronistisch mit derselben entwickelte und in vielen Fällen nur eine Konsequenz unseres Schicksals und nicht lebendiger Urquell ist. Darum liegt auch die Wirkung einer solchen Anthologie, die die Empfindungsgeschichte einer Zeit darstellen soll, nicht in ihren Einzclleistungen, sondern in ihrer Zusammenstellung als die Gesamtheit in ihrer chronologischen Logik. Was früher ein literarisches Ereignis war, ist heute keine sonderliche Überraschung mehr. Die letzten Jahre brachten eine Reihe von Anthologien. Ich erinnere nur an die vielfachen und interessanten Erscheinungen der allerjüngsten Zeit, von denen ich nur Bethge (Deutsche Lyrik) und Lyrik des Auslandes, Arnold (Europäische Lyrik) und Vesper (Die Ernte) nenne. Das Thema der Lyrik, Liebe, Schmerz, Natur, Freude variiert in mannigfaltigster Weise. Es ist eben die alte Geschichte, die ewig neu bleibt und die ewig ichöu besungen werden kann. Aber es ist zum erstenmale, daß mir eine große Anthologie jüdischer Gedichte in die Hände fällt und zwar eine so seltsame, daß sie von der Herkömmlichkeit aller übrigen sonderbar absticht. Sie hat den schönen Titel: „Hebräische Melodien" wohl deshalb, weil ja der Grundzug der hebräischen Poefie die Lyrik ist. Unter den ähnlichen Erscheinungen unserer Zeit nimmt sich dieses Buch wie eine seltsame exotische Pflanze von wunderbarer, aber düsterer Schönheit aus. Es gibt wohl wenig Lyrischeres als seine Art und doch ist es mehr als Lyrik. Wo sonst nur die Vollendung eines Einzelnen die Kunst bis zu den höchsten Gipfeln führt, da wirkt hier der gemeinsame Schrei Aller nach Liebe. Das Leid von Generationen und Generationen, Jahrhunderten und Jahrhunderten ist hier so allgemein, so groß und unaufhörlich, daß es sich in jeder Zeit trifft, sich wie ein düsterer schwarzer Schleier über den ganzen Inhalt ausbreitet und in jeder Zeile die Tragik eines Millionenvolkes ausschluchzt. Das ist kein Buch der Ruhe und des Friedens, das man gerne in einer einsamen Dämmerstunde liest und dessen stille Wehmut uns eine weichliche Träne entlockt. In diesem Buche wohnt das große Weinen. Nicht das Weinen des Schwächlings, sondern das Schluchzen des Starken, den es erschüttert bis in seine tiefften Tiefen, der kein Seufzen und Stöhnen kennt, sondern nur einen fürchterlichen Ausbruch, wenn der Schmerz an chm rüttelt. Rr. 4 Ja, in diesem Buche ist wenig Helles, wie es in unserer ganzen traurigen Geschichte wenig Helles gibt. Denn das Judenherz ist wie eine Aeolsharfe und wenn der Sturm vorüberfährt, dann singt es die schönsten, aber auch die traurigsten Lieder. Und der Sturm ist oft an uns vorübergefahren. Wenn man den gewaltigen Sprung von Juda Halevy bis zur Generation des Herzl macht, dann hat sich die Seele in einem Meer von Tränen gebadet. Ganz im Gleichschritt der Geschichte. Nur die Jungen, das sind die Hoffnungsfrohen. Noch im Banne der düsteren Nacht, sehen sie doch schon in den hellen Morgen und freuen sich der Sonne, die noch nicht aufgegangen ist. Die synchronistische Literaturgeschichte beweist, daß 800 v. Christi unsere eigentliche Literatur anfing mit den ältesten Liedern, den Büchern Hiob, Ruth, Daniel, mit Sirach und den Propheten des Exils, über die letzten Propheten und in der letzten Aeußerung, in den talmudischen Schriften etwa 200 v. Christi endete. Nach dem begnadeten Halevy, nach Gabirol und ihren Zeitgenossen entsteht nun jenes große und traurige Schweigen in unserer Poesie, die bis auf die heutige Zeit anhielt. Mit dem Erwachen des Nationalbewußtseins in einer konkreten Aeußerung regt sich auch wieder unsere Poesie, wenn sie auch bisher nur im Osten von einer Bedeutung war. Ein neuer Beweis dafür, wie gerade bei uns die Poefie mehr mit der geschichtlichen Entwicklung, als mit der Religion zu tun hat. Die Anthologie setzt mit Heinrich Heines „Prinzessin Sabbat" ein. Eine böse Zeit. Nach ihm ist die große Sahara unserer Poesie und ihre Oasen sind Nichtjuden von einer Bedeutung wie Byron, Klopstock, Brentano, Chamisso, Rückerl und später Lenau, Anastasius Grün und Hebbel, die uns ihr Bestes gaben — ihr Mitleid. Das ist aber sehr wenig für ein Volk, das nach der Schönheit der Kunst lechzt, das sich nach Freiheit und Gleichheit und nach Menschentum sehnt und nur hie und da besungen wird. Der Mangel an eigenen lebenden und schaffenden Dichtern wird nun besonders bemerkbar, es entsteht aber nur jene Sorte von jüdischen Poeten, die dem Judentum nickts mehr als einen Pflichtteil geben, deren Herz aber noch nicht die ewige Flamme der jüdischen Liebe kennt. Da es Tag werden soll und die Morgenröte der jüdischen Renaissance im Osten aufsteigt, zeigen sich wieder poetische Lichtaestalten wie Morris Rosenfeld, Reisen, Frug, Bialik und die jüdische Poefie geht einem neuen Lenz entgegen. Nun ist auch wieder der Weg geebnet für ein Werk, wie es das der „Hebräischen Melodien" ist, und ein starkes Interesse wird gewiß den Herausgeber für seine mühevolle und arbeitsreiche Zusammenstellung würdig belohnen. Thekla Blech. Dr. Theodor Haas, „DieJudeninMähre n". Darstellung der Rechtsgeschichte und Statistik, unter besonderer Berücksichtigung des XIX. Jahrhunderts. Brünn 1908. Jüdischer Buch- und Kunstverlag. Eine kleine, aber nützliche Schrift, die auf 71 Seiten über die Rechtsgeschichte und Statistik der Juden Mährens gut und gewissenhaft orientiert. Der erste Teil handelt von den Juden Mährens bis zur Erlassung des Toleranz-Patentes (1782), der zweite geht bis zum Jahre 1848, der dritte bis zur Dezember- Verfassung 1867, der vierte reicht bis auf die Gegenwart. Die Verhältnisse der mährischen Juden find so eigenartig, daß sie mit den Verhältnissen anderer Kronländer nicht verglichen werden können. Kein Kronland besitzt zum Beispiel etwas ähnliches wie die politischen Gemeinden, das Landesrabbinat, den Landesmassafond; das sind Institutionen, über welche jeder sich orientieren muß, der sich mit den Angelegenheiten der Juden Oesterreichs beschäftigt. Umso dankenswerter ist die Gabe, welche der Verfasser, ein junger, fleißiger Jurist, uns in dieser kleinen Broschüre bietet.. Dürftig ist der historische Teil, allein die ruhmreiche Geschichte der mährischen Juden ist ein großes Kapitel, welches noch der Bearbeitung harrt. Vielleicht fühlt sich der begabte Verfasser, durch den Erfolg dieser kleinen Arbeit ermuntert, auch an diese große Aufgabe sich zu wagen. Dr. Moed s Mlocvensevrtrr.