Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Ar. 4 Br. Llocv's MocdenscdntL. vor Langeweile einander an, als ob sie sich geqenseitig verschlingen wollen, oder hocken in den kleinen Stübchen und schauen mit langen, verschlafenen Gesichtern zum trüben Fenster auf den Marktplatz hinaus, dessen einzige Sehenswürdigkeit eine breite Kotlache bildet. Kommt nun einmal in dieses öde Einerlei solche Neuigkeit geflogen, dann hat es den Anschein, als ob ein Orkan das eingeschlafene Leben aufgerüttelt hätte. Die verschlafenen Augen gewinnen wieder Feuer, die langen Gesichter zucken in fieberhafter Spannung, als wären sie galvanisiert, und wie ein umgestürzter Ameisenhaufen wimmeln die Leutchen in der „Gasse" durcheinander. „Was sich nicht alles in der Welt ereignen kann," beginnt Einer und kauet die Pfeife im zahnlosen Munde. „Nein, von Siegmund hätte ich das nie und nimmer erwartet," beteuerte ein Zweiter. „Ich sehe nicht ein, warum nicht," meinte ein Dritter. „Was spielt da bei so einem Deutschen der Glaubenswechsel für eine Rolle? ..." „Und wenn erst so ein Wechsel gut eskomptiert wird," siel der Witzbold der Stadt ein, „dann ist das Geschäft umso leichter gemacht!" „Nein," entschied ein Neuhinzugekommener, „ich kann's, ich will's nicht glauben!" „Siegmund hat auch nicht glauben wollen," lachte der Witzbold, „und deshalb hat er sich getauft." So schwatzten und spotteten sie stundenlang, ohne zu ermüden, bis die hereinbrechende Nacht sie zum Heimgehen mahnte, Kann es überraschen, daß in dieser Nacht die Mutter Siegmunds und Esterka vergebens den Schlaf suchten? Das schreckliche Gerücht, das der großen Menge heitere Zerstreuung bot, schnürte ihnen das Herz zusammen in ängstlicher Beklommenheit. Zwar waren sie weit entfernt zu glauben, daß jenes ungeheuerliche Gewäsch auch nur einen Schimmer von Wahrheit enthielt, aber es steigerte ihre Beunruhigung über das völlige Ausbleiben der Briefe und mit doppelter Sehnsucht harrten sie auf eine Mitteilung Siegmunds, das all dem „albernen Gerede" ein Ende machen würde. Aber Tag um Tag verstrich, ohne daß das ersehnte Schreiben kam, dagegen traf bei einem vornehmen Mitgliede der Gemeinde ein Brief seines Odessaer Freundes an, in welchem jenes Gerücht nicht allein bestätigt, sondern mit allen Einzelnheiten mitgeteilt wurde. Siegmund Reismann sei, so hieß es darin, am sovielten und sovielten Tage, um soviel und soviel Uhr in der Michaelskirche getauft und acht Tage später in derselben Kirche mit der Tochter seines Chefs getraut worden, die ihm außer dem großen Geschäftshause ihres Vaters ein Vermögen von Millionen mit in die Ehe gebracht habe. Angesichts solcher Tatsachen wagten es auch Siegmunds beste Freunde nicht, jenes Gerücht anzuzweifeln. Selbst die arme Mutter fühlte diesmal ihre Ruhe von angstvollem Zagen erschüttert, und die unglückliche Esterka brach fast zusammen unter dem entsetzlichen Wehe, das an ihrem Herzen nagte. Aber noch immer rangen sie den bloßen Gedanken an die Möglichkeit, daß das Ungeheure wahr sein könnte, nieder, oder heuchelten wenigstens vor der Außenwelt Zuversicht. Da traf einige Tage später bei der Mutter Siegmunds der Brief eines nahen Verwandten in Odessa ein, in welchem dieselbe Tatsache mitgeteilt wird, mit dem Zusatze, daß wie verlautet, Siegmund eine Reise nach Hause zu unternehmen beabsichtige, um sein in der Nähe der Kirche befindliches Erbhaus an die dortige Kirchenverwaltung zu verkaufen, so daß leider zn befürchten sei, das Haus ihrer Ahnen und Urahnen werde in eine Kirche verwandelt werden. Die Mutter möge das bedenken, so schloß jenes Schreiben, und den Abtrünnigen, falls er die Stirne haben sollte, sie bei seinem Dortsein zu besuchen, nicht einmal vor ihre Augen lasten — er sei die Schmach der ganzen Familie! — Leider erwies sich auch der Inhalt dieses Briefes als eine unbezweifelbare Tatsache, denn an demselben Tage Seite 73 erschienen einige Kirchenbeamte in jenem Hause, um dasselbe zu besichtigen, und der armen Mutter blieb es nicht erspart, mit eigenen Augen das Schreiben von der Hand ihres Sohnes zu sehen, in welchem er jenen Beamten^das^ Erbhaus anbietet. Die arme Mutter, der jetzt der Abfall.'ihres ^Sohnes zur Gewißheit geworden, sank von Ohnmacht zu Ohnmacht, sie zerriß zuletzt ihre Kleider, setzte sich zur Erde und betrauerte ihren verlorenen Sohn wie einen Toten. Esterka wieder erkrankte vor innerem Herzensgram, während ihre verzweifelte Mutter heulend und händeringend von einem Arzte zum zweiten stürzte, damit sie ihr das geliebte Kind retten. Ueberall, 4vo nur ein Verwandter Siegmunds wohnte, beweinte ein Jüngling seine Braut, oder ein Mädchen ihren Bräutigam, die sie in Folge der Taufe Siegmunds verlieren mußten, denn die Eltern beeilten sich die bereits geschlossenen Partien aufzulösen, weil es ja für jeden frommen Juden eine unvertilgbare Schmach sei, einen Getauften in der Familie zu haben. Das ganze Städtchen glich einem Kestel, der unter Feuer versetzt ist, so wallte und gährte es darin. Die „Frömmigkeit", die diesmal den heiligen Höcker so hoch emporzog, daß der Kopf hinter ihm ganz verschwand, tauchte überall wie aus dem Boden empor. Seit einigen' Tagen nämlich fand Benjamin Höcker keine Ruhe in sich, er fühlt das lebhafte Bedürfnis, seinem Todfeind, dem roten Jtzig den Giftstachel ins Herz zu drücken. Wohl an die hundertmal durchschiffte Benjamin Höcker mit seinen klappernden Pantoffeln die Kotlache auf dem Marktplatze, suchend und schnüffelnd, bis er ihn endlich in einer Eckgasse aufschnapte. „Gott gebe Ihnen einen guten Tag!" miauete die „Frömmigkeit". „Gott gebe —" würgte der Rote und fügte leise hinzu „daß Dich die Hölle verschlinge!" „Sie scheinen mir etwas betrübt —" fuhr die „Frömmigkeit" mit heuchlerischer Teilnahme fort. „Ich — betrübt?!" verwunderte sich der Zweite „Was habe ich für Grund, betrübt zu sein?" „Ich meinte nur wegen, — wie heißt er nur?" „Wer denn?" drängte der Zweite. „Nun der Getaufte?" „Der Getaufte — was kümmert er mich?" „Ich glaubte, er sei Ihr Geschwisterkind" Der Rote biß sich blutig die Lippen, aber er suchte durch sein Hintertürl zu entschlüpfen. „Den habe ich schon lange mir aus der Familie gestrichen" versicherte er, „Beweis, ich selber habe noch vor einigen Monaten Reb Benzion dringend vor ihn gewarnt." „Dann muß ich nur doppelt beklagen", lächelte die „Frömmigkeit" süßlich — „daß Sie seinetwegen so schwer werden leiden müssen!" „Wieso leiden?" „Nun Ihre Tochter ist doch verlobt —" „Also?" „Die Partie wird jetzt aufgelöst —" „Wer hat Ihnen das gesagt?" „Ihr Mechuten selber —" „Was hat er Ihnen gesagt?" „Er hat gesagt und mir für Sie übergeben —" „Was?" „Das —" dabei nahm er ein Papier aus seiner Rocktasche und übergab es dem Andern. Der Rote entfaltete das Papier und wich, als er kaum einen Blick hineingetan, bestürzt zurück. „Das ist ja die Verlobungsschrift meiner Tochter!" stöhnte er. „Deshalb habe ich Ihnen ja gesagt", lächelte die „Frömmigkeit", „daß ich Sie sehr bedauere. Aber nur Mut. mein lieber Reb Jtzik Hersch! ... Im übrigen wünsche ich einen guten Tag! ..." Und mit diesen Worten voll giftiger Schadenfreude, hob Benjamin den Höcker in die Höhe und schiffte sich wieder