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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-01-24 · 4 (24.1.1908) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
4 (24.1.1908)
Date
1908-01-24
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 72 Dr. Llocb's MocvenscbriN. Nr. 4 Pienes, einer Schülerin der bekannten Gesangslebrerin Frau Funk- Freund. Nach der Pause las Walter Teiuowitz in seiner bescheidenen, sympathischen Weise sehr hübsch Rosenfeld und Heine, worauf Herr Konzertmeister I. Ziurbler durch seine meisterhaften Leistungen stürmischen Jubel erweckte. Den Schluß bildete mit seinem prächtigen Baß Herr L. Ktrschner, der Arien von Verdi sang und großen Beifall erntete. Alles in allem also ein äußerst gelungener Abend, mit dem sowohl die Veranstalter, als auch die Besucher zufrieden s.-in dursten. Feuilleton. Zwischen Hammer und Amdos. Eine lustige Geschichte aus Galizien. Von Nathan Samuely. (Fortsetzung.) Zweites Kapitel. Ueber Nacht ging mit Benzion eine völlige Umwandlung vor; es schien, als hätte der Schlaf die Ereignisse des gestrigen Tages ganz in ihm ansgelöscht. Wie jeden Morgen rief er auch heute seine Esterka zu sich ins Zimmer und trug ihr auf, einige Auszüge aus den Geschäftsbüchern zu besorgen, denn er habe es heute eilig, weil er, wie sie wisse, schon in den nächsten Tagen seine große Geschäftsreise avtreten müsse. Ja, er gab sich sogar Mühe, heute recht freundlich zu sein, was schon lange nicht der Fall gewesen. Beim Mittagessen, als er mit Frau und Tochter zusammen bei Tische saß, lenkte er das Gespräch wieder auf die Partie und schlug auf einmal einen Ton an, der Esterka und ihre Mutter nicht wenig überraschte. . . . „Ich habe es mir freilich mit der Partie anders gedacht," sagte er, „aber was läßt sich dagegen tun? Die Kinder wollen es ja heute besser verstehen als die Eltern und einen anderen Kopf läßt sich Niemand aufsetzen. Uebrigens muß ich gestehen, daß dieser Siegmund, so weit ich ihn kenne, ein braver, junger Mann ist, allerdings etwas zu selbständig für meinen Begriff, auch würde ich ein Kind aus reichem Hause als Schwiegersohn vorziehen, selbst wenn er vom Geschäfte gar keinen Begriff hat, denn wie sagt man nur: Geld ist die Welt, und das Geschäft zu lernen, ist auch später noch Zeit genug. . . . Aber, Ihr wollt's ja besser verstehen als ich. Genug, ich füge mich, weil ich ja, wie gesagt, an Siegmund selber wenig auszusetzen hätte. Wie Ihr wisset, gehe ich noch diese Woche auf die Reise, die mich auch nach Odessa führt, wo Siegmund jetzt zuhause ist. Dort will ich über seine Verhältnisse, über seine Aufführung Nachfrage halten, und wenn die Auskunft so gut ausfällt, wie ich erwarte, dann bringe ich ihn gleich mit und wir feiern zu Gutem die Verlobung. Nun, seid Ihr jetzt mit mir zufrieden? Die Frau stimmte freudigen Herzens zu, Esterka fiel dem Vater um den Hals und dankte ihm mit Freudenträuen für die liebevolle, so recht väterliche Art, mit der er ihrem Herzenswünsche entgegenkommt. Einige Tage später trat Benzion seine große Geschäftsreise an, geleitet von den Segenswünschen seiner Gattin und Tochter, welche, beglückt über die günstige Wandlung, die ihre Sache genommen, voll Hoffnung der heiteren Zukunft entgegensahen. Von jenem Tage angefangen, genoß das Städtchen ein Bild, dessen es sich noch nie erfreute. Die beiden Antipoden der Stadt, nämlich „die Frömmigkeit" und „die Klugheit", die man noch nie zusammen g in heiterer Stimmung gesehen hat, weil ja die Freude der einen die Trauer und das Unglücks der zweiten bedeutete, gingen Beide erhobenen Hauptes^ einher, als ob eine über die Wandere triumphieren würde. Der rote Jtzig Hersch trug voll freudigen Uebermntes den Bart weit auseinandergespreizt, daß er wie ein Feuerkreis sein Gesicht umflammte, und Benjamin Höcker wieder hob in stolzer Zuversicht den Buckel in die Höhe, daß es beinahe schien, als wolle er ihm über den Kopf wachsen. So manche in. der Gemeinde sahen bei diesem Anblicke verwundert einander an, als würden sie fragen: „Was soll das bedeuten? . . . Drittes Kapitel. Unsere Geschichte spielt zu einer Zeit, in welcher Telegraph und Eisenbahn noch ganz fremde Begriffe waren. Eine Reise von Galizien nach Deutschland und nun gar tief ins Herz Rußlands hatte damals so viel zu bedeuten, wie heute eine Reise nach dem Nordpol oder noch weiter. Von Stadt zu Stadt schleppte sich die Fahrt in einem gemieteten Wägelchen, unterbrochen von tausend Fährnissen, indem bald mitten auf dem Felde die Axe brach, das Pferd zusammenftürzte, bald anhaltende Regengüsse die Wege unfahrbar machten und noch viele andere unvorhergesehene Hindernisse die Weiterreise für Tage, ja, oft für Wochen verzögerten. Kein Wunder, daß sich Kaufleute nur selten auf weitere Strecken hinauswagten, daß aber diejenigen, die mutig genug den Strapazen und Gefahren trotzten, in der Regel große Reichtümer erwarben, weil sie gegen eine nur sehr geringe, oder vielmehr gegen gar keine Konkurrenz zu kämpfen hatten. Ganz besonders traurig war es aber damals um das Postwesen bestellt, das dem ersten Besten überlassen war, der nach Willkür damit wirtschaftete. Die Einsichtnahme in.fremde Briefe oder das völlige Unterschlagen derselben ' konnte Jeder, dem es darum zu tun war, um ein Spottgeld, das er dem Herrn Postmeister in die Hand drückte, sehr leicht erwirken. ... Solchen Tatsachen gegenüber durfte es Esterka und ihre Mutter nicht sonderlich befremden, daß von Benzion innerhalb der zwei Monate, welche seit seiner Abreise bereits verflossen waren, noch keine Zeile angelangt wqr. Wußten sie ja überdies, daß es mit zu seinen Grundsätzen gehörte, aus der Fremde niemals, höchstens in ganz besonderen Ausnahmsfällen, wenn das Geschäft es erheischte, zu schreiben. „Wozu auch dgs Schreiben?", pflegte er zu philosophieren — „weiß ich doch ganz gut, wo ich auch immer bin — daß ich heil und gesund bin, und in gleicher Weise weiß es von sich wieder meine Familie. Stoßt nun mir oder ihnen was Schlimmes zu, was hat man da vom Schreiben? Was hilft einem das Wissen? Es kann nnr beunruhigen und stören. Dazu noch sind die verwünschten Briefmarken in keinem Lande der Welt umsonst zu bekommen! — Diese Hin- und Herschreibereien sind nur kostspieliger Luxus und nicht mehr!" Von einem Manne, der mit solchen philosophischen Grundsätzen ausgerüstet war, konnte die Familie keineswegs mit Sicherheit annehmen, daß er sein Wort in bezug auf das Briefschreiben auch einlösen werde. Aber auffallender Weise hatte Siegmunds Mutter, die Witwe Debora, welche von ihrem Sohne häufiger Briefe zu erhalten pflegte, gleichfalls beinahe ebenso lange kein Schreiben von demselben empfangen. Sie beruhigte sich und die täglich anfragende Esterka mit der Hoffnung, daß geschäftliche Pflichten ihn am Schreiben verhindern oder gar daß die Briefe verloren gegangen seien. ... Da tauchte plötzlich ein Gerücht in der Stadt auf, welches das völlige Ausbleiben der Briefe doch in etwas bedenklichem Lichte erscheinen ließ. Siegmund Reifmann habe sich getauft — so lautete jenes Gerücht, das plötzlich, wie ans den Wolken fiel, blitzschnell die Runde durch die ganze Stadt machte und mit geschäftiger Eile auch der Mutter und Esterka zugetragen wurde. Die ganze Judeugasse geriet in fieberhafte Aufregung. Heißhungerig stürzten sich die Klatschsüchtigen über die Ente, die ja auch die rechte Kost für sie war. Tag für Tag lungern die Armen beschäftigungslos in den Gassen umher, in welchen alles Leben versumpft und verseucht ist, gähnen

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