Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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- Minsk 2× ep/1000754
- Pinsk 1× ep/1045440
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Nr. A Vr. Bloch's Wochrnsttzrtst. Sette 69 die an dem ganzen Volke der Juden verübten Missetaten vor Scham zu erröten, muß fie ohne Verzug, so lange es noch nicht zu spät ist, in den Kampf treten mit dem gefährlichsten Feinde, der größten Schmach der Neuzeit — dem Antisemitismus. Darum wendet sich der vor kurzem ins Leben gerufene „Verein zur Verbreitung wahrheitsgetreuer Kenntnisse über die Juden und das Judentum" an alle jene, die von einem Rußland der Zukunft wie von einer Mutter träumen, welche an ihrer Brust allen ihre Lande bewohnenden Völkerschaften eine Zuflucht bietet, an alle Jene, welche die Ehre und die Würde ihres Vaterlandes in der Besiegung des Barbarentums, in seinen Erfolgen im Dienste der allgemeinen menschlichen Ideale erblicken. an alle Jene, welche den Begriff des Patriotismus nicht mit dem der nationalen Selbstsucht verwechseln und für welche die Menschheit der ganzen Welt nicht umfaßt erscheint durch den kleinen Kreis ihrer eigenen Stammes- und Glaubensgenossen; ihnen allen ruft der Verein zu: Es ist hoch an der Zeit, Wandel zu schaffen. Denn die entfesselten Leidenschaften des nationalen Hasses greifen immer mehr und mehr um sich; sie feiern stets wildere Orgien, und jeder Tag, ja jede Stunde der Verzögerung droht den Juden mit neuem Unglück, welches Rußland jedesmal einen Schritt nach rückwärts drängt! Es .wird die Aufgabe des Vereines sein: einen Mittelpunkt für einen organisierten, planmäßigen Kampf mit dem Antisemitismus, Tribünen für Redner, Vortragende und Publizisten zum Zwecke einer energischen und weitverbreiteten Agitation in der Oeffentlichkeit und in der Presse zu schaffen; eine Lücke in der vorhandenen Literatur durch die Verbreitung von Tatsachen, welche die faktische Lage des jüdischen Volkes beleuchten, auszufüllen; endlich Material für die Regelung der Judenfrage vorzubereiten, welches der Gesetzgebung als Unterlage soll dienen können — das sind in ganz allgemeinen Zügen die Ziele, welche der Verein anstrebt und an deren Verwirklichung er ohne Verzug schreitet, indem er hierbei von Seiten des einsichtigen Rußland sympathische Mitwirkung, persönliche und materielle Förderung erwartet. Der Verein erhofft aus solchem Zusammenwirken die Kraft, welche er benötigt zur Erreichung seines Zieles — der Gesundung der öffentlichen Meinung, und er ruft nunmehr Jeden, welcher ein fühlendes Herz bat und in dem das Gewissen sich noch zu regen vermag, in seine Reihen! Ans dem Gang znm Schaffst. Aus Minsk berichtet der „Fraind": Am 30. November v. I. 2 20 Uhr nachts, klopfte es an der Türe des Minsker Rabbiners Chaneles. Ein Postenführer mit drei Schutzleuten kamen, den Rabbi zu holen; im Gefängnisse wünsche der zum Tode verurteilte Moses Lewin aus Pinsk vor seiner Hinrichtung den Rabbi zu sprechen. Der Rabbi rieb sich den Schlaf aus den Augen und ging wohl eine seiner schwersten Pflichten zu erfüllen. Dem Rabbiner wurde gestattet, mit dem Delinquenten so lange zu bleiben, bis ein Glockensignal ihm bedeuten würde, daß seine Funktion beendet sei. Der Rabbi betrachtete wehmütig das Opfer ruffischer Willkür, einen schwächlichen, zwanzigjährigen Jüngling, der mit seinen funkelnden, schwarzen Augen dreinschaute, wie wenn er über große Pläne sinnen würde. Der Rabbi bereitete das junge Geschöpf auf seinen letzten Gang vor. Er sagte ihm das „Widduj", das Sündenbekenntnis vor. Lewin bewegt kaum die Lippen. Er hatte wenig zu bereuen. Er hatte sich ein hebräisches Bibelexemplar erbeten, in diesem hatte er in den letzten vierundzwanzig Stunden seines jungen Lebens gelesen. Inbrünstig küßte er das heilige Buch und übergab es dem Rabbi. Dann bat er, seinen Eltern Grüße auszurichten und fie zu bitten, seinetwegen nicht zu klagen und nicht zu weinen. — Da ertönte das Glockensignal — und zehn Minuten später wurde er als Leiche, in einen Sack genäht, auf den jüdischen Friedhof gefahren. Hinter dem Wagen ging der Rabbi von Minsk, sonst niemand. Lewins Schuld bestand darin, daß er sich bei seiner Arretierung zur Wehr setzte und hierbei zwei Wachinspektoren durch Revolverschüsse verwundete. Sein Verteidiger war der Advokat Worschinsky. Ein Gnadengesuch wur! e abgewiesen. Tafts Kandidatur und die Inden. N e w - N o r k. Nach den Aufregungen, die durch die amerikanische Finanzkrifis hervorgerufen wurden, kommen jetzt die Aufregungen der Präsidentenwahl. Im Vordergründe steht die Kandidatur des gegenwärtigen Kriegsministers Taft, der auf republikanischem Programm kandidiert und die Protektion Roosevelts genießt. Unter normalen Verhältnissen wäre Taft der Stimmen des größten Teiles der Juden sicher gewesen. Da kam aber die diplomatische Weltreise Tafts dazwischen. Nachdem Taft dem Kaiser von Japan einen Besuch aügestattet hatte, machte er auch in Petersburg einen Abstecher. Dagegen war nichts einzuwenden. Daß aber der amerikanische Minister bei dem Lunch, das nach einer Militärparade ihm zu Ehren gegeben wurde, einen Trinkspruch auf die Gesundheit und das Wohlergehen des Zaren ausbrachte und auch nicht die leiseste Andeutung auf die greulichen Maffakres und ihrer Opfer machte, trotzdem man auf Grund vorangegangener Zeitungsnachrichten auf eine wenn auch nur äußerst vorsichtige Intervention in dieser Richtung rechnete, das können ihm die amerikanischen Juden nicht verzeihen und besonders in New- Aork macht sich eine Bewegung bemerkbar, die darauf ausgebt, Taft die jüdischen Stimmen abzuwenden. Diese Mißstimmung im jüdischen Viertel New-Iorks ist eine so tiefgehende, daß die jüdischen Führer der republikanischen Partei und intime Freunde Roosevelts und Tafts diesen vcr einigen Tagen die Eröffnung machen mußten, daß in der jüdischen Bevölkerung New-Aorks eine große Erbitterung herrsche gegen Taft, der auf die Gesundheit eines Mannes trank, den jeder Jude als seinen eigenen Unterdrücker betrachten müffe. Die jüngsten Nachrichten über die Vertreibung der Juden aus Wladivostok hat die Erregung natürlich noch gesteigert. Jntpressrnt ist, was der „New-Aork Herald" über die Aussichten Tafts infolge dieser Erregung unter den Juden berichtet. Ein hervorragender Führer der New-Aorker republikanischen Partei berichtete dem Präsidenten, er hätte noch nie eine so tiefgehende Erbitterung unter den Wählern gesehen, wie die jetzige unter den jüdischen Wählern. Der Unwille über das Verhalten Tafts in Petersburg sei so groß, daß die Kandidatur des Kriegsministers in New-Iork und vielleicht auch im ganzen Lande stark gefährdet erscheine. Der Präsident sei förmlich erschrocken und habe seinen Berichterstatter gefragt, was da zu tun sei. Ein anderer republikanischer Parteiführer berichtete von einer Besprechung der Vertreter aller jüdtschen Gesellschaftsklassen, in welcher diese Erbitterung gegen Taft ebenfalls in recht unzweideutiger Weise zum Ausdrucke gekommen sei. Selbst die Zulage der Freunde Tafts, daß dieser im Falle seiner Wahl zum Präsidenten einen Juden in iein Kabinet ernennen werde, blieb ohne jede Wirkung. Nun soll, wie ein anderes amerikanisches Blatt meldet, Roosevelt selbst den Versuch unternehmen, die aufgeregten Gemüter im New-Dorker East-End zu beruhigen, denn der gegenwärtige Präsident weiß ganz gut, daß die Juden New-Iorks nicht nur für die Abstimmung in New-Aork selbst, sondern in einem große Teile des Landes ausschlaggebend find. Taft selbst, der im Rufe eines unbedingt liberalen Menschen und edlen Charakters steht, soll der New-Uorker „Times" zufolge geäußert haben, er begreife wohl die Erbitterung der Juden gegen den Zaren, doch begreife er nicht, wie sie es ihm übelnehmen können, daß er als Abgesandter Amerikas auf einem fremden Hofe einen Akt der Höflichkeit begangen.