Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 68 Dr. Llocb's MocbenscbrM. Nr. 4 nicht nur innerhalb der Gemeinde sondern auch im sozialen und kommunalen Leben kämpfte. Auch hier entwickelte er eine segensreiche Tätigkeit — war er doch 34 Jahre hindurch Gemeinderat — und hat sich namentlich als Präsident des technischen Exekutivkomitees nach. dem großen Erdbeben, von 1880, an der Verjüngung der Landeshauptstadt bleibende und allseits anerkannte Verdienste erworben. In technischen und wirtschaftlichen Fragen galt Siebenschein im Gemeinderate als hervorragende Autorität mit klarem Blicke und zutreffendem Urteile. Ebenso eifrig wirkte er durch eine lange Reihe von Jahren als Mitglied der Handelskammer und beteiligte sich hervorragend an zahlreichen kommerziellen und industriellen Unternehmungen. Geehrt von seinen Brüdern, geachtet von seinen Mitbürgern, wurde ihm auch die Allerhöchste Anerkennung zu Teil durch Verleihung des Ritterkreuzes des Franz Joseph-Ordens und den Titel eines königl. Rates. Im Dezember 1906, anläßlich der Vollendung seines 70. Lebensjahres, wurde er besonders gefeiert von der Gemeinde, die zur Erinnerung an sein Wirken eine Siebenschein-Stiftung errichtete. Seitdem bemächtigte sich seiner ein schweres Leiden, das den rastlosen Arbeiter jetzt aus dem Leben rief. Leeder zadik liv’rocho! Unter überaus zahlreicher Beteiligung fand das Leichenbegängnis statt. Zu der Leichenfeier waren korporativ erschienen: Die Vorstände der Agramer isr. Kultusgemeinde, der Chewra- Kadischa und des isr. Frauenvereines; der hauptstädtische Gemeinderat und der Magistrat, die Direktionsräte und die Beamten der Ersten kroat. Sparkaffe, der kroat. Kommerzialbank, der Agramer Dampfmühle, der Agramer Papierfabrik und der Eisfabrik. Außerdem die Direktoren aller übrigen Geldinstitute, Vertreter der Handelskammer und Vereine, sowie ein zahlreiches Publikum. Um 3 Uhr bewegte sich der Zug vom Trauerhause zum isr. Kultustempel. Hier wurde der Sarg in denl Tempelvorhof auf eine Bahre gestellt, an welcher Oberrabbiner Doktor H. Jacobi eine ergreifende Leichenrede hielt. Nach der Rede des Oberrabbiners widmete der Vorsteher-Stellvertreter Dr. Karl Goldmann dem Verblichenen einen warmen Nachruf. Oberkantor Josef Rendi rezitierte hierauf das Totengebet, worauf sich der schier endlose Zug Weiler bewegte. Die Sonne ging bereits zur Neige, als der Trauerzug auf dem Zentralfriedhofe anlangte, wo Oberrabbiner Dr. Ungar aus Osijek namens der Osijeker Kultusgemeinde und Prof. Dr. Gavro Schwarz namens der isr. Mittelschuljugend warmempfundene Abschiedsreden hielten. Sodann wurde der Sarg im Beisein der trauernden Familie und vieler Freunde in der Familienarkade Leigesetzt. — Der Familie des Verstorbenen gingen zahlreiche Kondolenzen zu. Im Namen der k. Landesregierung kondolierte persönlich Sektionschef für Kultus und Unterricht Dr. Ferdo v. Mixich, welcher auch dem Leichenbegänguiffe beiwohnte. Petersburg. (Rückblick auf das russische Jahr 1907.) Anläßlich des russischen Neujahrs veröffentlicht der Petersburger „Fraind" einen Rückblick auf die Lage der ruffischen Juden im Jahre 1907, dem wir die folgenden Stellen entnehmen: Die rechtliche Lage der russischen Juden hat sich im vergangenen Jahre nicht gcbeflert. In gewisser Beziehung ist sie sogar schlechter geworden, als sie ehedem war. Die Schaffung von nationalen Kurien durch das Gesetz vom 3. Juni 1907 hat die jüdische Bevölkerung fast vollständig der Möglichkeit beraubt, sich eine Repräsentanz in der Volksvertretung zu sichern. Bei den neuen Senatserklärungen, welche nach einer in den „Tagen der Freiheit" eingetretenen Unterbrechung wieder zu erscheinen beginnen, macht sich eine Tendenz in der Richtung der schärferen Auslegung der Bestimmungen über die Begrenzung der Rechte der Juden fühlbar. Es genügt der Hinweis auf die Erklärung betreffend das Wohnrecht gewisser Kategorien von Juden in Moskau, durch welche hunderten von jüdischen Kaufleuten, die jahrelang in Moskau ungestört gewohnt und Handel getrieben haben, große Schwierigkeiten bereitet wurden. Die Pogrome haben in den letzten Jahren eine so traurige Rolle im Leben der Juden gespielt, daß es unmöglich erscheint, ihrer in einem Rückblick auf einen gewissen Zeitabschnitt nicht zu gedenken. Pogrome in dem Sinne und dem Umfange der großen Oktober-Massakres sind allerdings im abgelaufenen Jahre nicht vorgekommen, aber in vielen Städten pflegten die „Volksverbändler" Tag um Tag Juden zu schlagen und zu morden. In besonderem Maße hat sich dieser Fluch über Odessa ergossen, wo die Volksverbändler mit der größten Dreistigkeit gehaust und das ganze öffentliche Leben lahmgelegt haben. Traurig war die Lage der Juden nach außen hin, aber auch das innere Leben hat sich im vorigen Jahre nicht fröhlicher gestaltet. Die wirtschaftliche Lage der Juden ist in stetem Niedergange begriffen. Die Zahl der Arbeits- und Erwerbslosen wird immer größer und die Auswanderung nimmt immer mehr zu. Die allgemeine Krise und die Lebensmittelteuerung hat nirgends so schwere Folgen gezeitigt, wie im jüdischen Ansiedlungsrayon. Täglich kommen aus den jüdischen Städten und Städtchen die traurigsten Nachrichten über die Teuerung und die damit verbundene Not. Ausgiebige Hilfe wäre hier vonnöten, sie kann jedoch nicht in hinreichendem Maße geleistet werden, da die Ereignisse der letzten paar Jahre unter den jüdischen Gemeindeanstalten und Unterstützungsvereinen eine wahre Zerstörung angerichtet haben. Auch die jüdischen politischen Vereine sind von dieser Zerstörung nicht verschont geblieben. Nicht nur die proletarischen, sondern auch die allgemein jüdischen. Der „Verein für jüdische Gleichberechtigung" ist eingegangen und von allen feinen zahlreichen Abteilungen und Filialen ist bloß das Petersburger Komitee übrig geblieben. Die „Demokratische Gruppe" hat gar kein Lebenszeichen von sich gegeben; ebenso die „Volkspartei" nicht und von der sogenannten „Volksgruppe", die sich anfangs große Mühe gab, das Erbe des „Vereines für jüdische Gleichberechtigung" anzutreten, ist heute nichts zu hören. Eine Schlaffheit und Müdigkeit hat sich der jüdischen Gesellschaft bemächtigt, die in den letzten Jahren so viele und starke Erschütterungen durchgemacht hat. . . . Ein finsteres, schweres Jahr ist im Leben der Juden zu Ende gegangen; ein Jahr, das mit großem Passivum und nur winzigem Aktivum geendet hat. Aber wie gering auch dieses Aktivum sein mag, so muß es doch in der geschichtlichen Bilanz verzeichnet werden, denn es hat eine gewisse Bedeutung. Das schwere Jahr, das an uns vorbeigegangen, mußte auch jene von uns, die bisher noch daran zweifeln mochten, darüber aufklären, wie enge die Verbesserung der Lage der Juden mit dem Siege der freiheitlichen Bewegung verbunden ist und in welch festem Zusammenhänge die allgemeine Reaktion mit der Judenfeindlichkeit steht. Das hat uns das vergangene Jahr gelehrt und diese Lehre muß in unserer Jahresbilanz als „Aktivum" verzeichnet werden. Moskau. Die jüdische Gemeinde versendet folgenden Aufruf: Verein zur Verbreitung wahrheitsgetreuer Kenntnisse über die Juden und das Judentum. Angefichts des Unrechtes und der Beleidigungen, der Verfolgungen und Beschimpfungen, welchen die Juden skrupellos ausgesetzt werden, kann die rusfische Gesellschaft nicht länger gleichgültig bleiben. Es ist schon längst an der Zeit, den giftigen Ausstreuungen der Lüge die ungeschminkte Wahrheit als Zeugen gegenüberzustellen. Es ist schon längst an der Zeit, das verbrecherische Schüren des Volkshasses durch den Ruf nach allgemeiner Menschlicher Brüderlichkeit und nach Frieden zu übertönen. Es ist die hehre Bürgerspflicht des einsichtsvollen Teiles der russischen Gesellschaft, der gemeinen Verleumdung den Stachel zu entreißen, den von Vorurteilen blind Gewordenen die Augen zu öffnen und die auf dem Scheidewege Schwankenden zum Guten zu neigen! Die russische Gesellschaft wird vor der Welt, vor dem Richterstuhle der Geschichte verantwortlich sein für alles das, was sie Gutes oder Schlechtes bewirkt hat; und damit sie nicht belastet werde mit dem Vorwurfe der schmachvollen Gleichgültigkeit für die Rechtlosigkeit und die Leiden der sechs Millionen russischer Juden, damit sie nicht in die peinliche Lage komme, gegenüber der Anklage der Duldung und der Sympathie für