Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 25 (1908)
- Issue
- 4 (24.1.1908)
- Date
- 1908-01-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 66 Dr. Mocv s MocbeKSLbrttt. Nr. 4 Der Kultus- und Unterrichtsminister Z. 258/Präs. An die israelitische Landeskanzlei in Budapest. Da ich mich mit der Regelung der Angelegenheiten der vaterländischen Judenschaft eingehend beschäftige, fordere ich zum Zwecke der Sicherung des erwünschten Erfolges die israelitische Landeskanzlei auf, die notwendigen Verfügungen in der Hinsicht zu treffen, daß die Versammlung der israelitischen Distriktspräfidenten in einer mir dringlich zu erstattenden Unterbreitung ein Gutachten darüber abgebe, welche Verfügungen und welches Vorgehen ste für zweckdienlich erachtet, damit ein allgemeiner israelitischer Kongreß einberufen werden könne, welcher berufen wäre, über die Schaffung einer einheitlichen Organisation der israelitischen Konfession zu verhandeln. Budapest, 16. Jänner 1908. Apponyi in. p. Die Verlesung dieses Erlasses wird mit lebhaften Eljenrufen ausgenommen. Präfident knüpft an den Erlaß des Ministers einige Bemerkungen. Indem der Minister verlangt, daß die israelitischen Distriktspräsidenten ihm einen Vorschlag bezüglich der Einberufung des israelitischen Landeskongresses erstatten sollen, bekundet er, daß er fich an die Beschlüsse des 1868er Kongresses hält. Indem der Minister ferner in seinem Erlasse von einer einheitlichen Organisation spricht, zeigt er, daß er den seither geschaffeuen Gesetzen Nachkommen will, welche nur eine rezipierte israelitische Konfession kennen. Da endlich der Minister eine dringliche Unterbreitung verlangt, darf man annehmen, daß er nicht die Absicht habe, die Sache zu verzögern. Wir haben also Aussicht, daß der Kongreß in naher Zukunft einberufen wird. Der Erlaß des Ministers ist jedenfalls die wichtigste Aeußerung, die seit 35 Jahren in der Sache der ungarischen Judenschaft von oben erfloffen ist. Es ist nur zu wünschen, daß bei der Verwirklichung der Intentionen des Ministers im Schoße der Judenschaft alle Fragen, die uns trennen, ausgeschaltet werden, damit es gelinge, eine für die gefamte ungarische Judenschaft gemeinsame einheitliche Organisation ins Leben zu rufen. (Lebhafter Beifall.) Run folgte die Verhandlung des Berichtes. Ueber denselben eutspinnt fich eine Debatte, an welcher sich Dr. Ludwig B a l l a i, Dr' Bernhard Mittelmann und Max S z ab o l c s i beteiligen. Die Ausführungen dieser Redner beziehen fich vornehmlich auf die zwischen den Neologen und den Orthodoxen bestehenden Differenzen. Präfident unterbricht diese Debatte und ersucht die Versammlung, zur Neuwahl der Funktionäre zu schreiten. Die Wahl ergab folgendes Resultat: I. Distriktsvorstand: Präsident: Dr. Moriz M e z e i. Präsidentstellvertieter: Theodor v. Wolfner (Ujpest). Vorsteher: Dr. Bsla Dalnoki, Schriftführer, Dr. Ludwig Kecskemäti (Kecskemst), Dr. Adolf Kohner, Dr. Franz Mezey, Paul Sändor, Karl v. SvLb, Franz Szekely, Dr. Philipp Weinmanu, Berthold Weiß. II. Distriktsgericht: Erstes Gericht: Präfident Dr. Lazar S L m u e l, Präsident-Stellvertreter Dr. Bsla F e l e k i. Zweites Gericht: Präfident Dr. Armin N e u m a n n, Präsident-Stellvertreter Dr. Adolf Lettner. In die Kommission zur Vorbereitung des Landeskongresses wurden gewählt: Präsidenten: Dr. Paul Mandel und Doktor Ludwig Ballai. Mitglieder: Dr. Ludwig Brody, Dr. Salomon Eulenberg, Dr. Moriz Ernyei, Dr. Simon Führer, Dr. Wilhelm Grauer, Dr. Ladislaus Halaß, Dr. Adolf Leitner, Dr. Theodor Löw, Dr. Bernhard Mittelmann, Dr. Armin Neumann, Doktor Alles PollLk, Dr Emanuel Rüzsavölgyi, Sigmund Singer, Ritter Eduard Schweitzer, Max Szalbolcsi, Julius Szanto, Moritz Szatmari, Alexander Szemzö, Dr. Soma Visontai. Dann wurden noch die Mitglieder der Gerichtskommissionen ausgelost. Nach dem Wahlakte wurde die Diskussion über den Bericht des Präsidiums wieder ausgenommen. Dozent Dr. Max Schächter gibt sich optimistischen Erwartungen nicht hin, ist aber mit dem Tone des Berichtes einverstanden. Redner verweist auf ein nicht minder wichtiges Moment: auf die Lockerung aller Banden im Judentum selbst. Dr. Adolf Krißhaber drückt den Wunsch aus, daß das Material des 1867er Kongresses der heutigen Generation zugänglich gemacht werde. (Zustimmung.) Präsident resümiert die bisherigen Aeußerungen. Zunächst beantragt er, daß der Rücktritt des Herrn Josef v. Hatvany- Deutfch als Vorstandsmitgliedes mit Bedauern zur Kenntnis genommen, dem bisherigen Schriftführer des Gemeindedistrikts Dr. Franz Mezey der Dank ausgedrückt werde. (Zustimmung.) Die in der Debatte von verschiedenen Rednern vorgebrachten Bemerkungen und Wünsche werden vom Vorstande berücksichtigt werden. Was die Dispensierung der israelitischen Zöglinge der staatlichen Schulen vom Schreiben an Samstag betrifft (Antrag des Dr. Feldmann), so find in dieser Hinsicht schon Schritte bei dem Kultusminister geschehen und man darf eine günstige Erledigung dieses Wunsches erwarten. Zur Frage des Landeskongresses stellt Max S z a b o l c s i den Antrag, daß dieser Gegenstand von der Tagesordnung der heutigen Sitzung abgesetzt werde, da der Erlaß des Ministers Beruhigung biete in der Hinsicht, daß die Schaffung einer einheitlichen Organisation angestrebt werden soll. Dr. Krißhaber bekämpft diesen Antrag. Er schlägt vor, daß eine Kommission zur Vorbereitung des Kongresses entsendet werde. Dr. H e v e s i und W e i ß m a n n äußern sich im gleichen Sinne. Dr. Adolf Leitner und Dr. Julius Rosenberg sprechen fich dagegen aus, daß die Frage des Landeskongreffes heute verhandelt werde. Die Versammlung faßte sodann folgenden Beschluß: Die Versammlung des VI. israelitischen Gemeindedistrikts, welche die Unaufschiebbarkeit des israelitischen Landeskongresses auch jetzt betont, spricht dem Minister Grafen Apponyi für seine Entschließung, mit welcher er die Sicherung der autonomen Organisation in nahe Aussicht stellt, ihren innigsten Dank aus und erwartet von der Versammlung der Distriktspräfidenten, daß sie der Aufforderung des Ministers entsprechend in dringlicher Weise ihren Vorschlag erstatten wird, damit der israelitische Landeskongreß womöglich noch in diesem Jahre abgehalten werden könne. Ferner wurde beschlossen, an den Kultus- und Unterrichtsminister eine Eingabe betreffend die Durchführung des G.-A. XX:1848 zu richten. Präsident meldet noch, daß im Hinblick auf das Wohlwollen des Ministers Grafen Apponyi zu hoffen ist, daß die staatliche Unterstützung der israelitischen Konfession erhöht werden wird. Nach Erledigung einiger Anträge wurde die Sitzung unter Eljenrufen ans den Präsidenten geschloffen. Die Kriminalität der Juden in Ungarn und den Batt'anländern. Der vor einigen Tagen zur Ausgabe gelangte Bericht über die Tätigkeit der ungarischen Regierung im Jahre 1906 enthält auch eine Statistik über die in diesem Jahre erfolgten Verurteilungen wegen Vergehen und Verbrechen. Diese Statistik ist ein äußerst günstiges Zeugnis für die Moralität der ungarischen Juden. Von den gesamten verurteilten Personen waren bloß 3 l/2°/Q Juden und unter den wegen Verbrechens gegen die Sicherheit der Person Verurteilten befinden sich nur 2%- Laut den statistischen Ziffern des Berichtes stehen die Juden Ungarns auf einer höheren Stufe der Moralität als die Angehörigen aller anderen Konfessionen. Dem soeben erschienenen Werke Dr. Arnold Wadlers: „Die Verbrechensbewegung im östlichen Europa", I. Band; die Kriminalität der Balkanländer, München 1908, Hans Sachs Verlag, entnehmen wir folgendes über die Kriminalität der Juden. In S e r b i e n gibt es 0'22°/0 Juden. Die Kriminalität der Juden ist eine sehr günstige, da sie nur im Krisenjühr 1895 eine erhöhte kriminelle Belastung aufweisen, im übrigen aber einen sehr geringen Verfehligkeitsgrad besitzen, der zudem fort-