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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1908-01-24 · 4 (24.1.1908) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
25 (1908)
Issue
4 (24.1.1908)
Date
1908-01-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 60 sr. JäiocD’s Mocvenscvrm. J>lt. 4 alle Ausbrüche des Pöbelgelüstes. Man glaubt umsomehr sie ungescheut belästigen zu können, als jtze Vornehmen die Anstifter begünstigen und sie in kleinlicher Berechnung des Augenblicks gewähren lassen." Wie ein Baum ohne veredelnde Pflege immer dieselben Früchte trägt, so offenbart sich auch die Bosheit der Menschen immer wieder in derselben Weise, wenn die hemmende» Kräfte des sittlichen Bewußtseins nicht gepflegt und gemehrt werden.43) Daß die Formen des Judenhasses uud auch die Anklagen seit Jahrtausenden dieselben geblieben, beweist, daß die Führer nie viel Geist entfalten mußte», andererseits daß die zu Roheiten stets bereiten Massen besonderer Gründe niemals bedürfen. Unsere Frage lautete: Ist der Judenhaß in der Religion oder im Erwerbsleben der Juden begründet? Wir antworteten: In keinem von beiden, und haben unsere Antwort auf geschichtliche Tatsachen gestützt. — Wie wäre es nun, wenn wir dieser Frage eine andere Richtung gäben und fragten: Ist der Judenhaß in der Religion oder im wirtschaftlichen Leben unserer Hemde begründet? Wir müßten beides bejahen. Aber wohlgemerkt, ich spreche nicht von der christlichen Religion, sondern von der Art des Religionsunterrichtes. Jnsolange mau den Kindern in der Schule in haarsträubender Weise — entgegen der geschichtlichen Wahrheit — die Hinrichtung des Stifters der christlichen Religion durch die Juden darstellt, solange bei den Erwachsenen diese in der Kindheit empfangenen Lehren und Eindrücke durch die Bilder draußen an jeder Ecke immer von neuem aufleben, darf es uns nicht wunden, daß der Judenhaß in den Massen unausrottbar ist. Was den zweiten Teil der Frage betrifft, sagt uns die Erfahrung, daß die wirtschaftliche Lage der Führer uud Schürer des Judenhasses einen sehr bedeutenden Aufschwung genommen hat. Viele in unserer eigenen Mitte werfen nun die Frage auf: Wird das immer so bleiben? Wird der Jahrtausende alte Haß niemals schwinden? Wird niemals des Friedens freundlich versöhnendes Band die Menschheit umschlingen? Und die an der Spitze dieser Vereinigung stehenden Männer könnten vielleicht auch entmutigt werden durch den Gedanken, daß chr Kampf ein vergeblicher sei. — Ich kann sie nur ermutigen und zu treuem Ausharren ermahnen. Uns aber ist der Weg durch unsere Religion genau vorgezeichnet. Aus dem Schoße des Judentums sind zwei Kinder hervorgegaugen, zwei Religionen, die den halben Erdball beherrschen. Schwere Kränkung hat das Judentum von diesen Kindern erfahren. Dennoch ist es die gute, liebevolle Mutter geblieben, die uns zur Gerechtigkeit, zur Liebe, zum Erbarmen gegen alle Menschen auffordert. Sie erfüllt uns auch mit sieghafter Hoffnung. Als Jerusalem, erzählen uns die Alten, der Belagerung durch den Feind nicht mehr standhalten konnte, als schon die Flammen den Tempel ergriffen hatten, da versammelten sich die jungen Priester, blickten gen Himmel und sprachen: „Mit unserem Leben wollten wir dein Heiligtum verteidigen; wir können es nicht mehr halten, du hast uns nicht ge-.oürdigt, ferner die Hüter deines Hauses zu sein. So legen wir denn die uns anvertrauten Schlüssel wieder in deine Hände zurück". Mit diesen Worten warfen sie die Schlüssel in die Höhe und siehe! Es öffneten sich die Himmel, eine Hand kam zum Vorschein, dir die Schlüssel an sich nahm.") So sind denn die Schlüssel in Gottes Hand und es kommt einst der Tag, da sie die Tore öffnen, durch welche alle Menschen, in brüderlicher Liebe geeint, zu einem ueuen Leben einziehen. — Das ist unsere Hoffnmrg. **) Zu meiner Genugtuung lese ich jetzt, daß Abbot in seinem Buche: „Israel in Europa" zu dem Schlüsse gelangt: Aan Ls a peroecnting animal. ") Scheck. I 4 Taanith 29a. Auszug aus bew Protokolle über die Ausschußsitzung des „Allgemeinen Oesterreichisch- Jsraelitischen Bundes" vom 6. Jänner 1908 unter dem Vorsitze des Präsidenten Dr. Alfred Stern. Anwesend die Herren: Präsident Dr. Alfred Stern, Oberrabbiner Dr. Güdemann, Landesschulrat Dr. Gustav Kohn, Wilhelm Pappenheim—Wien, Dr. Schanzer—Pilsen, Doktor Sonnenschein—Troppau, Glesinger—Teschen und Biller—Graz. Entschuldigt haben ihr Fernbleiben die Herren: Dr. Fialla— Brünn, Dr. Tilles—Krakau, Hahn—Linz, Dr. Sachsl—Chrudim, Dr. Hilf—M.-Ostrau und Dr. Alfred Berger—Wien. Präsident begrüßt die Erschienenen und dankt ganz besonders den Herren aus der Ferne für die große Mühe, welcher sie sich unterzogen, um trotz der kalten: Winterszeit an der Sitzung teilznnehmen. Präsident stellt hierauf dem Ausschüsse den neuen Sekretär des Bundes Herrn Jakob Krauß vor und fordert diesen auf, die einzelnen Referate Hu erstatten. Hierauf wird in die Tagesordnung eingegangen. 1. Schaffung eines Reichsverbandes zur Unterstützung von Witwe» und Waisen jüdischer Kultusangestellter. Referent betont zunächst, daß den Herren Ausschußmitgliedern über die einzelnen Punkte der Tagesordnung ausführliche, schriftliche Referate zugegangen sind, weist auf die triste Lage hin, in welcher sich die meisten Angestellten der kleinen Kultusgemeinden befinden, und legt den Vorschlag vor: Der Ausschuß spricht sich prinzipiell für die Schaffung eines Reichsverbandes zur Unterstützung von Witwen und Waisen jüdischer Kultusangestellter anläßlich des 60jährigen Regierungsjubiläums des Kaisers aus und beauftragt das Bureau mit der Ausarbeitung der Verbandsstatuten, welche der nächsten Ausschußsitzung zur endgiltigen Beschlußfassung vorzulegen sind. In der Debatte macht Herr Dr. S ch a n z e r—Pilsen darauf aufmerksam, daß die Kultusgemeinden Böhmens schon vor 15 Jahren ein Penfionsinstitut für die jüdischen Gemeindeangestellten ins Leben gerufen haben. Trotz. aller Anstrengung sei jedoch dieses Institut heute nicht in der Lage, seinen Pensionisten — deren es heute 60 gibt — mehr als 40 Perzent des mit 1200 Kronen jährlich festgesetzten Penfionsnormales zu bewilligen. Die böhmischenKultusgemeinden würden das Jubiläumsjahr zur Sammlung für ihren eigenen Pensionsfond benützen und sich daher dem Reichsverbande kaum anschließen. Dr. Sonnenschein—Troppau ist der Ansicht, daß es jetzt schon zu spät sei, die Schaffung eines allgemeinen Pensionsinstituts als Jubiläumsschöpfung in Aussicht zu nehmen. Es fehle auch jenes alle Gemeinden zusammenfassende Band, eine Organisation der jüdischen Gemeinden, welche die gesetzliche Macht besäße, auf die einzelnen Gemeinden einen Zwang auszuüben; ohne Zwang dürfte der Plan kaum realisierbar sein. Wilhelm Pappenhei m—Wien sieht das größte Hindernis für die Durchführbarkeit des Projektes in der Geldfrage. Besonders erschwert wird die Sache durch die Bemerkung des Herrn Dr. Schanzer, daß die böhmischen Gemeinden sich von einer solchen Aktion ausschließen würden. Im übrigen ist er dafür, daß vor allem ein solches Verbandsstatut ausgearbeitet und dem Ausschüsse vorgelegt werde. Landesschulrat Dr. Gustav Kohn—Wien vertritt den Standpunkt, daß ein solches Pensionsinstitut geschaffen werden müsse, nicht nur deshalb, weil die meisten kleineren Gemeinden nicht in der Lage find, ihre Beamten zu versorgen, sondern mehr noch deshalb, weil die Gemeinden dann ein qualitativ befferes Beamtenmaterial bekommen würden, als dies heute der Fall ist. Er ist auch der Ansicht, daß die Schaffung des angestrebten Pensionsinstitutes im Jubiläumsjahre kaum mehr durchzuführen sein wird, und schließt sich daher dem Anträge Pappenherm an.

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